Amrum. Warum nicht mal einen Reiseblog?

Letztes Jahr haben meine Frau, der Hund und ich zum ersten Mal Urlaub auf Amrum gemacht. Das wollen wir dieses Jahr wiederholen. Bei der Urlaubsvorbereitung ist mir ein fast vergessener Text in die Hände gefallen, der beim letztjährigen Urlaub entstanden ist. Hier ist er:

Amrum. Urlaubseindrücke von einer besonderen Nordseeinsel  

Wer auf die Frage „Wohin geht´s denn dieses Mal in den Urlaub?“ mit „Amrum“ antwortet, erntet eine Flut, einen veritablen Sturm, also quasi eine Sturmflut an Begeisterungsausbrüchen. Zu Amrum hat jede und jeder eine Meinung, und zwar immer die Gleiche. Niemand, der nicht schon mal da war, manche sogar mehrmals, und der oder die erzählen kann, wie wahnsinnig toll diese Insel ist. Selbst die, die noch nicht da waren, kennen jemand oder sogar mehrere, die schon da waren, oder sie kennen jemand, der jemand kennt, der schon mal da war, vielleicht sogar schon mehrmals da war, und wissen somit zuverlässig aus zweiter oder dritter Hand, wie unfassbar super diese Insel ist. „Die Perle der Nordsee mit traumhaftem Kniepsand“ – so die Eigenwerbung des Touristenbüros auf Amrum.

Und es stimmt ja irgendwie auch. Alles ist hier anders als anderswo, nicht so snobistisch wie auf Sylt, nicht so zugebaut wie auf Föhr, von Norderney oder Pellworm ganz zu schweigen. Amrum ist einfach besonders, amrumig eben: Die Luft, das Meer, die Kühe, die Dünen, die Fischbrötchen, die Heidelandschaft, der Leuchtturm, die puppenstubenähnlichen reetgedeckten Häuser in Nebel, das Gastronomieangebot, die Vogelwelt, der Kniepsand. Das alles und noch mehr kann man in zahllosen Reiseführern, Amrum-Kochbüchern, ja sogar Krimis nachlesen. Im Inselbuchladen Quedens gibt es eine ganze Wand mit Büchern von und über Amrum.

Ein Urlaub auf Amrum animiert zum Lesen. Wahrscheinlich, weil man auf dieser Insel sonst wenig Sinnvolles unternehmen kann, außer dem täglichen Weg zur Inselbäckerei, dem Rahmentrommelbau-Seminar mit Elisabeth und Sigi, einer Fahrt mit der Inselbahn (gähn) oder dem stundenlangen Rumhängen in einem der vielen Strandkörbe. Wer dem dadurch drohenden Dekubitus vorbeugen will, dem seien Strand- und Dünenwanderungen oder geführte Ausflüge ins Wattenmeer empfohlen. Für nölige Kinder bietet sich das Amrumer Abenteuerland an. Das kulturelle Angebot ist überschaubar: Gitte Haenning (live & hautnah), wahlweise auch mal Katja Ebstein oder der Kabarettist Florian Schröder. Nicht zu vergessen die Amrumer Blaskapelle. Das Inselkino heißt Lichtblick und ist auch einer. Pflichtprogramm für jeden Amrum-Touristen ist der Film „Luv & Lee Amrum. Der Film“ – der zumindest bringt für 90 Minuten Abwechslung in den ansonsten gleichförmigen Amrumurlaubsalltag.  

Natürlich kann man alles lesen, was schon länger auf der „muss ich unbedingt noch lesen-Liste“ steht. Es bietet sich aber an, Insel- und Seefahrerliteratur zu schmökern. Dörte Hansens Roman „Zur See“ zum Beispiel, der, ohne dass die Autorin es explizit macht, offensichtlich auf Amrum spielt. Oder „Kruso“ von Lutz Seiler, auch ein Inselroman, der allerdings die damals noch zur DDR gehörende Insel Hiddensee mit dem real existierenden Ausflugslokal „Zum Klausner“ zur Kulisse hat. Wer es sich richtig geben will, der nehme sich das halbe Kilo „Moby Dick“, den Walfängerroman von Herman Melville vor –sollte man sowieso irgendwann mal gelesen haben. Warum also nicht auf Amrum, von wo im 17. Und 18. Jahrhundert Männer auf Walfangschiffen anheuerten, oftmals auch als Kapitäne im Walfang ihre Bestimmung fanden und wo heute Ferienhäuser „Walfänger“ heißen und Restaurants „Klabautermann“? Berühmt ist der Amrumer Seefahrer Hark Olufs, der zwei Jahre als Sklave in Algerien verbrachte, dann aber zum General aufstieg und 1736 wieder nach Amrum zurückkehrte.

