Bar oder mit Karte? Wie Digitalisierung und Künstliche Intelligenz unser Leben verändern

Ein Beitrag über Künstliche Intelligenz (KI), mit dem ich schon eine Weile schwanger gehe, will endlich das Licht der Welt auf diesem Blog erblicken. Er erweist sich indes als schwere Geburt. Zu viel Material hat sich bei mir angesammelt: Über die zunehmende Fremdbestimmung im digitalen Alltag und welche Entwicklungen der digitalen Revolution wir noch erwarten müssen, über die unkontrollierte Macht der Tech-Konzerne und ihren Kampf um die Vorherrschaft auf dem globalen Markt, über sklavenähnliche Arbeitsbedingungen in der KI-Branche, über den Energiehunger der KI-Chatbots, über den Einsatz von KI in der Kriegsführung, … Beim Versuch, alle relevanten Aspekte zu berücksichtigen, habe ich mich heillos verzettelt.

Nun ist der Papst mir zuvorgekommen mit seiner Enzyklika „Magnifica Humanitas“[i] über die KI. Für alle, die keine Zeit haben, das Lehrschreiben zu lesen (lohnt sich! Alle Quellenangaben und -empfehlungen am Ende dieses Blogs), habe ich die zentralen Aussagen weiter unten in einem Abschnitt zusammengefasst. Falls jemand fragt: Ohne Zuhilfenahme von KI! Hat der Papst eigentlich das Lehrschreiben selbst verfasst oder hat er ChatGPT schreiben lassen?

Die KI und ich: Eine schwierige Beziehung

In meiner Bäckerei mahnt ein Schild auf der Verkaufstheke, doch bitte bargeldlos zu bezahlen. Zwei Brötchen für 1,20 Euro. Ich weigere mich und bestehe auf abgezählten Münzen. Wie lange das noch geht? Meine Bank erpresst mich und nennt das beschönigend „Änderungsangebot“. Ich soll zustimmen, meine bisherige girocard durch die neue girocard „VPay“ zu ersetzen. Wenn ich nicht zustimme, droht die Bank mit der Kündigung meines Kartenvertrags. Ohne Karte, egal ob Giro oder VPay, bin ich digital kastriert und im um sich greifenden bargeldlosen Zahlungsverkehr nicht überlebensfähig. Dabei gibt es doch ein

Recht auf analoges Leben?

Das fordert zum Beispiel Heribert Prantl in seinem wöchentlichen Newsletter „Prantls Blick“ vom 26.04.2026[ii]. Darin schreibt er: „Es gibt ein Recht auf ein analoges Leben. Es gibt dieses Recht, auch wenn es tagtäglich und millionenfach missachtet wird. Es gibt dieses Recht, auch wenn so getan wird, als sei der Mensch nur dann ein richtiger Mensch und Bürger, wenn er digital unterwegs ist – wenn er also ein Smartphone mit sich führt und im Internet zu Hause ist. Es gibt dieses Recht, weil es aus dem Allgemeinen Persönlichkeitsrecht und aus dem Gleichbehandlungsgebot folgt. Es gibt dieses Recht, auch wenn die Terminbuchung bei Behörden oder beim Arzt immer öfter nur noch online funktioniert. Es gibt dieses Recht, auch wenn Theater- und Konzertkarten nur noch online erworben werden können. Es gibt dieses Recht, auch wenn die Deutsche Post ihre Packstationen so umgerüstet hat, dass man sein Paket nur dann noch abholen kann, wenn man ein Smartphone mit extra installierter Post- und DHL-App hat.
Der Verein „Digitalcourage“ hat eine „Petition gegen Digitalzwang“ initiiert, die am 21. Mai 2026 mit mehr als 70.000 Unterschriften (auch mit meiner) eingereicht wurde und den Bundestag auffordert, das Recht auf ein Leben ohne Digitalzwang ins Grundgesetz aufzunehmen und damit gesetzlich zu verankern.[iii]

Andererseits: Für Menschen, die auf der Straße leben, ist der Zugang zu digitalen Diensten mit einem funktionierenden Handy von existenzieller Bedeutung. Ohne Datenvolumen, Zugang zu WLAN und Lademöglichkeit fürs Smartphone bleiben diese Menschen von der Teilhabe am Leben ausgeschlossen.

Was wäre, wenn …

Ja, auch ich nutze die digitalen Dienste. Wir haben uns an deren Bequemlichkeiten im Alltag gewöhnt. Für nahezu alles gibt es Apps, Bots und Algorithmen, die uns beraten, orientieren und Entscheidungen abnehmen. Die KI übernimmt Aufgaben für uns, beantwortet Mails, führt uns mit dem Navi zum Ziel, organisiert Termine, schreibt Texte, wählt die perfekte Partnerschaft für uns aus.  Dass wir dadurch in eine fatale Abhängigkeit geraten, blenden wir aus. Kann noch jemand einen gedruckten Straßenatlas, einen Stadtplan oder einen Busfahrplan lesen, wenn die digitalen Dienste ausfallen? Der Verein Philosophicum Lech bietet im September in Lech am Arlberg eine Veranstaltung mit dem Titel „Betreutes Denken. Die neue Lust an der Unmündigkeit“ an[iv], bei dem die Plätze jetzt schon ausverkauft sind.

Gibt es überhaupt noch einen Weg zurück aus der alle Lebensbereiche umfassenden Digitalisierung, zurück ins analoge Zeitalter? Fahrscheine, die bei der Deutschen Bahn ja schon lange „Tickets“ heißen, kann man nicht mehr im Zug beim Schaffner, der auch nicht mehr so heißt, kaufen. Heute braucht man dazu die Bahn-App „DB Navigator“ auf dem Smartphone. Was wohl bei einem flächendeckenden Stromausfall, einem Blackout[v], mit den ganzen Dingern da, den Apps auf dem Smartphone, passiert? Da helfen die für den Notfall im Keller gelagerten Kerzen, Lebensmittelkonserven und Batterien nicht wirklich.

Wie alles anfing und wie es (vielleicht) weitergeht

Wann hat das mit der „Digitalisierung“ eigentlich angefangen? Die Antwort darauf liefern wahlweise die KI, Wikipedia oder die Bundeszentrale für politische Bildung. In einem Beitrag von Sybille Krämer über die Kulturgeschichte der Digitalisierung[vi] vertritt die Autorin die Kernthese, was sie die „embrionale Digitalität des Alphanumerischen“ nennt. Damit meint sie, dass die Digitalisierung nicht erst mit dem Computer beginnt, sondern schon der Philosoph Gottfried Wilhelm Leibniz (1646-1719) „mit seinen Arbeiten zur Kalkülisierung, zum Binäralphabet, zur Rechen- und Chiffriermaschine und zur Vernetzung entscheidende Schritte auf dem Weg zur Digitalisierung“ beschritten hat.

