Verkehrte Welt: ADAC für höhere Spritpreise

Die größte Religionsgemeinschaft Deutschlands hat 22 Millionen Mitgliedern, mehr als die katholische und evangelische Kirche zusammen. Die Rede ist vom ADAC. Deren oberster Chef Gerhard Hillebrand hat nun seinen Hut genommen, „nach einer Wutwelle und 60.000 gekündigten Mitgliedschaften“, wie die BILD schreibt. Hillebrand hatte in einem Interview für höhere Spritpreise plädiert „damit Autofahrer von Diesel und Benziner auf klimaschonende Alternativen wie das E-Auto umsteigen könnten“, so die BILD. Was, zum Teufel, hat den Mann dazu getrieben, etwas derart Vernünftiges zu sagen? Hillebrand hatte außerdem erklärt, die CO₂-Bepreisung sei das richtige Instrument, um die Klimaschutzziele zu erreichen. Stimmt eigentlich, oder? Jetzt müssen die deutschen Autofahrer – und das gilt auch für die Autofahrerinnen, die das Tanken lieber ihren Männern überlassen – 3 Cent pro Liter Benzin oder Diesel mehr zahlen. Drei Cent!!! Für BILD mal wieder eine ungeheuerliche Schröpfung der Autofahrer, die wahrscheinlich von den Grünen verschuldet ist.

Jetzt fehlt nur noch, dass die Unionsparteien nach ihren Ausflügen in Sachen Lifestyle-Teilzeit und bitteschön Zahnarzt selber bezahlen den Uralt-Slogan „freie Fahrt für freie Bürger“ wieder auspacken. Dann können die 60.000 aus Protest ausgetretenen ADAC-Mitglieder wieder eintreten und Gas geben. Und die BILD kann sich wieder auf ihre Kernkompetenzen konzentrieren, die da wären: „Der Staat belohnt leider die Faulen“, „Er onaniert gleich in der Drogerie“, „U-Bahn-Killer kam durch eine Sicherheitslücke ins Land“, „Igel macht Zebrastreifen zum Laufsteg“ und „Warum Männer regelmäßig Tomatenmark essen sollten“ (wegen Einfluss auf die Spermien, weswegen denn sonst).  


„So mild ist oft das Alter mir erschienen“. Ein Essay über die Zumutungen des Alterns

Heute mal ein Blogbeitrag der anderen Art: Keine Politikerschelte, keine Weltuntergangsszenarien, keine satirischen Ausfälle gegen den Zeitgeist. Stattdessen ein persönlicher Text, der sich mit dem Alter als Zustand und dem Altwerden als Prozess beschäftigt, niedergeschrieben vor vier Jahren. Weil es mir eher peinlich erschien, als alter Mann über die Zumutungen des Alterns zu schreiben, habe ich bisher eine Veröffentlichung gescheut. Schließlich gibt es dazu eine unerschöpfliche Fülle an Schriftgut, angefangen von Cicero (de senectude) bis zu Elke Heidenreich (Altern). Jetzt gebe ich also auch meinen Senf dazu. Der nachfolgende Text ist nicht ganz kurz – Lesezeit ca. 12 Minuten. Auf Rückmeldungen bin ich gespannt – müssen aber nicht sein. Die allgemeine Feedbäckeritis geht einem ja im Alltag schon ziemlich auf die Nerven. Hier nun also der Text:

Über die Zumutungen des Alterns. Ein Essay

So mild ist oft das Alter mir erschienen“ – das sagte der Romantiker Joseph von Eichendorff in seinem Gedicht über das Alter. Er wurde indess nur 69 Jahre alt und starb nicht an „Altersschwäche“, wie viele meiner Vorfahren. Ich bin jetzt 73. Meine Frau, keineswegs unromantisch veranlagt, sagt: „Du hast das Licht im Bad angelassen“. Sie sagt es ohne Vorwurf, ohne „schon wieder“, eher mit diesem „Ist-bei-dir-alles-in-Ordnung-Blick“. Sie sagt es so, weil sie weiß, dass ich dünnhäutig auf Kritik reagiere, insbesondere solche, die meine eigenen Beobachtungen bestätigen – ich werde alt. Man möchte nun aber nicht ständig daran erinnert werden, dass man alt und schusselig wird, weder von sich selbst noch von Menschen, die einem lieb und nah sind. Ich bin alt, aber nicht blöd. Zudem finde ich, dass sie, also meine Frau, die schon berufsmäßig eine kluge Beobachterin der Menschen und ihrer Absonderlichkeiten ist, in diese kleinen Unachtsamkeiten zu viel hineininterpretiert. Und dann will sie in letzter Zeit bei mir gewisse Aussetzer beim Autofahren beobachtet haben! Vielleicht hat sie nicht das Wort Aussetzer benutzt, sondern von Unsicherheiten gesprochen. Jemand geschnitten, rückwärts ungeschickt eingeparkt, irgendetwas in der Art. Was weiß ich. Alles nicht wirklich der Rede wert. Ob sie glaubt, dass ich langsam dement werde?

Nun ja, der jüngste Unfall mit dem Rad – ich war das Opfer! – hätte nicht sein müssen, wenn ich aufmerksamer und reaktionsschneller gewesen wäre. „Fehleinschätzung von Gefahren“ gehört zum Beispiel zu den Warnzeichen einer beginnenden Demenz. Auch das hartnäckige Abstreiten von Fehlern und Irrtümern – da war ich allerdings auch in jüngeren Jahren schon gut drin. Es ging bergauf, und an der Stelle, wo der Radweg die Landstraße kreuzt, hatte ich den Schwung verloren (kein eBike!), der nötig gewesen wäre, um rasch und unbescholten die gegenüberliegende Straßenseite zu erreichen. Die PKW-Fahrerin, die mich von der Straße katapultierte, war schon weit über 80 und ihre Reaktion war auch nicht mehr die schnellste. Sie war sehr erschrocken über das Geschehen, sie tat mir leid. Der Aufprall wurde von meiner mit Einkäufen vollgepackten Radtasche airbagmäßig abgefedert. Von den sechs Eiern in der Tasche waren nur fünf zerbrochen. Das schien mir wie ein gutes Omen, dass es mit meinem Leben noch nicht ganz zu Ende sein sollte.

