Druckfrisch: Krieg in Gaza. Von Muriel Asseburg

Kann man in Deutschland über den Gaza-Krieg diskutieren, ohne sich anzuschreien, der einseitigen Parteinahme zu bezichtigen, die Antisemitismuskeule zu schwingen? Frau kann. Gemeint ist die Autorin und Nahost-Expertin Muriel Asseburg. Gerade erschienen ist ihr neues Buch: Der 7. Oktober und der Krieg in Gaza. Hintergrund. Eskalation. Folgen. C.H. Beck-Verlag 2025, 20 €).

Wie alle ihre früheren Publikationen zu Nahost ist auch dieses Buch „ein Muss für alle, die verstehen wollen, warum der Konflikt immer weiter eskaliert und was die Beteiligten antreibt“. Auch wenn die Lektüre aufgrund der Fülle an Fakten und Detailinformationen anstrengend ist (das Verzeichnis der verwendeten Literatur und Quellen umfasst allein 45 Seiten!): Man bekommt ein differenziertes Bild über Entstehung, Hintergründe und Handlungsmotive der beteiligten (Gewalt-)Akteure vermittelt, ohne einseitige Parteinahme, aber doch mit klarer Benennung völkerrechtswidriger Kriegshandlungen auf beiden Seiten des israelisch-palästinensischen Konflikts. Ein Konflikt, für den es, so das pessimistische Fazit Asseburgs, auch nach der Waffenruhe von Mitte Januar 2025 (Drucklegung des Buches) weniger denn je ein Hoffnung auf Lösung gibt. „In dieser Situation“, so schreibt die Autorin, „steht nicht die Suche nach Friedensregelungen und Koexistenz im Vordergrund, sondern es dominieren die Sprache der Gewalt und der Entmenschlichung sowie der Ruf nach Vergeltung. Nur vereinzelt setzen sich Israelis und Palästinenser weiterhin für einen friedlichen Ausgleich ein.“

Mein Fazit: Unbedingt lesen! Dem designierten Bundeskanzler Friedrich Merz möchte man dieses Buch besonders ans Herz legen. Er denkt öffentlich darüber nach, den vom Internationalen Strafgerichtshof wegen Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit angeklagten Premier Netanjahu nach Deutschland einzuladen. Er habe ihm in einem Telefonat zugesichert, dass er in Deutschland nicht verhaftet werde. Da fällt es einem dann doch wieder schwer, nicht zu schreien. Oder angesichts der Zerstörungen in Gaza das israelische Vorgehen als „gerechten Krieg“ zu legitimieren.


Tempolimit kommt! Vertrauliche Ergebnisse der Koalitionsverhandlungen geleakt!

Nun ist es doch passiert: Obwohl strikte Vertraulichkeit unter den Akteuren vereinbart, sind erste Ergebnisse der Koalitionsverhandlungen zwischen Union und SPD durchgesickert. Hier die Themen, auf die man sich offenbar schon geeinigt hat:

Tempolimit: Es wird ein allgemeines Tempolimit von 100 km/h auf deutschen Autobahnen und von 80 km/h auf Landstraßen geben. Innerstädtisch soll grundsätzlich eine Geschwindigkeitsbeschränkung auf 30 km/h gelten. Schweizer Bundesbürger sind von dieser Regelung ausgenommen.

Pendlerpauschale: Wird abgeschafft zugunsten einer kostenlosen Benutzung des ÖPNV.

Dienstwagenprivileg: Die steuerliche Begünstigung von Dienstwagen entfällt. Mit den dadurch eingesparten 5,5 Milliarden Euro werden BaföG und Wohngeld erhöht.

Kaufprämie für E-Bikes: Der Bund gewährt für die Anschaffung eines E-Bikes eine Kaufprämie von 1.000 Euro.

Krankenversicherung: Die Zweiklassengesellschaft (GKV und Private KV) wird abgeschafft. Es wird nur noch eine einheitliche Bürgerversicherung geben, in die alle einzahlen.

