Merz in Belém: Nix wie weg „aus diesem Ort, wo wir da waren“

Friedrich Merz, Meister verbaler Entgleisungen und mit sicherem Gespür für Fettnäpfe ausgestattet, war zu einem Blitzbesuch bei der Klimakonferenz COP30 in Belém, Brasilien. Das muss man sich etwa so vorstellen: Nach zehn oder zwölf Stunden Flug raus aus dem Regierungsflieger, rein ins Auto, kurz im Hotel die Krawatte gewechselt, Rede vor der COP-Versammlung gehalten, schnell wieder rein in den Regierungsflieger und ab nach Hause nach dem Motto: Hier ist meines Bleibens nicht länger. Angeblich wollten auch die mitreisenden Journalisten nicht bleiben an „diesem Ort, wo wir da waren“ (Originalton Merz). Weil in Deutschland, so Merz, sei es nun mal viel schöner. Vermutlich haben auf der Fahrt zum Flughafen ein paar Müllsammler den Verkehr aufgehalten bzw. das Stadtbild verhunzt. Und dann der Blick aus dem Flieger auf die ausgedehnten Favelas am Stadtrand – widerlich. Anschließend, so verlautet aus gut unterrichteten Kreisen, habe man im Flugzeug gemeinsam gesungen „Kein schöner Land in dieser Zeit, als hier das unsre weit und breit“.

Nun muss man wissen, dass Merz in Brilon im Sauerland aufgewachsen ist. Da kann man Verständnis dafür haben, dass ihm Belém nicht so gut gefallen hat. Die geneigte Leserschaft möge sich anhand der folgenden Bilder selbst ein Urteil bilden, wo es schöner ist:

(alle Bilder zu Belém aus dem Reiseblog von Stefan Diener, Oberbilker Allee 202, 40227 Düsseldorf)


Unsterblich. Zum Tod von Tilmann Evers

Tilmann Evers ist am 28.10.2025 im Alter von 83 Jahren gestorben. Warum mich sein Tod zu einem Blogbeitrag veranlasst? Ich bin nicht einmal sicher, ob wir uns je persönlich begegnet sind. Sein Name, sein hohes Engagement für Frieden und Gerechtigkeit sind mir in Laufe meiner  politischen Sozialisation und späteren Berufstätigkeit im Feld der Entwicklungspolitik immer wieder begegnet. In meinem 1980 erschienenen Buch über Bolivien[1] waren Texte von Tilmann Evers wichtige Quellen. Seine Arbeiten zu Lateinamerika und zur Entwicklungstheorie und -politik und sein Engagement in der praktischen Solidaritätsarbeit für Lateinamerika – z.B. als Gründer und Vorsitzender des Forschungs- und Dokumentationszentrums Lateinamerika (FDCL) – waren über Jahrzehnte auch die Themen, die mich in Beruf und Alltag beschäftigten. Tilmann Evers hat sich als Vorstand im Forum Ziviler Friedensdienst (forum ZFD, jetzt ProPeace) engagiert, wo meine Tochter heute für den Zivilen Friedensdienst arbeitet.

In Gedenken an seinen Freund Tilmann Evers hat Prof. Dr. Claus Eurich kürzlich einen Beitrag noch einmal veröffentlicht, den Tilmann 2019 als Gastbeitrag auf dem Blog von Eurich unter der Überschrift „Unsterblich?“ veröffentlicht hat. Ich erlaube mir, den Beitrag hier in voller Länge abzudrucken (und hoffe auf das Einverständnis von Claus Eurich).

Gastbeitrag von Tilman Evers (2019)

„Ich bin Leben, das leben will, inmitten von Leben, das leben will.“ Wir kennen diesen Satz von Albert Schweitzer, in dem er seine Gedanken zur Ehrfurcht vor dem Leben verdichtete. Wie aber steht dazu der andere Satz, der sich daran anfügt: Wir sind sterbliche Wesen, die den Tod scheuen, inmitten von sterblichen Wesen, die den Tod scheuen? Hebt das nicht den ersten Satz auf, weil doch sowieso alles untergeht? Im Gegenteil. In jedes Lebewesen ist der Zyklus von Geboren-Werden, Reifen und Sterben, von Keimen, Blühen und Verwelken eingebaut – und nur deswegen kann es das Große Leben in seinen abermilliarden Formen über Milliarden Jahre geben. Unsterblichkeit wäre Erstarrung. Der Tod ist Teil des Lebens. Er ist Ferment der Evolution.