Und nun diese Woche: Zweimal die Herdplatte angelassen, mit einem leeren Topf drauf. Zum Glück ist die Küche nicht mit einem Rauchmelder ausgestattet, sonst wäre wohl die Feuerwehr angerückt. Zu meiner Entlastung kann ich anführen, dass ein Telefonat meine Aufmerksamkeit ablenkte. Warum rufen die Leute auch immer an, wenn ich gerade in der Küche zugange bin? Die Tochter war am Apparat, wir hatten lange nicht mehr telefoniert. Da will man nicht kurz angebunden sein, weil auf dem Herd etwas köchelt. Zur Wahrheit gehört allerdings auch, dass ich durchaus noch in der Lage bin, mehrere Dinge gleichzeitig zu tun. Also zum Beispiel telefonieren und im Topf rühren, in dem ein Ratatouille schmurgelt. Schwierig wird es, wenn in dem Moment auch noch der Briefträger klingelt und mich bittet, ein Paket für die Nachbarn anzunehmen, während just der Hund auf den Teppich kotzt. Der Briefträger kriegt kein Trinkgeld, der Hund einen vorwurfsvollen Blick, ich lasse den Topf einen Moment unbeobachtet. Eine Nachbarin, nicht die mit dem Paket, ruft über den Hof, ob wir noch zwei Eier … Moment, ich schaue gleich nach … „ja, haben wir, ich stelle sie auf die Treppe!“ und rasch noch das Erbrochene vom Hund entfernen. Und schon ist es wieder passiert: Brandgeruch und Rauchschwaden aus der Küche. Fuck.

Anzeichen für eine beginnende Demenz, wenn man danach Ausschau hält, laufen einem ständig über den Weg: Wortfindungsstörungen, Stimmungsschwankungen, Reizbarkeit, mangelnde Merkfähigkeit. Die dazu passende Beschwichtigung ist schnell bei der Hand: Na ja, das Alter. Neulich am Bankautomaten: „Bitte geben Sie Ihre Geheimzahl ein“. Das geht seit Jahren wie im Schlaf. Nur dieses Mal nicht. Plötzlich eine leichte Unsicherheit, eine Irritation, und schon ist die tausendmal ohne Nachdenken eingetippte Zahlenfolge weg. Hat man mehr so räumlich abgespeichert. „Bitte wiederholen Sie Ihre Eingabe“. Beim dritten falschen Versuch spuckt der Geldautomat die EC-Karte nicht mehr aus. „Bitte wenden Sie sich an Ihren Bankadministrator.“ Mist. Ganz, ganz früher, lange vor dem digitalen Zeitalter, beim Zigarettenautomaten, half manchmal ein kräftiger Tritt gegen die widerspenstige Technik, bis die Münze – eine Mark! – fiel und die Packung Marlboro im Ausgabeschacht das Suchterleben für die nächsten Stunden sicherte. Und wo soll man jetzt am Samstagabend die EC-Karte wiederkriegen? Mal ganz abgesehen von der niederschmetternden Erkenntnis, dass der progressive Gedächtnisschwund erneut einen Teilerfolg erzielt hat. Was dagegen hilft? Kurkuma? Ginkgo? Knoblauch? Gehirnjogging? Die Apothekenumschau weiß Rat.

Von den vielfältigen Zumutungen – man könnte auch von Demütigungen sprechen -, die das Alter bereithält, scheint mir die Demenz die übelste zu sein. Über das Alter, das Altwerden und das Altsein gibt es unzählige Bücher, Schriften und Abhandlungen. Schon der olle Cicero hat etwa 50 Jahre vor Christus in seiner Schrift „Cato maior de senectude“ (Über das Alter) treffend festgestellt: „Ut enim non omne vinum, sic non omnis natura vetustate coacescit.“ Das kann man auch als Inhaber des Kleinen Latinums nicht unbedingt verstehen, deshalb hier die Übersetzung: „Wie nämlich nicht jeder Wein, so wird nicht jeder durch hohes Alter sauer“. Dagegen können moderne Lebensratgeber wie „Das Alter als Geschenk“ von Rüdiger Dahlke oder „Ratgeber Beckenbodenschwäche (Gegen Harn- und Stuhlinkontinenz lässt sich etwas tun!)“ nicht wirklich mithalten.

Eigentlich ist längst alles über das Alter, das Altwerden und das Altsein gesagt. Allerdings noch nicht von mir. Solange ich schreibe, bin ich noch nicht tot. Dabei kann ich mich noch nicht so recht entscheiden, ob ich mich dem “So mild ist oft das Alter mir erschienen“-Gefühl à la Eichendorff hingeben soll und mich in einem Anfall von Altersnarzissmus als zunehmend weiser, heiterer, nachsichtiger und milder werdender älterer Herr sehen möchte, der die Bürde des Alters mit bemerkenswerter Würde trägt. Oder ob ich den am eigenen Körper beobachteten Verfall verfluchen und in das Wehklagen über die Mühen des Alters und die körperlichen Gebrechen einstimmen soll, und wie Cicero vermutlich gesagt hätte: Vetus est simpliciter stercore (Alt werden ist einfach Scheiße).

