Ostermarsch in Stuttgart. Eine Nachbetrachtung
Veröffentlicht: 22. April 2025 Abgelegt unter: Bundeswehr, Gesellschaft, Internationale Politik, Krieg, Pazifismus, Rüstung | Tags: Ostermarsch 5 KommentareAm Ostersamstag habe ich in Stuttgart am Ostermarsch teilgenommen. Als stummer Teilnehmer / Mitläufer, ohne von Anderen vorgegebene Parolen zu skandieren oder hinter den falschen Transparenten oder unter falschen Flaggen herzulaufen (was gar nicht so einfach war). Von meinen ambivalenten Eindrücken und Gefühlen möchte ich hier kurz berichten:
Aufgerufen zum Stuttgarter Ostermarsch unter dem Motto „Friedensfähig statt kriegstüchtig“ hatte das Friedensnetz Baden-Württemberg, zusammen mit einem breiten Bündnis von Organisationen der Friedensbewegung, Umweltgruppen, Parteien, Gewerkschaften, kirchlichen Verbänden (siehe Flyer zum Aufruf), mit diesen Forderungen:
- Dialog statt Aufrüstung, Wiederaufnahme von Verhandlungen über Rüstungskontrolle und (atomare) Abrüstung! Initiative für eine gemeinsame Sicherheitsarchitektur!
- Ende der deutschen Rüstungsexporte und Stopp der Militarisierung der EU!
- Drastische Senkung des Rüstungshaushalts.
Soziale Wirtschaft statt Kriegswirtschaft.
Verwendung der Mittel für den klima- und sozial gerechten Umbau unserer Gesellschaft! - Keine Stationierung neuer US-Mittelstreckenraketensysteme in Deutschland! Keine Lieferung von Taurus-Raketen in die Ukraine!
- Keine neue Wehrpflicht!
Uneingeschränktes Recht auf Kriegsdienstverweigerung! - Aufnahme von Kriegsflüchtlingen. Asyl für Deserteur*innen und Kriegsdienstverweiger*innen!
- Keine Doppelstandards beim Eintreten für die Einhaltung des Völkerrechts!
Es waren nach Angaben der Veranstalter rund 4.500 Menschen dabei. Auftakt- und Schlusskundgebung fanden bei sonnigem Frühlingswetter auf dem Schlossplatz in der Stuttgarter Innenstadt statt. Alle Reden, die gehalten wurden, kann man hier nachlesen. Besonders gefallen haben mir dort die Ansprachen von Friedrich Kramer aus Magdeburg, Landesbischof und Friedensbeauftragter der Evangelischen Kirche in Deutschland, und von Ulrich Bausch, Politikwissenschaftler und Mitinitiator von „Aufbruch für den Frieden“ (siehe dazu meinen Blogbeitrag vom 12.09.2024). Hier ein kurzer Auszug aus der Rede von Bausch: „…die Welt wäre eine bessere, wenn Putin die Ukraine nicht überfallen hätte. Was Russland dort anrichtet, ist völkerrechtswidrig und darf nicht gerechtfertigt werden. Es stellt sich daher nicht die Frage, wer hier der Aggressor ist – es stellt sich die Frage, ob die Reaktion des Westens überhaupt ansatzweise geeignet ist, wünschenswerte Ziele zu erreichen und ob der Glaube, Konfliktlösung durch immer mehr Waffen, nicht alles noch viel schlimmer macht – wir sind drauf und dran, in einen dritten WK zu taumeln.“
Zwei Irritationen: Beim Marsch durch die Stadt trafen die Ostermarschierer am Rande auf eine „Gegendemonstration“ von 150 Menschen aus der Ukraine, die ihren Protest gegen die Friedensbewegten mit Gesang, Fahnen und Losungen wie „Waffen retten Leben“ und „Internationale Solidarität mit der Ukraine“ zum Ausdruck brachten. Mein zaghafter Versuch, mit den Ukrainern ins Gespräch zu kommen („Wir demonstrieren auch für Frieden in der Ukraine“), war nicht erfolgreich.
Die zweite Irritation: Neben dem eher stillen Protest der Friedensgruppen war der Marsch durch die Innenstadt optisch und akustisch dominiert von „palästinafreundlichen“ Gruppierungen und linken kapitalismuskritischen Parteien (MLPD, KPD), die den Ostermarsch mit ihrer jeweils eigenen Agenda lautstark beherrschten. Auch wenn sich die Anliegen dieser Gruppierungen mit denen der Friedensbewegung in großen Teilen decken mögen: Deren militantes Auftreten macht die Friedensbewegung angreifbar durch ihre Kritiker und Feinde, die den Organiatoren und Teilnehmern der Ostermärsche Naivität, Weltfremdheit und linkes Sektierertum vorwerfen.
(Bild: Stuttgarter Zeitung)
Weißer Rauch über Berlin: Habemos Koalitionsvertrag
Veröffentlicht: 12. April 2025 Abgelegt unter: Demokratie, Innenpolitik, Wahlen | Tags: Koalitionsvertrag 2 KommentareEin Aufatmen geht durch die Nation: Der Koalitionsvertrag ist fertig: 144 Seiten „Verantwortung für Deutschland!“ Uff! Das ist schon mal eine gute Nachricht, darin sind sich die Kommentatoren einig. Und nicht nur das: Friedrich Merz und Lars Klingbeil bekennen öffentlich: Wir sind jetzt per Du! Oder, wie die Franzosen sagen würden: Nous sommes perdus. Aber kaum ist der Koalitionsvertrag unter Dach und Fach, geht in der Republik das große Gemecker und Geraune um. Je nach Interessenlage wird gelobt oder getadelt. Kritiker stellen zu viel Zugeständnisse an die AfD fest und bemängeln fehlende Zukunftsvisionen, keine Bekenntnisse zu Klimaschutz, Agrarwende, Schutz unserer Demokratie und Zivilgesellschaft vor rechtsextremen Angriffen.