Manche datieren die Anfänge der Digitalisierung noch sehr viel früher: „Die grundlegenden Rechenmethoden, die Computer benutzen, wurden zum Teil schon in der Antike entwickelt“ – meint Jochen Wegner in der ZEIT[vii]. Wegner entwirft in seinem Beitrag ein Zukunftsszenario und formuliert eine fiktive Mail mit Datum 8. Februar 2106 an sich selbst, in der er über die mögliche Entwicklung der Computer und die Zukunft der ganzen Welt phantasiert: „Was ist die ferne Zukunft der Informationstechnologie?“ fragt er und schreibt: „Das, was Du zu Deiner Zeit als erste, rohe Form der künstlichen Intelligenz kennenlernst, ist spätestens Mitte 2060 in alle Dinge gewandert und seither unsichtbar … Wenn Du Deine Wohnung verlässt, weiß die Welt längst, wohin Du willst, ein selbstfahrendes Vehikel wartet auf Dich … 2099 übergibt China als erstes Land die Organisation des Staates einer höheren Intelligenz, versehen mit einem bindenden ethischen Auftrag …“

Wegner ist offenbar überzeugt davon, dass sich KI und Digitalisierung zum Wohle der Menschheit weiterentwickeln werden. Das zu glauben, fällt allerdings schwer.

Was der Papst zur KI meint

Papst Leo geht in seiner Enzyklika davon aus, dass „die Technik an sich nicht als eine menschenfeindliche Kraft zu betrachten (ist); im Gegenteil, sie ist von Anfang an in unserer Geschichte verwurzelt, als »eine zutiefst menschliche Erscheinung, die an die Autonomie und Freiheit des Menschen geknüpft ist«. Allerdings sieht er durchaus die Gefahr der Entmenschlichung, „in der Zeit der Künstlichen Intelligenz, in der die Menschenwürde aufgrund neuer Formen von Entmenschlichung in den Hintergrund zu treten droht… …die Vergötterung des Profits, die die Schwachen opfert; die Einförmigkeit, die Unterschiede nivelliert; den Anspruch einer einzigen – auch digitalen – Sprache, die in der Lage ist, alles, sogar das Geheimnis der Person, in Daten und Leistung zu übersetzen. Dies ist die Gefahr der Entmenschlichung“.

Deshalb fordert der Papst „verantwortungsvolle Planung, Abwägung der Auswirkungen für Mensch und Gesellschaft, Einbeziehung der Schwächsten, eine breite Vermittlung digitaler Kompetenz sowie durch eine auf Gerechtigkeit und Frieden ausgerichtete Forschung und Industrie.“. Weitere Gefahren, vor denen der Papst warnt: Verlust von Arbeitsplätzen, gezielte Falschinformation im Internet, die Macht von KI und die Kontrolle durch wenige Technologieunternehmen (digitaler Kolonialismus). Er fordert, dass diese Technik der gesamten Allgemeinheit gehören sollte und nicht das Privateigentum einiger weniger Großkonzerne sein darf: „Im digitalen Bereich liegt die Kontrolle über Plattformen, Infrastrukturen, Daten und Rechenleistung in vielen Fällen nicht in der Hand der Staaten, sondern von großen wirtschaftlichen und technologischen Akteuren, die de facto die Zugangsbedingungen, die Regeln der Sichtbarkeit und die Möglichkeiten der Teilhabe selbst festlegen. Wenn sich solche Macht in wenigen Händen konzentriert, besteht die Gefahr, dass sie undurchsichtig wird und sich der öffentlichen Kontrolle entzieht. Das erhöht das Risiko einer schiefen Entwicklung, die neue Abhängigkeiten, Ausgrenzungen, Manipulationen und Ungerechtigkeit erzeugt.“ Und weiter heißt es: „Solidarität verlangt, dass Entscheidungen in Bezug auf Daten, Algorithmen, Plattformen und Künstliche Intelligenz nicht nur den unmittelbaren Vorteil einiger weniger berücksichtigen, sondern auch die Auswirkungen auf die Gesamtheit der Völker und auf künftige Generationen.“

Die Forderung nach öffentlicher Kontrolle wird an mehreren Stellen des päpstlichen Lehrschreibens betont: „Eine gerechte soziale Ordnung im digitalen Zeitalter ist eine, die allen einen gleichberechtigten Zugang zu Chancen garantiert, die Jüngsten und die Fragilsten schützt, Hass und Desinformation bekämpft und die Nutzung von Daten und Technologien einer öffentlichen Kontrolle unterwirft, damit nicht der bloße Profit zum Maßstab wird, sondern die Würde eines jeden Menschen und das Wohl der Völker …Es ist notwendig, angemessene Regulierungsinstrumente einzuführen, die in der Lage sind, die Gerechtigkeit zu schützen und die verzerrenden Auswirkungen von technologischer Macht einzudämmen.“

Die Macht der Tech-Konzerne

Bei der zweiten Amtseinführung von Donald Trump – nach eigenen Worten von Gott auserwählt für dieses Amt -, wurde die ganze Welt Zeuge vom Einfluss der mächtigsten (und zugleich reichsten) Chefs der großen Tech-Konzerne, die dem Präsidenten in geradezu abstoßender Devotheit ihre Aufwartung machten: Mark Zuckerberg von Meta, Tim Cook (Apple), Jeff Bezos (Amazon), Elon Musk (X, Tesla und SpaceX), Sundar Pichai (Google, Alphabet), Sam Altman ( OpenAI).

Das zeigt, dass die Macht in den Händen von wenigen Tech-Milliardären liegt. Diese Macht ist nicht auf die Wirtschaft beschränkt, sondern beeinflusst und lenkt auch die Politik.  Die großen US-Tech-Konzerne sind eng verbunden mit der Trump-Regierung. Vergessen scheint die ursprüngliche Idee vom Internet als demokratisch kontrollierte Plattform. OpenAI, von Sam Altman anfangs als Non-profit-Unternehmen gegründet, beteiligt sich längst am Kampf um Marktanteile und am Verdrängungswettbewerb in der KI-Branche[viii]. Das zeigt etwa die Beteiligung von Microsoft an OpenAI/ChatGPT. Google seinerseits beteiligt sich an Anthropic und Nvidia, Amazon investiert fünf Milliarden Dollar in die Entwicklung des Chatbots Claude.