Material für die zweite Variante, also den körperlichen Verfall, hat sich in den letzten Jahren bei mir reichlich angesammelt. Nach Jahrzehnten sportlicher Aktivitäten kommt da schon einiges aus dem Fachgebiet Orthopädie zusammen. Kleine Sammlung gefällig? Spinalkanalstenose (für Nichtmediziner: ich hab´ Rücken, von mir scherzhaft als „Spinatsalatneurose“ bezeichnet), Piriformissyndrom, Kreuzbandriss rechts, Bänderdehnungen und Außenknöchelfraktur links, Rotatorenmanchetten-Teilruptur (jetzt befinden wir uns an der Schulter), irreversible Omarthrose links, AG-Gelenksdegeneration, Sulcus-ulnaris-Syndrom usw. Diverse fremd- und selbstverschuldete Stürze mit dem Rad haben auch ihre Spuren hinterlassen.

Und dann die Blutgefäße, ach ja, die Blutgefäße. Ich sage nur: Varizen der unteren Extremitäten. Wäre ich ein Dichter wie Eichendorff, wäre mir sicher ein Reim auf Varizen und Blut spritzen eingefallen. Beim Anblick meiner Krampfadern hat sich mein Gefäßchirurg vermutlich einen neuen Porsche bestellt. Da musste schon mal ordentlich was weggeschnippelt werden. Von den Sinnesorganen haben wir jetzt noch gar nicht gesprochen. Cholesteatom, Tympanoplastik im Ohr, muss man nicht alles im Detail erläutern. Dass die Augen immer schlechter werden, erweist sich im Alltag als eine der schlimmsten Demütigungen. Wenn du ein Formular ausfüllen sollst und hast die Brille vergessen. Oder, weil es recht kleingedruckt ist, im Supermarkt jemand fragen musst, ob das die Puylinsen sind – sehr ärgerlich. Für wackelnde Zähne gibt es Ersatzteile, Implantate. Und jetzt noch die Polymyalgia rheumatica. Und der Ischias zwickt jeden Morgen. Reicht das? So mild ist oft das Alter mir erschienen?

Den erhöhten Reparaturaufwand an der Baustelle Körper heiter, nachsichtig und milde zu akzeptieren, fällt nicht unbedingt leicht. Doch gibt es gegen Schmerzen, abgenutzte Gelenke, ausgeleierte Blutgefäße und andere altersbedingte Einschränkungen zumindest Tabletten, Chirurgen, Ersatzteile und technische Hilfsmittel. Mit der Abnutzung des geistigen Vermögens verhält es sich etwas komplizierter. Das muss nicht zwingend mit dem körperlichen Verfall einhergehen. Es kann ihm vorauseilen oder hinterherhinken. Man kann es auch nicht einfach reparieren oder wegtherapieren. Tröstlich daran mag sein, dass eine Demenz im fortgeschrittenen Stadium von dem Betroffenen nicht mehr als Demütigung erlebt wird und nur noch für die Angehörigen zur Last wird. Aber stimmt das überhaupt? Die Demenzforschung hat herausgefunden, dass zumindest im Anfangsstadium die Anzeichen von Demenz von den Betroffenen durchaus wahrgenommen werden und mit Gefühlen von Scham, Versagensangst, Kontrollverlust und vermindertem Selbstwertgefühl einhergehen.  

Zurück zur Romantik: Novalis, der im Alter von 28 Jahren starb, schrieb 1797 im Andenken an seine ebenfalls früh verstorbene Verlobte: „In tiefer, heitrer Ruh will ich den Augenblick erwarten, der mich ruft.“ Er hatte gut reden. Die Zumutungen des Altwerdens und des Altseins blieben ihm erspart. Für diese Schrift konnte ich keinen zufriedenstellenden Abschluss finden. Vielleicht muss ich dafür noch ein paar Jahre warten. Bis dahin möchte ich es mit Cicero halten, der meinte: „Mir wenigstens hat die Ausarbeitung dieser Schrift so viel Vergnügen gewährt, dass sie nicht nur alle Beschwerden meines Alters verwischte, sondern dasselbe mir auch gemächlich und angenehm machte“ (in „Cato der Ältere: Über das Greisenalter“). 

Jürgen Lieser, niedergeschrieben im 74. Lebensjahr


Trump in Davos: Da wo´s um Grönland geht

Ein Blogbeitrag zu Trump? Muss das sein? Nein, muss nicht. Macht nur schlechte Laune. Eigentlich ist über dessen geistige und charakterliche Verfassheit alles gesagt. Das könnte man belächeln, wäre der Mann nicht Präsident der USA und mit viel Macht ausgestattet. Liebe Amerikaner: Wie lange wollt ihr einen solch peinlichen Präsidenten noch ertragen? Unter den Menschen in seinem unmittelbaren Umfeld und von der Barbiepuppe an seiner Seite scheint niemand bereit und in der Lage zu sein, ihn aus dem Verkehr zu ziehen.

Nun also dieser bizarre Auftritt in Davos. Von wegen schlimmer geht´s nimmer. Die wirre, langweilige und unerträgliche Rede vor dem Weltwirtschaftsforum gibt´s hier (zu Risiken und Nebenwirkungen fragen Sie Ihren Arzt, Ihren Psychotherapeuten oder den US-Gesundheitsminister Robert Kennedy Jr.): https://www.youtube.com/watch?v=0Or5MfSViK4

Warum die Gäste des Weltwirtschaftsforums Trump Respekt zollen und ihn mit Applaus begrüßen, bleibt deren Geheimnis. Am Ende der Rede war der Beifall endenwollend. Robert Habeck auf die Frage, wie er die Rede fand: „Ich hätte zumindest gedacht, dass man sich dem Motto, dem Geist – auch wenn man offenbar einer völlig anderen Meinung ist – höflich nähert, aber nur Selbstlob, Ignoranz, Missachtung von allen Leuten, kein Gespür, keine Wahrnehmung für globale Probleme“. Trump habe die schlechteste Rede gehalten, die er je gehört habe. Rhetorik, also die Kunst der überzeugenden Rede, erwartet man von Trump nicht. Seine Satzbildung bewegt sich auf dem Niveau eines Erstklässlers. Der Inhalt (ich, ich und nochmals ich), ist gespickt mit Drohungen, Lügen und Dummheiten. Emotional scheint Trump auf der Entwicklungsstufe eines Kleinkindes stehengeblieben zu sein: Wenn du mir nicht dein Spielzeug gibst, werfe ich mit Sand.

