Mein Hund, der Zeitgeist und ich (4)

Treue Leser/innen dieses Blogs wissen, dass ich Begegnungen mit dem Zeitgeist versuche aus dem Weg zu gehen. Weil aber unsere Hunde – dem Zeitgeist seiner und meiner – regelmäßig raus müssen, bleibt es nicht aus, dass wir uns über den Weg laufen. Und weil die Hunde sich mögen, können wir Hundebesitzer schlecht schweigend dabeistehen und den Hunden beim Spielen zuschauen. Man will ja nicht unhöflich sein und spricht miteinander.

Unverfänglich sind Themen, die sich um das Wetter oder um die Hunde drehen, wie etwa Frequenz und Konsistenz des Stuhlgangs oder die letzte Tierarztrechnung. So Hundesmalltalk halt. Aber neulich fing der Zeitgeist wieder damit an, mir ungefragt seine politischen Ansichten um die Ohren zu hauen – der Zeitgeist beruft sich gerne auf den gesunden Menschenverstand und auf das Internet als Quellen seiner Weisheiten. Ob ich nicht auch finde, dass das ganze Klimaschutzgedöns der Bundesregierung nichts bringt, weil wir ja nur 1,5 Prozent des weltweiten CO2-Ausstoßes produzieren, während die Chinesen, usw. Und dass die Regierung endlich die Migration in den Griff kriegen muss und Söder recht hat, dass wir eine Obergrenze brauchen. Und was das für ein Irrsinn sei, Steuergelder für Fahrradwege in Peru rauszuschmeißen. Und der Gipfel sei ja wohl die 1000-Euro-Arschhochprämie für Bürgergeldempfänger, die einen Job aufnehmen. Und dann die 1,5 Mrd. Euro, die der Staat zur Finanzierung des Deutschlandtickets reinbuttert.

Auf meinen dezenten Hinweis, dass das Dienstwagenprivileg den Staat 5,5 Mrd. im Jahr kostet, und dass das Deutschlandticket einer Studie zufolge zu weniger klimaschädlichen Emissionen im Verkehrssektor geführt hat, und dass der geschätzte Schaden durch die CumCum-Geschäfte zu Steuerverlusten von 28,5 Mrd. Euro  geführt hat, hat ihn nur noch wütender gemacht. Das sei typisch für die Grünen. Die, besonders der Habeck, hätten das Land an den Abgrund gewirtschaftet. Auf diesen Kokolores fiel mir kein Argument mehr ein, außer dem Zeitgeist vielleicht den eben aufgesammelten Hundekot ins Gesicht zu schmieren. Was ich natürlich nicht getan habe (aus Rücksicht auf das Schamempfinden meines Hundes), sondern unser Gespräch mit dem schönen Bonmot von Robert Habeck beendet habe: Ist halt so! Schönen Mittag noch!


Söder für mehr Klimaschutz. Oder: Wie viel Scheinheiligkeit verträgt die Politik?

Das Hochwasser steigt, es gibt schwere Schäden, sogar Tote. Die Innenstadt von Passau steht komplett unter Wasser. In vielen Kommunen in Bayern und Baden-Württemberg ist Land unter. Derweil verkündet der bayerische Ministerpräsident Söder: „Wir müssen den Klimaschutz voranbringen.“ Das wäre eigentlich eine totale Lachnummer, aber bei Hochwasserkatastrophen sollte man besser nicht lachen, wenn man gewählt werden will, der im Ahrtal gelacht habende Armin Laschet gemahnt uns dieses. Mehr Engagement für den Klimaschutz fordert auch Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier angesichts der aktuellen Überschwemmungen. Ok, der kann das fordern, er muss es ja nicht umsetzen. Fehlt nur noch, dass die FDP und ihr Verkehrtminister Wissing verstärkte Anstrengungen für den Klimaschutz fordern.

Gleichzeitig erfahren wir, dass der Klima-Expertenrat der Bundesregierung (!) davon ausgeht, dass das für 2030 gesteckte Klimaziel Deutschlands verfehlt wird. Damit widerspricht er den Prognosen von Wirtschaftsminister Habeck.

Immanuel Kant hätte an dieser Stelle gefragt: Was sollen wir tun? Ich sag´s Euch: Geht am Sonntag zur Wahl und wählt die Partei(en), die nicht nur hohle Phrasen dreschen, sondern wirklich etwas für den Klimaschutz tun. Welche Parteien das sind, müsst Ihr schon selber rausfinden. „Sapere aude“ – für Nichtlateiner: Lasst Euch nicht verarschen!


