Trump zeigt UN den Stinkefinger. Und keiner lacht.
Veröffentlicht: 24. September 2025 Abgelegt unter: Internationale Politik | Tags: UN-Vollversammlung Ein KommentarDer Auftritt von Donald Trump vor der UN-Vollversammlung war lustiger als die von Dieter Nuhr im Ersten. Aber auch grotesk und wirr. Der Mann ist schon ziemlich verstrahlt. Erst mokierte er sich über eine kaputte Rolltreppe auf dem Weg in den Sitzungssaal, dann streikte der Teleprompter, was den Präsidenten zu einer offenen Drohung gegen das für die Panne verantwortliche Personal nutzte (Todesstrafe oder so?). Statt der eingeräumten fünfzehn Minuten Redezeit langweilte Trump fast eine Stunde lang die versammelte Führungselite der Welt mit Selbstbeweihräucherung auf Kindergartenniveau. Trump über Trump: Ich hatte in allem recht. Nach acht Monaten meiner Präsidentschaft ist Amerika im goldenen Zeitalter angekommen. Ich habe in sieben Monaten sieben Kriege beendet – für jeden Einzelnen hätte ich den Friedensnobelpreis verdient. Ich habe die meisten Geiseln der Hamas zurückgeholt. In London wird die Scharia eingeführt. Der Klimawandel ist der größte Betrug an der Welt. Die Windkraftanlagen rosten vor sich hin – kurzum, jede Menge strunzdummes und von Fakten ungetrübtes Geschwafel ohne thematischen Zusammenhang. Was sollten etwa seine abfälligen Bemerkungen zum CO₂-Fußabdruck von Barack Obama?
Mindestens ein Drittel seiner Rede widmet Trump dem Thema Migration – die für ihn nur als illegal denkbar ist. Er habe die Einwanderung auf Null gestoppt, eine aus seiner Sicht „humanitäre Handlung“. Für Deutschland hat er ein Lob parat: Dort sei man nach dem grünen Irrweg jetzt wieder zu den fossilen Brennstoffen zurückgekehrt. Leider auch das voll daneben und kompletter Schwachsinn. Oder vielleicht doch nicht, Herr Söder?
Das alles konnte nicht wirklich überraschen. Aber warum lässt die Versammlung diesen Bullshit über sich ergehen? Warum verbringen an die 200 hochrangige Staatslenker/innen ihre Zeit mit einer auch rhetorisch miserablen Rede? Warum lacht niemand? Warum wirft niemand mit Sand? Warum nicht wenigstens ein stiller Protest mittels Transparenten oder ein Trillerpfeifenkonzert bei jeder seiner dreisten Lügen? Warum dreht die Sitzungsleitung dem Mann nicht das Mikro ab, weil er seine Redezeit schamlos überzieht?
Immerhin: Der Beifall nach Trumps Rede, die von Baerbock mit unbeweglicher Miene verfolgt wurde, war endenwollend. UN Generalsekretär António Guterres, der alte Haudegen, hat das Beste draus gemacht und sich ein Nickerchen gegönnt. Dabei hätte man sich mal einen handfesten Eklat gewünscht: Giorgia Meloni und Alice Weidel, die vor gemeinsamer Begeisterung über die Trump-Rede ihren Busen entblößen. Heidi Reichinnek, die nach Eierwürfen auf Trump aus dem Saal geführt wird. Oder Annalena Baerbock, die vergisst ihr Mikro abzuschalten, wenn sie zu Guterres sagt: Should I stop talking that old asshole?
Die Bahn wird pünklicher. Aber mit Verspätung.