Das meint freilich den natürlichen Tod, dessen Zeit in den Genen mitgegeben oder der in den Nahrungsketten begründet ist; gerade sie machen den Zusammenhang von Tod und Leben offenkundig. Es meint nicht die massenhafte, mutwillige Tötung von Lebewesen zum Fleischkonsum oder durch Pestizide, auch nicht die blinde Ausrottung von ca. 100 Arten pro Tag durch die anhaltende Gier einer einzigen Spezies, die sich ausgerechnet homo „sapiens“ nennt.

Wohl aber hat diese Ausrottung viel damit zu tun, wie der Mensch zu seiner eigenen Sterblichkeit steht. Es heißt, der Mensch sei das einzige Wesen, das um seine Sterblichkeit weiß. Sind wir da so sicher? Vielleicht ist der Mensch nur darin einzig, dass er das Wissen um seine Sterblichkeit nach Kräften verdrängt. Weithin leben wir so, als sei unsere Lebenszeit unbegrenzt und als ginge der Tod uns nichts an. Dass wir ihn dennoch insgeheim scheuen, ja die Angst vor ihm unterschwellig unsere gesamte Zivilisation durchzieht, das zeigt sich an den zahllosen Ersatz-Sicherheiten, mit denen wir unser Dasein anfüllen.

Da sind die von unserer Gattung erdachten und errichteten Schutzhüllen unserer Maschinen, unserer Städte und Transportmittel, die uns die Natur vom Leibe halten und untertan machen soll. Wie gut: Diese Hüllen aus Beton und Stahlblech kennen keine Sterblichkeit! Erkauft sind sie mit einem Raubbau an den Ressourcen der Natur, der uns übermenschliche Kräfte verleiht. Dass diese Kräfte entscheidend aus fossilen Energien, also der seit Jahrmillionen gespeicherten Biomasse stammen und damit endlich sind: Es ist aus dem Blick und aus dem Sinn geraten – mögen künftige Generationen sich kümmern. Lasst uns alles in Geld verwandeln und in Geld ausdrücken, denn auch Geld überdauert den Tod. Und wenn all diese Lebens-Versicherungen, nein: Todes-Verdrängungen nicht reichen, bauen wir Mauern von Konsum und Zerstreuung um uns herum.

All dieser Kampf gegen unsere Sterblichkeit war nicht erfolglos: In den letzten hundert Jahren hat sich die Lebenserwartung verdoppelt, die Weltbevölkerung verfünffacht, die Wirtschaftsleistung verzehnfacht. Der Zukunftsforscher Hariri sagt weitere Zuwächse dieser Lebensverlängerungsindustrie voraus. Um welchen Preis? Wie viele Arten auf diesem Planeten müssen erlöschen, damit diese eine Art sich ihre Sterblichkeit weiter aus dem Blick rücken kann.

Es bleibt die Scheu vor dem Tod. Sie verbindet uns mit allem Lebenden. Und ja, sie mag bei uns Menschen stärker ausgeprägt sein – weil unser Bewusstsein uns dazu verleitet, uns mit unserem vergänglichen  Ich zu identifizieren. Aber das Leben in uns war und ist stets mehr und Größeres als dieses Ich. Es ist ein Geschenk, das uns auf Zeit verliehen ist, und dessen Quelle wir nicht kennen. Wir können sie allenfalls erahnen. Führt unser Sterben uns zurück in jenes Große Leben, aus dem wir kamen? Sind wir mitsamt unserem Geboren-Werden, Leben und Sterben nur eine Welle im Ozean dieses Großen Lebens – und in diesem überpersönlichen Sinne doch: unsterblich? Wir wissen es nicht. Aber die Hoffnung darauf kann uns helfen, nicht länger in Unsterblichkeits-Surrogate zu flüchten – die nun wirklich tödlich sind.