Beispielhaft für die Abhängigkeit Europas von den US-amerikanischen KI-Unternehmen ist Microsoft als marktführende Software bei privaten und öffentlichen Nutzern oder die Software Palantir des Unternehmers Peter Thiel. Sie wurde entwickelt, um Terroristen aufzuspüren, und wird heute von der Trump-Regierung für ihre Abschiebepolitik genutzt. In Hessen, Bayern und zuletzt auch in Baden-Württemberg wird Palantir von der Polizei eingesetzt, eine politisch äußert umstrittene Entscheidung.

Die Abhängigkeit von diesen Firmen und ihren wechselseitigen Verflechtungen wird immer größer. Dabei hat es ursprünglich die Utopie vom Internet als Demokratie-Maschine gegeben. Wie es Europa schaffen kann, sich unabhängiger zu machen, ist Thema auf der Digital-Messe „re:publica“.

KI als Werkzeug der Kriegsführung?

Wenig überraschend ist die Tatsache, dass KI-Werkzeuge zunehmend in der Kriegsführung eingesetzt werden. Die gezielte Tötung politischer Gegner mit Hilfe von KI wurde von Israel im Gaza-Krieg praktiziert: „When Israeli forces began their military campaign in Gaza following the October 7, 2023 Hamas attack, they did so with a targeting apparatus unlike anything previously disclosed in the history of modern warfare. For the first time, a military had publicly — through both leaks and partial official acknowledgment — deployed an interconnected network of AI systems designed to identify, prioritize, locate, and schedule the killing of human targets at industrial scale.

The system was not a single program but an ecosystem: four distinct AI tools, each handling a different stage of the kill chain, collectively enabling a tempo of strikes that would have been impossible using traditional intelligence analysis. …The implications extend far beyond Gaza. What Israel demonstrated — intentionally or not — is a proof of concept for machine-assisted war that every major military on Earth is now studying closely.“[ix]

Ein weiteres Anwendungsgebiet ist die Nutzung von Satelliten wie Starlink[x]. Das Raumfahrtunternehmen Space X von Elon Musk erlaubt diesem persönlich zu entscheiden, welche Kriegspartei Starlink für seine militärischen Ziele nutzen darf: „Musk ist zugleich ein Warlord der neuesten Generation, der offenbar persönlich darüber entscheidet, welche Kriegspartei in der Ukraine die Dienste von Starlink wo nutzen kann, und damit z.B. massivere ukrainische Angriffe auf die Krim verunmöglicht hat, die mit seiner Unterstützung möglich gewesen wären.“ Das sagt der Politikwissenschaftler Christoph Marischka, Mitglied im Vorstand der Informationsstelle Militarisierung (IMI) in Tübingen.

Die Schattenseiten der KI-Entwicklung

Die Nutzung als Werkzeug der Kriegsführung ist nicht die einzige Schattenseite der KI. Zu nennen wären weitere Aspekte wie:

Die Ausbeutung von Arbeitern in der weltweiten digitalen Wirtschaft: Wie prekär sind die Arbeitsbedingungen derjenigen, die an der Entwicklung von KI-Systemen vor allem im globalen Süden arbeiten? Wie hoch ist ihr Lohn und ihre psychische Belastung?[xi]

Ressourcenverbrauch: Dazu ein Zitat aus der Papst-Enzyklika: „Aktuelle KI-Systeme erfordern große Mengen an Energie und Wasser, haben erhebliche Auswirkungen auf den Kohlenstoffdioxid-Ausstoß und verbrauchen Ressourcen in großem Umfang. Mit zunehmender Komplexität, insbesondere bei großen Sprachmodellen, wächst auch der Bedarf an Rechenleistung und Speicherkapazität. Das bedeutet wiederum die Notwendigkeit einer Vielzahl von Maschinen, Kabeln, Datenverarbeitungszentren und energieintensiver Infrastruktur. Daher ist es unerlässlich, nachhaltigere technologische Lösungen zu entwickeln, um die Umweltauswirkungen zu verringern und unser gemeinsames Haus zu schützen.“

Vernichtung von Arbeitsplätzen: Dazu empfehle ich den Blogbeitrag von Stephan Pfeifer:  Wie der KI-Hype Arbeitsplätze vernichtet und Milliarden zirkulieren lässt[xii].

Sein Fazit, dem ich mich anschließe, lautet:Ich glaube, dass KI vieles verändern wird. Das tut sie schon. Aber das Narrativ, das gerade jede Quartalsmeldung durchzieht, ist bedenklich und erinnert an die Dotcom-Blase: Zukunftsinvestition, Kostensenkung und technologischer Führungsanspruch in einer einzigen Pressemitteilung. Sehr viele heiße Luft, zu wenig Substanz und messbare Erfolge, scheint mir. Diese Art von Disruption hatten wir schon einmal. Es wird Zeit, uns zu erden, Künstliche Intelligenz nüchterner zu betrachten, die europäische KI-Industrie zu stärken und nicht jeder mythischen Ankündigung und US-Pressemitteilung zu glauben.


[i] Enzyklika MAGNIFICA HUMANITAS, ÜBER DIE BEWAHRUNG DES MENSCHEN IM ZEITALTER DER KÜNSTLICHEN INTELLIGENZ, von Papst Leo XIV. https://www.vatican.va/content/leo-xiv/de/encyclicals/documents/20260515-magnifica-humanitas.html

[ii] Prantls Blick vom 26.04.2026: https://heribertprantl.de/prantls-blick/das-recht-auf-ein-analoges-dasein/

[iii] Petition gegen Digitalzwang: https://digitalcourage.de/digitalzwang

[iv] www.philosophicum.com

[v] Ein Video des Bayrischen Rundfunks „Blackout. Gefahr oder Panikmache? Zeigt eindrücklich, was uns beim Stromausfall erwartet; siehe: https://www.youtube.com/watch?v=nXRjKGWvLaM&t=162s

[vi] https://www.bpb.de/shop/zeitschriften/apuz/digitale-gesellschaft-2022/505679/kulturgeschichte-der-digitalisierung/

[vii] Jochen Wegner: Von johoeher02gmail.com An mich, in DIE ZEIT Nr. 9 vom 21. Februar 2026
https://www.zeit.de/2026/09/zukunft-computer-geschichte-ki-smartphone-e-mail

[viii] Über die Entwicklung von OpenAI informiert ein sechsteiliger Podcast des Deutschlandfunks „Die OpenAI-Story“; https://www.deutschlandfunk.de/die-openai-story-1-6-der-grosse-verkaeufer-100.html

[ix] https://artificialweapons.com/case-studies/israel-ai-targeting-gaza

[x] Starlink ist ein von dem US-Raumfahrtunternehmen SpaceX betriebenes Satellitennetzwerk, das seit 2020 in den USA Internetzugang bietet, seit 2023 weltweit. Zum Kerngeschäft von Starlink zählen die Bereitstellung von Internetzugängen mit besonders geringer Paketumlaufzeit und die Abdeckung von Gebieten, in denen zuvor keine oder eine nicht ausreichende Internetverbindung zur Verfügung stand.