Grönland, so Trump, will er sich nicht mit Gewalt nehmen. Das wertet die internationale Politik- und Wirtschaftselite in Davos als „Erfolg“. Die Wahrheit ist, dass Trumps Generalstab es abgelehnt hat, Pläne für eine militärische Einverleibung Grönlands zu entwickeln. Offenbar gibt es zumindest bei den US-amerikanischen Militärs noch Leute mit nüchternem Verstand. Der Präsident bleibt aber dabei, dass Grönland eigentlich den USA gehört – ist ja auch „nur ein Stück Eis“.

Was der US-Präsident wohl zu der folgenden ZDF-Satire meint? Dass Deutschland und das ZDF überhaupt nur wegen der USA existieren? Wird er ein Verbot des Senders fordern? Alles ist möglich. Schlimmer geht immer.


„Spannend und ziemlich kantig“ – was Google über den Blog von Jürgen Lieser meint

Mein Wunsch für 2026? Persönlich die üblichen Sachen: Gesundheit, Reichtum, kein Ärger mit den Nachbarn, mehr Sport, weniger Alkohol, Friedensnobelpreis. Was ich mir gesellschaftlich, innen- und weltpolitisch wünsche, steht in meinen diversen Blogbeiträgen. Freuen würde ich mich auch über neue Abonnentinnen und Abonnenten. Und dafür bitte ich heute um Eure Mithilfe: Macht bitte Werbung in Eurem Freundes- und Bekanntenkreis! Für jeden neu geworbenen Abonnenten gibt es als Prämie den von mir eigenhändig verfassten, auf richtigem Papier gedruckten und gebundenen Bestseller „Frauen sind mitgemeint. Texte gegen den Zeitgeist“. Schreibt mir einfach, wen Ihr als neue/n Abonnent/in gewonnen habt und Eure Postanschrift, und schon flattert die Prämie in Euren Briefkasten.

Falls Euch selbst nichts einfällt, warum Ihr den Blog Euren Freundinnen und Bekannten schmackhaft machen sollt: Ihr könnt dafür auch das folgende Audio in Form eines Podcasts nutzen:

Das verblüffende und erstaunliche daran: Die KI hat´s gemacht. Ich habe probeweise das neue Google KI-Werkzeug NotebookML gebeten, eine Audio-Zusammenfassung meines Blogs zu erstellen (Disclaimer: Google ist böse). Rausgekommen ist eine Art Rezension mit erstaunlich treffenden und verblüffenden Aussagen. Das Tool selbst schreibt dazu:

„In diesem Blog analysiert Jürgen Lieser auf satirische und gesellschaftskritische Weise aktuelle politische Entwicklungen an der Schwelle zum Jahr 2026. Er thematisiert kritisch die Politik von Donald Trump. Das Vorgehen internationaler Organisationen wie der FIFA sowie die ideologische Annäherung zwischen der Union und der AfD. Neben harten geopolitischen Themen wie der nuklearen Aufrüstung und dem Nahostkonflikt reflektiert der Autor auch über persönliche Krisen und die Vergänglichkeit des Lebens. Besonders prägnant ist seine Auseinandersetzung mit der künstlichen Intelligenz, die er humorvoll als Werkzeug für die bürokratisierte Welt der Zukunft darstellt. Insgesamt zeichnen die Texte ein pessimistisches, aber pointiertes Bild einer Gesellschaft im Rechtsruck und technologischen Umbruch.“

Muss man nicht alles glauben, bzw. ich bin auf Kommentare gespannt. Hier nochmal die Datei zum anhören:



Kriminelle Staatschefs kidnappen: Why not?

Einen verbrecherischen Regierungschef gewaltsam entführen und vor Gericht stellen, wie das die Amis jetzt mit Maduro gemacht haben: Ist doch an sich keine schlechte Idee, oder? Das hätte man sich bei Hitler, Stalin, Mussolini, Gaddafi, Pinochet und anderen Despoten und Kriegsverbrechern gewünscht. Auch aktuell noch im Amt befindliche Kandidaten könnten jetzt kalte Füße bekommen, wie etwa Putin und Netanjahu. Die stehen übrigens beide auf der Fahndungsliste des Internationalen Strafgerichtshofs (IStGH) und gelten dort als „flüchtig“.

Dass Maduro jetzt in Handschellen vor Gericht steht, wäre an sich nicht schlimm, wenn nicht die USA sich als rechtlich-moralische Instanz gleichzeitig für Strafverfolgung, Gericht und Vollzugsbehörde gerieren würde und wenn nicht ein klarer Verstoß gegen das Völkerrecht vorliegen würde. Gut ja, das Problem sei „komplex“, so Friedrich Merz. Von wegen Völkerrecht und so. Das ist natürlich Quatsch vulgo Bullshit, denn völkerrechtlich handelt es sich um eine eindeutige Verletzung des internationalen Rechts. Dimitri Medwedew, der russische Ex-Präsident, droht jetzt mit der Entführung von Friedrich Merz. Das fänden wir unangemessen. Denn schließlich kann man unserem Kanzler keine Verbrechen gegen die Menschlichkeit vorwerfen. Auch keine Korruption. Nicht mal Schwarzfahren traut man dem Mann zu, dazu müsste er ja öffentliche Verkehrsmittel benutzen. Allerdings hat er, also Merz, versprochen, dass er Netanjahu nach Deutschland einlädt und dass der trotz Haftbefehl nicht befürchten müsse, verhaftet zu werden. Das wäre allerdings ein Verstoß gegen die Verpflichtungen, die Deutschland als Unterzeichnerstaat des IStGH hat (Hallo CSU, kleiner Hinweis für Eure heute beginnende Klausur im Kloster Seeon: Könntet Ihr nicht auch, neben der neuen Abschiebeoffensive, einen Austritt Deutschlands aus dem IStGH fordern – Ihr wollt doch die AfD rechts überholen)?

