Herber Verlust für die deutsche Presselandschaft: Das Bahnmagazin DB mobil wird eingestellt
Veröffentlicht: 24. November 2022 Abgelegt unter: Allgemein, Boulevard, Gesellschaft, Wirtschaft | Tags: DB mobil, Deutsche Bahn 2 KommentareDie Deutsche Bahn wird die Printausgabe ihres Magazins „DB mobil“ einstellen und künftig nur noch digital anbieten. Im Dezember erscheint das Magazin zum letzten Mal in gedruckter Form. Das Titelbild der ersten Ausgabe im Januar 2001 „zierte“ Siegertyp Boris Becker. Nun ja. Es war die Zeit, wo die Bahn damit begann, Ansagen auf englisch zu machen, man nicht mehr vom Schaffner angeraunzt, sondern vom Zugbegleiter „an Bord“ begrüßt wurde und die Züge sich „in Anfahrt auf xy“ befanden.
Ich selbst, obwohl seit jeher treuer Benutzer der Bahn, habe es nie auf das Titelblatt geschafft. Auch meine Rezension des Heftes, entstanden auf einer Bahnfahrt nach Berlin im November 2006, wurde von der Bahn aus mir unverständlichen Gründen nie abgedruckt. Den Text von damals habe ich aufgehoben. Hier ist er:
„Natürlich hat auch die Bahn ein eigenes Magazin. Es heißt mobil, wie originell. Irgendwann war es da und steckte in jeder Sitztasche: „Ihr persönliches Exemplar zum Mitnehmen!“ Ich habe noch nie jemanden gesehen, der es tatsächlich mitgenommen hätte. Jeden Monat eine neue Ausgabe, das Konterfei eines prominenten Menschen auf der Titelseite, aber keine blonden Girlies mit hochgeschnürtem Busen. Heute lesen wir mal die Ausgabe 11/06. Das heißt, von Lesen kann keine Rede sein, eher gelangweiltes Durchblättern. Es gibt herinnen sechs Rubriken: leute, reise, bahn (tut mir leid, ist tatsächlich alles klein geschrieben!), business, welt, szene. Was business ist, verstehen wir natürlich sofort. Man liest die Sachen nur so an, es ist nichts dabei, was wirklich von Belang wäre. Auf Seite 38 halten wir zum ersten Mal inne: Schönes und Nützliches aus dem Bahnshop. Da gibt es ein Originalschienenstück mit eingebauter Quarzuhr – wahlweise auch ohne Uhr erhältlich, Gewicht 8 Kilo, für 79 Euro. Was, um Himmels willen, macht man mit so einem schweren Eisenteil, zumal, wenn die Wahl auf „ohne Uhr“ fiel? Könnte man die Uhr ohne das Schienenstück wählen, das käme ja vielleicht noch in Frage. Direkt daneben das kuschelige Radiokissen (mit Lautstärkeregler!) für 10,50 Euro. Leider nicht wahlweise erhältlich in ein 10 Kilo Schienenstück eingeschweißt.
Wenn man bis zur Mitte durch ist, glost einen plötzlich das bruddelige Gesicht von Michael Glos an, seines Zeichens Bundesminister für weißnichtwas, der im Einlegeteil „Faszination Stahl“ erzählt, wie sich die internationale Stahllandschaft strukturell entwickelt hat. Das interessiert den Bahnreisenden natürlich brennend. Überhaupt eine ganze Zeitschrift, die der Faszination des Stahls (Werkstoff mit aufregenden Perspektiven) gewidmet ist. Man hat allerdings spätestens an dieser Stelle die Grundorientierung verloren und weiß nicht mehr, in welcher Dimension der Zeitschrift man sich eigentlich gerade befindet. Das Bahnmagazin mobil ist durchwoben, durchsetzt, durchwirkt von zahlreichen mehrseitigen Werbeeinlagen, die den redaktionellen Teil umrahmen, infiltrieren und durchwabern. Wir haben natürlich längst durchschaut, dass dahinter System steckt. Redaktionelles und Werbung werden durcheinander gerührt wie Marmorkuchenteig, damit uns Lesern ganz wirr im Kopf wird und wir beides nicht mehr auseinanderhalten können. Man kennt das ja auch vom Fernsehen.