Rentenversicherung: Beamte zahlen künftig wie Angestellte in die staatliche Rentenversicherung ein.

Frauenquote: Vorstandsposten bei CDU und CSU müssen jeweils zur Hälfte mit Frauen besetzt werden.

Kinder- und Jugendschutz: Markus Söder verpflichtet sich, auf den Verzehr von Weißwürsten, Hamburgern oder Leberkässemmeln vor laufender Kamera zu verzichten.

Man darf gespannt sein, was noch so alles kommt! PS: Für die Richtigkeit dieser Informationen wird keine Gewähr übernommen.


Premium-Mitgliedskarte für Kirchenmitglieder?

Der ADAC, so lesen wir, hat mit 22 Millionen inzwischen mehr Mitglieder als die katholische oder die evangelische Kirche. Das kann nicht nur am günstigeren Mitgliedsbeitrag des Autofahrerclubs liegen. Die Kirchen haben kein vergleichbares „Rundum-Sorglos-Paket“ zu bieten: Pannenhilfe, Rechtsberatung, Routenplanung, Reiseführer – alles inbegriffen. Für Premium-Mitglieder sogar Abschleppen und Hotelkosten bei Bruchlandung im Ausland. Vielleicht könnten die Kirchen dem Mitgliederschwund mit einer Art Premium-Mitgliedschaft entgegenwirken? Mit Zusatzleistungen  wie monatlicher Sündennachlass, reservierte Plätze im Gottesdienst, garantierte Auferstehung von den Toten, auch bei schlechter Führung zu Lebzeiten? Da könnte selbst der ADAC nicht mithalten.


Mehr Rüstung = mehr Sicherheit = Frieden? Eine Gegenrede

Wer den Frieden will, muss für Aufrüstung sein. Auf diese einfache Formel lassen sich die gegenwärtigen Debatten verkürzen. Wird es dieses Jahr wieder Ostermärsche der Friedensbewegung geben? Wenn ja, mit welchen Forderungen? Man will ja nicht ganz aus der Zeit gefallen erscheinen und sich zum Gespött der Leute machen. Der Zeitgeist – ach der! – er will vom Pazifismus aus den Zeiten des kalten Krieges a lá „Frieden schaffen ohne Waffen“ sowieso nichts wissen. Wie denn auch, wenn Russland ein Nachbarland überfällt und mit Krieg überzieht! Fast alle sind sich einig, was dagegen getan werden muss (sogar die Grünen!): Mehr Geld für die Rüstung. Dafür werden im Wesentlichen zwei Gründe angeführt: Wenn die Ukraine den Krieg wegen fehlender Unterstützung des Westens verliert, dann wird Russland sich ermutigt fühlen, weitere Länder des Westens anzugreifen – das Baltikum, Polen, ja vielleicht auch Deutschland. Und weil wir mit den USA als bisheriger Garant unserer Sicherheit in Europa nicht mehr rechnen können. 

Kriegstauglich werden, whatever it takes?

Die Forderung scheint also auf den ersten Blick folgerichtig: „Frieden schaffen – bzw. wiederherstellen, sichern – mit noch mehr Waffen!“ So tönt es in den aktuellen Parlamentsdebatten, im Blätterwald, bei Talkshows und an den Stammtischen der Republik. Rüstungsbetriebe fahren ihre Produktion hoch, die Aktienkurse schießen durch die Decke. Wer vor einem Jahr Rheinmetallaktien für 100.000 Euro gekauft hat, ist heute Millionär. Auch das Wahlvolk scheint mehrheitlich zu akzeptieren, dass riesige Summen für die Rüstung geplant werden. Die neue Regierung aus Union und SPD will für Rüstungsausgaben die Schuldenbremse ganz aufheben. Im Haushalt 2025 sind für den „Wehretat“ 53 Mrd. Euro geplant – plus 20 Milliarden aus dem Sondervermögen Bundeswehr. Diese Zahlen sind für CDU-Mann Thorsten Frei angesichts der Bedrohung durch Russland „verantwortungslos und zukunftsvergessen“. 80 Milliarden müssten es sein, um „wenigstens“ das Zwei-Prozent-Ziel der NATO einzuhalten. Will man auf 3,5 oder gar vier Prozent des BIP kommen, dann brauchte man also ca. 150 bis 170 Milliarden Euro.  