Aber zurück zu Maduro: Wenn das Schule machen soll, dann bitte die wirklichen Verbrecher, die Kriegstreiber, Völkermörder, machtbesessenen Despoten ins Visier nehmen – die Kandidatenliste stellt der IStGH sicher gerne zur Verfügung. Könnte sein, dass auch ein Donald Trump, selbsternannter Friedensstifter, einmal zur Rechenschaft gezogen wird für die von ihm verantworteten Untaten.


Vergesst 2025. 2026 wird alles besser. Vielleicht.

Jahresrückblicke auf allen Kanälen: ARD, Spiegel, DIE ZEIT, Dieter Nuhr. Aber will man wirklich das alles nochmal anschauen, anhören, lesen? Diese finsteren Zeiten, die ganzen Zombies, Untoten und Geistesgestörten wieder zum Leben erwecken? Ja, ja, es war nicht alles nur schlecht. Manche Rückblicke bemühen sich redlich, auch positive Entwicklungen aufzuzeigen. Aber mal ehrlich: 2025 war nun wirklich zum Vergessen. Was ich damit meine? Dann fragen Sie mal ihre Töchter, was ich damit gemeint haben könnte! Am besten, man streicht das ganze Jahr aus den Geschichtsbüchern. Gehe zurück auf los! Man wird ja noch träumen dürfen: Robert Habeck bleibt Wirtschaftsminister, Friedrich Merz lässt sich dauerhaft in Belém nieder, Donald Trump verliert die Präsidentschaftswahlen, der Klimawandel macht ein Jahr Pause, die Gletscher lassen vorübergehend das Schmelzen sein, Elon Musk renkt sich beim Hitlergruß das Schultergelenk aus.

2026 kann eigentlich nur besser werden als das abgelaufene Jahr. Wir werden schon lange vor dem Sommer spüren: Hier verändert sich etwas langsam zum Besseren, es geht voran! Die Pendlerpauschale wird erhöht, junge Männer dürfen endlich wieder Kriegsdienst leisten, aus dem Bürgergeld (igitt!) wird eine seriöse Grundsicherung, die Gastronomie bekommt ein Steuergeschenk, die steuerliche Begünstigung für Dienstwagen wird auf einen Kaufpreis von 100.000 Euro erhöht, das Aus für das Verbrenner-Aus ist aus, das Lieferkettengesetz wird gefleddert.

Und das ist noch längst nicht alles: Ein Frühjahr der Reformen steht ins Haus! Stuttgart 21 wird früher fertig als erwartet. Zur Eröffnungsparty des neuen Ballsaals im Weißen Haus lädt Trump Putin, Netanjahu, Alice Weidel und Elon Musk ein, nicht aber Wolodymyr Selenskyj („You don´t have the cards right now“). Auf was wir uns im neuen Jahr außerdem noch freuen dürfen: 1.800 Afghaninnen und Afghanen, denen Deutschland eine Aufnahme zugesagt hat, sollen bleiben, wo der Pfeffer wächst. Pakistan hat versprochen, diese Leute da nach Afghanistan abzuschieben (wie war das nochmal mit der Drecksarbeit, Herr Merz?). Bei der Fußball-WM gewinnt Deutschland gegen Curaçao und gegen die Elfenbeinküste und schafft damit ein neues Sommermärchen und den Sprung in die Hauptrunde. Es wird einen neuen Hitzerekord geben. Markus Söder ist gegen ein Böllerverbot für die Bundeswehr und für die Aufnahme von Leberkäs in die bayerische Verfassung.

Die wichtigste Änderung im Jahr 2026 aber wird sein: Blogbeiträge muss ich künftig nicht mehr selbst verfassen. Stattdessen lasse ich die KI schreiben. Den nachfolgenden Text hat chatCPT verfasst. Meine Bitte an das schlaue Tool lautete: Schreibe einen satirischen Beitrag im Stil des Blogs von Jürgen Lieser über das, was uns im Jahr 2026 erwartet.

Nun ja – das Ergebnis steht unten. Hier und jetzt aber wünsche ich meinen Abonnentinnen und Abonnenten einen guten böllerfreien Start in das Neue Jahr und dass es in jeder Hinsicht – privat, beruflich, gesundheitlich, politisch – besser sein möge als das Alte.

2026 – Willkommen im Update-Zustand

2026 ist das Jahr, in dem endgültig alles optimiert ist. Nur leider nicht das Ergebnis. Aber der Prozess läuft jetzt wirklich rund – sagen zumindest jene, die ihn erfunden haben und nicht darin leben müssen.

Der Staat ist digital. Also theoretisch. Praktisch erkennt er Bürgerinnen und Bürger zuverlässig als „unbekannten Fehler“. Wer 2026 einen Antrag stellt, bekommt sofort eine Eingangsbestätigung, eine Vorgangsnummer und das beruhigende Gefühl, dass jetzt gar nichts mehr passiert. Transparenz wurde geschaffen: Man sieht jederzeit, dass man nicht weiterkommt.