Auch auf Seite 85 endlich wieder Shopping, getarnt als Artikel zum Thema „Verpackungskünstler“. Dieses Mal werden zum Beispiel kleine nette Täschchen aus Krokoleder angeboten, für 50 Euro das Stück, in die man seine Wrigley´s Kaugummistreifen bequem unterbringen kann. Hier trifft Information auf Kaufkraft (Kaukraft?), wie die noch nicht vermieteten Werbeflächen auf den Bahnhöfen versprechen. Meine Frau sagt immer, Werbung gehört verboten, aber sie hat keine Ahnung, wie wirtschaftliches Wachstum funktioniert. Auf die praktischen, per Knopfdruck verschließbaren Lederetuis für Kaugummis haben wir schon lange gewartet. Jetzt sind sie da, und mobil sei Dank wird ein akuter Notstand in diesem Marktsegment endlich behoben.“
FIFA-Boss Infantino: Von Gefühlen überwältigt
Veröffentlicht: 23. November 2022 Abgelegt unter: Boulevard, Internationale Politik, Sport | Tags: FIFA, Fußballweltmeisterschaft, Gianni Infantino 2 KommentareDer Weltfußballverband FIFA mit Sitz in der Schweiz ist eine Non-Profit-Organisation. Also, äh, gemeinnützig, gewissermaßen. Er wird geführt von einem kahlköpfigen Mann namens Gianni Infantino. Infantino ist zwar korrupt, aber der Mann hat auch Gefühle. Er kennt sich bestens aus mit Diskriminierung, Unterdrückung und sone Sachen. Hat er bei der Eröffnung der WM in Katar ausgeplaudert. Auch, wie es sich anfühlt, schwul zu sein oder arabisch oder behindert – ist ja alles irgendwie ähnlich. Er hat das selbst erlebt, als Kind (schluchz, schnief) – Infantino halt, nomen est omen. Er wurde diskriminiert und gemobbt wegen seiner roten Haare, sagt er. Damit kann man ihm jetzt nicht mehr kommen.
Jetzt ist er so reich und mächtig, dass er jeden noch so großen Bullshit erzählen kann, ohne dass ihm einer was kann. Bei einer Pressekonferenz anlässlich der WM-Eröffnung sagte er: „Heute fühle ich sehr starke Gefühle, heute fühle ich mich als Katarer, heute fühle ich mich als Araber, heute fühle ich mich afrikanisch. Heute fühle ich mich homosexuell. Heute fühle ich mich behindert, heute fühle ich mich als Arbeitsmigrant.“ So hat eben jeder seine Gefühle. Auch der Emir Tamim bin Hamad al-Thami, der oberste Scharfrichter von Katar, hat Gefühle. Wenn er ständig Todesurteile unterschreiben muss, dann geht ihm das sicher sehr nahe. Vielleicht wurde er auch als Kind gemobbt? Zu früh vom Töpfchen gezerrt? Irgendwas muss da gewesen sein.
Ach so, noch etwas: Die FIFA hat zuletzt 4,7 Mrd. Euro Gewinn erwirtschaftet. Da kann man schon mal in Tränen ausbrechen.
Besser wählen in Berlin – watt issn ditt?
Veröffentlicht: 18. November 2022 Abgelegt unter: Gesellschaft, Innenpolitik, Wahlen | Tags: Abgeordnetenhaus, Berlin, Neuwahlen Ein KommentarBei den Wahlen zum Berliner Abgeordnetenhaus im September letztes Jahr konnte so manche Bananenrepublik noch etwas lernen. Und ein notorisch-nöliger Donald Trump („Mama, die haben mir die Wahl gestohlen“) hätte seine wahre Freude gehabt. Jetzt hat das Landesverfassungsgericht entschieden: Gehe zurück auf Los. Mach´s noch einmal, aber richtig. Und prompt versichert die Regierende Bürgermeisterin Franziska Giffey, die mit Täuschungen ja eine gewisse Erfahrung hat (krrch, krrch, krrch…), die Wiederholungswahl am 12. Februar 2023 besser zu organisieren als beim letzten Mal. Krasser Witz, oder? Besser als beim letzten Mal? Genauso schlecht oder schlechter geht ja wohl nicht!