[xi] Plattformarbeit: Die unsichtbare Arbeit hinter der KI – Tagesspiegel Background

[xii] https://stefanpfeiffer.blog/2026/05/27/ki-hype/


„Wer Frieden will, muss mit dem Feind reden“. Über eine Ökumenische Friedensschrift

Eine gerade neu erschienene Ökumenische Friedensschrift widerspricht der vorherrschenden Abschreckungslogik, die man etwa so zusammenfassen könnte[1]: „Aufrüstung ist alternativlos, atomare Abschreckung sichert den Frieden, Pazifismus ist eine Schönwetterideologie zarter Seelen und Putin-Versteher, Wehrwillen verlangt Opferbereitschaft, Soldaten sind Helden. Flankiert wird diese Debatte von einer „Rhetorik des Ernstfalls“. Für glaubhafte Abschreckung müsse die Gesellschaft auf Kriegstüchtigkeit, wenn nicht gleich auf Siegfähigkeit eingeschworen werden.“

Die Friedensschrift „Wer Frieden will, muss mit dem Feind reden“ der Autor:innen Ralf Becker, Karen Hinrichs, Heinrich Schäfer und Theodor Ziegler plädiert hingegen für ein an den friedensethischen Forderungen der Bergpredigt orientiertes Konzept der Friedenslogik. Danach lassen sich Wege aufzeigen, wie Konflikte mit Mitteln der Diplomatie und der zivilen Konfliktlösung gelöst und Kriege verhindert werden könnten. Die Schrift fordert dazu auf, „in Zeiten massiver Aufrüstung unmissverständlich für militärische Abrüstung und für den Beitritt aller Staaten zum UN-Atomwaffenverbotsvertrag einzutreten.“

Zu ihrer Motivation sagen die Autor:innen: „Wir wenden uns mit dieser Ökumenischen Friedenschrift an Menschen in Kirchen, Gesellschaft und Politik, die an der Abschaffung von Krieg in „einer andauernden und fortschreitenden Anstrengung“ (Carl Friedrich von Weizsäcker) interessiert sind“.

Im Folgenden werden einige zentrale Passagen aus dem Papier zitiert. Die Aussagen sind durch einen sorgfältig recherchierten und umfangreichen Fußnotenapparat und Quellenteil dokumentiert[2].

Komplexe Ursachen von Kriegen

Mit einer wohltuend klaren Sprache und „ohne politische und theologische Verrenkungen“ (Elisabeth Freise, Mitglied im Koordinierungskreis von „Sicherheit neu denken“) wird zum Beispiel über die Ursachen von Kriegen festgestellt:  „Die heutige Welt ist von multiplen Krisen geprägt: Klimakatastrophe in vielen Dimensionen, Epidemien, extreme wirtschaftliche Ungleichheit, verbreitete Verarmung, ruinöse Konkurrenz, Beschneidung von politischer Teilhabe und Grundrechten, Autoritarismus, Hungerkatastrophen, Imperialismus, Zurückdrängen internationaler Institutionen, Zerrütten des Völkerrechts, Herrschaftsideologien im Cyberspace, widerrechtliche Sanktionen, Terror. …All diese Phänomene sind komplex miteinander verwoben und werden aufgrund eines Mangels an konstruktiver Bearbeitung von Konflikten nicht hinreichend entwirrt. Es wird aufgerüstet, Gesellschaften und internationale Beziehungen werden militarisiert, was schließlich zu Kriegen führt. Kriege sind zugleich Wirkung und Ursache der anderen Krisen. Sie werden etwa durch Konkurrenz um Ressourcen verursacht und verknappen zugleich die Ressourcen. Auf diese Weise verschlimmern Gewalt und insbesondere Kriege alle oben genannten Probleme. Und sie reproduzieren sich selbst – bis hin zur drohenden atomaren Menschheitskatastrophe“.

Ein Perspektivenwechsel tut not

Zu den Ursachen für den Ukrainekrieg empfiehlt die Schrift, statt Selbstkritik zu vermeiden einen Perspektivenwechsel zu vollziehen und diesen nicht als Verrat zu diffamieren („Putin-Versteher): „So wurde seit 2008 der NATO-Beitritt der Ukraine vorangetrieben – unter Missachtung europäischer Vereinbarungen, die eine Verletzung der Sicherheitsinteressen Russlands ausschließen (z. B.: Zwei-plus-Vier-Vertrag 1990, Charta von Paris 1990, OSZE 1999). Der angestrebte (vertragswidrige) NATO-Beitritt der Ukraine diente Russland 2022 schließlich als wesentlicher Kriegsgrund für den völkerrechtswidrigen Angriff auf das Land. Erfahrene europäische und US-amerikanische Außenpolitiker wie u. a. George Kennan und Henry Kissinger warnten schon seit Langem vor einem möglichen Krieg in der Ukraine aufgrund von deren Aufnahmeperspektive in die NATO. Die Warnung wurde ignoriert, und die Beitrittsperspektive wird von einigen europäischen Politikerinnen und Politikern bis heute beibehalten, obwohl Präsident Selenski inzwischen bereit ist, diese aufzugeben.“

Pflege von Feindbildern und unbelegte Behauptungen

Und weiter heißt es: „So wird ohne Belege und gegen jede rationale Analyse beschworen, Russland werde die NATO angreifen; Russland werde „ewig unser Feind bleiben“ (Außenminister Wadephul) und sei das „Reich des Bösen“ (NATO-Gen-Sec Rutte). Russische Verhandlungsinitiativen werden gekontert: „Mit Putin kann man nicht reden!“