Veröffentlicht: 23. September 2025 Abgelegt unter: Boulevard, Gesellschaft, Innenpolitik, Wirtschaft Hinterlasse einen KommentarBahnkund*innen können sich freuen: Bis Ende 2029 sollen 70 Prozent der Züge der Deutschen Bahn ihr Ziel pünktlich erreichen, statt bisher 64 Prozent. Wow! Eigentlich sollte dieses ambitionierte Ziel schon 2026 erreicht werden, aber jetzt wird das auf Ende 2029 verschoben. Das verkündete jetzt Bundesverkehrsminister Patrick Schnieder. Für einen seriösen Blog wie den unsrigen verbietet es sich, an dieser Stelle anzügliche Witze über den Namen des Ministers zu machen.
Von Verkehrsministern sind wir in diesem Land ja einiges gewöhnt. Ramsauer, Dobrinth, Scheuer, Wissing – schlimmer kann es mit Schnieder eigentlich nicht werden. Nun muss man aber fairerweise zugestehen, dass die Sanierung der Bahn ein richtiges Brett ist. Es ist ja nicht nur die marode, jahrelang vernachlässigte Infrastruktur. Für manche Sachen kann die Bahn nun wirklich nichts, wenn wie zum Beispiel heute irgendwelche Idioten Kabel durchschneiden. Und das Wetter ist auch nicht mehr so harmlos wie früher.
Jede/r von uns kann Geschichten von eigenen Erfahrungen mit Bahnfahrten erzählen. Eine zeitlang bin ich berufsbedingt ziemlich viel zwischen Berlin und Freiburg gependelt. Da waren die meisten Züge eigentlich noch erstaunlich pünktlich. Meine Beobachtungen und Erfahrungen aus dieser Zeit habe ich in tagebuchähnlichen Notizen niedergeschrieben. So wie die folgende vom November 2006. Zur Ehrenrettung der Bahn muss ich allerdings sagen, dass die Entschädigung im Falle von Verspätungen heute wesentlich unbürokratischer funktioniert.
Aber hier nun die Geschichte von damals:
Verspätung
Einmal hatte die Bahn eine gehörige Verspätung. Wir reden hier nicht über fünf oder zehn Minuten – geschenkt. Es waren satte eineinhalb Stunden, bei der Deutschen Bahn AG heißt das 90 Minuten. Keine Ahnung, warum die Bahn alles, was über eine Stunde geht, in Minuten umrechnet. Vielleicht, weil es sich weniger schlimm anhört. „Eineinhalb Stunden“ hört sich irgendwie nach mehr an als „90 Minuten“. Es war höhere Gewalt, und da kann die Bahn nun wirklich nichts dafür. Zwischen Wolfsburg und Hannover hatte ein Sturm ein paar Äste auf die Gleise geweht, der Lokomotivführer – ich nenne ihn mal so, obwohl die Bahn sicher für diese Menschen inzwischen eine andere Bezeichnung gefunden hat, irgendwas Englisches vermutlich – also der Lokomotivführer hatte seine Kettensäge zuhause vergessen, und wir saßen ziemlich lange fest, bis das Hindernis beseitigt war. Irgendwann ging´s dann weiter, aber bald saßen wir wieder fest, dieses Mal wegen „Aufnahme von Anschlussreisenden“. Kurz vor Frankfurt musste der Zugchef dann den Reisenden, die nach Basel, Interlaken oder vielleicht nur bis Freiburg fahren wollten, die aberwitzige Fehlentscheidung in deutsch und in erbrochenem Englisch verkaufen, dass der Zug jetzt, statt wie üblich weiterzufahren, einfach in Frankfurt enden würde. Daran waren jetzt nicht mehr höhere Gewalt und auch keine Anschlussreisenden schuld, sondern betriebstechnische Gründe. Was will man dagegen schon einwenden. Vor der Betriebstechnik haben wir einen hohen Respekt. Die Reisenden wurden gebeten, gefälligst umzusteigen in einen anderen Zug, der sie weiter gen Süden transportieren sollte.