Eine perfekt organisierte Wahl – ach bitte, Berlin, tu uns das nicht an. Wir lieben dich, so wie du bist und wollen dich nicht anders: Arm, sexy, gefinkelt und chaotisch. So wie du Flughäfen baust oder Schlangen vor den Sozialämtern organisierst – keiner kann das so wie du. Lass es bei der Wahlwiederholung im Februar nächstes Jahr einfach nochmal so richtig krachen, mit Freibierausschank im Wahllokal, 50 Euro in bar für jede SPD-Stimme (bezahlt aus dem Länderfinanzausgleich), CDU-Wähler in der S-Bahn steckenlassen, bei der Stimmenauszählung das FIFA-Prinzip der WM-Vergabe anwenden, am 12. Februar einen Streik der städtischen Busfahrer organisieren, für rechtzeitigen Stromausfall in allen Wahllokalen sorgen – es gibt noch viele tolle Ideen, wie man eine Wahl kreativ gestalten kann. Wir setzen auf dich, Berlin!
Klimaproteste der Last Generation: Wer ist hier eigentlich kriminell?
Veröffentlicht: 12. November 2022 Abgelegt unter: Gesellschaft, Innenpolitik | Tags: Klimaaktivisten, Last Generation 4 KommentareEmpört Euch! Ja aber worüber?
Eine Welle der Empörung schwappt über die Republik: Bei der Kritik an den Protestaktionen der Last Generation scheinen alle Maßstäbe verloren. Die Klimaaktivisten werden mit der RAF verglichen und behandelt wie Terroristen und gefährliche Staatsfeinde. In großer Eintracht tönt es aus der deutschen Presselandschaft, den einschlägigen Talkshows, aus Politikermündern (nicht nur der AfD) und denen von selbsternannten Ordnungshütern wie dem bekennenden Rechtsaußen, Demagogen und Chef der Deutschen Polizeigewerkschaft Rainer Wendt: Die „Klimaterroristen“ sind unter uns! Für Alexander Dobrindt, Chef der CSU-Landesgruppe im Bundestag, muss „die Entstehung einer Klima-RAF verhindert werden“. Ein nicht nur dummer, sondern auch falscher und gefährlicher Vergleich.
Leider bleibt es nicht bei polemischen und verbalen Entgleisungen auf Stammtischniveau. In Bayern sitzen 12 Aktivisten für 30 Tage in „präventivpolizeilicher Gewahrsam“, ohne Anwälte, ohne Gerichtsverfahren, aufgrund eines umstrittenen Gesetzes (Bayerisches Polizeiaufgabengesetz), das zur Terrorismusbekämpfung (!!) erlassen wurde! Kommt einem irgendwie bekannt vor – Türkei? Belarus? Iran? Wo bleibt hierüber die öffentliche Empörung?
Der Zweck heiligt die Mittel?
Über die Ziele der Klimaaktivisten gibt es bemerkenswerterweise gar keinen Dissens, sind sie doch geradezu banal: 9-Euro-Ticket oder Tempo 100 auf Autobahnen. Gestritten werden darf über die Methoden. Es hat geradezu etwas rührend Naives zu glauben, mit Straßenblockaden oder spektakulären Bildersturmaktionen könnte das individuelle oder kollektive Gewissen zugunsten des Klimaschutzes wachgerüttelt werden. Eher werden indifferente Zeitgenossen in ihrem Widerstand gegen klimafreundliches Verhalten noch verstärkt. Und dass man mit Essen nicht um sich wirft, hat meine Generation schon im Kindergarten gelernt. Spaß beiseite: Es ist zweifelhaft, ob die Methoden der Klimaaktivisten angemessen sind, ob sie die erhoffte Wirkung erreichen – erhöhte Aufmerksamkeit für die katastrophalen Folgen des Klimawandels und entschlossenes politisches Handeln -, ob Straßenblockaden möglicherweise Menschenleben gefährden oder ob Kunstwerke beschädigt werden dürfen, ob also der Zweck die Mittel heiligt. Es gibt sicher originellere Formen des zivilen Widerstands.