Bei dieser Feindbildpflege werden mit großer Selbstverständlichkeit einzelne Personen (z. B. Präsident Putin) oder Systeme (z. B. Iran) dämonisiert. Regelmäßig nehmen solche kollektiven Veränderungen der Sprache den Charakter von Propaganda an…. „Zudem wird ohne Belege behauptet, Russland werde Europa angreifen, obwohl u. a. sämtliche 17 US-amerikanische Geheimdienste im Jahr 2024 das „so gut wie sicher“ ausschließen. 2025 warnen die US-Geheimdienste vielmehr vor einer „unbeabsichtigten Eskalation“ des Ukraine-Krieges zwischen Russland und der NATO bis hin zu einem Atomkrieg, weswegen der Krieg schnellstens zu einem akzeptablen Ende gebracht werden solle. Die Abschottung dieser unbelegten Behauptungen gegen Kritik setzt die eigenen Positionen absolut. Eine solche Praxis ist fundamentalistisch“.

Völkerrechtswidrige Aggressionen des Westens werden ignoriert

„Hingegen werden völkerrechtswidrige Aggressionen des Westens (wie z. B. die Bombardierung Belgrads 1999, der Irakkrieg 2003, die Ermordung Gaddafis im Libyenkrieg 2011, die Angriffe auf den Iran 2025 und 2026, die Feindseligkeiten gegen Venezuela und Kuba (2026) verschwiegen. All dies verweist auf eine Verselbständigung militärischer Logik, eskalationsbedingte „Trübung der Wahrnehmung“, sowie „Kriegshysterie“, und scheint sich zur „kollektiven  Psychose“ zu entwickeln, ähnlich wie im Kalten Krieg. Friedenslogisch betrachtet ist diese Entwicklung besorgniserregend“.

Militärische Sicherheitslogik vs. Friedenslogik

Die Friedensschrift stellt der militärischen Sicherheitslogik eine Friedenslogik gegenüber und schlägt konkrete Schritte zum Frieden vor: „Heute wird Sicherheit konfrontativ formuliert; die Akteure reden übereinander statt miteinander. Die Zeiten der Gemeinsamen Sicherheit und erfolgreicher Annäherung (KSZE/OSZE) sind vergessen. Die USA haben die Rüstungskontrolle aufgegeben und eine Präventivschlagdoktrin entwickelt. Die deutsche Regierung gibt de facto das Völkerrecht auf und unterstützt das US-amerikanische Recht des Stärkeren als neue Weltordnung. …

Im militärisch-sicherheitslogischen Denken wird Frieden ein nachgeordnetes Ziel. Denn angenommen wird, dass die Ursache von Unsicherheit von einer gegnerischen Seite ausgeht, deren bedrohliches Handeln notfalls mit Gewalt abgewehrt werden kann. Wenn auf beiden Seiten ähnlich militärisch-sicherheitslogisch gedacht und gehandelt wird, entsteht daraus eine eigendynamische Rüstungsspirale. Ressourcen fließen nicht mehr in den Aufbau und Erhalt von friedlichen Beziehungen, sondern in Abwehrmaßnahmen: Abgrenzung, Kommunikationsabbruch, Aufrüstung. Die Beziehungen verschlechtern sich und verstärken ungewollt die Risiken so, dass Konflikte bis hin zu einem Krieg eskalieren. …

Friedenslogische Sicherheitspolitik folgt daher einer anderen, konflikttheoretischen Grundannahme. Diese besagt, dass die Ursache von Unsicherheit nicht allein auf einer gegnerischen Seite liegt. Sie liegt vielmehr in den Beziehungen zwischen maßgeblichen Eliten beider Seiten. An diesen Beziehungen hat jede Seite einen eigenen Anteil, da die Drohung und Anwendung von Gewalt immer Folge komplexer Konflikte sind. Den eigenen Konfliktanteil kann ich selbst einseitig verändern und damit auch die Beziehungen beeinflussen. Die Verbindung von Frieden und Sicherheit kann daher aus friedenslogischer Sicht nicht durch Abgrenzung, Abbruch dialogischer Kommunikation oder Aufrüstung und Vorbereitung auf den Fall militärischer Konfrontation entstehen, sondern nur durch eine friedenstiftende Veränderung der Beziehungen zueinander.

Online-Präsentation

Am  Freitag, 5. Juni 2026 von 16 Uhr bis ca. 17.30 Uhr wird es eine online-Präsentation des Buches geben. Es liegen bereits die Zusagen von Dr. Margot Käßmann (Protestantin), PD Dr. Stefan Silber (Katholik), Prof. Dr. Fernando Enns (Mennonit)  und von Prof. Dr. Hanne-Margret Birckenbach für Kommentierungen vor. Ein weiterer Experte aus der Ökumene ist angefragt.
Nach einer Podiumsdiskussion der ExpertInnen werden Fragen und Kommentare aus der gesamten Konferenz möglich sein.

Der Zugangslink für die online-Präsentations-Videokonferenz: 

https://ippnw.collocall.de/b/rooms/jjn-cnj-uqp-6yg/join

Der Code für Teilnehmende ist: 6plpfp. Der Videokonferenzraum wird schon ab 15.50 Uhr zugänglich sein.


[1] Zitiert nach: Ulrich Bröckling in einem Gastbeitrag für den Spiegel „Deutschland und die Kriegstüchtigkeit. Der gefährliche Kurs der geistigen Mobilmachung“ (DER SPIEGEL 18/2025 vom 25.04.2025).

[2] Die digitale Buchversion kann von der Website des Ökumenischen Instituts für Friedenstheologie kostenlos heruntergeladen werden:
https://friedenstheologie-institut.jimdofree.com/app/download/8609240763/Oekumenische-Friedenschrift-2026.pdf


Was unsere Demokratie bedroht und wie wir sie schützen können: Ein Beitrag von Stefan Pfeiffer

Den folgenden, heute von Stefan Pfeiffer veröffentlichten Blogbeitrag „Das Ende der Vernunft – und was das für unsere Demokratie bedeutet“ möchte ich meiner geschätzten Leserschaft zur Lektüre empfehlen.