Bundestagswahl: Für das Verbot, das Verbieten zu verbieten

In gut zwei Wochen dürfen wir eine neue Regierung wählen. Mein Wunschkabinett habe ich am 6. März in einem Blogbeitrag vorgestellt (Wir basteln uns eine Regierung). Aber auf mich hört ja keiner. CDU, FDP und AfD malen das Schreckgespenst einer grün-roten Koalition an die Wand. Öko-Stalinismus! Umverteilung!! Enteignung!!! Verbote!!!! Wer grün wählt, wählt die Verbotspartei, so tönt es wahrheitswidrig aus rechten Kehlen. Dabei trauen sich die Grünen im Wahlkampf schon gar nicht mehr, das Wort „Verbot“ (Kurzstreckenflüge! Verbrennerautos! Fleisch! Einfamilienhäuser!) in den Mund zu nehmen, um die Wählerinnen und Wähler nicht zu vergraulen. Annalena Baerbock wurde von der Initiative Neue Soziale Markwirtschaft in großformatigen Zeitungsanzeigen als weiblicher Moses mit den zehn Verbotstafeln dargestellt: „Die Verbote der Grünen lähmen unser Land.“ Das fanden allerdings selbst die Arbeitgeberverbände zu primitiv.

Was soll eigentlich an Verboten so verwerflich sein? Das geht ja schon im Paradies los mit dem Verbot, vom Baum der Erkenntnis von Gut und Böse zu essen. Gut, das ist lange her und man weiß, wie der Verstoß dagegen endete. Dann kam der bereits erwähnte Moses mit den zehn Geboten, die ja eigentlich Verbote sind – z.B. das Verbot, sonntags zu arbeiten. Heute gibt es viele Verbote. Darunter solche, die einem unmittelbar einleuchten („bei Rot stehen, bei Grün gehen“) und solche, die aus der Zeit gefallen scheinen und vom Untertanengeist getränkt sind (Verbot der Majestätsbeleidigung). Manche Verbote verstehen sich von selbst: Nicht in Nachbars Briefkasten pinkeln, seinen Kampfhund nicht auf kleine Kinder hetzen, Wespen nicht mit der Gabel auf dem Kuchenteller zerquetschen, usw. Ich hätte eine ganze Menge Vorschläge für längst fällige Verbote. Hier eine kleine Auswahl:

  • Autoposer, die mit ihren PS-starken Autos und eingebautem Rennwagensound die Innenstädte terrorisieren
  • Die Frage an Supermarktkassen „Haben Sie eine Paybackkarte?“
  • Atomraketen und elektrische Laubbläser
  • Auftritte von Helene Fischer im Öffentlich-Rechtlichen Fernsehen
  • Bahnstreiks
  • Der „Like“-Button in den Sozialen Medien
  • Kommentare von Christian Lindner zum Zeitgeschehen
  • „Sagen Sie uns Ihre Meinung“-Feedbacks zu jedem Scheiß
  • Modeempfehlungen im Zeit-Magazin

(Auf Antrag nehme ich gerne weitere Anregungen meiner geschätzten Anhänger*innenschaft für diese Liste auf).

Man mag über die jetzt bald ausscheidende Bundesregierung viel Kritisches sagen. Durch nervige Verbote ist sie nicht aufgefallen (wenn wir mal von Corona absehen), außer: 2015 darf sich nicht wiederholen. Liebe AfghanInnen, bleibt bitte wo ihr seid. Wir bitten die Taliban, auch ganz lieb zu Euch zu sein. Was von der GroKo positiv in Erinnerung bleiben wird, sind die geradezu poetischen Namensgebungen für neue Gesetze: Das „Das Gute-KiTa-Gesetz“, das „Starke-Familien-Gesetz“, und, mein Favorit, das Seehofersche „Geordnete-Rückkehr-Gesetz“ (vulgo „Hau-Ab-Gesetz“). Man darf gespannt sein, ob die neue Regierung diese schöne Tradition fortsetzen wird. Ich hätte schon mal ein paar griffige Namensvorschläge:

  • Das vom Bundesverfassungsgericht in die Tonne getretene Klimaschutzgesetz wird in der novellierten Form als „Prima-Klima-Gesetz“ kommen. Da freut sich der Globus und hört endlich auf, sich zu erwärmen und uns mit Extremwetterereignissen zu piesacken.
  • Das Tierwohl war für Landwirtschaftsministerin Julia Klöckner bekanntermaßen ein Herzensanliegen. Sollte sie auch der neuen Regierung angehören, erwarten wir aus ihrem Haus das „Schöner-Schlachten-Gesetz“ mit einem besonderen Fokus auf der betäubungslosen Kastration von Ferkeln und dem einfühlsamen Schreddern von Kücken.
  • Die Grünen, die ja bekanntermaßen Einfamilienhäuser verbieten wollen, werden dafür das „Oma-Kleinhäuschen-Weg-Gesetz“ auf den Weg bringen.
  • Leider wird Andreas Scheuer, unser allseits beliebter Verkehrsminister, wohl nicht mehr dem neuen Kabinett angehören. Sonst hätten wir von ihm sicher bald ein Tempolimit auf Autobahnen erwarten dürfen als „Andi-Beschleunigungs-Gesetz“.
  • Und damit die Reichen endlich mehr Steuern zahlen, freuen wir uns schon auf das „Die-Reichen-Sollen-Erbleichen-Gesetz“ – das wird aber nur kommen, wenn Sahra Wagenknecht Finanzministerin wird.

Es bleibt spannend. Wir sprechen uns am 26. September nach der ersten Hochrechnung.


Unwetterkatastrophe: Die Stunde der Heuchler

Statements von Landes- und Bundespolitikern zur jüngsten Unwetterkatastrophe mit vielen Todesopfern und schweren Schäden an Gebäuden und Infrastruktur enthalten, neben der üblichen Betroffenheitsrhetorik, zumeist auch den Hinweis darauf, wie sehr man den Kampf gegen den Klimawandel jetzt vorantreiben müsse. Das ist richtig, aber in vielen Fällen eben auch zutiefst heuchlerisch.

Bei der jetzigen schweren Unwetterkatastrophe handelt es sich um eine Katastrophe mit Ansage. Dass der Klimawandel auch Extremwetterereignisse zur Folge haben wird, sowohl was die Häufigkeit als auch was die Intensität betrifft, ist hinlänglich bekannt. 2014 habe ich für meinen ehemaligen Arbeitgeber Caritas international die Erfahrungen im Umgang mit Naturkatastrophen in Deutschland in einem Handlungsleitfaden „Fluthilfe in Deutschland“ zusammengefasst. Kurze Passagen daraus lohnt es zu zitieren: „Das größte Katastrophenrisiko geht in Deutschland von extremen Wetterereignissen aus. Beispiele dafür sind die schweren Überschwemmungen der letzten beiden Jahrzehnte (Oderflut 1997, Augustflut 2002 in Mitteleuropa und Donau- und Elbeflut 2013) … Aufgrund des Klimawandels ist mit einer Zunahme schwerer Unwetter- und Hochwasserkatastrophen in Deutschland zu rechnen.“

Und an anderer Stelle heißt es: „Der Begriff „Naturkatastrophe“ ist allerdings irreführend. Ein Naturereignis (Sturm, Vulkanausbruch, Erdbeben, Überschwemmungen usw.) wird oft erst deshalb zur Katastrophe, weil menschliche Eingriffe in die Natur, z.B. Besiedelung in gefährdeten Gebieten, Flussbegradigungen, Abholzung von Wäldern usw. einen wesentlichen Anteil an der Verursachung von Katastrophen haben.“

Auch wenn ein direkter zeitlicher oder kausaler Zusammenhang zwischen den schweren Unwettern dieser Tage und dem schleichenden Klimawandel kaum nachzuweisen ist: Was muss eigentlich noch alles passieren, bis auch der letzte Skeptiker und Verharmloser verstanden hat, was die Stunde geschlagen hat? Es ist längst alles zu den Ursachen und Folgen des Klimawandels gesagt. Die Fakten liegen auf dem Tisch. Wer sich informieren will, kann es tun. Demnächst wird der 6. Sachstandsbericht des Weltklimarats IPCC erwartet. Spätestens seit dem Pariser Klimaabkommen von 2015 sollte allen klar sein, dass schnell und konsequent gehandelt werden muss, wenn die Erderwärmung noch gebremst werden soll. Die Auswirkungen kann jede und jeder schon jetzt im eigenen Alltag beobachten.

