Statt zugesagter Aufnahme gefährdeter Menschen: Bundesregierung liefert Afghan*innen den Taleban aus

Ein besonders beschämendes Kapitel deutscher Politik findet derzeit weitgehend unter Ausschluss der medialen Öffentlichkeit statt: Die Verweigerung und Rücknahme von Aufnahmezusagen für gefährdete Menschen aus Afghanistan. Zur Erinnerung: 2013 hatte die damalige Bundesregierung mehrere Schutzprogramme für Menschen aus Afghanistan beschlossen. Damit sollten frühere afghanische Mitarbeiter/innen der Bundswehr, deutscher Behörden und Institutionen sowie deutscher Hilfsorganisationen durch die Aufnahme in Deutschland vor Verfolgung durch die Taliban-Regierung geschützt werden. Das Aufnahmeprogramm galt auch für besonders gefährdete Afghaninnen und Afghanen aus den Bereichen Menschenrechte, Zivilgesellschaft, Kultur, Medien, Wissenschaft und Justiz.

Im Dezember forderten über 50 Prominente und mehr als 250 Organisationen in einem Offenen Brief die Bundesregierung auf, ihr Versprechen zu halten und Afghanninen und Afghanen mit gültiger Aufnahmezusage (zu diesem Zeitpunkt ca. 1.800–1.900 Personen) trotz gestoppter Programme in Sicherheit zu bringen.

Ebenfalls Anfang Dezember wurde im Bundestag mit großer Mehrheit ein Antrag der Fraktion BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN abgelehnt, in welchem die Bundesregierung dazu aufgefordert wurde, alle bestehenden Aufnahmezusagen für afghanische Staatsangehörige konsequent umzusetzen. Laut diesem Antrag sollten Menschen, die über das Bundesaufnahmeprogramm, die Menschenrechtsliste, das Überbrückungsprogramm oder das Ortskräfteverfahren eine Zusage erhalten haben und sicherheitsgeprüft sind, umgehend ein Visum bekommen und nach Deutschland ausgeflogen werden. Auch Afghan:innen, die trotz Aufnahmezusage abgeschoben wurden, sollen nach Pakistan zurückgeholt, ihre Verfahren abgeschlossen und anschließend ebenfalls nach Deutschland gebracht werden. 

Ungeachtet dessen kündigte die Bundesregierung lt. Tagesschau vom 17.02.2026 an, dass “in diesen Tagen die Unterstützung afghanischer Familien durch Deutschland (…) in Pakistan und in Afghanistan (…) endet”. Das ganze Ausmaß dieser Tragödie für die betroffenen Menschen beschreibt Thomas Ruttig, profunder Kenner Afhanistans, in seinem Blog Afghanistan Zhaghdablai unter der Überschrift: Rechtsstaat à la carte: Ab heute will die Bundesregierung Afghan*innen den Taleban ausliefern.

Ich erlaube mir, den kompletten Beitrag von Thomas Ruttig hier zu rebloggen:


Aschermittwoch: Merz droht mit lebenslänglicher Kanzlerschaft

Beim Politischen Aschermittwoch in Trier hat Friedrich Merz eine zweite Amtszeit angekündigt: „Ich habe schon noch vor, das eine längere Zeit zu machen“. Mit „das“ meinte er wohl den Job als Kanzler, und woran er bei „eine längere Zeit“ denkt, konnte man aus dem Hinweis schließen, dass sein Vater gerade 102 geworden sei. Die genetische Disposition von Merz für eine lebenslange Kanzlerschaft hatte vorher schon Generalsekretär Linnemann in einem Stern-Interview bestätigt: „Er hat also die Gene, dass er noch sehr lange Politik machen kann.“ Ein ähnliches Beharrungsvermögen im Amt kennt man von afrikanischen Despoten.

Nun zeichnen sich politische Bierzeltveranstaltungen am Aschermittwoch nicht durch kluge Analysen und feinsinnige Rhetorik aus. Die jeweilige Anhängerschaft will bei Bier, deftigem Vesper und Blasmusik Haudraufparolen, billige Polemik und Diffamierung des politischen Gegners hören. Was das angeht, kann Merz bei Markus Söder noch einiges lernen.

Merz hat in Trier erneut die seiner Meinung nach schlechte Arbeitsmoral der Deutschen zum Thema gemacht, die angeblich unser aller Wohlstand gefährdet. Und das klingt dann so: „Lifestyle und Viertagewoche, alles schön, kann man alles machen, …aber wir müssen alle mal zusammen ins Rad packen (hä?) und dafür sorgen, dass in diesem Land wieder eine richtig gute Leistung gezeigt wird“ … und zwar „nicht mit Zwang, nicht mit Druck, nicht mit neuen Gesetzen, sondern einfach mit Fröhlichkeit an der Arbeit.“ Also bitte morgen früh nicht wieder schlecht gelaunt und mit bitterem Fluch auf den Lippen den Weg zur Arbeit antreten, sondern mit einem fröhlichen Lied den Arbeitstag beginnen.