Das taten dann auch alle, mit bitterem Blick zwar und groben Verwünschungen gegen unschuldige Bahnbeamte auf den Lippen, aber ohne hoch gereckte Faust als Zeichen des stummen Protests und ohne den zurückgelassenen Zug anzuzünden. Mein Lateinlehrer pflegte bei solchen Anlässen zu sagen: Da wallt dem Deutschen auf sein Blut. Mehr an Protest kann man von deutschen Staatsbürgern wohl nicht erwarten. Die Verspätung erhöhte sich durch die Umsteigeaktion um eine weitere halbe Stunde.
Weitere Verspätungen gab´s auf dieser Fahrt nicht mehr, auch keinen Personenschaden, worüber man ja grundsätzlich immer froh ist. Ich bin an dem Tag wie üblich in Freiburg ausgestiegen, völlig verorgelt und entnervt von einer endlos langen Bahnfahrt, die durch diverse akkummulative Verspätungen immer länger und länger geworden war. Aber ich war glücklicher Besitzer eines Antragsformulars, das mir von einem ebenso entnervten Zugbegleiter ausgehändigt worden war und welches mir grundsätzlich die Möglichkeit eröffnete, an einem x-beliebigen Schalter der Bahn so lange anzustehen, bis ich an der Reihe wäre, um dann eine Entschädigung in Höhe von 25 Prozent des Fahrpreises zu beantragen. In meinem Falle waren das sage und schreibe 12,50 Euro.
Natürlich habe ich die 12,50 Euro der Bahn nicht einfach geschenkt. Obwohl das ja irgendwie nach Taktik riecht: Wer die per Gesetz zur Entschädigung verdonnerte Bahn in die Pflicht nehmen will, der muss einen Hindernisparcours allererster Sahne schaffen, um an die Kohle zu kommen. Nein, stopp, richtiges Geld gibt es ja gar nicht. Nur einen Gutschein, der wiederum beim Kauf einer Fahrkarte eingelöst werden kann, mit der Konsequenz, dass man ein zweites Mal am Schalter anstehen muss, denn bei einer Buchung über das Internet oder am Automaten kann man den Gutschein natürlich nicht einlösen. So wurde aus der Verspätung von 90 Minuten eine von 110 Minuten, oder sagen wir gleich: zwei Stunden, denn die beiden Wartezeiten am Schalter und der Weg dorthin kommen ja noch dazu. Die drei Minuten, die ich für das Ausfüllen des Formulars gebraucht habe – auch geschenkt. Nein, von fünf oder zehn Minuten reden wir wirklich nicht.
(Jürgen Lieser, Berlin – Freiburg am 1.11.2006)
Pentagon wird Kriegsministerium. Zieht Deutschland nach?
Veröffentlicht: 14. September 2025 Abgelegt unter: Bundeswehr, Gesellschaft, Krieg, Rüstung 2 Kommentare
Ausnahmsweise müssen wir Trump mal recht geben: Die Umbenennung des US-Verteidigungsministeriums in Kriegsministerium ist ein konsequenter und richtiger Schritt. Die deutsche Regierung sollte diesem Beispiel folgen und das Bundesministerium der Verteidigung (BMVg) in Kriegsministerium (BMfK) umbenenennen. Ja, wieso denn nicht? Wir sollen doch bis 2029 kriegstüchtig werden, wie es der Deutschen liebster Politiker Boris Pistorius fordert. Man soll die Dinge beim Namen nennen. Im Grundgesetz (Art. 4 Abs. 3) heißt es schließlich auch: Niemand darf gegen sein Gewissen zum Kriegsdienst mit der Waffe gezwungen werden.
Wir sind ja längst auf dem besten Wege zur politisch geforderten Kriegstüchtigkeit. Der deutsche Rüstungsetat soll bis 2029 auf mehr als 150 Milliarden Euro steigen. Die Bundeswehr wird personell aufgestockt. Die Eröffnung einer neuen Munitionsfabrik von Rheinmetall in Unterlüß ist „das größte Munitionswerk Europas, wenn nicht gar der Welt“, sagte Rheinmetall-Vorstand Papperger bei der Eröffnung in Anwesenheit von Finanzminister Lars Klingbeil (SPD) und Verteidigungsminister Boris Pistorius (SPD). Damit wird die Bundeswehr „kriegstauglich“ gemacht, so Papperger zu seinen Pappenheimern.