Lassen wir zwei der Verhandlungsführer zu Wort kommen: Markus Söder (CSU), bayrischer Ministerpräsident, freut sich über das Bekenntnis, „dass wir Autoland sind und Autoland bleiben wollen“. Hä? Hat der Mann eine Fleischkäsvergiftung oder eine Überdosis Bratwurst zu sich genommen? Oder der hier, auch nicht von schlechten Eltern: Michael Kretschmer (CDU), Ministerpräsident von Sachsen, meint: In der Asylpolitik „ist der gesunde Menschenverstand zurück“.
Was dabei herauskommt, wenn der gesunde Menschenverstand am Steuer eines 500-PS-Porsches 911 in Deutschautoland ausgelebt wird, ahnen wir. Oder, wenn die Bildzeitung, das Zentralorgan des gesunden Menschenverstands, mal wieder Ausländerfeindlichkeit schürt.
Übrigens: Den kompletten Koalitionsvertrag kann man hier lesen …
Germania, mir graut vor dir
Veröffentlicht: 8. April 2025 Abgelegt unter: Demokratie, Gesellschaft, Innenpolitik, Rüstung, Wahlen Ein KommentarAuf diesen Blogbeitrag wird, das ist die gute Nachricht, kein Zoll erhoben. Schließlich sind die Gedanken frei. Fragt man mich, warum mir vor Deutschland graut, dann frag ich keck zurück: Und ihr, was ist mit euch? Graut euch etwa nicht? Weiter steigende Zustimmungsraten für die AfD? Dem Land dräut ein Bundeskanzler Friedrich Merz? Aufnahmestop für besonders schutzbedürftige Flüchtlinge? Abschaffung des Entwicklungsministeriums? Milliardenausgaben für die Rüstung? Rückkehr zur Atomkraft?
1871 schrieb der Dichter und Revolutionär Georg Herwegh angesichts des Deutsch-französischen Krieges sein „Germania, mir graut vor dir“, darin u.a. diese Strophe:
„Daß du, in argen Wahn versunken
Mit falscher Größe suchst zu prunken
Und daß du, gottesgnadentrunken
Das Menschenrecht vergessen hast“.
Nun warten wir dieser Tage untertänigst auf die Ergebnisse der Koalitionsverhandlungen zwischen CDU, CSU und SPD, ahnend, dass kaum wirklich Gutes und Hoffnungsvolles für die Zukunft unseres Landes dabei rauskommt. Es wird ein kleinster gemeinsamer Nenner sein, ein Zweckbündnis, um Schlimmeres zu verhindern, aber kein Aufbruch in eine bessere Zukunft.
Morgen, so heißt es, wird es Ergebnisse geben. Würde mich sehr wundern, wenn wir dann sagen könnten: „Germania, wir sind stolz auf dich“.
Stationierung neuer Raketen: Mehr Sicherheit oder mehr Risiko?
Veröffentlicht: 7. April 2025 Abgelegt unter: Bundeswehr, Internationale Politik, Krieg, Pazifismus, Rüstung, Völkerrecht | Tags: Raketenstationierung, Wolfgang Richter Ein KommentarWer wie ich eine gewisse Erschöpfung angesichts des allgemeinen Geschreis nach Aufrüstung und Kriegstüchtigkeit empfindet, dem sei der Vortrag „Stationierung von U.S.-Mittelstreckenraketen in Deutschland ab 2026: Notwendige Abschreckung oder Risiko für die europäische Sicherheit?“ empfohlen – gehalten von Oberst a.D. Wolfgang Richter am 9. März in Stuttgart, auf Einladung der Initiative Aufbruch zum Frieden (über die ich in meinem Blogbeitrag vom 12. September 2024 berichtet habe).

Der Vortrag widmet sich am Anfang ausführlich der Analyse des Ukrainekrieges und der Einschätzung der aktuellen militärischen Lage und möglichen Lösungsszenarien nach der Amtsübernahme von Donald Trump.
Leider findet man die von Richter mit großer Sachkompetenz vorgetragenen Fakten und Einschätzungen in der aufgeheizten politischen und medialen Aufrüstungsdebatte kaum vertreten. Wolfgang Richter ist ausgewiesener Militärexperte und aktuell Associate Fellow beim Genfer Zentrum für Sicherheitspolitik GCSP. Vorher arbeitete er über zehn Jahre lang bei der Stiftung Wissenschaft und Politik in der Forschungsgruppe Sicherheitspolitik zu den Themen europäische Rüstungskontrolle, OSZE-Sicherheitskooperation und ungelöste Konflikte im OSZE-Raum. Von 2005 bis 2009 war er bei der OSZE Leiter des militärischen Anteils der Ständigen Vertretung der Bundesrepublik Deutschland.
Die Aufzeichnung des Vortrags (Dauer 1:41 h) kann man hier ansehen: (89) Aufbruch zum Frieden, Bundeswehr Oberst a.D., Wolfgang.Richter – YouTube
