„Wer Frieden will, muss mit dem Feind reden“. Über eine Ökumenische Friedensschrift

Eine gerade neu erschienene Ökumenische Friedensschrift widerspricht der vorherrschenden Abschreckungslogik, die man etwa so zusammenfassen könnte[1]: „Aufrüstung ist alternativlos, atomare Abschreckung sichert den Frieden, Pazifismus ist eine Schönwetterideologie zarter Seelen und Putin-Versteher, Wehrwillen verlangt Opferbereitschaft, Soldaten sind Helden. Flankiert wird diese Debatte von einer „Rhetorik des Ernstfalls“. Für glaubhafte Abschreckung müsse die Gesellschaft auf Kriegstüchtigkeit, wenn nicht gleich auf Siegfähigkeit eingeschworen werden.“

Die Friedensschrift „Wer Frieden will, muss mit dem Feind reden“ der Autor:innen Ralf Becker, Karen Hinrichs, Heinrich Schäfer und Theodor Ziegler plädiert hingegen für ein an den friedensethischen Forderungen der Bergpredigt orientiertes Konzept der Friedenslogik. Danach lassen sich Wege aufzeigen, wie Konflikte mit Mitteln der Diplomatie und der zivilen Konfliktlösung gelöst und Kriege verhindert werden könnten. Die Schrift fordert dazu auf, „in Zeiten massiver Aufrüstung unmissverständlich für militärische Abrüstung und für den Beitritt aller Staaten zum UN-Atomwaffenverbotsvertrag einzutreten.“

Zu ihrer Motivation sagen die Autor:innen: „Wir wenden uns mit dieser Ökumenischen Friedenschrift an Menschen in Kirchen, Gesellschaft und Politik, die an der Abschaffung von Krieg in „einer andauernden und fortschreitenden Anstrengung“ (Carl Friedrich von Weizsäcker) interessiert sind“.

Im Folgenden werden einige zentrale Passagen aus dem Papier zitiert. Die Aussagen sind durch einen sorgfältig recherchierten und umfangreichen Fußnotenapparat und Quellenteil dokumentiert[2].

Komplexe Ursachen von Kriegen

Mit einer wohltuend klaren Sprache und „ohne politische und theologische Verrenkungen“ (Elisabeth Freise, Mitglied im Koordinierungskreis von „Sicherheit neu denken“) wird zum Beispiel über die Ursachen von Kriegen festgestellt:  „Die heutige Welt ist von multiplen Krisen geprägt: Klimakatastrophe in vielen Dimensionen, Epidemien, extreme wirtschaftliche Ungleichheit, verbreitete Verarmung, ruinöse Konkurrenz, Beschneidung von politischer Teilhabe und Grundrechten, Autoritarismus, Hungerkatastrophen, Imperialismus, Zurückdrängen internationaler Institutionen, Zerrütten des Völkerrechts, Herrschaftsideologien im Cyberspace, widerrechtliche Sanktionen, Terror. …All diese Phänomene sind komplex miteinander verwoben und werden aufgrund eines Mangels an konstruktiver Bearbeitung von Konflikten nicht hinreichend entwirrt. Es wird aufgerüstet, Gesellschaften und internationale Beziehungen werden militarisiert, was schließlich zu Kriegen führt. Kriege sind zugleich Wirkung und Ursache der anderen Krisen. Sie werden etwa durch Konkurrenz um Ressourcen verursacht und verknappen zugleich die Ressourcen. Auf diese Weise verschlimmern Gewalt und insbesondere Kriege alle oben genannten Probleme. Und sie reproduzieren sich selbst – bis hin zur drohenden atomaren Menschheitskatastrophe“.

Ein Perspektivenwechsel tut not

Zu den Ursachen für den Ukrainekrieg empfiehlt die Schrift, statt Selbstkritik zu vermeiden einen Perspektivenwechsel zu vollziehen und diesen nicht als Verrat zu diffamieren („Putin-Versteher): „So wurde seit 2008 der NATO-Beitritt der Ukraine vorangetrieben – unter Missachtung europäischer Vereinbarungen, die eine Verletzung der Sicherheitsinteressen Russlands ausschließen (z. B.: Zwei-plus-Vier-Vertrag 1990, Charta von Paris 1990, OSZE 1999). Der angestrebte (vertragswidrige) NATO-Beitritt der Ukraine diente Russland 2022 schließlich als wesentlicher Kriegsgrund für den völkerrechtswidrigen Angriff auf das Land. Erfahrene europäische und US-amerikanische Außenpolitiker wie u. a. George Kennan und Henry Kissinger warnten schon seit Langem vor einem möglichen Krieg in der Ukraine aufgrund von deren Aufnahmeperspektive in die NATO. Die Warnung wurde ignoriert, und die Beitrittsperspektive wird von einigen europäischen Politikerinnen und Politikern bis heute beibehalten, obwohl Präsident Selenski inzwischen bereit ist, diese aufzugeben.“

Pflege von Feindbildern und unbelegte Behauptungen

Und weiter heißt es: „So wird ohne Belege und gegen jede rationale Analyse beschworen, Russland werde die NATO angreifen; Russland werde „ewig unser Feind bleiben“ (Außenminister Wadephul) und sei das „Reich des Bösen“ (NATO-Gen-Sec Rutte). Russische Verhandlungsinitiativen werden gekontert: „Mit Putin kann man nicht reden!“

Bei dieser Feindbildpflege werden mit großer Selbstverständlichkeit einzelne Personen (z. B. Präsident Putin) oder Systeme (z. B. Iran) dämonisiert. Regelmäßig nehmen solche kollektiven Veränderungen der Sprache den Charakter von Propaganda an…. „Zudem wird ohne Belege behauptet, Russland werde Europa angreifen, obwohl u. a. sämtliche 17 US-amerikanische Geheimdienste im Jahr 2024 das „so gut wie sicher“ ausschließen. 2025 warnen die US-Geheimdienste vielmehr vor einer „unbeabsichtigten Eskalation“ des Ukraine-Krieges zwischen Russland und der NATO bis hin zu einem Atomkrieg, weswegen der Krieg schnellstens zu einem akzeptablen Ende gebracht werden solle. Die Abschottung dieser unbelegten Behauptungen gegen Kritik setzt die eigenen Positionen absolut. Eine solche Praxis ist fundamentalistisch“.