Auch für schreibhungrige Menschen bietet ein Urlaub auf Amrum vielfältige Anreize. Literaten und Journalisten, die auf Amrum Urlaub machen, können offenbar nicht umhin, kurze oder lange Liebeserklärungen an die Insel zu Papier zu bringen. So schreibt Iris Radisch in der Wochenzeitung DIE ZEIT: Dass ich dennoch immer wieder nach Amrum fahre, liegt nicht nur an der Kosten und Kerosin sparenden Anreise und an den unbestreitbaren Naturschönheiten der Insel – der Champagnerluft, den Möwen, dem endlosen weißen Sandstrand, den Kiefernwäldern, dem kühlen Wind, der Dünenlandschaft, den Wattvögeln, dem erstklassigen Wolkentheater –, sondern auch an der reizarmen Eintönigkeit, die dazu beiträgt, die Welt wie am ersten Schöpfungstag in ihren beruhigenden elementaren Urbestandteilen wahrzunehmen.“

Eine reizende und treffende Beschreibung der amrumschen Vorzüge des Nichtstuns und der Langeweile.

Für die vielschreibende und durchaus erfolgreiche Autorin aus dem Südwesten Deutschlands gilt das mit dem Nichtstun nicht. Sie gönnt sich auch im Urlaub keine Pause vom geradezu manischen Schreibzwang. 25 Bücher, im Schnitt pro Jahr ein Buch. Und fast so viele Auszeichnungen. Kein Urlaub, ohne dass daraus nicht mindestens eine Publikation werden muss. Warum das im Falle von Amrum gleich so besitzergreifend ausfallen muss? Ja gut, es ist nett und süffig geschrieben und unangestrengt zu lesen. Easyreading eben. Steht nichts Falsches drin. Man kennt ihren gefälligen, aber auch belanglos dahinplätschernden Stil auf höherem Schreibwerkstattniveau aus anderen Werken.  

Als die Insel noch nicht touristisch erschlossen war, herrschte große Armut. Wichtige Erwerbsquellen waren die Seefahrt und das „strunlupen“, die Strandräuberei und das Ausschlachten von havarierten Schiffen. Heute lebt Amrum vom Tourismus. Auf den Kopf jedes Inselbewohners fallen rund 350 Übernachtungsgäste im Jahr. Das härtet ab. Die andere Hälfte fällt auf die Köpfe der Inselbewohnerinnen – so viel Gerechtergeschlechtigkeit muss sein. Die Feriengäste logieren zumeist in Ferienwohnungen. Davon gibt es auf der Insel unzählige. Bei der Gestaltung der Wohnungen sind der Geschmacklosigkeit keine Grenzen gesetzt. Das ist allerdings kein amrumspezifisches Phänomen. Neben den praktischen und unverzichtbaren Dingen wie Tisch, Bett, Schrank, Sofa, Bad und einer hoffentlich gut ausgestatteten Küche – zwei Knoblauchpressen, aber keine Salatschleuder – glauben Ferienwohnungsbesitzer ihren Gästen den Aufenthalt ästhetisch zu verschönern, indem sie die Wohnung mit allerlei sinnlosem und hässlichem Nippes „schmücken“. Jeder Zentimeter, jede Ablagefläche, jede freie Wand muss herhalten für holzgeschnitzte, gehäkelte, gebatikte oder gemalte Möwen, Leuchttürme, Schiffe, „Smile“- und „Take me to the Beach“-Sprüche und ähnlichem Kokolores. Dabei ist der Blick aufs Wattenmeer, sofern man denn einen hat, so reizvoll, dass man keine zusätzlichen Reize aus der Kiste „nicht schön, aber geschmacklos“ braucht.  