Dazu empfehlen wir die folgenden Videos:

Wie Dir deine Arbeit wieder richtig Spaß macht

Wohlbefinden und Glück bei der Arbeit

Happiness Hacks im Arbeitsalltag – Glücklich im Job und was wir dafür tun können


Mein ESTA-Antrag für die Einreise in die USA

Hi guys from the USCIS (in German we say Einwanderungsbehörde): Ich will im Juni zur Fußball-WM in die USA reisen und beantrage hiermit die Einreise über das Reisegenehmigungssystem ESTA. Damit Ihr gleich alle erforderlichen Daten von mir parat habt:

Meine Telefonnummer ist seit 20 Jahren die gleiche. Auch mein Geschlecht (Cis-Mann) und meine E-Mail-Adresse (Trumpbestpresidentever@web.de haben sich nicht geändert. Meine DNA kommt separat per Post in einer Tupperschüssel (frisch geschnittene Fußnägel).

Was sich geändert hat, ist meine politische Orientierung. Bis vor noch nicht allzu langer Zeit war ich ein stupid Kritiker der US-Regierung und habe mich an Demonstrationen gegen die Stationierung amerikanischer Atomraketen, den Irak-Krieg (2003 in Berlin) und gegen die AfD als die einzig wahre Oppositionspartei in Deutschland beteiligt. Wie viele meiner Zeitgenossen habe ich mich dabei von den Falschmeldungen der Systempresse in die Irre führen lassen. Heute informiere ich mich ausschließlich bei Fox News und bin follower von Truth Social.

Für frühere Jugendsünden bitte ich um Nachsicht: Ich habe 1972 in La Paz, Bolivien, an die Außenmauer der US-amerikanischen Botschaft uriniert, nicht als Ausdruck politischen Protests, sondern wegen unaufschiebbarem Harndrang. 1986 habe ich nach einer Haiti-Reise in einem Bericht den US-amerikanischen Imperialismus gegeißelt („Schwein sein ist auch nicht immer schön“). I´m really sorry about that.

Sollten Sie über meine Vergangenheit Nachforschungen anstellen und dabei auf amerikafeindliche Veröffentlichungen auf meinem Blog (juergenlieser.blog) stoßen, so erkläre ich hiermit feierlich, dass ich mich öffentlich von allen unbedachten Beiträgen distanziere, in denen die Wörter „Trump“, „Arschloch“, „dement“, „geisteskrank“, „Friedensnobelpreis“ und „grab them by the pussy“ in einen Zusammenhang gebracht werden.

God bless America!


Merz bei den Ölscheichs: Tausche Panzer gegen Menschenrechte?

Bundeskanzler Friedrich Merz hat in den vergangenen drei Tagen die Golfstaaten Saudi Arabien, Katar und Vereinigte Arabische Emirate besucht. Es ging um Geschäfte: Öl, Gas und Rüstungsgüter. Menschenrechte? Ja, schon auch irgendwie. Dazu könne man laut Bundesregierung schließlich  unterschiedlicher  Meinung sein. Der Kanzler wollte die Golfstaaten nicht unter Generalverdacht stellen. Die Menschenrechte spreche er an, aber nicht öffentlich, sondern hinter verschlossenen Türen. Immerhin konnte er den Palast des saudiarabischen Kronprinzen bin Salman unzerstückelt verlassen.

Wie müssen wir uns das vorstellen – hinter verschlossenen Türen? Sagt der Kanzler etwa zum Kronprinzen: „Also so was wie mit dem Kashoggi – das war echt nicht in Ordnung. Und auch dilettantisch. Geht das nicht dezenter?“ Oder sagt er: „Wenn wir Euch Rüstungsgüter liefern sollen, dann hört doch bitte mal damit auf, Oppositionelle hinzurichten! Und die Massentötung äthiopischer Flüchtlinge an der Grenze war nun wirklich nicht ok, Herr Scheich! (wie spricht man diese Leute an: Eure Hohheit, Eure Durchlaucht?) In Katar hat er ganz sicher die Ausbeutung und Misshandlung hunderttausender Wanderarbeiter und die Verfolger Homosexueller auf das Schärfste verurteilt.  

Wir wissen nicht, was hinter verschlossenen Türen gesprochen wurde. „Stille Diplomatie“ – so nannte man das auch schon vor 50 Jahren, als deutsche Diplomaten den Militärputsch in Chile verharmlosten. Aber zurück zu den Golfstaaten. Was wir gerne gewusst hätten: Wie und wo werden die von Deutschland gelieferten Rüstungsgüter eingesetzt? Kommt bei den zahlreichen Hinrichtungen in Saudi Arabien auch deutsche Technologie zum Einsatz? Das wäre nicht im Sinne einer werte- und interessengeleiteten deutschen Außenpolitik, nicht wahr, Herr Merz? Oder kann man dazu unterschiedlicher Meinung sein?

Foto: picture alliance / dpa / Kay Nietfeld


Verkehrte Welt: ADAC für höhere Spritpreise

Die größte Religionsgemeinschaft Deutschlands hat 22 Millionen Mitgliedern, mehr als die katholische und evangelische Kirche zusammen. Die Rede ist vom ADAC. Deren oberster Chef Gerhard Hillebrand hat nun seinen Hut genommen, „nach einer Wutwelle und 60.000 gekündigten Mitgliedschaften“, wie die BILD schreibt. Hillebrand hatte in einem Interview für höhere Spritpreise plädiert „damit Autofahrer von Diesel und Benziner auf klimaschonende Alternativen wie das E-Auto umsteigen könnten“, so die BILD. Was, zum Teufel, hat den Mann dazu getrieben, etwas derart Vernünftiges zu sagen? Hillebrand hatte außerdem erklärt, die CO₂-Bepreisung sei das richtige Instrument, um die Klimaschutzziele zu erreichen. Stimmt eigentlich, oder? Jetzt müssen die deutschen Autofahrer – und das gilt auch für die Autofahrerinnen, die das Tanken lieber ihren Männern überlassen – 3 Cent pro Liter Benzin oder Diesel mehr zahlen. Drei Cent!!! Für BILD mal wieder eine ungeheuerliche Schröpfung der Autofahrer, die wahrscheinlich von den Grünen verschuldet ist.