Völkerrechtswidrige Aggressionen des Westens werden ignoriert

„Hingegen werden völkerrechtswidrige Aggressionen des Westens (wie z. B. die Bombardierung Belgrads 1999, der Irakkrieg 2003, die Ermordung Gaddafis im Libyenkrieg 2011, die Angriffe auf den Iran 2025 und 2026, die Feindseligkeiten gegen Venezuela und Kuba (2026) verschwiegen. All dies verweist auf eine Verselbständigung militärischer Logik, eskalationsbedingte „Trübung der Wahrnehmung“, sowie „Kriegshysterie“, und scheint sich zur „kollektiven  Psychose“ zu entwickeln, ähnlich wie im Kalten Krieg. Friedenslogisch betrachtet ist diese Entwicklung besorgniserregend“.

Militärische Sicherheitslogik vs. Friedenslogik

Die Friedensschrift stellt der militärischen Sicherheitslogik eine Friedenslogik gegenüber und schlägt konkrete Schritte zum Frieden vor: „Heute wird Sicherheit konfrontativ formuliert; die Akteure reden übereinander statt miteinander. Die Zeiten der Gemeinsamen Sicherheit und erfolgreicher Annäherung (KSZE/OSZE) sind vergessen. Die USA haben die Rüstungskontrolle aufgegeben und eine Präventivschlagdoktrin entwickelt. Die deutsche Regierung gibt de facto das Völkerrecht auf und unterstützt das US-amerikanische Recht des Stärkeren als neue Weltordnung. …

Im militärisch-sicherheitslogischen Denken wird Frieden ein nachgeordnetes Ziel. Denn angenommen wird, dass die Ursache von Unsicherheit von einer gegnerischen Seite ausgeht, deren bedrohliches Handeln notfalls mit Gewalt abgewehrt werden kann. Wenn auf beiden Seiten ähnlich militärisch-sicherheitslogisch gedacht und gehandelt wird, entsteht daraus eine eigendynamische Rüstungsspirale. Ressourcen fließen nicht mehr in den Aufbau und Erhalt von friedlichen Beziehungen, sondern in Abwehrmaßnahmen: Abgrenzung, Kommunikationsabbruch, Aufrüstung. Die Beziehungen verschlechtern sich und verstärken ungewollt die Risiken so, dass Konflikte bis hin zu einem Krieg eskalieren. …

Friedenslogische Sicherheitspolitik folgt daher einer anderen, konflikttheoretischen Grundannahme. Diese besagt, dass die Ursache von Unsicherheit nicht allein auf einer gegnerischen Seite liegt. Sie liegt vielmehr in den Beziehungen zwischen maßgeblichen Eliten beider Seiten. An diesen Beziehungen hat jede Seite einen eigenen Anteil, da die Drohung und Anwendung von Gewalt immer Folge komplexer Konflikte sind. Den eigenen Konfliktanteil kann ich selbst einseitig verändern und damit auch die Beziehungen beeinflussen. Die Verbindung von Frieden und Sicherheit kann daher aus friedenslogischer Sicht nicht durch Abgrenzung, Abbruch dialogischer Kommunikation oder Aufrüstung und Vorbereitung auf den Fall militärischer Konfrontation entstehen, sondern nur durch eine friedenstiftende Veränderung der Beziehungen zueinander.

Online-Präsentation

Am  Freitag, 5. Juni 2026 von 16 Uhr bis ca. 17.30 Uhr wird es eine online-Präsentation des Buches geben. Es liegen bereits die Zusagen von Dr. Margot Käßmann (Protestantin), PD Dr. Stefan Silber (Katholik), Prof. Dr. Fernando Enns (Mennonit)  und von Prof. Dr. Hanne-Margret Birckenbach für Kommentierungen vor. Ein weiterer Experte aus der Ökumene ist angefragt.
Nach einer Podiumsdiskussion der ExpertInnen werden Fragen und Kommentare aus der gesamten Konferenz möglich sein.

Der Zugangslink für die online-Präsentations-Videokonferenz: 

https://ippnw.collocall.de/b/rooms/jjn-cnj-uqp-6yg/join

Der Code für Teilnehmende ist: 6plpfp. Der Videokonferenzraum wird schon ab 15.50 Uhr zugänglich sein.


[1] Zitiert nach: Ulrich Bröckling in einem Gastbeitrag für den Spiegel „Deutschland und die Kriegstüchtigkeit. Der gefährliche Kurs der geistigen Mobilmachung“ (DER SPIEGEL 18/2025 vom 25.04.2025).

[2] Die digitale Buchversion kann von der Website des Ökumenischen Instituts für Friedenstheologie kostenlos heruntergeladen werden:
https://friedenstheologie-institut.jimdofree.com/app/download/8609240763/Oekumenische-Friedenschrift-2026.pdf


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