Bildung ist endlich zukunftsfähig. Kinder lernen früh, dass Technik unzuverlässig ist, Verantwortung diffundiert und immer jemand anderes schuld ist. Eine Kompetenz, die im späteren Leben von unschätzbarem Wert ist. Lehrerinnen und Lehrer heißen jetzt „Lernbegleitende“, begleiten aber vor allem Ausfälle: WLAN, Server, Motivation.

Die große Hoffnung heißt Künstliche Intelligenz. Sie entscheidet schneller, objektiver und emotionsloser – genau wie die Bürokratie, nur mit Marketingbudget. Fehler passieren natürlich auch hier, aber sie wirken moderner. Früher sagte man „Das Formular ist falsch ausgefüllt“, heute sagt man „Das System hat das so berechnet“. Fortschritt.

Politik im Jahr 2026 besteht aus Ankündigungen, Rücknahmen und der tapferen Behauptung, man habe alles richtig gemacht – nur die Realität habe leider nicht mitgespielt. Debatten werden nicht mehr geführt, sondern gemanagt. Haltung ist etwas für Kampagnen, Verantwortung etwas für Untersuchungsausschüsse.

Die Medien erklären unermüdlich, was man jetzt fühlen sollte. Empörung kommt im Abo, Einordnung im Kleingedruckten. Wer nachdenken will, gilt als verdächtig. Wer zweifelt, als problematisch. Wer fragt, als Teil des Problems. Aber immerhin ist alles „komplex“.

Arbeiten kann man überall. Vor allem immer. Grenzen zwischen Beruf und Freizeit wurden erfolgreich abgeschafft – zugunsten der Arbeit. Burnout heißt jetzt „persönliche Herausforderung“. Erholung ist etwas für Menschen ohne Termine.

Das Klima? Wichtiges Thema. Sehr wichtig. Deshalb wird es zuverlässig vertagt. Man fliegt nachhaltiger, indem man darüber spricht. CO₂ wird nicht reduziert, sondern kompensiert – moralisch, verbal, symbolisch.

2026 ist kein dystopisches Jahr. Dafür ist es viel zu gut organisiert.
Es ist das Jahr der gepflegten Zumutungen, der freundlichen Inkompetenz und der digitalen Ausreden.

Alles funktioniert.
Nur nicht für dich.
Aber dafür gibt es ein Update.


Brandmauer oder Gartenzaun? Die Annäherung der CDU/CSU an die AfD

Die unüberwindliche Brandmauer, die die Christdemokraten zwischen sich und der AfD errichtet haben wollten, ist inzwischen zu einem durchlässigen Gartenzaun geworden. Um bei dieser Metapher zu bleiben: Man hält formal Distanz zum Nachbarn, grüßt sich höflich und tauscht Erfahrungen aus zum Einsatz von Unkrautvernichtern im Garten (Geflüchtete, Asylberwerber, Bürgergeldbezieher, Grüne, Linke, usw.).

Wem das zu weit hergeholt erscheint, hier ein paar Beispiele: „Abschieben, bis die Startbahnen glühen“ (Benjamin Nolte, MdL der AfD), „wir müssen endlich im großen Stil abschieben“ (Olaf Scholz, ach Mist, der ist ja gar kein CDUler), „jetzt kommt es darauf an, die Abschiebungen und die Rückführungen zu erhöhen“ (Markus Söder, CSU). Die Verschärfung der deutschen und europäischen Asylpolitik, die einer faktischen Abschaffung des Asylrechts gleichkommt, die schamfreie Rücknahme von Aufnahmezusagen an Afghan*innen, denen in Pakistan die Abschiebung nach Afghanistan droht – das alles dürfte der AfD gefallen – darf sie aber nicht öffentlich sagen.

Die gemeinsamen politischen Ziele enden keineswegs bei der Asylpolitik. Die Aufweichung der Klimaschutzziele, auch auf der europäischen Ebene, geht der AfD zwar nicht weit genug, dürfte aber für sie ein Schritt in die richtige Richtung sein. Und wenn Manfred Weber, Chef der EVP-Fraktion im EU-Parlament, zum Aus des Verbrenner-Aus meint: „Wir wollen den Bürgern nicht die Liebe zum Auto und zum Autofahren vermiesen“ (oder so ähnlich), dann könnte das genauso aus dem Mund von Alice Weidel kommen.

Weitere Themen, wo sich die CDU/CSU den AfD-Positionen annähert, wohl in der Hoffnung, deren Wählerinnen und Wähler zurückzugewinnen, sind: Lieferkettengesetz (die Aufweichung desselben), Bürgergeld, keine Steuern für Reiche, wir lassen uns das Schnitzel nicht verbieten.

Besonders frappierend ist der ideologische Gleichschritt bei Themen, die unter „Kulturkampf“ firmieren: Genderwahn, Wokeness-Diktatur, Cancel-Culture, traditionelles Familienbild, links-versiffte öffentlich-rechtliche Medien, Hass auf die grüne „Verbotspartei“, Misstrauen gegenüber der Zivilgesellschaft und den NGOs. Steigbügelhalter für die ideologische Annäherung zwischen der „Systempartei“ CDU/CSU und der als gesichert rechtsextremistischen AfD sind in den sozialen und öffentlichen Medien präsente Meinungsmacher wie etwa Ulf Poschard, libertärer Publizist und „neoliberales Twitter-Rumpelstilzchen“ (Der Standard), Autor des „Shitbürgertum“ und Hetzer gegen die Zivilgesellschaft, oder Dieter Nuhr, reaktionärer Vorzeigekabarettist der ARD, der mit seinen rassistischen, sexistischen und islamfeindlichen Stammtischparolen rechte Narrative bedient und sich dafür vom Zeitgeist bejubelt lässt.