Jetzt fehlt nur noch, dass die Unionsparteien nach ihren Ausflügen in Sachen Lifestyle-Teilzeit und bitteschön Zahnarzt selber bezahlen den Uralt-Slogan „freie Fahrt für freie Bürger“ wieder auspacken. Dann können die 60.000 aus Protest ausgetretenen ADAC-Mitglieder wieder eintreten und Gas geben. Und die BILD kann sich wieder auf ihre Kernkompetenzen konzentrieren, die da wären: „Der Staat belohnt leider die Faulen“, „Er onaniert gleich in der Drogerie“, „U-Bahn-Killer kam durch eine Sicherheitslücke ins Land“, „Igel macht Zebrastreifen zum Laufsteg“ und „Warum Männer regelmäßig Tomatenmark essen sollten“ (wegen Einfluss auf die Spermien, weswegen denn sonst).  


„So mild ist oft das Alter mir erschienen“. Ein Essay über die Zumutungen des Alterns

Heute mal ein Blogbeitrag der anderen Art: Keine Politikerschelte, keine Weltuntergangsszenarien, keine satirischen Ausfälle gegen den Zeitgeist. Stattdessen ein persönlicher Text, der sich mit dem Alter als Zustand und dem Altwerden als Prozess beschäftigt, niedergeschrieben vor vier Jahren. Weil es mir eher peinlich erschien, als alter Mann über die Zumutungen des Alterns zu schreiben, habe ich bisher eine Veröffentlichung gescheut. Schließlich gibt es dazu eine unerschöpfliche Fülle an Schriftgut, angefangen von Cicero (de senectude) bis zu Elke Heidenreich (Altern). Jetzt gebe ich also auch meinen Senf dazu. Der nachfolgende Text ist nicht ganz kurz – Lesezeit ca. 12 Minuten. Auf Rückmeldungen bin ich gespannt – müssen aber nicht sein. Die allgemeine Feedbäckeritis geht einem ja im Alltag schon ziemlich auf die Nerven. Hier nun also der Text:

Über die Zumutungen des Alterns. Ein Essay

So mild ist oft das Alter mir erschienen“ – das sagte der Romantiker Joseph von Eichendorff in seinem Gedicht über das Alter. Er wurde indess nur 69 Jahre alt und starb nicht an „Altersschwäche“, wie viele meiner Vorfahren. Ich bin jetzt 73. Meine Frau, keineswegs unromantisch veranlagt, sagt: „Du hast das Licht im Bad angelassen“. Sie sagt es ohne Vorwurf, ohne „schon wieder“, eher mit diesem „Ist-bei-dir-alles-in-Ordnung-Blick“. Sie sagt es so, weil sie weiß, dass ich dünnhäutig auf Kritik reagiere, insbesondere solche, die meine eigenen Beobachtungen bestätigen – ich werde alt. Man möchte nun aber nicht ständig daran erinnert werden, dass man alt und schusselig wird, weder von sich selbst noch von Menschen, die einem lieb und nah sind. Ich bin alt, aber nicht blöd. Zudem finde ich, dass sie, also meine Frau, die schon berufsmäßig eine kluge Beobachterin der Menschen und ihrer Absonderlichkeiten ist, in diese kleinen Unachtsamkeiten zu viel hineininterpretiert. Und dann will sie in letzter Zeit bei mir gewisse Aussetzer beim Autofahren beobachtet haben! Vielleicht hat sie nicht das Wort Aussetzer benutzt, sondern von Unsicherheiten gesprochen. Jemand geschnitten, rückwärts ungeschickt eingeparkt, irgendetwas in der Art. Was weiß ich. Alles nicht wirklich der Rede wert. Ob sie glaubt, dass ich langsam dement werde?

Nun ja, der jüngste Unfall mit dem Rad – ich war das Opfer! – hätte nicht sein müssen, wenn ich aufmerksamer und reaktionsschneller gewesen wäre. „Fehleinschätzung von Gefahren“ gehört zum Beispiel zu den Warnzeichen einer beginnenden Demenz. Auch das hartnäckige Abstreiten von Fehlern und Irrtümern – da war ich allerdings auch in jüngeren Jahren schon gut drin. Es ging bergauf, und an der Stelle, wo der Radweg die Landstraße kreuzt, hatte ich den Schwung verloren (kein eBike!), der nötig gewesen wäre, um rasch und unbescholten die gegenüberliegende Straßenseite zu erreichen. Die PKW-Fahrerin, die mich von der Straße katapultierte, war schon weit über 80 und ihre Reaktion war auch nicht mehr die schnellste. Sie war sehr erschrocken über das Geschehen, sie tat mir leid. Der Aufprall wurde von meiner mit Einkäufen vollgepackten Radtasche airbagmäßig abgefedert. Von den sechs Eiern in der Tasche waren nur fünf zerbrochen. Das schien mir wie ein gutes Omen, dass es mit meinem Leben noch nicht ganz zu Ende sein sollte.