Die schleichende Militarisierung der Gesellschaft findet längst in vielen Bereichen statt. Nationaler Veteranentag, Jugendoffiziere in den Schulen, großflächige Plakatierungen mit Werbung für die Bundeswehr („mach, was wirklich zählt, weil du es kannst …“), modische Klamotten in Tarnfarben, usw. So fällt zum Beispiel auf, dass die Autoindustrie immer mehr SUVs mit der Lackierung NATO-Olive auf den Markt bringt. Das kann kein Zufall sein: Im Ernstfall können diese Fahrzeuge ohne Umrüstung für den Einsatz an der Front genutzt werden. Wie Möchtegernpanzer sehen sie ja ohnehin schon aus.
Regierung verspricht Herbst der Reförmchen
Veröffentlicht: 4. September 2025 Abgelegt unter: Gesellschaft, Innenpolitik, Wirtschaft 2 KommentareIn seiner Regierungserklärung vom Mai 2025 hatte Bundeskanzler Merz angekündigt, dass wir, die „lieben Bürgerinnen und Bürger“ unseres Landes, „schon im Sommer spüren: Hier verändert sich langsam etwas zum Besseren; es geht voran.“
Nun ist der Sommer so gut wie vorbei. Haben wir lieben Bürgerinnen und Bürger etwas gespürt? Ja doch, es hat sich manches verändert, wenn auch nicht zum Besseren: Der Döner ist teurer geworden, der Support für Windows 10 wird eingestellt, nur 15. Platz für Deutschland beim ESC, das Wasser der Nordsee ist so warm wie noch nie, Porsche ist aus dem DAX geflogen, 59,4 Prozent der Reisenden im DB-Fernverkehr erreichten ihr Ziel im Juli pünktlich (Juli 2024: 67,2 Prozent). Nun muss man darin nicht gleich Parallelen zum Untergang des Römischen Reiches sehen oder in das garstige Lied der AfD vom Niedergang Deutschlands einstimmen. Aber ein bisschen apokalyptisches Gänsehautfeeling darf schon sein, oder?
Jetzt hoffen alle auf den „Herbst der Reformen“. Der Sozialstaat kommt in die Reparaturwerkstatt. Er soll, um nochmal auf die Regierungserklärung von Merz zurückzukommen, „mit Blick auf eine alternde Gesellschaft zukunftsfest“ gemacht werden. Das Gesundheits- und Pflegesystem muss grundlegend reformiert werden, das Bürgergeld soll weg und eine neue Grundsicherung her (bzw. Merz will mal eben fünf Mrd. Euro einsparen). An diesen Themen werden sechs Reformkommissionen arbeiten.
Grundlegende Strukturreformen, die den Namen verdienen und die unsere Gesellschaft brauchen würde, wird es wohl nicht geben: Ein sozial gerechtes Steuersystem, das große Vermögen stärker belastet und die Reichen an der Finanzierung sozialer Aufgaben beteiligt, eine einheitliche Krankenversicherung statt des aktuellen Zweiklassensystems, in die alle, auch die Beamten, einzahlen, eine solidarische Rentenversicherung, die sich nicht allein an den eingezahlten Beiträgen orientiert, sondern eine bedarfsgerechte solidarische Grundsicherung für diejenigen garantiert, die aufgrund ihrer Erwerbsbiografie nicht genug einzahlen konnten, eine staatliche Regulierung des Wohnungsmarkts (huch, Kommunismus!), usw.
Lassen wir uns überraschen und bleiben wir zuversichtlich. Wer sich näher mit dem Thema Sozialstaatsreform beschäftigen möchte, dem oder der empfehle ich eine Radiosendung des Deutschlandfunks vom 3. September: Von Bürgergeld bis Rente: Welchen Sozialstaat braucht Deutschland?