Was folgt daraus? Hinter dieser ganzen Entwicklung steckt eine ernsthafte Bedrohung: Nämlich die Spaltung und Polarisierung der Gesellschaft in rechts und links und eine Schwächung der gesellschaftlichen Mitte. Der Rechtsruck der Christdemokraten unter Merz, Dobrinth, Spahn und Linnemann könnte dazu führen, dass die Brandmauer nicht mehr zwischen der AfD und den übrigen bürgerlichen Parteien steht, sondern nach links verschoben wird. Die Angriffe des rechten Lagers aus CDU/CSU und AfD gegen alles, was als links verortet wird – und dazu gehören auch Teile der SPD, vertiefen den Graben. Es zeichnet sich ab, dass bei künftigen Wahlen das rechte Lager 60 und mehr Prozent der Wählerstimmen auf sich vereint und das linke Lager keine mehrheitsfähige Regierung bilden kann. Dann Gnade uns Gott.


FIFA vergibt Friedenspreis an Trump: So what?

Das Rektum von Donald Trump müsste eigentlich längst verstopft sein, dank massenhafter Arschkriecherei westlicher Politiker und eines NATO-Generalsekretärs („ich mag den Kerl“). Da darf die internationale Fussballmafia nicht fehlen. Die hat US-Präsident Trump für seinen „unerschütterlichen Einsatz für den Frieden auf der ganzen Welt“ mit dem Friedenspreis ausgezeichnet. Nein, nicht mit dem Friedensnobelpreis aus Norwegen, sondern mit dem Friedenspreis des unbestechlichen Weltfußballverbands FIFA und dessen Präsident Infantino. Den Osloer Friedensnobelpreis hätte Trump nach eigener Einschätzung längst verdient, „aber sie werden ihn stattdessen an „irgendeinen Typen“ vergeben, der verdammt nochmal nichts gemacht hat“.

Das sehen wir ganz genauso: Fridtjof Nansen, Carl von Ossietzky, Albert Schweitzer, Dag Hammarskjöld, Martin Luther King, Willy Brandt, Mutter Theresa, Nelson Mandela – alles Typen, die verdammt nochmal nichts gemacht haben. Ganz anders Trump, der die Auszeichnung durch die FIFA mit ihrem geldgierigen Präsidenten Gianni Infantino für die Fähigkeit, Kriege zu beenden, bevor sie ausgebrochen sind, mit den Worten entgegennahm: „Das ist eine der größten Ehrungen meines Lebens. Wir haben Abermillionen Menschen gerettet. Kongo, Indien und Pakistan. So viele Kriege haben wir beenden können, in manchen Fällen sogar bevor sie ausgebrochen sind“.

Die knallharte Distanzierung vom Deutschen Fussballbund folgte auf den Fuss: Bernd Neuendorf, DFB-Präsident, meinte: „Also wir sind hier nicht in Europa, wir sind in den USA. Da weiß jeder, dass Show hier ein großes Thema ist. Deshalb sollte das wirklich niemanden überrascht haben, wie das hier vonstattengeht. Das kennen wir vom Super Bowl und anderen Sportereignissen. Also mich hat das überhaupt nicht überrascht. Das gehört irgendwie zur USA. Das werden wir bei der WM auch erleben.“

Hauptsache, Deutschland wird Weltmeister.


Merz in Belém: Nix wie weg „aus diesem Ort, wo wir da waren“

Friedrich Merz, Meister verbaler Entgleisungen und mit sicherem Gespür für Fettnäpfe ausgestattet, war zu einem Blitzbesuch bei der Klimakonferenz COP30 in Belém, Brasilien. Das muss man sich etwa so vorstellen: Nach zehn oder zwölf Stunden Flug raus aus dem Regierungsflieger, rein ins Auto, kurz im Hotel die Krawatte gewechselt, Rede vor der COP-Versammlung gehalten, schnell wieder rein in den Regierungsflieger und ab nach Hause nach dem Motto: Hier ist meines Bleibens nicht länger. Angeblich wollten auch die mitreisenden Journalisten nicht bleiben an „diesem Ort, wo wir da waren“ (Originalton Merz). Weil in Deutschland, so Merz, sei es nun mal viel schöner. Vermutlich haben auf der Fahrt zum Flughafen ein paar Müllsammler den Verkehr aufgehalten bzw. das Stadtbild verhunzt. Und dann der Blick aus dem Flieger auf die ausgedehnten Favelas am Stadtrand – widerlich. Anschließend, so verlautet aus gut unterrichteten Kreisen, habe man im Flugzeug gemeinsam gesungen „Kein schöner Land in dieser Zeit, als hier das unsre weit und breit“.

Nun muss man wissen, dass Merz in Brilon im Sauerland aufgewachsen ist. Da kann man Verständnis dafür haben, dass ihm Belém nicht so gut gefallen hat. Die geneigte Leserschaft möge sich anhand der folgenden Bilder selbst ein Urteil bilden, wo es schöner ist:

(alle Bilder zu Belém aus dem Reiseblog von Stefan Diener, Oberbilker Allee 202, 40227 Düsseldorf)


Unsterblich. Zum Tod von Tilmann Evers

Tilmann Evers ist am 28.10.2025 im Alter von 83 Jahren gestorben. Warum mich sein Tod zu einem Blogbeitrag veranlasst? Ich bin nicht einmal sicher, ob wir uns je persönlich begegnet sind. Sein Name, sein hohes Engagement für Frieden und Gerechtigkeit sind mir in Laufe meiner  politischen Sozialisation und späteren Berufstätigkeit im Feld der Entwicklungspolitik immer wieder begegnet. In meinem 1980 erschienenen Buch über Bolivien[1] waren Texte von Tilmann Evers wichtige Quellen. Seine Arbeiten zu Lateinamerika und zur Entwicklungstheorie und -politik und sein Engagement in der praktischen Solidaritätsarbeit für Lateinamerika – z.B. als Gründer und Vorsitzender des Forschungs- und Dokumentationszentrums Lateinamerika (FDCL) – waren über Jahrzehnte auch die Themen, die mich in Beruf und Alltag beschäftigten. Tilmann Evers hat sich als Vorstand im Forum Ziviler Friedensdienst (forum ZFD, jetzt ProPeace) engagiert, wo meine Tochter heute für den Zivilen Friedensdienst arbeitet.