Und nun diese Woche: Zweimal die Herdplatte angelassen, mit einem leeren Topf drauf. Zum Glück ist die Küche nicht mit einem Rauchmelder ausgestattet, sonst wäre wohl die Feuerwehr angerückt. Zu meiner Entlastung kann ich anführen, dass ein Telefonat meine Aufmerksamkeit ablenkte. Warum rufen die Leute auch immer an, wenn ich gerade in der Küche zugange bin? Die Tochter war am Apparat, wir hatten lange nicht mehr telefoniert. Da will man nicht kurz angebunden sein, weil auf dem Herd etwas köchelt. Zur Wahrheit gehört allerdings auch, dass ich durchaus noch in der Lage bin, mehrere Dinge gleichzeitig zu tun. Also zum Beispiel telefonieren und im Topf rühren, in dem ein Ratatouille schmurgelt. Schwierig wird es, wenn in dem Moment auch noch der Briefträger klingelt und mich bittet, ein Paket für die Nachbarn anzunehmen, während just der Hund auf den Teppich kotzt. Der Briefträger kriegt kein Trinkgeld, der Hund einen vorwurfsvollen Blick, ich lasse den Topf einen Moment unbeobachtet. Eine Nachbarin, nicht die mit dem Paket, ruft über den Hof, ob wir noch zwei Eier … Moment, ich schaue gleich nach … „ja, haben wir, ich stelle sie auf die Treppe!“ und rasch noch das Erbrochene vom Hund entfernen. Und schon ist es wieder passiert: Brandgeruch und Rauchschwaden aus der Küche. Fuck.

Anzeichen für eine beginnende Demenz, wenn man danach Ausschau hält, laufen einem ständig über den Weg: Wortfindungsstörungen, Stimmungsschwankungen, Reizbarkeit, mangelnde Merkfähigkeit. Die dazu passende Beschwichtigung ist schnell bei der Hand: Na ja, das Alter. Neulich am Bankautomaten: „Bitte geben Sie Ihre Geheimzahl ein“. Das geht seit Jahren wie im Schlaf. Nur dieses Mal nicht. Plötzlich eine leichte Unsicherheit, eine Irritation, und schon ist die tausendmal ohne Nachdenken eingetippte Zahlenfolge weg. Hat man mehr so räumlich abgespeichert. „Bitte wiederholen Sie Ihre Eingabe“. Beim dritten falschen Versuch spuckt der Geldautomat die EC-Karte nicht mehr aus. „Bitte wenden Sie sich an Ihren Bankadministrator.“ Mist. Ganz, ganz früher, lange vor dem digitalen Zeitalter, beim Zigarettenautomaten, half manchmal ein kräftiger Tritt gegen die widerspenstige Technik, bis die Münze – eine Mark! – fiel und die Packung Marlboro im Ausgabeschacht das Suchterleben für die nächsten Stunden sicherte. Und wo soll man jetzt am Samstagabend die EC-Karte wiederkriegen? Mal ganz abgesehen von der niederschmetternden Erkenntnis, dass der progressive Gedächtnisschwund erneut einen Teilerfolg erzielt hat. Was dagegen hilft? Kurkuma? Ginkgo? Knoblauch? Gehirnjogging? Die Apothekenumschau weiß Rat.

Von den vielfältigen Zumutungen – man könnte auch von Demütigungen sprechen -, die das Alter bereithält, scheint mir die Demenz die übelste zu sein. Über das Alter, das Altwerden und das Altsein gibt es unzählige Bücher, Schriften und Abhandlungen. Schon der olle Cicero hat etwa 50 Jahre vor Christus in seiner Schrift „Cato maior de senectude“ (Über das Alter) treffend festgestellt: „Ut enim non omne vinum, sic non omnis natura vetustate coacescit.“ Das kann man auch als Inhaber des Kleinen Latinums nicht unbedingt verstehen, deshalb hier die Übersetzung: „Wie nämlich nicht jeder Wein, so wird nicht jeder durch hohes Alter sauer“. Dagegen können moderne Lebensratgeber wie „Das Alter als Geschenk“ von Rüdiger Dahlke oder „Ratgeber Beckenbodenschwäche (Gegen Harn- und Stuhlinkontinenz lässt sich etwas tun!)“ nicht wirklich mithalten.

Eigentlich ist längst alles über das Alter, das Altwerden und das Altsein gesagt. Allerdings noch nicht von mir. Solange ich schreibe, bin ich noch nicht tot. Dabei kann ich mich noch nicht so recht entscheiden, ob ich mich dem “So mild ist oft das Alter mir erschienen“-Gefühl à la Eichendorff hingeben soll und mich in einem Anfall von Altersnarzissmus als zunehmend weiser, heiterer, nachsichtiger und milder werdender älterer Herr sehen möchte, der die Bürde des Alters mit bemerkenswerter Würde trägt. Oder ob ich den am eigenen Körper beobachteten Verfall verfluchen und in das Wehklagen über die Mühen des Alters und die körperlichen Gebrechen einstimmen soll, und wie Cicero vermutlich gesagt hätte: Vetus est simpliciter stercore (Alt werden ist einfach Scheiße).