Gespart wird beim Klimaschutz, beim Sozialhaushalt, bei der Friedensarbeit

Die neue Regierung möchte dafür die Schuldenbremse aufheben und die Grünen, so scheint es, würden da mitgehen. Man wolle dafür nicht bei den sozialen Aufgaben sparen, heißt es. Dabei ist das längst Realität. Die Union möchte zum Beispiel beim Bürgergeld sparen. Gleichzeitig mit den steigenden Rüstungsausgaben wurden die Bundesmittel für die Entwicklungszusammenarbeit 2024 und 2025 bereits drastisch gekürzt. Auch für Humanitäre Hilfe stellt die Bundesregierung weniger Geld zur Verfügung. Die USA haben ihre Entwicklungshilfe eben mal ganz eingefroren. Dazu der Vorsitzende des Dachverbands der deutschen NRO Michael Herbst: „Weil wir uns so gerne ereifern über nationalistische Politik anderer Länder und uns aufregen über Statements von Donald Trump und Viktor Orban, aber wir gehen tendenziell in dieselbe Richtung.“ Aus rechten und konservativen Kreisen wird Stimmung gegen Entwicklungshilfe gemacht mit Fake News über die angebliche Verschwendung von Steuergeldern für Fahrradwege in Peru. Eine ernsthaft Diskussion um die Frage, welchen Beitrag Armutsbekämpfung und globale Gerechtigkeit zur Friedenssicherung leistet, und was mit nur einem Bruchteil der Milliarden für die Rüstung stattdessen an Friedensförderung geleistet werden könnte, findet nur in Fachkreisen statt. Die Grünen, die höhere Rüstungsausgaben grundsätzlich befürworten, betonen dabei: „Sicherheit bedeutet mehr als Verteidigung. Es geht um wirtschaftliche Stabilität, soziale Gerechtigkeit und Klimaschutz. Unsere Verantwortung gilt nicht nur der Gegenwart, sondern auch den kommenden Generationen“.

Ist die Aufrüstung wirklich alternativlos?

Müssen wir also wirklich, um „kriegstauglich“ zu werden, unsere Rüstungsausgaben drastisch erhöhen, um genügend Abschreckungspotenzial gegenüber machtpolitischen und imperialistischen Interessen Russlands zu haben? Auch die EU will in den nächsten Jahren ihre Ausgaben für „Verteidigung“ auf 800 Mrd. Euro erhöhen und damit mehr als verdoppeln. Man geht von der  Annahme aus, dass der Westen bei einem russischen Angriff militärisch unterlegen wäre. Aber stimmt das überhaupt?

Das amerikanische Quincy-Institut, das von hochrangigen Militärs und CIA-Leuten gegründet wurde, hat hierzu eine umfangreiche Studie erstellt und kommt zu dem Ergebnis, „dass Russland der NATO, auch ohne die USA, in allen Waffengattungen weit unterlegen ist“ (zit. nach: Ulrich Bausch: Kurzgeschichte der Nato-Osterweiterung).

Die Annahme von der militärischen Unterlegenheit des Westens wird von einer aktuellen Studie von Greenpeace widerlegt (Wann ist genug genug? Ein Vergleich der militärischen Potenziale der Nato und Russlands, November 2024). Autoren der Studie sind die Friedensforscher Herbert Wulf und Christopher Steinmetz. Sie kommen ebenso wie das Quincy-Institut  zu dem Ergebnis, dass „die Nato …Russland in fast allen militärischen Schlüsselparametern weit überlegen (ist). Auch ohne USA. Selbst die europäischen Nato-Staaten für sich genommen liegen in Militärbudget, Truppenstärke und Großwaffensystemen vor Russland“; deshalb, so die Autoren, sei „ein grundlegender Perspektivwechsel in der Sicherheitsdebatte Europas notwendig“.