In Gedenken an seinen Freund Tilmann Evers hat Prof. Dr. Claus Eurich kürzlich einen Beitrag noch einmal veröffentlicht, den Tilmann 2019 als Gastbeitrag auf dem Blog von Eurich unter der Überschrift „Unsterblich?“ veröffentlicht hat. Ich erlaube mir, den Beitrag hier in voller Länge abzudrucken (und hoffe auf das Einverständnis von Claus Eurich).

Gastbeitrag von Tilman Evers (2019)

„Ich bin Leben, das leben will, inmitten von Leben, das leben will.“ Wir kennen diesen Satz von Albert Schweitzer, in dem er seine Gedanken zur Ehrfurcht vor dem Leben verdichtete. Wie aber steht dazu der andere Satz, der sich daran anfügt: Wir sind sterbliche Wesen, die den Tod scheuen, inmitten von sterblichen Wesen, die den Tod scheuen? Hebt das nicht den ersten Satz auf, weil doch sowieso alles untergeht? Im Gegenteil. In jedes Lebewesen ist der Zyklus von Geboren-Werden, Reifen und Sterben, von Keimen, Blühen und Verwelken eingebaut – und nur deswegen kann es das Große Leben in seinen abermilliarden Formen über Milliarden Jahre geben. Unsterblichkeit wäre Erstarrung. Der Tod ist Teil des Lebens. Er ist Ferment der Evolution.

Das meint freilich den natürlichen Tod, dessen Zeit in den Genen mitgegeben oder der in den Nahrungsketten begründet ist; gerade sie machen den Zusammenhang von Tod und Leben offenkundig. Es meint nicht die massenhafte, mutwillige Tötung von Lebewesen zum Fleischkonsum oder durch Pestizide, auch nicht die blinde Ausrottung von ca. 100 Arten pro Tag durch die anhaltende Gier einer einzigen Spezies, die sich ausgerechnet homo „sapiens“ nennt.

Wohl aber hat diese Ausrottung viel damit zu tun, wie der Mensch zu seiner eigenen Sterblichkeit steht. Es heißt, der Mensch sei das einzige Wesen, das um seine Sterblichkeit weiß. Sind wir da so sicher? Vielleicht ist der Mensch nur darin einzig, dass er das Wissen um seine Sterblichkeit nach Kräften verdrängt. Weithin leben wir so, als sei unsere Lebenszeit unbegrenzt und als ginge der Tod uns nichts an. Dass wir ihn dennoch insgeheim scheuen, ja die Angst vor ihm unterschwellig unsere gesamte Zivilisation durchzieht, das zeigt sich an den zahllosen Ersatz-Sicherheiten, mit denen wir unser Dasein anfüllen.

Da sind die von unserer Gattung erdachten und errichteten Schutzhüllen unserer Maschinen, unserer Städte und Transportmittel, die uns die Natur vom Leibe halten und untertan machen soll. Wie gut: Diese Hüllen aus Beton und Stahlblech kennen keine Sterblichkeit! Erkauft sind sie mit einem Raubbau an den Ressourcen der Natur, der uns übermenschliche Kräfte verleiht. Dass diese Kräfte entscheidend aus fossilen Energien, also der seit Jahrmillionen gespeicherten Biomasse stammen und damit endlich sind: Es ist aus dem Blick und aus dem Sinn geraten – mögen künftige Generationen sich kümmern. Lasst uns alles in Geld verwandeln und in Geld ausdrücken, denn auch Geld überdauert den Tod. Und wenn all diese Lebens-Versicherungen, nein: Todes-Verdrängungen nicht reichen, bauen wir Mauern von Konsum und Zerstreuung um uns herum.

All dieser Kampf gegen unsere Sterblichkeit war nicht erfolglos: In den letzten hundert Jahren hat sich die Lebenserwartung verdoppelt, die Weltbevölkerung verfünffacht, die Wirtschaftsleistung verzehnfacht. Der Zukunftsforscher Hariri sagt weitere Zuwächse dieser Lebensverlängerungsindustrie voraus. Um welchen Preis? Wie viele Arten auf diesem Planeten müssen erlöschen, damit diese eine Art sich ihre Sterblichkeit weiter aus dem Blick rücken kann.

Es bleibt die Scheu vor dem Tod. Sie verbindet uns mit allem Lebenden. Und ja, sie mag bei uns Menschen stärker ausgeprägt sein – weil unser Bewusstsein uns dazu verleitet, uns mit unserem vergänglichen  Ich zu identifizieren. Aber das Leben in uns war und ist stets mehr und Größeres als dieses Ich. Es ist ein Geschenk, das uns auf Zeit verliehen ist, und dessen Quelle wir nicht kennen. Wir können sie allenfalls erahnen. Führt unser Sterben uns zurück in jenes Große Leben, aus dem wir kamen? Sind wir mitsamt unserem Geboren-Werden, Leben und Sterben nur eine Welle im Ozean dieses Großen Lebens – und in diesem überpersönlichen Sinne doch: unsterblich? Wir wissen es nicht. Aber die Hoffnung darauf kann uns helfen, nicht länger in Unsterblichkeits-Surrogate zu flüchten – die nun wirklich tödlich sind.


[1] Unser Reichtum hat immer unsere Armut hervorgebracht. Zur Geschichte und Gegenwart wirtschaftlicher Abhängigkeit und politischer Unterdrückung in Bolivien. Bonn / Trier 1980



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