Material für die zweite Variante, also den körperlichen Verfall, hat sich in den letzten Jahren bei mir reichlich angesammelt. Nach Jahrzehnten sportlicher Aktivitäten kommt da schon einiges aus dem Fachgebiet Orthopädie zusammen. Kleine Sammlung gefällig? Spinalkanalstenose (für Nichtmediziner: ich hab´ Rücken, von mir scherzhaft als „Spinatsalatneurose“ bezeichnet), Piriformissyndrom, Kreuzbandriss rechts, Bänderdehnungen und Außenknöchelfraktur links, Rotatorenmanchetten-Teilruptur (jetzt befinden wir uns an der Schulter), irreversible Omarthrose links, AG-Gelenksdegeneration, Sulcus-ulnaris-Syndrom usw. Diverse fremd- und selbstverschuldete Stürze mit dem Rad haben auch ihre Spuren hinterlassen.

Und dann die Blutgefäße, ach ja, die Blutgefäße. Ich sage nur: Varizen der unteren Extremitäten. Wäre ich ein Dichter wie Eichendorff, wäre mir sicher ein Reim auf Varizen und Blut spritzen eingefallen. Beim Anblick meiner Krampfadern hat sich mein Gefäßchirurg vermutlich einen neuen Porsche bestellt. Da musste schon mal ordentlich was weggeschnippelt werden. Von den Sinnesorganen haben wir jetzt noch gar nicht gesprochen. Cholesteatom, Tympanoplastik im Ohr, muss man nicht alles im Detail erläutern. Dass die Augen immer schlechter werden, erweist sich im Alltag als eine der schlimmsten Demütigungen. Wenn du ein Formular ausfüllen sollst und hast die Brille vergessen. Oder, weil es recht kleingedruckt ist, im Supermarkt jemand fragen musst, ob das die Puylinsen sind – sehr ärgerlich. Für wackelnde Zähne gibt es Ersatzteile, Implantate. Und jetzt noch die Polymyalgia rheumatica. Und der Ischias zwickt jeden Morgen. Reicht das? So mild ist oft das Alter mir erschienen?

Den erhöhten Reparaturaufwand an der Baustelle Körper heiter, nachsichtig und milde zu akzeptieren, fällt nicht unbedingt leicht. Doch gibt es gegen Schmerzen, abgenutzte Gelenke, ausgeleierte Blutgefäße und andere altersbedingte Einschränkungen zumindest Tabletten, Chirurgen, Ersatzteile und technische Hilfsmittel. Mit der Abnutzung des geistigen Vermögens verhält es sich etwas komplizierter. Das muss nicht zwingend mit dem körperlichen Verfall einhergehen. Es kann ihm vorauseilen oder hinterherhinken. Man kann es auch nicht einfach reparieren oder wegtherapieren. Tröstlich daran mag sein, dass eine Demenz im fortgeschrittenen Stadium von dem Betroffenen nicht mehr als Demütigung erlebt wird und nur noch für die Angehörigen zur Last wird. Aber stimmt das überhaupt? Die Demenzforschung hat herausgefunden, dass zumindest im Anfangsstadium die Anzeichen von Demenz von den Betroffenen durchaus wahrgenommen werden und mit Gefühlen von Scham, Versagensangst, Kontrollverlust und vermindertem Selbstwertgefühl einhergehen.  

Zurück zur Romantik: Novalis, der im Alter von 28 Jahren starb, schrieb 1797 im Andenken an seine ebenfalls früh verstorbene Verlobte: „In tiefer, heitrer Ruh will ich den Augenblick erwarten, der mich ruft.“ Er hatte gut reden. Die Zumutungen des Altwerdens und des Altseins blieben ihm erspart. Für diese Schrift konnte ich keinen zufriedenstellenden Abschluss finden. Vielleicht muss ich dafür noch ein paar Jahre warten. Bis dahin möchte ich es mit Cicero halten, der meinte: „Mir wenigstens hat die Ausarbeitung dieser Schrift so viel Vergnügen gewährt, dass sie nicht nur alle Beschwerden meines Alters verwischte, sondern dasselbe mir auch gemächlich und angenehm machte“ (in „Cato der Ältere: Über das Greisenalter“). 

Jürgen Lieser, niedergeschrieben im 74. Lebensjahr


Trump in Davos: Da wo´s um Grönland geht

Ein Blogbeitrag zu Trump? Muss das sein? Nein, muss nicht. Macht nur schlechte Laune. Eigentlich ist über dessen geistige und charakterliche Verfassheit alles gesagt. Das könnte man belächeln, wäre der Mann nicht Präsident der USA und mit viel Macht ausgestattet. Liebe Amerikaner: Wie lange wollt ihr einen solch peinlichen Präsidenten noch ertragen? Unter den Menschen in seinem unmittelbaren Umfeld und von der Barbiepuppe an seiner Seite scheint niemand bereit und in der Lage zu sein, ihn aus dem Verkehr zu ziehen.