Das Dilemma der Friedensbewegung

Die Friedensbewegung hat es schwer, mit ihren Forderungen nach Abrüstung und Friedensinitiativen durchzudringen. Mit der Forderung „Perspektivwechsel in der Sicherheitsdebatte Europas“ wird man keinen Blumentopf gewinnen können. Der Slogan ist für Ostermarschtransparente viel zu sperrig. Und wer an Ostern auf die Straße geht und für Frieden und Abrüstung demonstriert, muss damit rechnen, dass sich Anhänger von AfD und BSW einreihen. Das will man dann auch wieder nicht.


SaveSocial: Gegen das Monopol der Tech-Konzerne

Heute möchte ich für die Initiative „SaveSocial – Soziale Netzwerke als demokratische Kraft retten“ werben. Ich habe den Aufruf unterzeichnet und würde mich freuen, wenn möglichst viele meiner Abonnent*innen das ebenfalls tun. Mehr als 100 prominente Vertreter*innen aus Medien, Wirtschaft, Kultur und Wissenschaft haben sich dem Aufruf bereits angeschlossen.

Worum geht es?

„Im digitalen Raum lenken wenige vorwiegend US-amerikanische und chinesische Tech-Konzerne Information und öffentliche Debatte. Deren Plattformen erlauben keinen ungehinderten Zugang: Denn Nutzende müssen für diesen Zugang persönlichste Daten preisgeben. Gleichzeitig filtern Algorithmen intransparent, was Nutzende zu sehen bekommen und was nicht – Algorithmen, die einzig den Gesetzen der Aufmerksamkeitsökonomie folgen, befreit von Gemeinwohlorientierung und journalistischen Qualitätsansprüchen. Mit einer Flut von Hass, Häme, Hetze und Desinformation zersetzen wenige Monopolplattformen unsere Demokratien und gefährden jeden Menschen.

Unabhängige Angebote verlieren derweil auf eigenen Verbreitungswegen zunehmend ihr Publikum und ihre Finanzierungsgrundlage: Journalismus wird zum Verlustgeschäft, weil Big-Tech-Konzerne den Großteil der Werbeeinnahmen vereinnahmen. Journalist*innen und Medienunternehmen müssen sich und ihre Inhalte den Plattformen und deren Algorithmen unterordnen. Auch einzelne Kreative und weitere Akteur*innen geraten in wachsende Abhängigkeit.“ (Auszug aus dem Aufruf)

Was die Unterzeichnenden wollen:

„Die Unterzeichnenden sehen dringenden Handlungsbedarf für alle, für Unternehmen, Verbände, gesellschaftliche Institutionen und die Politik auf nationaler und europäischer Ebene. Demokratiestärkende Angebote müssen ausgebaut, demokratieschädliche Plattformmonopole sollten ihre massiven Privilegien umgehend verlieren. Unsere Gesellschaft braucht andere Plattformen für soziale Vernetzung, Austausch und Debatte als die chinesischer und US-amerikanischer Monopolkonzerne. In den vergangenen 15 Jahren sind solche alternativen Netzwerke und Angebote entstanden (zum Beispiel Mastodon oder Friendica im Fediverse). Sie können unsere Demokratie stärken, weil sie auf Basis offener und anerkannter Standards in dezentralen Strukturen gesellschaftlichen Austausch und Debatte fördern. Politik und Gesellschaft müssen diese Angebote stärken und ausbauen.“

Unterzeichnen kann man den Aufruf über die Plattform WeAct: Selbst unterzeichnen (WeAct)


100 Jahre nach 1933: Droht 2033 die Machtergreifung der AfD?

Was bisher kaum denkbar schien, wird zur realen Gefahr: Die rechtsextremistische AfD erringt bei der übernächsten Bundestagswahl 2033 die Mehrheit und gelangt an die Macht. Beflügelt vom Wahlerfolg 2025 mit 20,8 Prozent der Stimmen träumt die AfD sogar schon von einer möglichen Machtübernahme 2029. In den ostdeutschen Bundesländern ist die AfD bereits jetzt stärkste Kraft. Der Vergleich der Zweitstimmenmehrheiten in den Wahlkreisen zwischen den Bundestagswahlen 2021 und 2025 macht diese Entwicklung deutlich:

Wenn die Brandmauer bröckelt: Ist die Demokratie in Gefahr?