Das bevorzugte Verkehrsmittel auf Amrun ist das Rad. An jeder zweiten Ecke gibt es einen Fahrradverleih (Stephan´s Fahrradverleih). Dagegen ist nichts zu sagen (höchstens gegen die unausrottbare Apostrophitis). Mit dem Fahrrad hat man in zwei Stunden alle fünf Dörfer auf der Insel abgeklappert. Nach wenigen Tagen kennt man alle mit dem Rad erreichbaren Wege und Ziele. Um zum äußerten Punkt an der Nordspitze zu gelangen, muss man das Rad allerdings ungefähr zwei Kilometer vorher abstellen und die Umrundung der Nordspitze zu Fuß absolvieren. Der Wind weht unterschiedlich stark – mal von Süd nach Nord, mal umgekehrt. Wer also mit kräftigem Rückenwind die zehn Kilometer von Wittdün nach Norddorf nahezu ohne Kraftanstrengung geradelt ist, der wird auf dem Rückweg entweder fluchend gegen den Wind anstrampeln oder besser den östlich weitgehend durch den Wald führenden Weg wählen, weil der den Gegenwind etwas entschärft. Radfahren auf Amrum macht Spaß. Wäre da nicht jene Sorte von Feriengästen, die zwar offensichtlich den Spaß des Radfahrens neu entdecken, denen es aber an der nötigen Praxis im Umgang mit diesem Fortbewegungsmittel mangelt – um es mal ganz freundlich zu sagen („fahr doch rechts, du Dackel!“).

Jetzt haben wir noch gar nicht über das Wetter auf Amrum geredet. Und auch nicht über den Hang zu blauweißquergestreifter Bekleidung. Über die Nordseekrabben, die doch irgendwie an Maden erinnern. Aber vielleicht ist es ja nicht der letzte Urlaub auf Amrum, dieser „Perle der Nordsee mit traumhaftem Kniepsand“.


Kriegstüchtig werden! Mein persönlicher Beitrag zu einer patriotischen Pflicht

Der Verteidigungsminister Boris Pistorius hat es ausgesprochen: „Wir müssen kriegstüchtig werden. Wir müssen wehrtauglich sein“. Und Roderich Kiesewetter, CDU-Verteidigungsexperte, hat erklärt: „Wir müssen Krieg können“. Den Einwand, dass wir Krieg können, hätten wir bei zwei Weltkriegen bewiesen, lassen wir hier mal nicht gelten. Jetzt ist es unser aller patriotische Pflicht, dem Aufruf von Boris und Roderich (wer hat dem armen Kind bloß diesen Namen gegeben?) zu folgen und unseren Beitrag dazu zu leisten, dass unser Land wieder Krieg kann. Und das gilt zuförderst für uns Männer, wie Björn Höcke von der AfD in großer Weisheit schon vor fast zehn Jahren bei einer Kundgebung in Erfurt sagte: „Wir müssen unsere Männlichkeit wieder entdecken. Denn nur wenn wir unsere Männlichkeit wiederentdecken, werden wir mannhaft. Und nur wenn wir mannhaft werden, werden wir wehrhaft, und wir müssen wehrhaft werden, liebe Freunde!“

1972 in Bolivien (links Pferd, rechts der Autor)

Auf der Suche nach der Männlichkeit

Der Empfehlung von Höcke folgend habe ich mich unverzüglich auf die Suche nach meiner Männlichkeit begeben, bisher allerdings noch ohne überzeugendes Ergebnis. Das heißt, nicht ganz: In meiner vorpubertären Entwicklung gab es eine auf die Faschingszeit begrenzte „Ich bin Winnetou-Phase“. Später, bei der Ableistung meines Zivildienstes in Bolivien, war mir eine maskulin-erotische Ausstrahlung a lá John Wayne nicht abzusprechen (siehe Photo auf der rechten Seite)

Zivildienst war gestern. Wehrpflicht heißt das Gebot der Stunde

Apropos Zivildienst: Dieser war Folge meiner Kriegsdienstverweigerung Ende der 1960er Jahre. Eine Jugendsünde, für die ich mich heute schämen muss und für die ich Boris Pistorius um Verzeihung bitte. Auch meine unbedachte Beteiligung an Antikriegsdemonstrationen wie 1981 im Bonner Hofgarten gegen den NATO-Doppelbeschluss oder 1983 an der Menschenkette Stuttgart-Ulm kann ich im Lichte der heutigen militärischen Bedrohung des NATO-Bündnisgebietes nur als naive pazifistische Verirrung geißeln. Ich harre nun sehnsüchtig der Wiedereinführung der Wehrpflicht und hoffe sehr, dass die Altersgrenze nach oben auf 80 Jahre angesetzt wird, damit ich mein Drückbergertum von vor fast 60 Jahren wiedergutmachen kann.

