Die Bahn wird pünklicher. Aber mit Verspätung.
Veröffentlicht: 23. September 2025 Abgelegt unter: Boulevard, Gesellschaft, Innenpolitik, Wirtschaft Hinterlasse einen KommentarBahnkund*innen können sich freuen: Bis Ende 2029 sollen 70 Prozent der Züge der Deutschen Bahn ihr Ziel pünktlich erreichen, statt bisher 64 Prozent. Wow! Eigentlich sollte dieses ambitionierte Ziel schon 2026 erreicht werden, aber jetzt wird das auf Ende 2029 verschoben. Das verkündete jetzt Bundesverkehrsminister Patrick Schnieder. Für einen seriösen Blog wie den unsrigen verbietet es sich, an dieser Stelle anzügliche Witze über den Namen des Ministers zu machen.
Von Verkehrsministern sind wir in diesem Land ja einiges gewöhnt. Ramsauer, Dobrinth, Scheuer, Wissing – schlimmer kann es mit Schnieder eigentlich nicht werden. Nun muss man aber fairerweise zugestehen, dass die Sanierung der Bahn ein richtiges Brett ist. Es ist ja nicht nur die marode, jahrelang vernachlässigte Infrastruktur. Für manche Sachen kann die Bahn nun wirklich nichts, wenn wie zum Beispiel heute irgendwelche Idioten Kabel durchschneiden. Und das Wetter ist auch nicht mehr so harmlos wie früher.
Jede/r von uns kann Geschichten von eigenen Erfahrungen mit Bahnfahrten erzählen. Eine zeitlang bin ich berufsbedingt ziemlich viel zwischen Berlin und Freiburg gependelt. Da waren die meisten Züge eigentlich noch erstaunlich pünktlich. Meine Beobachtungen und Erfahrungen aus dieser Zeit habe ich in tagebuchähnlichen Notizen niedergeschrieben. So wie die folgende vom November 2006. Zur Ehrenrettung der Bahn muss ich allerdings sagen, dass die Entschädigung im Falle von Verspätungen heute wesentlich unbürokratischer funktioniert.
Aber hier nun die Geschichte von damals:
Verspätung
Einmal hatte die Bahn eine gehörige Verspätung. Wir reden hier nicht über fünf oder zehn Minuten – geschenkt. Es waren satte eineinhalb Stunden, bei der Deutschen Bahn AG heißt das 90 Minuten. Keine Ahnung, warum die Bahn alles, was über eine Stunde geht, in Minuten umrechnet. Vielleicht, weil es sich weniger schlimm anhört. „Eineinhalb Stunden“ hört sich irgendwie nach mehr an als „90 Minuten“. Es war höhere Gewalt, und da kann die Bahn nun wirklich nichts dafür. Zwischen Wolfsburg und Hannover hatte ein Sturm ein paar Äste auf die Gleise geweht, der Lokomotivführer – ich nenne ihn mal so, obwohl die Bahn sicher für diese Menschen inzwischen eine andere Bezeichnung gefunden hat, irgendwas Englisches vermutlich – also der Lokomotivführer hatte seine Kettensäge zuhause vergessen, und wir saßen ziemlich lange fest, bis das Hindernis beseitigt war. Irgendwann ging´s dann weiter, aber bald saßen wir wieder fest, dieses Mal wegen „Aufnahme von Anschlussreisenden“. Kurz vor Frankfurt musste der Zugchef dann den Reisenden, die nach Basel, Interlaken oder vielleicht nur bis Freiburg fahren wollten, die aberwitzige Fehlentscheidung in deutsch und in erbrochenem Englisch verkaufen, dass der Zug jetzt, statt wie üblich weiterzufahren, einfach in Frankfurt enden würde. Daran waren jetzt nicht mehr höhere Gewalt und auch keine Anschlussreisenden schuld, sondern betriebstechnische Gründe. Was will man dagegen schon einwenden. Vor der Betriebstechnik haben wir einen hohen Respekt. Die Reisenden wurden gebeten, gefälligst umzusteigen in einen anderen Zug, der sie weiter gen Süden transportieren sollte.
Das taten dann auch alle, mit bitterem Blick zwar und groben Verwünschungen gegen unschuldige Bahnbeamte auf den Lippen, aber ohne hoch gereckte Faust als Zeichen des stummen Protests und ohne den zurückgelassenen Zug anzuzünden. Mein Lateinlehrer pflegte bei solchen Anlässen zu sagen: Da wallt dem Deutschen auf sein Blut. Mehr an Protest kann man von deutschen Staatsbürgern wohl nicht erwarten. Die Verspätung erhöhte sich durch die Umsteigeaktion um eine weitere halbe Stunde.
Weitere Verspätungen gab´s auf dieser Fahrt nicht mehr, auch keinen Personenschaden, worüber man ja grundsätzlich immer froh ist. Ich bin an dem Tag wie üblich in Freiburg ausgestiegen, völlig verorgelt und entnervt von einer endlos langen Bahnfahrt, die durch diverse akkummulative Verspätungen immer länger und länger geworden war. Aber ich war glücklicher Besitzer eines Antragsformulars, das mir von einem ebenso entnervten Zugbegleiter ausgehändigt worden war und welches mir grundsätzlich die Möglichkeit eröffnete, an einem x-beliebigen Schalter der Bahn so lange anzustehen, bis ich an der Reihe wäre, um dann eine Entschädigung in Höhe von 25 Prozent des Fahrpreises zu beantragen. In meinem Falle waren das sage und schreibe 12,50 Euro.
Natürlich habe ich die 12,50 Euro der Bahn nicht einfach geschenkt. Obwohl das ja irgendwie nach Taktik riecht: Wer die per Gesetz zur Entschädigung verdonnerte Bahn in die Pflicht nehmen will, der muss einen Hindernisparcours allererster Sahne schaffen, um an die Kohle zu kommen. Nein, stopp, richtiges Geld gibt es ja gar nicht. Nur einen Gutschein, der wiederum beim Kauf einer Fahrkarte eingelöst werden kann, mit der Konsequenz, dass man ein zweites Mal am Schalter anstehen muss, denn bei einer Buchung über das Internet oder am Automaten kann man den Gutschein natürlich nicht einlösen. So wurde aus der Verspätung von 90 Minuten eine von 110 Minuten, oder sagen wir gleich: zwei Stunden, denn die beiden Wartezeiten am Schalter und der Weg dorthin kommen ja noch dazu. Die drei Minuten, die ich für das Ausfüllen des Formulars gebraucht habe – auch geschenkt. Nein, von fünf oder zehn Minuten reden wir wirklich nicht.
(Jürgen Lieser, Berlin – Freiburg am 1.11.2006)
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