Die Bundesregierung hat sich, was den Klimawandel und die notwendigen politischen Maßnahmen angeht, bis auf die Knochen blamiert. Das halbherzige Klimagesetz von 2019 wurde am 24.03.2021 vom Bundesverfassungsgericht kassiert mit der Begründung, es verschiebe „hohe Lasten für die Minderung der Emissionen unumkehrbar auf die Zeit nach 2030“ und verletze damit die Freiheits­rechte der nachfolgenden Generationen. Das Gericht hat gleichzeitig die Bundesregierung dazu verdonnert, ihr Klimagesetz nachzubessern. Aber auch die jetzt geplante Nachbesserung wird von Umweltverbänden als unzureichend beurteilt (siehe dazu die Stellungnahme der Deutschen Umwelthilfe).

Die Klimaschutzpolitik der CDU/CSU war in den vergangenen Jahren eher eine Blockadepolitik; für NRW und seinen Ministerpräsidenten Armin Laschet gilt das in besonderem Maße. Er blockiert seit Jahren den Ausbau der Windkraft und fördert weiterhin die Kohleverbrennung. Auf Bundesebene hat sich Bundeswirtschaftsminister Peter Altmeier einen Namen als Blockierer von Klimaschutzmaßnahmen gemacht und als Amigo der mächtigen Wirtschaftsverbände ausgezeichnet. Deshalb ist es überaus heuchlerisch, jetzt, angesichts der Katastrophe, die Notwendigkeit verstärkter Klimaschutzmaßnahmen zu betonen. Die Union hat in ihrem Programm für die kommenden Bundestagswahlen zum Thema Klimaschutz nur Allgemeinplätze und unverbindliche Floskeln parat. Originaltext Laschet bei der Vorstellung des Programms: Wir stehen für den „Dreiklang von Klimaschutz, wirtschaftlicher Stärke und sozialer Sicherheit“. Seine Partei will, so steht es im Wahlprogramm, auf „Anreize statt auf Verbote, auf Innovationen und Wettbewerb und auf die Zusammenarbeit mit Industrie und Landwirtschaft“ setzen.

Wie das im konkreten Alltag aussieht, zeigt etwa das Beispiel von Martin Herrenknecht, einem prominenten CDU-Mitglied und Unternehmer aus Südbaden, Träger des Bundesverdienstkreuzes am Bande und des Verdienstkreuz 1. Klasse des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland. Der pestet zum wiederholten Mal mit großformatigen Anzeigen in der Badischen Zeitung gegen die Grünen und gegen den Ausbau der Windkraft:  

Es könnten noch viele Beispiele angeführt werden, die belegen, dass die Bemühungen um einen wirksamen Klimaschutz unter der jetzigen Bundesregierung halbherzig sind.

Es wäre allerdings auch wohlfeil, nur mit dem Finger auf die Verantwortlichen in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft zu zeigen. Einen wichtigen Anteil am CO2-Ausstoß und damit an der Erderwärmung haben die privaten Haushalte, also wir. Wie wir uns fortbewegen, konsumieren, ernähren, reisen, heizen, Strom verbrauchen – wir wissen längst, dass nur ein ressourcenschonender Lebensstil die Zukunft künftiger Generationen sichern kann. Die Automobilindustrie hat sich große Ziele gesetzt und will, auch unter dem Druck der europäischen Gesetzgebung, in den nächsten Jahren die Produktion von Fahrzeugen mit Verbrennungsmotor auf Null fahren. Dass die Deutschen trotzdem immer noch gerne große Autos kaufen, nach dem Motto „Scheiß aufs Klima, SUV ist prima“ zeigt diese Statistik:


G7, drei G, 5G: Wie die „Gs“ unser Leben bestimmen

Man kann schon durcheinander kommen mit den ganzen „G“-Abkürzungen. „GG“ steht für das Grundgesetz, das muss man uns nicht erklären. Aber was ist die „G-10-Kommission“? Das könnte die Einemillioneurofrage bei Günter Jauch sein. Hat auch irgendwie etwas mit dem Grundgesetz zu tun, genauer mit Art. 10, der ein bisschen ausgehebelt werden soll, damit die Bundesnachrichtendienste in unserem Privatleben rumschnüffeln können. 

In aller Munde sind derzeit die drei G – geimpft, genesen, getestet. Für Freunde der großen Verschwörung gehören dazu auch die Gechipten, also eigentlich vier G. Bei „5G“ wiederum denken die einen an autonomes Fahren, die anderen an gefährlichen Elektrosmog und lückenlose Überwachung unserer täglichen Toilettengänge, womit wir wieder beim Artikel 10 des Grundgesetzes wären. Vom Telefonieren auf dem Abort wird dringend abgeraten, auch weil schon manches Handy im Abfluss verschwand.