Warum Männer weinen: Neue Erkenntnisse aus der feministischen Fußballforschung

Dass Jungs oder Männer nicht weinen, kann man getrost als nicht mehr zeitgemäßes Erziehungsideal abtun. Falsch ist auch die von Herbert Grönemeyer in seinem Song „Männer“ verbreitete Mär, dass Männer heimlich weinen. „Immer mehr Männer weinen öffentlich“ titelte etwa die Berliner Zeitung am 26.03.2017 und stellte fest, dass das bei den Frauen gut ankommt. Es gilt nicht mehr als Kontrollverlust, wenn Männer, insbesondere solche mit Promistatus, öffentlich das Wasser nicht halten können und ihrer (durchaus vorhandenen!) Emotionalität sichtbar freien Lauf lassen. Weinende Männer sind jetzt „hot“, wie Anne Feldkamp am 12. Jänner 2026 in einer Kolumne für „Der Standard“ schreibt.

Das wäre nun keinen Blogbeitrag wert, hätte nicht heute die Badische Zeitung zu Anlässen für männliches Weinen aufschlussreiche Details veröffentlicht. Und hier kommt, wir hatten es schon vermutet, der Fußball ins Spiel. Nach einer verlorenen Kickerei sieht man Männer kollektiv Rotz und Wasser heulen. Manchmal sogar vor Freude über einen unverhofften Sieg. So erzählte laut Badischer Zeitung Lukas Kübler, Spieler des SC Freiburg, der zwei Tore im entscheidenden Europa-League-Rückspiel erzielt hatte: „Da kamen Familienväter auf mich zu und sagten: Sie hätten Tränen in den Augen gehabt bei der Geburt der Söhne. Und jetzt das dritte Mal“.

Nun muss man in solche Aussagen nicht allzu viel hineininterpretieren. Und manches wird ja auch von den Medien hochsterilisiert, wie der Fußballer Bruno Labbadia einst meinte. Aber was uns hier doch nachdenklich stimmen muss: Familienväter (!), die bei der Geburt ihrer Söhne (!!) weinten und danach erst wieder bei den Toren von Lukas Kübler (!!!). Die von feministischem Zorn triefenden Leserbriefe werden nicht auf sich warten lassen. Zur Ehrenrettung der Männer wollen wir mal annehmen, dass Familienväter auch bei der Geburt von Töchtern zu Tränen gerührt sein können und dass sie auch jenseits von Fußballstadien manches zum Heulen finden.


Was heute wirklich wichtig ist

Als Content Creator hat man es heutzutage leicht. Ständig präsentiert das pralle Leben neues Anschauungsmaterial, das nach einer Kommentierung auf diesem Blog heischt. Doch fällt die Auswahl schwer. Worauf sich beschränken? Womit anfangen?

Da wäre zum Beispiel Timmy der Wal, der sich ums Verrecken nicht retten lassen will. Der trotz mehrfacher Rettungsversuche immer wieder in seichtem Gewässer Zuflucht Suchende. Warum er nicht einfach ins rettende offene Meer schwimmt? Er wird seine Gründe haben. Heute nun ein weiterer Rettungsversuch, den wir BILD sei Dank im Livestream mitverfolgen können. Aktive Sterbehilfe ist in Deutschland verboten. Ob das auch für aktive Lebenshilfe bei lebensmüden Walen gilt? Wir bleiben dran.

Am Aufregerthema Benzinpreis kommt auch der fahrradfahrende Blogger nicht vorbei. Benzin ist bekanntlich der Kitt, der unsere Gesellschaft zusammenhält. Beim Spritpreis hört der Spaß auf. Das wusste schon Goethe, als er seinen Mephisto im Faust sagen ließ: „Benzin ist ein ganz besonderer Saft!“. Das Thema Sprit haben wir bereits in einem früheren Beitrag in diesem Blog zum Schrecken der Mineralölkonzerne angeprangert:

Weitgehend unbemerkt von der Öffentlichkeit blieb das Drama um die rot verpackten Schokoladenkugeln von Aldi Suisse. Dagegen hatte der Hersteller der Lindor-Kugeln Lindt & Sprüngli geklagt, wegen Verwechslungsgefahr. Jetzt muss Aldi seine Kugeln bunt verpacken.

In Freiburg dreht sich seit vergangenem Donnerstag alles um eine fehlerhafte Schiedsrichterentscheidung im Halbfinale des DFB-Pokals gegen Stuttgart. Der SC Freiburg fühlt sich um den Sieg gegen die „Schwobaseggl“ und Spätzlefresser und damit um die Teilnahme an Endspiel gegen Bayern München betrogen.

War sonst noch was? Ach ja: Krieg im Iran, 1,3 Millionen Vertriebene im Südlibanon, Krieg in der Ukraine, Krieg im Sudan, Krieg in Myanmar, Krieg in Gaza. Und morgen erinnern wir uns, wie es 1986 nach der Atomkatastrophe in Tschernobyl war, als wir die Kinder vom Spielplatz einsammeln mussten …


Katherina Reiches Angriff auf die Energiepolitik. Oder: Nicht nur die USA haben krasse Politiker*innen

Erstaunliche, ja beängstigende Fehlbesetzungen wichtiger politischer Ämter gibt es nicht nur in der US-Administration. Ein Präsident, dessen Regierungshandeln von Persönlichkeitsstörungen und geistiger Verwirrtheit geprägt wird, ein Kriegsminister (Pete Hegseth), der Kriegsverbrechen mit dem „Vater Unser“ begründet, ein Gesundheitsminister (Robert F. Kennedy Jr.), der Impfgegner und Anhänger von Verschwörungstheorien ist – das könnte man als politische Folklore abtun, wenn von diesen Leuten nicht eine reale Gefahr ausginge.

Ganz so schlimm ist es in Deutschland nicht. Noch nicht, möchte man im Blick auf die Wahlerfolge der AfD ergänzen. Für politische Folklore sorgen bei uns Markus Söder und Hubert Aiwanger in Bayern, Kulturstaatsminister Wolfram Weimar, Wirtschaftsministerin Katherina Reiche. Und wir hatten mal einen Verkehrsminister Andreas Scheuer – der mit der Maut („kann sich an entscheidende Details nicht mehr erinnern“). Man munkelt, dass der Scheuer Andi ein Angebot von Donald Trump bekommen hat, das Mautproblem in der Straße von Hormus zu organisieren.

Wo waren wir stehengeblieben? Ach ja: Spieglein, Spieglein an der Wand, wer hat die unfähigsten Politiker*innen im Land? Und da kommt man an Katherina Reiche kaum vorbei. Was muss eigentlich noch alles passieren, damit Kanzler Merz seine inkompetente Wirtschaftsministerin, die Nachfolgerin von Robert Habeck, entlässt? Eine gute Recherche über Reiches dreisten Angriff auf die Energiepolitik bietet ein Blogbeitrag von Stefan Pfeiffer, den ich heute meinen Abonnent/innen zur Lektüre empfehle.