Gewaltfreier ziviler Widerstand als moralisch begründeter Protest
Statt einer Kriminalisierung der Bewegung wäre eine Versachlichung der Diskussion hilfreich. Ziviler Ungehorsam ist eine bekannte Form des politischen Protests gegen gesellschaftliche Missstände. Erinnert sei zum Beispiel an Mahatma Gandhi mit seinem Protest gegen die britische Kolonialherrschaft in Indien oder an Martin Luther King mit seinem Kampf gegen die Rassendiskriminierung in den USA.
Was kann man aber den Stammtischparolen und billigen Hetzkampagnen entgegenhalten? Kaum zu erwarten, dass ein Markus Söder, Alexander Dobrindt oder Rainer Wendt sich auf einen akademisch-philosophischen Diskurs über den zivilen Ungehorsam einlassen werden, zum Beispiel in Anlehnung an die Definition von Jürgen Habermas von 1983: „Ziviler Ungehorsam ist ein moralisch begründeter Protest, dem nicht nur private Glaubensüberzeugungen oder Eigeninteressen zugrunde liegen dürfen; er ist ein öffentlicher Akt, der in der Regel angekündigt ist und von der Polizei in seinem Ablauf kalkuliert werden kann; er schließt die vorsätzliche Verletzung einzelner Rechtsnormen ein, ohne den Gehorsam gegenüber der Rechtsordnung im Ganzen zu affizieren; er verlangt die Bereitschaft, für die rechtlichen Folgen der Normverletzung einzustehen; die Regelverletzung, in der sich ziviler Ungehorsam äußert, hat ausschließlich symbolischen Charakter – daraus ergibt sich schon die Begrenzung auf gewaltfreie Mittel des Protests.“ (Jürgen Habermas: Ziviler Ungehorsam – Testfall für den demokratischen Rechtsstaat; in: Peter Glotz (Hrsg): Ziviler Ungehorsam im Rechtsstaat. Frankfurt/M. 1983, S. 35.
Für Leute, die sich mit dem akademischen Jargon von Habermas (affizieren!) schwertun – es geht auch einfacher: Ziviler Ungehorsam ist „die überlegte und gezielte Übertretung von Gesetzen um dringender gesellschaftlicher Ziele willen“ (Howard Zinn, Disobedience and Democracy, New York 1968, S. 119, zit. nach Andrea Papst, Ziviler Ungehorsam: Annäherung an einen umkämpften Begriff, in Bundeszentrale für politische Bildung / APuZ / 11.06.2012
Überlassen wir den Diskurs nicht den Demagogen!
Trump, Musk, die Midterm Elections und das großartige Amerika
Veröffentlicht: 10. November 2022 Abgelegt unter: Allgemein, Internationale Politik, Wahlen | Tags: Donald Trump, Elon Musk, Midterm Elections 2 KommentareStand heute früh (10. November) zeichnet sich ab, dass aus dem erwarteten Erdrutschsieg der Republikaner nichts wird. Noch ist nicht klar, wie die Mehrheiten im Kongress am Ende aussehen werden. Im Repräsentantenhaus zeichnet sich eine leichte Mehrheit der Republikaner ab, im Senat gibt es ein Kopf an Kopf-Rennen. Donald Trump ist sauer, weil eher die gemäßigten republikanischen Kandidaten statt der von ihm favorisierten Hardliner gewählt wurden. Anlass zur Erleichterung ist das nicht unbedingt, denn immer noch zu viele amerikanischen Wählerinnen und Wähler sympathisieren mit reaktionären Verschwörungsaposteln und der „Make America Great Again“-Fraktion unter den Republikanern. Aber ist das ein Grund zur Freude, zur Erleichterung? Hier meine persönliche Ansprache an die Republikaner:
Liebe Amis, lieber Elon Musk,
echt jetzt? Habt Ihr eigentlich noch alle Latten am Zaun? Ja, Euch meine ich, die Ihr republikanische Kandidaten wählt und damit einer erneuten Kandidatur und möglichen Wiederwahl von Donald Trump den Boden bereitet. Ihr haltet tatsächlich Trump für geeignet, Euer Land zu regieren? Einen tumben, ungebildeten, ungehobelten, ordinären Egomanen und Hassprediger, der mit seinem miesen Charakter, seinem Sexismus, seiner fratzenhaften Mimik, seiner Unberechenbarkeit und seiner narzisstischen Selbstüberschätzung nicht nur als Präsident der USA ungeeignet ist, sondern auch zur Führung eines PKW? Ihr wollt also wirklich von Leuten regiert werden, die den Klimawandel leugnen, die einfach mal das Kapitol stürmen, wenn ihnen ein Wahlergebnis nicht passt, und die an Verschwörungsideologien a la QAnon glauben, rechtsextremistische und reaktionäre Ansichten vertreten und Putin die Stiefel lecken? Really?