Und was war nochmal „G7“? Schon wieder vergessen? Heiligendamm 2007? Massiver Polizei- und Bundeswehreinsatz gegen Protestierer? Traurige Berühmtheit erlangte der G8-Gipfel 2001 in Genua wegen der brutalen Polizeiübergriffe gegen Demonstranten. Übrigens hieß die G7 damals noch G8, weil die Russen noch dabei waren. Und ganz zu Beginn, bei der Gründung dieses elitären Zirkels im Jahr 1975, umfasste die Gruppe nur sechs Staaten. Aber jetzt mal der Reihe nach. Die G7-Staaten, das sind die sieben derzeit wichtigsten Industrienationen der Welt: USA, Deutschland, Frankreich, Italien, Vereinigtes Königreich, Kanada, Japan. Angefangen hat das Ganze 1973 als informelle Gruppe der fünf Staaten USA, Frankreich, Deutschland, United Kingdom, Japan. Mit Italien und Kanada wuchs die Gruppe 1976 zur G7. 1998 kam Russland dazu, ab da also G8. Die bösen Russen wurden 2014 wegen der Intervention in der Ukraine wieder ausgeschlossen. In Anlehnung an das Lied von den zehn kleinen people of color heißt es also seit 2014: da waren´s nur noch sieben.

Es gibt noch weitere Zusammenschlüsse: G10, G15, G20, G77 und natürlich die Vereinten Nationen, die als einzige globale Organisation Völkerrechtssubjekt sind. Bei der G7-Gruppe gibt es eine vergleichbare Legitimation nicht. Egal ob sechs, acht oder sieben: Das Attribut, wichtig zu sein, haben sich die Mitglieder dieses elitären Clubs selbst verliehen. Es gibt kein demokratisches Mandat und keine irgendwie geartete Repräsentativität. Themensetzung und Entscheidungen finden unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt. Proteste der Zivilgesellschaft und von Globalisierungskritikern werden mit einem riesigen Kosten- und Sicherheitsaufwand ferngehalten und niedergeknüppelt. Beim Gipfel in Heiligendamm wurden auch erhebliche Behinderungen der Presse beklagt.

Wohin mit den Händen? Und wer hat die Länge der Hosenbeine kontrolliert?

Die Chefs der G7 kommen derzeit zu ihrem Gipfeltreffen in Cornwell in Großbritannien zusammen – genauer: Die Chefs und Chefinnen – dabei sind nämlich auch zwei Frauen: Angela Merkel für Deutschland und Ursula von der Leyen für die EU (die Gaststatus hat). Zum Abschluss des Treffens am heutigen 13. Juni 2021 wird eine Erklärung zum Klimaschutz erwartet. 100 Milliarden Dollar, so hört man, wollen die reichen Länder jährlich in den armen Ländern für den Klimaschutz investieren. Das klingt nach viel Geld, allerdings nicht, wenn man dieser Zahl die weltweiten Rüstungsausgaben gegenüberstellt (2020 = 1.981 Milliarden Dollar; Quelle: CIPRI). Außerdem wurden ähnliche Zusagen in der Vergangenheit nur zum Teil eingelöst. Skepsis ist also geboten.

Ähnlich kritisch muss man die Erklärungen der G7 zur globalen Verteilung der Corona-Impfstoffe bewerten: Eine Milliarde Impfstoffdosen wolle man an die ärmeren Länder spenden. Das ist eher peinlich Angesichts der Tatsache, dass die reichen Länder das Gros der auf dem Markt verfügbaren Impfstoffe für sich reserviert haben und die armen Länder deshalb das Nachsehen haben. In Südafrika zum Beispiel konnten bisher lediglich zwei Prozent der Bevölkerung mangels genügend Impfstoff geimpft werden. Die G7 sind sich zudem nicht einig in der Frage der Aussetzung der Patente auf die Impfstoffe. Deutschland ist dagegen.

Die Abschlusserklärung des G7-Gipfels steht zum Zeitpunkt der Veröffentlichung dieses Blogbeitrags noch aus. Große Überraschungen sind jedenfalls nicht zu erwarten.


Deutsches Klimaschutzgesetz: Gehe zurück auf Los

Nachdem das Bundesverfassungsgericht das bundesdeutsche Klimaschutzgesetz in die Tonne getreten hat, herrscht bei der Bundesregierung hektische Betriebsamkeit. Man will, möglichst noch vor der Bundestagswahl im Herbst, bei den Klimazielen nachjustieren und bis 2030 statt bisher 55 jetzt 65 Prozent weniger CO2 in die Atmosphäre blasen und Klimaneutralität schon bis 2045 anstreben.