Nun also dieser bizarre Auftritt in Davos. Von wegen schlimmer geht´s nimmer. Die wirre, langweilige und unerträgliche Rede vor dem Weltwirtschaftsforum gibt´s hier (zu Risiken und Nebenwirkungen fragen Sie Ihren Arzt, Ihren Psychotherapeuten oder den US-Gesundheitsminister Robert Kennedy Jr.): https://www.youtube.com/watch?v=0Or5MfSViK4

Warum die Gäste des Weltwirtschaftsforums Trump Respekt zollen und ihn mit Applaus begrüßen, bleibt deren Geheimnis. Am Ende der Rede war der Beifall endenwollend. Robert Habeck auf die Frage, wie er die Rede fand: „Ich hätte zumindest gedacht, dass man sich dem Motto, dem Geist – auch wenn man offenbar einer völlig anderen Meinung ist – höflich nähert, aber nur Selbstlob, Ignoranz, Missachtung von allen Leuten, kein Gespür, keine Wahrnehmung für globale Probleme“. Trump habe die schlechteste Rede gehalten, die er je gehört habe. Rhetorik, also die Kunst der überzeugenden Rede, erwartet man von Trump nicht. Seine Satzbildung bewegt sich auf dem Niveau eines Erstklässlers. Der Inhalt (ich, ich und nochmals ich), ist gespickt mit Drohungen, Lügen und Dummheiten. Emotional scheint Trump auf der Entwicklungsstufe eines Kleinkindes stehengeblieben zu sein: Wenn du mir nicht dein Spielzeug gibst, werfe ich mit Sand.

Grönland, so Trump, will er sich nicht mit Gewalt nehmen. Das wertet die internationale Politik- und Wirtschaftselite in Davos als „Erfolg“. Die Wahrheit ist, dass Trumps Generalstab es abgelehnt hat, Pläne für eine militärische Einverleibung Grönlands zu entwickeln. Offenbar gibt es zumindest bei den US-amerikanischen Militärs noch Leute mit nüchternem Verstand. Der Präsident bleibt aber dabei, dass Grönland eigentlich den USA gehört – ist ja auch „nur ein Stück Eis“.

Was der US-Präsident wohl zu der folgenden ZDF-Satire meint? Dass Deutschland und das ZDF überhaupt nur wegen der USA existieren? Wird er ein Verbot des Senders fordern? Alles ist möglich. Schlimmer geht immer.


„Spannend und ziemlich kantig“ – was Google über den Blog von Jürgen Lieser meint

Mein Wunsch für 2026? Persönlich die üblichen Sachen: Gesundheit, Reichtum, kein Ärger mit den Nachbarn, mehr Sport, weniger Alkohol, Friedensnobelpreis. Was ich mir gesellschaftlich, innen- und weltpolitisch wünsche, steht in meinen diversen Blogbeiträgen. Freuen würde ich mich auch über neue Abonnentinnen und Abonnenten. Und dafür bitte ich heute um Eure Mithilfe: Macht bitte Werbung in Eurem Freundes- und Bekanntenkreis! Für jeden neu geworbenen Abonnenten gibt es als Prämie den von mir eigenhändig verfassten, auf richtigem Papier gedruckten und gebundenen Bestseller „Frauen sind mitgemeint. Texte gegen den Zeitgeist“. Schreibt mir einfach, wen Ihr als neue/n Abonnent/in gewonnen habt und Eure Postanschrift, und schon flattert die Prämie in Euren Briefkasten.

Falls Euch selbst nichts einfällt, warum Ihr den Blog Euren Freundinnen und Bekannten schmackhaft machen sollt: Ihr könnt dafür auch das folgende Audio in Form eines Podcasts nutzen:

Das verblüffende und erstaunliche daran: Die KI hat´s gemacht. Ich habe probeweise das neue Google KI-Werkzeug NotebookML gebeten, eine Audio-Zusammenfassung meines Blogs zu erstellen (Disclaimer: Google ist böse). Rausgekommen ist eine Art Rezension mit erstaunlich treffenden und verblüffenden Aussagen. Das Tool selbst schreibt dazu:

„In diesem Blog analysiert Jürgen Lieser auf satirische und gesellschaftskritische Weise aktuelle politische Entwicklungen an der Schwelle zum Jahr 2026. Er thematisiert kritisch die Politik von Donald Trump. Das Vorgehen internationaler Organisationen wie der FIFA sowie die ideologische Annäherung zwischen der Union und der AfD. Neben harten geopolitischen Themen wie der nuklearen Aufrüstung und dem Nahostkonflikt reflektiert der Autor auch über persönliche Krisen und die Vergänglichkeit des Lebens. Besonders prägnant ist seine Auseinandersetzung mit der künstlichen Intelligenz, die er humorvoll als Werkzeug für die bürokratisierte Welt der Zukunft darstellt. Insgesamt zeichnen die Texte ein pessimistisches, aber pointiertes Bild einer Gesellschaft im Rechtsruck und technologischen Umbruch.“

Muss man nicht alles glauben, bzw. ich bin auf Kommentare gespannt. Hier nochmal die Datei zum anhören:



Kriminelle Staatschefs kidnappen: Why not?

Einen verbrecherischen Regierungschef gewaltsam entführen und vor Gericht stellen, wie das die Amis jetzt mit Maduro gemacht haben: Ist doch an sich keine schlechte Idee, oder? Das hätte man sich bei Hitler, Stalin, Mussolini, Gaddafi, Pinochet und anderen Despoten und Kriegsverbrechern gewünscht. Auch aktuell noch im Amt befindliche Kandidaten könnten jetzt kalte Füße bekommen, wie etwa Putin und Netanjahu. Die stehen übrigens beide auf der Fahndungsliste des Internationalen Strafgerichtshofs (IStGH) und gelten dort als „flüchtig“.