Und nicht immer von Hitler anfangen …

Bis auf weiteres muss ich meinen persönlichen Beitrag zur Kriegstüchtigkeit unseres Land auf banalere Dinge konzentrieren. Wehrkraftzersetzende Äußerungen („die Bundeswehr ist dazu da, den Feind solange aufzuhalten, bis richtige Soldaten kommen“) werde ich künftig unterlassen. Meine „Nie wieder Krieg-CD“ von Tocotronic habe ich in die „Zu verschenken-Kiste“ vor der Haustür getan. Verdächtiges Liedgut, das mich in die Nähe von Kriegsgegnern rücken könnte, habe ich klammheimlich im Reißwolf entsorgt (u.a. „Es ist an der Zeit“ von Hannes Wader, „Ein bisschen Frieden“ von Nicole, „Blowin´ in the Wind“ von Bob Dylan …). Die Säuberung meines Bücherschranks von pazifistisch verseuchter Literatur ist weitgehend abgeschlossen; zwei ganze Umzugskartons habe ich demonstrativ öffentlich verbrannt und währenddessen „Schwarzbraun ist die Haselnuss“ aus „Kameraden singt“ (Liederbuch der Bundeswehr) gesungen (Wie? Haben die Nazis gerne gegrölt?).

Auch der Hund muss ran

Mit dem Hund habe ich ein spezielles Kriegstüchtigkeitstraining begonnen. Und das geht so: Ich zeige ihm diese Putin-Puppe:

Reagiert er mit Schwanzwedeln, erfolgt über ein spezielles Halsband ein Stromstoß. Die richtige Reaktion, nämlich knurren und bellen, hat er inzwischen voll drauf. Dafür darf er als Belohnung die Puppe als Spielzeug malträtieren. 

Wir basteln uns einen Schutzraum

Das alles reicht natürlich nicht. Experten der Bundesregierung haben kürzlich für den Fall, dass Ziele in Deutschland militärisch angegriffen würden, ein „bundesweites Schutzraum-Konzept“ empfohlen. Der alte Freiburger Schutzbunker im Schlossberg, der in den 1960er Jahren für ca. 10 Millionen DM ausgebaut wurde und der im Ernstfall für 5000 Menschen ausgelegt war, ist wegen Schimmelbefall derzeit nicht nutzbar. Ich erwäge nun, eine Crowdfunding-Aktion zur Nutzbarmachung dieses Bunkers ins Leben zu rufen. Die Idee dahinter ist, dass, je nach Höhe des Sponsorings,  entsprechend gestaffelte Zugangsvoraussetzungen zum Schutzbunker gewährt werden. Spender/innen ab 5.000 Euro und mehr würden einen garantierten Sitzplatz erwerben. Ab 25.000 Euro gäbe es Anspruch auf ein reserviertes Bett mit angeschlossener Nasszelle. Für Mitglieder des Stadtrats, des Domkapitels und aktive Spieler des SC Freiburg wäre ein VIP-Bereich eingerichtet mit persönlicher Betreuung am Platz. Das Konzept ist noch nicht ganz ausgereift; Wohnungslose und Bürgergeldempfänger müssten jedenfalls draußen bleiben.

Das Schutzraum-Konzept der Bundesregierung beinhaltet auch die Aufforderung an die Zivilbevölkerung, im eigenen Keller oder unter der Erdoberfläche einen Hausschutzraum herzurichten. Ich habe bereits mit dem Graben im Garten begonnen.

Herr Pistorius: Kriegstüchtig werden – ich bin dabei! Für weitere Anregungen bin ich dankbar.


Gegen die Untergangsstimmung im Land: Toooooooooor!

