An Tagen wie diesen oder: Wie KI und IK zusammenhängen

An Tagen wie diesen haben wir noch ewig Zeit und wünscht man sich Unendlichkeit – so beschwören es die Toten Hosen. Ich hingegen hatte mal wieder einen dieser Tage erwischt, an denen man sich nicht Unendlichkeit, sondern einfach nur etwas mehr Kategorischen Imperativ (KI) wünscht. Wir erinnern uns: Immanuel Kant (IK) hat sich das ausgedacht und gefordert: Klaue nur dann einen E-Bike-Fahrradcomputer, wenn du möchtest, dass alle Menschen Fahrradcomputer klauen sollten. Das ist jetzt methaphorisch gemeint. Zu Kants Zeiten gab es noch keine Fahrradkompjuder. Der Kantsche KI lautet in einfacher Sprache: „Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde“. Alles klar?

Mir wurde also gestern der Fahrradcomputer geklaut. Dabei hätte ich Idiot es wissen können: Die Badische Zeitung hatte von einer Serie von „Bordcomputer“-Diebstählen in Freiburg berichtet. Angefangen hatte der Tag mit einem Telefonat von der Sorte: „Bitte haben Sie einen Moment Geduld. Der nächste freie Mitarbeiter ist gleich für Sie da … trallali, trallala“. „Ein Moment“ und „gleich“ sind dehnbare Begriffe. Selten handelt es sich um wenige Minuten, eher so zwischen 10 und 45 Minuten, in denen man zur Frustunterdrückung mit Warteschlangenmusik bedudelt wird. Als es noch Schnurtelefone gab, konnte man die Wartezeit wenigstens dazu nutzen, die durch häufiges Imkreislaufen verschwurbelte Telefonschnur zu entschwurbeln, aber zu der Zeit gab es noch keine KI-generierten Anrufprogramme, sondern richtige Menschen am anderen Ende der Leitung, die man beschimpfen, beleidigen oder anschreien konnte, bevor man den Hörer wutentbrannt auf die Gabel knallte.

Später am Tag wurde ich von einem rabiaten Autofahrer auf dem Fahrradschutzstreifen bedrängt und fast zu Fall gebracht. Sowas passiert an Tagen wie diesen. Statt ihm zuzurufen „Schon mal was vom Kategorischen Imperativ gehört?“ gelang mir nur ein schwaches „Idiot“.

Und, was soll man sagen, die allgemeine Nachrichtenlage ist auch wenig geeignet, sich Unendlichkeit zu wünschen: Die USA sanktionieren den Internationalen Strafgerichtshof, der israelische Sicherheitsminister Ben-Gvir möchte jeden Tag 30 bis 40 Menschen in Gaza umbringen, Innenminister Dobrinth will weiter nach Afghanistan abschieben und ist dafür auf die Kolaboration mit den Taliban angewiesen. Waldbrände breiten sich aus, 12.500 Menschen sind an Hitzefolgen gestorben. Laut Xavier Naidoo, Musiker und Welterklärer, liegen die Dürreperioden nicht am Klimawandel, sondern daran, dass eine klandestine Gruppe von unterirdisch lebenden Kannibalen uns den Regen wegtrinkt. „Das ist eigentlich ein offenes Geheimnis“, erklärte Naidoo am Rande einer Kundgebung gegen Sauerstoff in der Luft. „Ein unterirdisch lebender Kannibale verbraucht locker 30 Hektoliter Regenwasser am Tag.“ Das erklärt natürlich vieles.

Björn Höcke, auch so ein selbsternannter Welterklärer, glaubt den Zustand einer Gesellschaft an den Autobahntoiletten zu erkennen. Aber dem hat sowieso jemand ins Hirn …Campino, der Leadsänger der Toten Hosen, würde an Tagen wie diesen nicht mehr den Kriegsdienst verweigern, wie er es früher getan hat. So hat jeder, ob Naidoo oder Campino, seine eigene Art, mit der Weltlage umzugehen.

Ich hingegen hatte am Ende des gestrigen Tages mit einem hartnäckigen Schluckauf zu kämpfen. Nicht gerade ein Zustand, für den man sich Unendlichkeit wünscht. Morgen, also heute, bzw. für Euch, liebe Leserinnen und Leser dieses Blogs, gestern, wird vermutlich alles gut.