Friedensfähig statt kriegstüchtig: Eindrücke vom Ostermarsch in Freiburg

Letztes Jahr war ich beim Stuttgarter Ostermarsch. Heute (Ostersamstag, 4. April) habe ich mit meinem an den Rucksack gehefteten Schild „Nein zum Krieg“ am Ostermarsch in Freiburg teilgenommen. Die Stadt war voll wie oft an Verkaufssamstagen, wenn am Monatsanfang der Geldbeutet voll ist, das Frühlingswetter nach draußen lockt und gleichzeitig der SC Freiburg ein Heimspiel hat. Trauben von Einheimischen und Touristen an den Verkaufsständen auf dem Münsterplatz, in der Einkaufsmeile dichtes Gedränge, und dazu die auswärtigen Schlachtenbummler, die zum Fußballspiel gegen Bayern München angereist waren.

Da mutete der auf sympathische Weise schlecht organisierte Demonstrationszug der etwa 500 Ostermarschierer, dem die Polizei den Weg durch die Innenstadt bahnte, wie aus der Zeit gefallen an. Zum Glück fehlten die bei solchen Anlässen selbsternannten Einheizer von Sprechchören wie „Frieden schaffen ohne Waffen“ oder „Deutsche Waffen, deutsches Geld, morden mit in aller Welt“ – das Nachgrölen vorgefertigter Parolen war noch nie mein Ding. Was ich vermisst habe: aufmunternde Musik („Wozu sind Kriege da“) oder wenigstens eine Perkussionsgruppe. Stattdessen sang jemand, der offenbar nur ein Lied im Repertoire hatte, begleitet von einer kratzigen Mandoline unentwegt das „Bella Ciao“ der italienischen Partisanen – nicht unbedingt passend zum Anlass.

Trotzdem war es eine mutmachende Veranstaltung. Wer möchte, kann den Redetext des Hauptredners Jürgen Grässlin hier nachlesen. Die Friedensbewegung, der gerne Naivität angesichts der politischen Realitäten nachgesagt wird oder eine Übernahme rechter Positionen (z.B. „Die Friedenstauben flattern nach rechts“, Die Zeit vom 19.04.2025) meldet sich wieder stärker zu Wort. Und sie findet zunehmend auch Unterstützung in der Politik, angesichts der aktuellen Kriege in Nahost. Europäische Staaten wie Spanien und Frankreich wenden sich explizit gegen den Krieg, den die USA und Israel vor fünf Wochen gegen den Iran begonnen haben. Sie verweigern den Amerikanern die Nutzung von US-Stützpunkten auf ihrem Territorium. Deutschland gehört leider nicht dazu. Die Verantwortlichen für Deutschlands (Rüstungs- und Anti-Friedens-)Politik dieser Tage werden nicht mit Matthias Claudius sagen können: ’s ist leider Krieg – und ich begehre nicht Schuld daran zu sein!


Neuer Fall von Cancel Culture? TV-Schlagersendung „Immer wieder sonntags“ abgesetzt!

Das Fernsehpublikum ist geschockt: „Immer wieder sonntags“, eine der beliebtesten Schlagersendungen mit Stefan Mross, wird abgesetzt! Das traurige Ende nach über 30 Jahren begründet der SWR mit finanziellen Gründen. Droht das gleiche Schicksal bald auch den Sendungen „Schlagerspaß mit Andy Borg“, „Die Feste mit Florian Silbereisen“ und der „Beatrice Egli Show“?

Ohne die Schlagersendungen der chronisch gut gelaunten Dauergrinser Andy Borg, Florian Silbereisen und Stefan Mross droht das Fernsehprogramm zu einer kulturellen Wüste zu verkommen. Kein „Atemlos durch die Nacht“, kein „Hulapalu“, kein „Frauen wollen immer nur das eine“ von Roland Kaiser und kein „Weine nicht, kleine Eva“ von den Flippers mehr – unvorstellbar! Angeblich sind erste Protestschreiben bei den Programmverantwortlichen eingegangen. So etwa von der IG Bau, Steine, Erden, deren Erkennungsmelodie „Marmor, Stein und Eisen bricht“ nicht mehr im Fernsehen zu hören sein wird. Die AfD soll reklamiert habe, dass im Anschluss an Dokumentationen über Hitler nicht mehr „Junge, komm bald wieder“ gespielt werden darf. Auch das in AfD-Kreisen gerne mitgegrölte „Biste braun, kriegste Fraun“ von Mickie Krause wird schmerzhaft fehlen.

Die Vermutung, dass Kulturstaatsminister Wolfram Weimar hier die Finger im Spiel hat, weist dieser natürlich zurück. Doch die gecancelten Schlagerstars wissen es besser: „Du hast mich tausendmal belogen“ (Andrea Berg) und „Warum hast du nicht nein gesagt?“ (Roland Kaiser). Wer sich in der deutschen Schlagerszene auskennt, ahnt, welche kulturelle Lücke entsteht, wenn beliebte Schlagersendungen gestrichen werden.

Kritiker*innen aus der radikalfeministischen Szene meinen zwar, in diesen Sendungen werde ein konservatives bis sexistisches Frauenbild propagiert und verweisen auf Liedtitel wie „Layla“ (schöner, jünger, geiler), „Bumsbar“ von Ikke Hüftgold oder „Zeig mir deine Möpse“ von Mickie Krause. Dabei sind diese und andere Ballermann-Titel („Saufen – morgens, mittags, abends“) aus dem sonntäglichen Betäubungsprogramm für Pflegeheimbewohner längst eliminiert – falsche Zielgruppe! Die ARD als verantwortliche Sendeanstalt und andere Mainstream-Medien wie ZDF, Phoenix und Deutschlandfunk werden sich die Frage gefallen lassen müssen, ob mit dieser Entscheidung nicht ein weiterer Schritt in Richtung linksgrüne Ausrichtung des Öffentlich-Rechtlichen Programms vollzogen wird. Mag sein, dass die lapidare Meinung in den Chefetagen dazu in Anlehnung an den beliebten Schlager der Kölner Musikgruppe „Die Höhner“ lautet: „Wenn nicht jetzt, wann dann?“.  Dann bleibt uns nur mit Peter Wackel zu konstatieren: „Scheiß drauf! Mallorca ist nur einmal im Jahr“.