Und Du, Elon Musk: Dass Du einen Morbus Bahlsen (für Nichtmediziner: einen an der der Waffel) hast, wussten wir ja schon. Jetzt hast Du zur Wahl für die Republikaner aufgerufen. Ich werde den Tesla, den ich letzte Woche bestellt habe, wieder abbestellen. Jawohl!

Und mal im Ernst: Was soll das alberne MAGA-Gelaber – Make America Great Again? Was meint Ihr denn genau damit? Worin bestand denn das „großartige Amerika“, nach dem Ihr Euch zurücksehnt? Etwa darin:
- Atombombenabwurf auf Hiroshima und Nagasaki 1945
- Vietnamkrieg mit dem Einsatz von Agent Orange und Napalmbomben gegen die Zivilbevölkerung und dem Massaker von My Lai
- Unterstützung von Militärputschen gegen demokratische Regierungen in Lateinamerika
- Watergate-Skandal unter Richard Nixon
- völkerrechtswidriger Krieg gegen den Irak, begründet mit falschen Tatsachen (Massenvernichtungswaffen)
- Gefangenenlager Guantanamo, wo Menschen ohne Gerichtsurteil festgehalten und gefoltert wurden („Waterboarding“)
- extralegale Hinrichtungen mutmaßlicher Gegner mit Drohnen
- Abschaffung der Sklaverei vor gerade mal 150 Jahren, aber immer noch manifester Rassismus bei Eurer Polizei …
Ok, als deutscher Staatsbürger kann ich Euch zugutehalten, dass Ihr mein Land unter großen eigenen Opfern von den Nazis befreit habt. Und Ihr habt dafür gesorgt, dass wir in den Nachkriegsjahren wirtschaftlich wieder auf die Beine kamen (Marschallplan). Andererseits habt Ihr auf unserem Territorium, auf dem Fliegerhorst Büchel in der Eifel, Atombomben gelagert, die unsere Bundeswehr im Ernstfall für Euch ins Ziel bringen soll. Wenn Ihr euer Amerika wirklich „great again“ machen wollt, dann sorgt mal bitte dafür, peinliche Zeitgenossen wie Donald Trump oder Elon Musk aus dem Verkehr zu ziehen und in Guantanamo in Vorbeugehaft zu nehmen, bevor sie weiteren Schaden anrichten können. Das wäre really great.
Über Wohlstandsverlust, Dekadenz und wirkliche Armut
Veröffentlicht: 3. November 2022 Abgelegt unter: Boulevard, Gesellschaft, Wirtschaft | Tags: Europa-Park, Wohlstandsverlust 2 KommentareMan gönnt sich ja sonst nichts
Im Europapark Rust wird morgen ein neues „Erlebnisrestaurant“ mit dem bescheuerten Namen „Eatrenalin“ eröffnet. Es ist mit futuristischem Schnickschnack ausgestaltet und will alle Sinne seiner Kunden ansprechen. Die Gäste werden dort auf „Floating chairs“ in verschiedene Räume bewegt, mit Musik zugeballert und mit schwarzem Trüffel, Meeresfrüchten mit Plankton und Champagner abgefüllt. Das Ganze für einen Einstiegspreis von 195 Euro pro Person. Wem das zu billig ist, der oder die kann auch 445 oder 645 Euro für ein Abendessen mit Firlefanz hinblättern. Das Edelrestaurant liegt auf dem Areal eines zum Europa-Park gehörenden Luxushotels, wo man für eine Suite pro Nacht mehr als 1000 Euro zahlen muss. Die Nachfrage nach solchen Angeboten im „Hochpreissegment“ sei groß, so der Chef Thomas Mack. Der Bericht über diese Eröffnung ist der Badischen Zeitung eine halbe Seite im redaktionellen Teil wert, ohne auch nur einen Hauch von Kritik an dem dekadenten Mist zu äußern. Und als ob das noch nicht genug ist: In der gleichen Ausgabe vom 29. Oktober 2022 gibt es noch zwei Extraseiten über dieses herausragende gesellschaftliche Ereignis, vermutlich bezahlt von der Familie Mack, die den Europa-Park betreibt.