Die NSDAP hat vom Hitlerputsch 1923 bis zur Machtergreifung 1933 nur zehn Jahre gebraucht, um die Reichstagswahlen zu gewinnen und die junge Weimarer Republik mit dem Ermächtigungsgesetz in eine Diktatur zu verwandeln. Auch wenn solche historischen Vergleiche in vielerlei Hinsicht nicht zutreffend sein mögen: Es gibt Parallelen, die Anlass zur Sorge geben. Für die Gefahr, die von der AfD ausgeht, kann man sowohl das innerparteiliche Gedankengut ihrer führenden Repräsentanten als auch die Unterstützung durch illiberale, demokratiefeindliche und totalitäre Kräfte aus dem Ausland anführen. Die möglichen Parallelen zur Weimarer Republik – wirtschaftliche Krisensituation, zersplitterte Parteienlandschaft und schwierige Regierungsbildung – und damit der Ruf nach totalitären Problemlösungen – sind unübersehbar. Weltweit sind Demokratien auf dem Rückzug. Können wir darauf vertrauen, dass unsere Demokratie stark genug ist, damit „nie wieder“ passiert, was 1933 passierte? Bekanntlich liegt das Dilemma bzw. die Schwäche der Demokratie in ihr selbst: Diejenigen, die sie abschaffen wollen, können auf demokratischen Weg an die Macht gelangen. Was also müssen wir tun, um die Demokratie zu schützen? Hätte ein Verbot der AfD Aussicht auf Erfolg und wäre das der richtige Weg? Auf diese Frage möchte ich am Ende dieses Beitrags zurückkommen.

Wie gefährlich ist die AfD wirklich?

Die AfD gibt sich den Anschein einer bürgerlichen Partei, die für die „Menschen in diesem Land“ Politik macht. Der wahre Charakter als rassistische und völkisch-nationalistische Partei wird gerne verschleiert. Die Autoren Michael Kraske und Dirk Laabs haben seit Jahren im extremistischen Milieu recherchiert und die über die AfD gesammelten Fakten in ihrem Buch „Angriff auf Deutschland. Die schleichende Machtergreifung der AfD“ publiziert (C.H. Beck, München 2024). Hinter der bürgerlichen Fassade bestimmen rechtsradikale Scharfmacher den Kurs der Partei. Der Verfassungsschutz hat sich nach langem Zögern durchgerungen, Teile der Partei als „gesichert rechtsextremistisch“ einzustufen, zögert aber bisher, diese Einstufung auf die Gesamtpartei auszudehnen. Björn Höcke lässt durch seine Schriften und Reden keinen Zweifel daran, dass er Rassist, Antisemit und Sympathisant des Nationalsozialismus ist. Versuche der Partei, ihn durch einen Parteiausschluss loszuwerden, waren nicht erfolgreich. Im Gegenteil: Sein Einfluss ist größer geworden, er gilt heute als der entscheidende Strippenzieher im Hintergrund. Die Parteivorsitzenden Alice Weidel und Tino Chrupalla geben sich gerne einen seriösen Anstrich und überlassen Leuten wie Björn Höcke oder Maximilian Krah die groben Sprüche. Wenn sie dabei ertappt werden, selbst rechtsradikale Äußerungen getätigt zu haben, bestreiten sie den Sachverhalt. Alice Weidel fällt immer wieder dadurch auf, dass sie unbequemen Fragen von Journalisten ausweicht („… darauf antworte ich nicht“, oder „sie framen mich“, „die Frage ist nicht seriös“). So wurde Weidel im Rahmen einer ZDF-Reportage vom 08.02.2023 („Aussage Verweidelt“) mit der folgenden von ihr verfassten Mail von 2013 konfrontiert:

Der Empfänger der Mail hatte eidesstattlich versichert, dass die Mail von Weidel stammt. Weidel selbst verweigerte die Antwort auf die Frage, ob die Mail von ihr stammt oder nicht. 