High Noon an der Tanke: Geht den Mineralölkonzernen jetzt die Muffe?

Der Deutschen größte Sorge eine gilt dieser Tage, während der gestrandete Buckelwal freigebaggert werden konnte, den stark gestiegenen Spritpreisen. Die Bundesregierung, den Zorn der Wählerinnen und Wähler fürchtend, greift diese Sorge auf und weist die bösen Mineralölkonzerne in die Schranken. Mit dem jetzt beschlossenen Kraftstoffmaßnahmenpaket dürfen Aral, Esso, Shell und Co. nur noch einmal am Tag, um 12 Uhr mittags, den Spritpreis erhöhen. Offenbar hat die Regierung gerade eine bahnbrechende Entdeckung gemacht: Mineralölkonzerne agieren innerhalb einer kapitalistischen Wirtschaftsform und streben nach größtmöglichem Profit! Nein, sowas aber auch!

Mit den Maßnahmen der Regierung gegen die hohen Spritpreise soll dem ein Riegel vorgeschoben werden. Zweifel an der Wirksamkeit sind erlaubt. Wird es beim vorösterlichen Urlaubsverkehr zu Rangeleien an den Tankstellen kommen? Werden sich, wenn kurz vor Zwölf die Schlange an der Zapfsäule groß ist, rabiate Autofahrer – Frauen ja wohl weniger – gewaltsam den Weg zum Zapfhahn freischießen? High Noon an der Tanke?

Glaubt jemand im Ernst, dass die Preiserhöhungen in der Summe niedriger ausfallen, wenn nur einmal am Tag an der Preisschraube gedreht werden darf? Dann wird es im Zweifel doch etwa mehr sein. Absenken geht ja immer. Gut, die Konzerne müssen, so die Idee der Bundesregierung, die Preiserhöhungen plausibel begründen. Das dürfte kein Problem sein: Irgendwo ist ja immer Krieg, mal steht ein Tanker im Suezkanal quer, mal droht ein geistesgestörter US-Präsident mit neuen Zöllen. Da wird sich schon was finden lassen.

Mehr Transparenz bei den Kraftstoffpreisen hätte man durchaus schon früher durchsetzen können. Warum erst jetzt, und warum so halbherzig? Warum kein Tempolimit auf Autobahnen, keine Übergewinnsteuer? Stattdessen plant man die Erhöhung der Pendlerpauschale, und der Ausstieg aus dem Verbrenner wird erst einmal verschoben. Die Lobby der Mineralölkonzerne und der Autofahrer lässt grüßen.


Krieg dem Spritpreis: Deutschlands Autofahrer und Verbände fordern Tankrabatt!

Heilig´s Blechle! Schnappatmung an deutschen Tankstellen und in der Boulevardpresse: Angesichts  gestiegener Spritpreise erschallt landesweit der Ruf nach staatlichen Hilfen. Beim Spritpreis hört beim deutschen Autofahrer bekanntlich der Spaß auf, Krieg hin oder her. Der Ruf nach dem Eingreifen des Staates ertönt besonders laut aus Kreisen, die gegen das beschlossene Verbrenner-Aus Sturm laufen, gerne auf der Autobahn ohne Tempolimit heizen und im Heizungskeller keine staatliche Bevormundung dulden.

Leute, was denn jetzt? Der Ruf nach dem Staat, wenn es uns in den Kram passt? Wir jammern über erhöhte Kosten für Benzin und Gas, während die USA und Israel den Iran und Libanon zusammenbomben und der Iran mit Raketenangriffen in der ganzen Region reagiert. In Kuba bricht erneut landesweit die Stromversorgung zusammen, weil die USA das Land mit einem Ölembargo belegen. Donald Trump denkt laut darüber nach, Kuba zu „übernehmen“ (für die Jüngeren unter uns: Das ist schon einmal ziemlich schief gegangen, nämlich 1961 bei der gescheiterten Invasion in der Schweinebucht …).

Im Libanon sind inzwischen schätzungsweise 760.000 Menschen vertrieben worden; das sind mehr als zehn Prozent der Einwohner des Landes. Während die USA ihre Kanonenbootpolitik auf neue Länder ausdehnen und immer neue humanitäre Katastrophen auslösen, kürzt Deutschland die Mittel für Armutsbekämpfung und humanitäre Hilfe. Sich darüber aufzuregen wäre angemessener als über höhere Benzinpreise.

Im Übrigen ließe sich der höhere Spritpreis leicht kompensieren: Fahrgemeinschaften bilden, Fuß vom Gas, Tempo 100 auf Autobahnen, auf den ÖPNV umsteigen. Geht doch!   


2 Comments on “Krieg dem Spritpreis: Deutschlands Autofahrer und Verbände fordern Tankrabatt!”

  1. Danke für den Kommentar. Ja, es stimmt, nicht alle Empfehlungen sind für alle individuellen Lebenslagen geeignet. Mir ging es auch mehr darum deutlich zu machen, über welche Einschränkungen unserer Lebensgewohnheiten wir jammern (bzw. viele Menschen), während in den Kriegsregionen Menschen fliehen müssen, kein Dach mehr über dem Kopf haben und um ihr Leben bangen müssen.

  2. Avatar von Wolf Jäger Wolf Jäger sagt:

    In vielen Dingen hast Du Recht, aber, die Tipps von wegen Fahrgemeinschaften, langsamer fahren, E- Auto- ich kann sie nicht mehr hören. Fahrgemeinschat- unmöglich, da ich oft individuell arbeite, Langsamer… bei dem Wildbesatz kann man bei uns nicht rasen und egal ob ich spät oder früh habe- eine Nachtfahrt hab ich immer dabei, wenn ich mal ne Nachtschicht mache, beide… und die Ersparnis: 0,5L/100km. E Auto? Ich bräuchte einen 2 sitzigen Hundefänger mit dem man auch einen Anhänger ziehen kann. Das Ding wäre so teuer- das ich auf alle Lebensfreuden verzichten müsste weil ich die Karre abzahle. Ich hoffe suf wärmere Nächte- dann fahre ich die 40km mit meiner 125er Brixton Rayburn. Nur 2,5 Liter auf 100km.
    Aber ich meckere ja auch nicht, ganz im Gegenteil, ich hoffe, das die Iraner lange durchhalten, damit Trump seine eigene „Ukraine“ bekommt


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