Das Gespenst vom Wohlstandsverlust
Womit wir beim Thema drohender Wohlstandsverlust wären, von dem in diesen Tagen viel die Rede ist. Nun ist Wohlstand ein dehnbarer Begriff. Ökonomen und Sozialwissenschaftler haben Kriterien dafür entwickelt und einen Wohlstandsindikator definiert. Meine selbstgestrickte, von jedem ökonomischen Sachverstand ungetrübte Definition lautet: Jemand hat mehr Geld, als er oder sie für ein gutes Leben braucht. Ein gutes Leben: Dazu gehören wohl unbestritten gesunde Ernährung, ausreichender Wohnraum, Energie zum Heizen und Kochen, Teilhabe am gesellschaftlichen Leben, Zugang zu Bildung, Gesundheitswesen, Kultur, usw. Aber da fängt es schon an, schwierig zu werden: Auto? Wenn ja, wie viele und wie groß? Wohnungsgröße? Wie viele Urlaubsreisen im Jahr? Wie oft in den Europa-Park Rust, wo die Tageskarte für eine Familie mit zwei Kindern über 200 Euro kostet? Man mag darüber streiten, ob ein Verzicht, sagen wir statt üblicher zwei nur noch ein jährlicher Besuch im Europa-Park, schon das Attribut Wohlstandsverlust verdient. Richtig ist jedenfalls, dass die Ansprüche an einen angemessenen Lebensstandard (= Wohlstand?) individuell sehr unterschiedlich sein dürften und dass sich diese Ansprüche seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges und dem wirtschaftlichen Aufstieg Deutschlands sehr ausgeweitet haben.
Die Wohlhabenden und die Nichtshabenden
So viel aber lässt sich über Wohlstand sagen: Nicht alle Menschen in Deutschland haben einen solchen. Sie, die Habenichtse, dürften den Verlust von etwas, was sie gar nicht besitzen, verschmerzen. Obwohl: Auch der Verlust kleiner, bescheidener Besitztümer, der warme Schlafsack eines Wohnungslosen etwa, oder der Verzicht auf noch so seltenen Luxuskonsum (ein Eis im Monat) kann schmerzen. Meine Oma in ihrer ärmlichen Zweizimmerwohnung hatte wertvolle Sammeltassen. Daran zu Lebzeiten verlustig zu gehen, hätte sie arg gegrämt. Heute stehen solche Tassen tausendfach und unverkäuflich auf Flohmärkten rum.
Es ist also eine vertrackte Sache mit dem Wohlstand. Wir könnten hier mal mit dem Märchen vom Hans im Glück argumentieren. Kann es sein, dass, je höher der individuelle Wohlstand, desto größer die Sorge um dessen Verlust oder jedenfalls Teilen davon ist? Oder dass einmal erworbene „Besitzstände“ als unverzichtbar verteidigt werden? Gibt es ein deutscheres Wort als das der „Besitzstandswahrung“? Ich wage die Behauptung, dass die meisten von uns – mich eingeschlossen – erhebliche Einschränkungen ihres gewohnten Lebensstandards vertragen könnten, ohne dass damit eine wirkliche Bedrohung ihrer Existenz oder gar ein Abrutschen in Armut verbunden wäre. Die Reichen werden, wie man hört, trotz Krieg, Inflation und Energiekrise offenbar immer reicher – siehe Nachfrage im Hochpreissegment. Die Armen werden trotz staatlicher Hilfen am Ende weniger zum Leben haben, und die „hart arbeitende Mitte der Gesellschaft“, um mal diese FDP-Floskel zu gebrauchen, sollte aufhören über Wohlstandsverlust zu lamentieren.
Den aktuellen Krisen könnte man am Ende ja auch etwas Positives abgewinnen: Bescheidener leben, weniger Wirtschaftswachstum, weniger Konsum, Ressourcen schonen, all das käme auch der geplagten Umwelt zugute.
Ende der Predigt.
