Fußball-WM in Saudi-Arabien: Wie ein Regime sein Image aufpoliert

1978 fand die Fußballweltmeisterschaft in Argentinien statt. Es gab damals allerdings ein kleines Problem: Das Land wurde seit 1976 von einer brutalen Militärjunta regiert, die politische Gegner foltern und verschwinden ließ – zum Beispiel, indem man Regimekritiker über dem offenen Meer des Rio de la Plata aus dem Hubschrauber warf. Unter der Herrschaft der Militärs starben am Ende ca. 30.000 Menschen. Die argentinische Regierung unter Jorge Rafael Videla nutzte die WM, um ihr politisches Image aufzupolieren und der Welt Sand in die Augen zu streuen. Die Fußballfunktionäre hatten keine Bedenken, mit der Militärjunta zu kooperieren. Der damalige FIFA-Präsident Havelange hatte den Militärputsch von 1976 begrüßt: „Nun wird die WM reibungslos ablaufen“. DFB-Präsident Hermann Neuberger hatte Spieler aus der Nationalmannschaft davor gewarnt, sich zu den politischen Verhältnissen in Argentinien kritisch zu äußern. Und nicht nur das: Neuberger traf sich während der WM mit Hans-Ulrich Rudel, einem bekannten Nazi-Kampfpiloten. Rudel hatte sich nach Südamerika abgesetzt und als Berater von Militärdiktaturen einen Namen gemacht. 

Ich war damals in Bonn politisch aktiv und beteiligt an den Protesten von Menschenrechts- und Lateinamerikagruppen, die unter dem Slogan „Fußball ja – Folter nein“ auf die politischen Rahmenbedingungen aufmerksam machten, unter denen die WM in Argentinien stattfinden sollte.

Wir klebten nachts Plakate, machten öffentliche Aktionen und suchten den Kontakt zu Fußballspielern und Funktionären. Wir forderten sie auf, sich für politische Gefangene einzusetzen und auf die Verletzung der Menschenrechte in Argentinien aufmerksam zu machen. In Deutschland sorgte zum Beispiel die Ermordung der deutschen Austauschstudentin Elisabeth Käsemann für Empörung.  Berti Vogts, damals Spieler in der deutschen Nationalmannschaft, sprach von Argentinien als einem „Land, in dem Ordnung herrscht. Ich habe keinen einzigen politischen Gefangenen gesehen.“  

Nun ein Sprung in die Gegenwart: Die FIFA hat entschieden, dass die Fußball-WM 2034 in Saudi-Arabien stattfindet. Der DFB hat für diese Wahl gestimmt. Vermutlich wird man auch in Saudi-Arabien „keinen einzigen Sklaven gesehen haben, die laufen alle frei herum“ (so Franz Beckenbauer anlässlich der WM 2022 in Katar, befragt nach der Kritik an menschenunwürdigen Arbeitsbedingungen der Gastarbeiter in dem Land). Nun gut, die FIFA ist nicht gerade bekannt dafür, hochsensibel auf Menschenrechtsverletzungen zu reagieren oder gar allergisch gegen Korruption zu sein. Man darf annehmen, dass Saudi-Arabien den FIFA-Funktionären bei der Entscheidung für die Vergabe der WM in das Wüstenland unter die Arme gegriffen hat. Geld spielt in Saudi-Arabien keine Rolle. Profifußballer wie Ronaldo oder Neymar werden mit exorbitanten Gehältern eingekauft, um in Vereinen der Saudis zu spielen. Und was die bürgerlichen Freiheiten anbetrifft: Frauen dürfen sogar Auto fahren!

Nach Katar 2022 zeigt sich die FIFA erneut blind und taub gegenüber Kritik an einem autoritären Regime wie Saudi-Arabien. Berichte von Zwangsarbeit, Lohndiebstahl, fehlendem Arbeitsschutz und ungeklärten Todesfällen unter Arbeitern, der brutale Mord an dem Journalisten Jamal Khashoggi im Jahr 2018, die starke Zunahme von Hinrichtungen und Todesurteilen gegen Regimekritiker, Einschränkungen der Pressefreiheit – Saudi-Arabien schneidet in vielen Bereichen und bei internationalen Indizes (siehe Statista-Grafik) noch schlechter ab als Katar.

Ungeachtet dessen ist Saudi-Arabien, nachdem deutsche Rüstungsexporte dorthin eine Zeitlang eingestellt waren, seit diesem Jahr wieder Empfänger deutscher Rüstungsgüter.

Das saudische Königshaus spannt den Fußball zur Aufpolierung seines Images ein, und die Fußballfunktionäre von FIFA und DFB lassen sich dafür instrumentalisieren. Vielleicht trifft das Berti-Vogts-Zitat von 1978 zu Argentinien für den DFB auch 2024 zu: „Saudi-Arabien ist ein Land, in dem Ordnung herrscht. Ich habe keinen einzigen politischen Gefangenen gesehen.“ 


FIFA-Boss Infantino: Von Gefühlen überwältigt

Der Weltfußballverband FIFA mit Sitz in der Schweiz ist eine Non-Profit-Organisation. Also, äh, gemeinnützig, gewissermaßen. Er wird geführt von einem kahlköpfigen Mann namens Gianni Infantino. Infantino ist zwar korrupt, aber der Mann hat auch Gefühle. Er kennt sich bestens aus mit Diskriminierung, Unterdrückung und sone Sachen. Hat er bei der Eröffnung der WM in Katar ausgeplaudert. Auch, wie es sich anfühlt, schwul zu sein oder arabisch oder behindert – ist ja alles irgendwie ähnlich. Er hat das selbst erlebt, als Kind (schluchz, schnief) – Infantino halt, nomen est omen. Er wurde diskriminiert und gemobbt wegen seiner roten Haare, sagt er. Damit kann man ihm jetzt nicht mehr kommen.

Jetzt ist er so reich und mächtig, dass er jeden noch so großen Bullshit erzählen kann, ohne dass ihm einer was kann. Bei einer Pressekonferenz anlässlich der WM-Eröffnung sagte er: „Heute fühle ich sehr starke Gefühle, heute fühle ich mich als Katarer, heute fühle ich mich als Araber, heute fühle ich mich afrikanisch. Heute fühle ich mich homosexuell. Heute fühle ich mich behindert, heute fühle ich mich als Arbeitsmigrant.“ So hat eben jeder seine Gefühle. Auch der Emir Tamim bin Hamad al-Thami, der oberste Scharfrichter von Katar, hat Gefühle. Wenn er ständig Todesurteile unterschreiben muss, dann geht ihm das sicher sehr nahe. Vielleicht wurde er auch als Kind gemobbt? Zu früh vom Töpfchen gezerrt? Irgendwas muss da gewesen sein. 

Ach so, noch etwas: Die FIFA hat zuletzt 4,7 Mrd. Euro Gewinn erwirtschaftet. Da kann man schon mal in Tränen ausbrechen.