Hitler war Kommunist: Die Diskursstrategien der AfD

Von Weidel stammt auch die Aussage, Hitler sei Kommunist gewesen. Über die Diskursstrategien der AfD sagt der Historiker und Publizist Volker Weiß in einem Interview im Philosophie-Magazin 03/2025: „Wenn Hitler links war, so die Schlussfolgerung, sind die heutigen Linken ebenfalls Nazis. Man sagt also nicht nur, die Nazis waren links, sondern auch dass die echten Rechten keine Nazis sind. Mithin geht es darum, die Rechte zu entlasten und gleichzeitig die Linke zu dämonisieren“.

Wie radikal sind die neuen AfD-Abgeordneten

Werfen wir einen Blick auf die Repräsentanten der AfD, die für diese Partei ins „Hohe Haus“ einziehen. Zunächst fällt auf, dass in keiner Fraktion der Frauenanteil so gering ist wie bei der AfD: Von 152 AfD-Abgeordneten sind gerade mal 18 Frauen, also etwa jede Zehnte. Der Frauenanteil bei den anderen Parteien: Grüne (61 %), Linke (56 %), SPD (42 %), Union (23 %). In der vergangenen Legislaturperiode hatte die AfD 82 Abgeordnete im Bundestag – wegen Störungen und Beleidigungen während der Plenarsitzungen konnte die AfD-Fraktion den Rekord an Ordnungsrufen für sich verbuchen. Angeführt wird die Rangliste der Ordnungsrufe von Beatrix von Storch („von Strolch“), gefolgt von Stephan Brandner und Matthias Helferich. Es ist also kaum zu erwarten, dass sich bei nun doppelt so vielen Abgeordneten im neuen Parlament mehr Respekt und Anstand breitmachen werden. Die Zahl der kassierten Ordnungsrufe ist allerdings kein Beleg für die Gefährlichkeit der AfD, sondern höchstens für ihr flegelhaftes und respektloses Gebaren im Parlament.

Die neue Fraktion hat in ihren Reihen einige alte und neue Abgeordnete, die sich durch besonders radikale demokratiefeindliche, rassistische, frauenfeindliche und faschistische  Äußerungen und Aktivitäten hervorgetan haben. Beatrix von Storch, stellvertretende Fraktionsvorsitzende der AfD im Bundestag, wollte einen Waffeneinsatz gegen Flüchtlinge an deutschen Grenzen nicht ausschließen. Für Maximilian Krah (Spitzname „Schampus-Max“) sind echte Männer rechts, „Feministinnen alle hässlich und grässlich“. Als Spitzenkandidat der AfD für die Europawahl 2024 musste ihn die AfD zeitweise aus dem Verkehr ziehen; bei der Bundestagswahl hat er gegen die Willen seiner Parteiführung in Sachsen und im Bund kandidiert. Nun zieht er über ein Direktmandat in den Bundestag ein, trotz schriller öffentlicher Auftritte, Verbindungen nach Russland und China und umstrittener Aussagen über die SS.  

Ebenfalls wieder im Bundestag ist Matthias Helferich, gegen den ein Parteiausschlussverfahren läuft, das sein Landesverband NRW letztes Jahr in die Wege geleitet hat, weil er „die Außerlandesbringung von deutschen Staatsbürgern mit Migrationshintergrund und weiteren Personenkategorien unter Anwendung staatlicher Zwangsmittel als politische Zielsetzung artikuliert“ und dabei die Betroffenen als „Viecher“ bezeichnet hatte. Helferich hat sich selbst das „freundliche Gesicht des NS“ und als „demokratischer Freisler“ bezeichnet und mit seinem Kontakten in die Neonazi-Szene geprahlt.  