Endlich mal nicht nur negative Schlagzeilen. Deutschland gewinnt das Eröffnungsspiel der Fußball-Europameisterschaft! Fußballfieber als Religionsersatz und kollektive Ablenkung von Katastrophen- und Untergangsmeldungen wie Kriegsangst, islamistische Bedrohung, Rechtsruck in Europa, Koalitionsstreit, Wirtschaftskrise und Umweltzerstörung: Da kommt die Europameisterschaft gerade recht. Jetzt, wo die Fußball-EM die Nachrichten und Schlagzeilen füllt, Hunderttausende in die Stadien strömen, Millionen die Spiele am Fernsehen verfolgen, wo Traumtore bejubelt werden und verschossene Elfmeter kollektives Entsetzen auslösen, fragen nur Defätisten wie ich (und davon gibt doch einige): Kann man Fußballspiele noch mit unschuldigem Vergnügen anschauen? Ist der Profifußball nicht längst zu einem widerwärtigen Milliardengeschäft degeneriert, dem man die Aufmerksamkeit verweigern sollte?

Die Konsequenz, nämlich die Spiele zu boykottieren, fällt mir schwer. Eleganten Fußball anzusehen ist einfach faszinierend. Ich kann auch mitjubeln, wenn ein schöner Spielzug mit einem Tor abgeschlossen wird. Allerdings ist mir das ganze Getue drumherum zuwider – die quasireligiösen Eröffnungszeremonien, der Kult- und Heldenstatus um die Spieler, das Wissen um die korrupte FIFA und die dekadenten Lebensweisen der millionenschweren Spieler. Die Vergabe der WM an Deutschland 2006 und die dubiose Rolle von Franz Beckenbauer, über dessen Konto Millionen hin- und hergeschoben wurden, ist bis heute nicht wirklich aufgeklärt.

Die deutsche Fußballmannschaft hat ihr erstes Spiel überlegen gewonnen. Das bringt die ganze Nation in euphorische Hochstimmung. Wir halten uns trotz vieler Niederlagen in den letzten Jahren immer noch für die eigentlichen Weltmeister. Vergessen das klägliche Ausscheiden bereits in der Vorrunde bei der Weltmeisterschaft 2018 in Russland und 2022 in Katar, das Ausscheiden bei den Europameisterschaften 2012 und 2016 (immerhin erst im Halbfinale) und 2020 im Achtelfinale. Wird es etwa ein neues „Sommermärchen“ geben, vielleicht sogar ein neues „Wunder von Bern“?

Es wäre längst an der Zeit, die Starallüren der Fußballprofis im deutschen und internationalen Fußball als das zu entlarven, was sie sind: Prolliges Zuschaustellen von perversem Reichtum, während die Stadionbesucher sich die Ticketpreise kaum mehr leisten können. Die Großverdiener im deutschen und internationalen Fußball verdienen oder verdienten unglaubliche Summen: Beckenbauer, Lionel Messi, Cristiano Ronaldo. Letzterer kommt auf 260 Millionen Dollar allein in der Saison 2023/2024.

Saudi-Arabien hat in den letzten Jahren die besten Spieler mit horrenden Summen abgeworben („Willst du mehr verdien‘, musst du nach Saudi-Arabien zieh’n“). Und dann der Transfer-Wahnsinn: Clubs geben hohe Summen für neue Spieler aus. Rekordhalter ist der FC Chelsea, der im Jan. 2023 320 Mio. Euro für Transfers von acht Spieler ausgegeben hat. Davon allein 121 Mio. Euro für den 22 Jahre alten Argentinier Enzo Fernández. Die Clubs selbst sind großenteils im Besitz von russischen Oligarchen, arabischen Scheichs und Baulöwen. Borussia Dortmund lässt sich vom Rüstungskonzern Rheinmetall sponsern. Jeder fünfte Deutsche will mehr „weiße“ Nationalspieler. Das alles und noch viel mehr trübt den Spaß am Fußballschauen. Trotzdem wünsche ich der deutschen Nationalmannschaft einen erfolgreichen Verlauf. Und dass sich endlich mal deutsche Profifußballer zu ihrer Homosexualität bekennen und nicht nur von Vielfalt und Toleranz schwafeln.


Gegen Demokratiekritik und Politikverdrossenheit: Wählen gehen aber richtig!