Dass Maduro jetzt in Handschellen vor Gericht steht, wäre an sich nicht schlimm, wenn nicht die USA sich als rechtlich-moralische Instanz gleichzeitig für Strafverfolgung, Gericht und Vollzugsbehörde gerieren würde und wenn nicht ein klarer Verstoß gegen das Völkerrecht vorliegen würde. Gut ja, das Problem sei „komplex“, so Friedrich Merz. Von wegen Völkerrecht und so. Das ist natürlich Quatsch vulgo Bullshit, denn völkerrechtlich handelt es sich um eine eindeutige Verletzung des internationalen Rechts. Dimitri Medwedew, der russische Ex-Präsident, droht jetzt mit der Entführung von Friedrich Merz. Das fänden wir unangemessen. Denn schließlich kann man unserem Kanzler keine Verbrechen gegen die Menschlichkeit vorwerfen. Auch keine Korruption. Nicht mal Schwarzfahren traut man dem Mann zu, dazu müsste er ja öffentliche Verkehrsmittel benutzen. Allerdings hat er, also Merz, versprochen, dass er Netanjahu nach Deutschland einlädt und dass der trotz Haftbefehl nicht befürchten müsse, verhaftet zu werden. Das wäre allerdings ein Verstoß gegen die Verpflichtungen, die Deutschland als Unterzeichnerstaat des IStGH hat (Hallo CSU, kleiner Hinweis für Eure heute beginnende Klausur im Kloster Seeon: Könntet Ihr nicht auch, neben der neuen Abschiebeoffensive, einen Austritt Deutschlands aus dem IStGH fordern – Ihr wollt doch die AfD rechts überholen)?

Aber zurück zu Maduro: Wenn das Schule machen soll, dann bitte die wirklichen Verbrecher, die Kriegstreiber, Völkermörder, machtbesessenen Despoten ins Visier nehmen – die Kandidatenliste stellt der IStGH sicher gerne zur Verfügung. Könnte sein, dass auch ein Donald Trump, selbsternannter Friedensstifter, einmal zur Rechenschaft gezogen wird für die von ihm verantworteten Untaten.


Vergesst 2025. 2026 wird alles besser. Vielleicht.

Jahresrückblicke auf allen Kanälen: ARD, Spiegel, DIE ZEIT, Dieter Nuhr. Aber will man wirklich das alles nochmal anschauen, anhören, lesen? Diese finsteren Zeiten, die ganzen Zombies, Untoten und Geistesgestörten wieder zum Leben erwecken? Ja, ja, es war nicht alles nur schlecht. Manche Rückblicke bemühen sich redlich, auch positive Entwicklungen aufzuzeigen. Aber mal ehrlich: 2025 war nun wirklich zum Vergessen. Was ich damit meine? Dann fragen Sie mal ihre Töchter, was ich damit gemeint haben könnte! Am besten, man streicht das ganze Jahr aus den Geschichtsbüchern. Gehe zurück auf los! Man wird ja noch träumen dürfen: Robert Habeck bleibt Wirtschaftsminister, Friedrich Merz lässt sich dauerhaft in Belém nieder, Donald Trump verliert die Präsidentschaftswahlen, der Klimawandel macht ein Jahr Pause, die Gletscher lassen vorübergehend das Schmelzen sein, Elon Musk renkt sich beim Hitlergruß das Schultergelenk aus.

2026 kann eigentlich nur besser werden als das abgelaufene Jahr. Wir werden schon lange vor dem Sommer spüren: Hier verändert sich etwas langsam zum Besseren, es geht voran! Die Pendlerpauschale wird erhöht, junge Männer dürfen endlich wieder Kriegsdienst leisten, aus dem Bürgergeld (igitt!) wird eine seriöse Grundsicherung, die Gastronomie bekommt ein Steuergeschenk, die steuerliche Begünstigung für Dienstwagen wird auf einen Kaufpreis von 100.000 Euro erhöht, das Aus für das Verbrenner-Aus ist aus, das Lieferkettengesetz wird gefleddert.

Und das ist noch längst nicht alles: Ein Frühjahr der Reformen steht ins Haus! Stuttgart 21 wird früher fertig als erwartet. Zur Eröffnungsparty des neuen Ballsaals im Weißen Haus lädt Trump Putin, Netanjahu, Alice Weidel und Elon Musk ein, nicht aber Wolodymyr Selenskyj („You don´t have the cards right now“). Auf was wir uns im neuen Jahr außerdem noch freuen dürfen: 1.800 Afghaninnen und Afghanen, denen Deutschland eine Aufnahme zugesagt hat, sollen bleiben, wo der Pfeffer wächst. Pakistan hat versprochen, diese Leute da nach Afghanistan abzuschieben (wie war das nochmal mit der Drecksarbeit, Herr Merz?). Bei der Fußball-WM gewinnt Deutschland gegen Curaçao und gegen die Elfenbeinküste und schafft damit ein neues Sommermärchen und den Sprung in die Hauptrunde. Es wird einen neuen Hitzerekord geben. Markus Söder ist gegen ein Böllerverbot für die Bundeswehr und für die Aufnahme von Leberkäs in die bayerische Verfassung.