Auch Alexander „Vogelschiss“ Gauland, ein Anhänger der Verschwörungserzählung vom „großen Bevölkerungsaustausch“, wonach angeblich das deutsche Volk systematisch durch Migranten ersetzt werden soll, gehört weiter der AfD-Fraktion an.

Hannes Gnauck, ehemaliger Soldat der Bundeswehr, wurde vom Militärischen Abschirmdienst wegen fehlender Verfassungstreue als Extremist eingestuft und infolgedessen als Soldat vom Dienst freigestellt. Er ist Bundesvorsitzender der Jungen Alternative für Deutschland, die vom Verfassungsschutz als gesichert rechtsextremistisch eingestuft ist und die selbst der AfD zu rechts ist, weshalb die Partei die Jugendorganisation auflösen will.

Dario Seifert, der ebenfalls das Direktmandat in seinem Wahlkreis gewonnen hat, war Mitglied der Jugendorganisation der verfassungsfeindlichen NPD (heute Die Heimat) Auch gegen ihn strengte die AfD ein Parteiausschlussverfahren an, das 2024 in einer zweijährigen Ämter-Sperre endete. Trotzdem zieht er nun in den Bundestag ein.

Lt. einer Recherche von Correctiv von 2024 duldet die AfD auf allen Ebenen Mandatsträgerinnen und -träger, die mit körperlicher, verbaler oder indirekter Gewalt aufgefallen sind – viele trotz Verurteilung. Darunter sind mehrere Landtags- und Bundestagsabgeordnete.

Bevor es zu spät ist: Ein AfD-Verbot muss her

Man darf sich also auf einiges gefasst machen, wenn die AfD nun als größte Oppositionsfraktion im Deutschen Bundestag breitbeinig und selbstbewusst agiert. Mit dem Wählervotum von mehr als 20 Prozent im Rücken können die rechtsextremen Abgeordneten vor Kraft kaum gehen. Es ist nicht zu erwarten, dass die Partei einen gemäßigteren Kurs einschlagen wird, die Radikalisierung wird nach den Erfahrungen der Vergangenenheit und nach diesem Wahlerfolg eher weiter vorangetrieben. Mittlerweile, so die Politikwissenschaftlerin Heinze in der Tagesschau, „teile sich die Partei nicht mehr in moderat und radikal, sondern in radikal und offen rechtsextrem.“ Dabei gibt es schon jetzt genügend Gründe, um ein Parteiverbotsverfahren gegen die AfD einzuleiten und erfolgreich zum Abschluss zu bringen. 2024 haben 113 Abgeordnete des Bundestages eine Initiative für ein Parteiverbotsverfahren gegen die AfD gestartet. Am besten wäre es, wenn die Bundesregierung, der Bundestag und der Bundesrat gemeinsam einen Antrag für ein Parteiverbot stellen würden. Eine Stellungnahme von 17 Verfassungsrechtlern kommt zu dem Schluss, dass die Erfolgsaussichten gut sind.

Ich schließe mich der Forderung von Heribert Prantl an, der seine alte Forderung nach einem AfD-Verbot heute mit folgenden Worten begründete: „Natürlich lässt ein vom höchsten Gericht ausgesprochenes Verbot samt Auflösung der AfD den Rechtsextremismus nicht verschwinden; er existiert weiter, er löst sich mit der Partei nicht auf. Aber er wird dann nicht mehr großzügig vom Steuerzahler finanziert. Staatliche Gelder machen den größten Batzen der Einnahmen für die Partei und Fraktion der AfD aus, schon im Jahr 2022 waren das über zehn Millionen Euro. Die Zahl dürfte gegenwärtig noch viel höher sein, weil die Zahlungen mit der Zahl der Wähler steigen: Geld für den Druck von Plakaten und Veranstaltungen, auf denen das „System“ verhöhnt wird, das jene Verhöhnung finanziert. Hinzu kommen steuerliche Begünstigungen, die Diäten von Abgeordneten und Gehälter von Funktionsträgern, die die AfD mit Posten versorgt, sowie weitere Zuschüsse.“

Warten wir nicht, bis es zu spät ist und wir ein neues 1933 erleben.