Am kommenden Sonntag sind Wahlen zum Europaparlament, in Baden-Württemberg außerdem Kommunalwahlen. Im Rahmen des Wahlkampfs während der letzten Wochen sind mir auch Menschen begegnet, die kein Vertrauen mehr in die parlamentarische Demokratie haben und folglich nicht zur Wahl gehen. Meine hilflosen Überzeugungsversuche, dass damit dem Autoritarismus und rechtsextremen Strömungen Vorschub geleistet wird, waren vermutlich vergeblich.

Wahrscheinlich sind Sie / seid Ihr, liebe Leserinnen und Leser dieses Blogs, der falsche Adressatenkreis für eine Moralpredigt, vom Wahlrecht Gebrauch zu machen. Trotzdem möchte ich Euch und Ihnen heute einen Vortrag ans Herz legen, der im Rahmen der Freiburger Samstags-Uni in der Reihe „Demokratie – Grundlagen und Herausforderungen“ am 18.05.2024 von Prof. Dr. Dr. h.c. mult. Andreas Voßkuhle (ehemals Präsident des Bundesverfassungsgerichts und heute u.a. Vorsitzender des Vereins „Gegen Vergessen – Für Demokratie“) gehalten wurde: Demokratie und Grundgesetz: Eine „Tour d´Horizon“ (dauert eine Stunde, lohnt sich sehr und kann hier angeschaut und angehört werden).

Hier die inhaltliche Zusammenfassung des Vortrags: „Die Idee der Demokratie geht bis auf die Antike zurück und existiert in sehr unterschiedlichen Ausgestaltungen und Spielarten. Auch das sich nach dem Zweiten Weltkrieg etablierende sog. westliche Demokratiemodell kennt viele unterschiedliche Varianten. Das wird sofort deutlich, wenn man etwa die politischen Systeme in Frankreich, Großbritannien, der Schweiz und den USA mit dem der Bundesrepublik Deutschland vergleicht. Was diese Staaten aber eint, ist der allgemeine Verlust an Vertrauen in die Zukunftsfähigkeit der repräsentativen Demokratie, der deutlich über die regelmäßig aufflammende Politikverdrossenheitsdebatte hinausgeht.  Der 75. Geburtstag des Grundgesetzes am 23. Mai in diesem Jahr ist daher ein guter Anlass, nach dem spezifischen Demokratieverständnis der Verfassung der Bundesrepublik Deutschland zu fragen. Seine Kernelemente sollen vor dem Hintergrund der weltweiten Renaissance des Autoritarismus und der aktuellen Herausforderungen durch den Rechtsextremismus in Deutschland in Form einer kritischen „Tour d`horizon“ auf Schwächen und Stärken und mögliche Entwicklungspotentiale abgeklopft werden.“


Söder für mehr Klimaschutz. Oder: Wie viel Scheinheiligkeit verträgt die Politik?

Das Hochwasser steigt, es gibt schwere Schäden, sogar Tote. Die Innenstadt von Passau steht komplett unter Wasser. In vielen Kommunen in Bayern und Baden-Württemberg ist Land unter. Derweil verkündet der bayerische Ministerpräsident Söder: „Wir müssen den Klimaschutz voranbringen.“ Das wäre eigentlich eine totale Lachnummer, aber bei Hochwasserkatastrophen sollte man besser nicht lachen, wenn man gewählt werden will, der im Ahrtal gelacht habende Armin Laschet gemahnt uns dieses. Mehr Engagement für den Klimaschutz fordert auch Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier angesichts der aktuellen Überschwemmungen. Ok, der kann das fordern, er muss es ja nicht umsetzen. Fehlt nur noch, dass die FDP und ihr Verkehrtminister Wissing verstärkte Anstrengungen für den Klimaschutz fordern.

Gleichzeitig erfahren wir, dass der Klima-Expertenrat der Bundesregierung (!) davon ausgeht, dass das für 2030 gesteckte Klimaziel Deutschlands verfehlt wird. Damit widerspricht er den Prognosen von Wirtschaftsminister Habeck.

Immanuel Kant hätte an dieser Stelle gefragt: Was sollen wir tun? Ich sag´s Euch: Geht am Sonntag zur Wahl und wählt die Partei(en), die nicht nur hohle Phrasen dreschen, sondern wirklich etwas für den Klimaschutz tun. Welche Parteien das sind, müsst Ihr schon selber rausfinden. „Sapere aude“ – für Nichtlateiner: Lasst Euch nicht verarschen!