Das ist lobenswert. Wir warten jetzt mal gespannt, was aus diesen Vorsätzen wird und wo wieder getrickst und gefeilscht wird, wenn es um schmerzhafte Eingriffe geht, etwa beim Flugverkehr, beim Kohleausstieg, beim Ausbau der Erneuerbaren, bei der Massentierhaltung, bei den Autoabgasen, beim Tempolimit, bei der CO2-Bepreisung, usw.

Selbst wenn die aktuellen Ziele und Versprechen von Regierungen weltweit zur Senkung der Emission von Treibhausgasen eins zu eins umgesetzt werden, reichen sie nicht aus, um die vom Pariser Klimagipfel angestrebte Erderwärmung auf 1,5 Grad Celsius zu begrenzen. Das zeigt diese Statista-Grafik auf Basis der aktuellen Prognose des Analyseprojekts Climat Action Tracker (CAT).

Wie man sieht, klaffen Ziele und gegenwärtige Maßnahmen auseinander. Würden die Ziele und Versprechen nicht umgesetzt werden und der status quo bestehen bleiben, würde die globale Durchschnittstemperatur im Jahr 2100 sogar +2,9 Grad Celsius betragen. Bei einem optimistischen Szenario mit verstärkten Klimaschutz-Anstrengungen würde die Erderwärmung immer noch zwei Grad betragen.

Basis für die Prognose sind Daten von 32 Staaten, die zusammen für rund 80 % der globalen Emissionen verantwortlich sind.

Der Climate Action Tracker ist eine unabhängige wissenschaftliche Analyse, die die Klimaschutzmaßnahmen der Regierung verfolgt und gegen das weltweit vereinbarte Ziel des Pariser Abkommens misst, „die Erwärmung deutlich unter 2 ° C zu halten und Anstrengungen zu unternehmen, um die Erwärmung auf 1,5 ° C zu begrenzen“. In Zusammenarbeit von zwei Organisationen, Climate Analytics und New Climate Institute, bietet der CAT seit 2009 diese unabhängige Analyse politischen Entscheidungsträgern an.

(Quelle : Matthias Janson, Data Journalist, matthias.janson@statista.com)


Meine Buchempfehlung: Klimaretten von Rainer Grießhammer

Gibt es noch andere Themen als das, was derzeit den Alltag und alle Medien beherrscht? Ja, es gibt. Wie wär´s zur Abwechslung mal mit dem Buch von Rainer Grießhammer: #klimaretten. Jetzt Politik und Leben ändern – erschienen im Lambertus-Verlag Freiburg. Ja, richtig, in diesem Verlag hätte man ein solches Buch nicht unbedingt erwartet, charakterisiert er sich doch selbst als Verlag für den Bereich der sozialen Fachbücher (Heilpädagogik und Behinderung, Alter und Pflege, Eltern und Kinder, Abhängigkeit und Sucht und viele weitere Fachgebiete) sowie Büchern zum Sozialrecht und kirchlichen bzw. caritativen Arbeitsrecht.

Umso erfreulicher die Öffnung für das hochaktuelle Thema des Klimaschutzes. Vielleicht kommt es ja auch daher, dass der Autor Rainer Grießhammer in Freiburg lebt und arbeitet und dem Verlag über persönliche Kontakte verbunden ist.

Egal wie: Das Buch kann ich wirklich sehr empfehlen. Es enthält praktische und alltagstaugliche Verhaltensempfehlungen für Energieverbrauch, Mobilität, Ernährung und Wohnen, verbunden mit glasklaren Forderungen an die Politik. Wer gute Argumente für aktives Handeln in Sachen Klimaschutz sucht, ist hier richtig. Der Online-Zugriff auf das ganze Buch ist im Kaufpreis der Printausgabe (19,90 €) mit enthalten.

Der Autor weiß, wovon er spricht: Er leitete viele Jahre das Freiburger Ökoinstitut, ist Professor für Nachhaltige Produkte und Bestseller-Autor sowie Mitglied im WBGU, dem Wissenschaftlichen Beirat der Bundesregierung für globale Umweltänderungen. Das durchgängige Motto des Buches: Verhalten und Verhältnisse müssen geändert werden kann hoffentlich all diejenigen überzeugen, die gerne mit dem Finger auf die Politik zeigen und meinen, dass Änderungen im persönlichen Verhalten nichts bringen, solange sich im Großen nichts ändert.