Die wichtigste Änderung im Jahr 2026 aber wird sein: Blogbeiträge muss ich künftig nicht mehr selbst verfassen. Stattdessen lasse ich die KI schreiben. Den nachfolgenden Text hat chatCPT verfasst. Meine Bitte an das schlaue Tool lautete: Schreibe einen satirischen Beitrag im Stil des Blogs von Jürgen Lieser über das, was uns im Jahr 2026 erwartet.

Nun ja – das Ergebnis steht unten. Hier und jetzt aber wünsche ich meinen Abonnentinnen und Abonnenten einen guten böllerfreien Start in das Neue Jahr und dass es in jeder Hinsicht – privat, beruflich, gesundheitlich, politisch – besser sein möge als das Alte.

2026 – Willkommen im Update-Zustand

2026 ist das Jahr, in dem endgültig alles optimiert ist. Nur leider nicht das Ergebnis. Aber der Prozess läuft jetzt wirklich rund – sagen zumindest jene, die ihn erfunden haben und nicht darin leben müssen.

Der Staat ist digital. Also theoretisch. Praktisch erkennt er Bürgerinnen und Bürger zuverlässig als „unbekannten Fehler“. Wer 2026 einen Antrag stellt, bekommt sofort eine Eingangsbestätigung, eine Vorgangsnummer und das beruhigende Gefühl, dass jetzt gar nichts mehr passiert. Transparenz wurde geschaffen: Man sieht jederzeit, dass man nicht weiterkommt.

Bildung ist endlich zukunftsfähig. Kinder lernen früh, dass Technik unzuverlässig ist, Verantwortung diffundiert und immer jemand anderes schuld ist. Eine Kompetenz, die im späteren Leben von unschätzbarem Wert ist. Lehrerinnen und Lehrer heißen jetzt „Lernbegleitende“, begleiten aber vor allem Ausfälle: WLAN, Server, Motivation.

Die große Hoffnung heißt Künstliche Intelligenz. Sie entscheidet schneller, objektiver und emotionsloser – genau wie die Bürokratie, nur mit Marketingbudget. Fehler passieren natürlich auch hier, aber sie wirken moderner. Früher sagte man „Das Formular ist falsch ausgefüllt“, heute sagt man „Das System hat das so berechnet“. Fortschritt.

Politik im Jahr 2026 besteht aus Ankündigungen, Rücknahmen und der tapferen Behauptung, man habe alles richtig gemacht – nur die Realität habe leider nicht mitgespielt. Debatten werden nicht mehr geführt, sondern gemanagt. Haltung ist etwas für Kampagnen, Verantwortung etwas für Untersuchungsausschüsse.

Die Medien erklären unermüdlich, was man jetzt fühlen sollte. Empörung kommt im Abo, Einordnung im Kleingedruckten. Wer nachdenken will, gilt als verdächtig. Wer zweifelt, als problematisch. Wer fragt, als Teil des Problems. Aber immerhin ist alles „komplex“.

Arbeiten kann man überall. Vor allem immer. Grenzen zwischen Beruf und Freizeit wurden erfolgreich abgeschafft – zugunsten der Arbeit. Burnout heißt jetzt „persönliche Herausforderung“. Erholung ist etwas für Menschen ohne Termine.

Das Klima? Wichtiges Thema. Sehr wichtig. Deshalb wird es zuverlässig vertagt. Man fliegt nachhaltiger, indem man darüber spricht. CO₂ wird nicht reduziert, sondern kompensiert – moralisch, verbal, symbolisch.

2026 ist kein dystopisches Jahr. Dafür ist es viel zu gut organisiert.
Es ist das Jahr der gepflegten Zumutungen, der freundlichen Inkompetenz und der digitalen Ausreden.

Alles funktioniert.
Nur nicht für dich.
Aber dafür gibt es ein Update.


One Comment on “Vergesst 2025. 2026 wird alles besser. Vielleicht.”

  1. Avatar von Stephan Stephan sagt:

    Lieber Jürgen,

    Zunächst danke für Deinen Blog, für die Anregungen und Provokationen. Für mich war der nachdenkenswerteste und berührendste Beitrag in diesem Jahr Dein Blog zum Tod von Tilmann Evers. Dazu konnte ich gar nichts mehr schreiben, aber ich lese ihn ab und zu wieder…
    Die guten Wünsche nehme ich gerne, aber ich bin mehr als skeptisch, ob irgendetwas davon eintreten wird. Mal ehrlich: Es wird nicht besser werden. Nirgendwo.
    Daher wünsche ich uns allen für das neue Jahr das, was wir selbst „verbessern“ können: Bessere Resilienz, mehr Gelassenheit, Vertrauen in das Leben (im Sinn des Beitrags von Tilmann Evers) und damit auch in den Tod, die Weisheit der klugen Abschiede und die Klugheit der weisen Gegenwart. Handeln aus Haltung.

    Das wünsche ich tatsächlich Allen: Bekannten und Unbekannten, denen, die mir unsympathisch sind und denen, die ich toll finde, denen, die ich gerne habe und denen, die mich gerne haben können.

    In diesem Sinn: Ein gutes neues Jahr!

    Stephan


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