[1] Unser Reichtum hat immer unsere Armut hervorgebracht. Zur Geschichte und Gegenwart wirtschaftlicher Abhängigkeit und politischer Unterdrückung in Bolivien. Bonn / Trier 1980


Herbstblues? Schreibkrise? Nachlassendes Interesse? Jammern auf niedrigem Niveau

Heute machen wir mal eine Ausnahme von der Regel: Du sollst Deinen Mitmenschen nicht mit Jammern auf die Nerven gehen. Nicht mit altersbedingten Wehwehchen und nicht mit larmoyantem Genöle über Klimawandel, Friedrich Merz´ Stadtbildgelaber, Krieg, Krisen oder das Halloween-Kostüm von Heidi Klum.  Apropos Krise: Zu einem persönlichen, jährlich zuverlässig wiederkehrenden Herbstblues gesellen sich in meinem Fall in diesem Jahr eine Reihe weiterer Krisen, so dass ich von einer veritablen multiplen Krise sprechen darf. Meine hedonistische Kalibrierung zeigt ungewohnte Ausschläge nach unten, der geplante Bestsellerroman ist immer noch nicht veröffentlicht (auch noch nicht angefangen), der Friedensnobelpreis ging auch in diesem Jahr nicht an mich, der Keller gehört mal wieder aufgeräumt, auf dem Notebook gibt es keinen Support mehr für Windows 10.

Und nun auch noch die Bloggerkrise: Nach fast sechs Jahren als „Content Creator“ frage ich mich, für wen oder was ich eigentlich schreibe. Das Interesse an meinen bomforzionösen Beiträgen, ablesbar an den Aufrufzahlen, lässt deutlich nach. Keine Ahnung, woran das liegen könnte. Zu wenig Krawall, Provokation, Blödelei? Zu viel Analyse, Politikerschelte, Kapitalismuskritik? Zu wenig Schmink- und Kosmetiktipps, zu wenig Positives aus der Welt des europäischen Hochadels?

Die Zahl meiner Abonnent*innen stagniert bei 115. Das Blogverzeichnis „Bloggeria.de“ ordnet meinen Blog unter den top ten von 81 Politikblogs ein. Immerhin. Die durchschnittlichen täglichen Aufrufe mäandern um die zehn bis fünfzehn. Im August gabs mal an einem einzigen Tag über 1100 Aufrufe! Das war leider nicht der erhoffte große Durchbruch zum top influencer, sondern wohl ein Hackerangriff. Die Russen? Elon Musk? Erdoğan?

Mir geht es gerade so ähnlich wie Michael Scholz alias Charles Canary, Autor des Blogs „Das Bullauge“. In einem Beitrag vom 10. Oktober unter der Überschrift Ich schreibe, also denke ich beklagt Charles: „Das Interesse lässt nach. Die Klickzahlen fürs Bullauge nehmen ab. … Umso offensichtlicher drängt sich die Frage nach dem Sinn und Unsinn einer solchen Kolumne auf. Zur Erörterung benötigt es das Festzurren einer essentiellen Ausgangskondition: für wen oder was wird so ein Beitrag überhaupt geschrieben? …der eigentliche Grund für das Verfassen der Beiträge ist nicht die Befriedigung der Leselust. Oder gar der Begierde nach eine paar nett, dahingeschriebenen Zeilen. Nein, der wahre Grund strotzt vor Eigennutz und Egoismus. Ich schreibe für mich. Die Tätigkeit dient  dazu, um Gedanken zu sortieren. Um erhaltene Informationen besser zu durchdringen. Alles was ich so lese. Alles worüber ich mich unterhalte. Alles was ich wahrnehme. Dieser Informationswust wird sortiert und verarbeitet. Ich destilliere und verabreiche den Lesern eine Essenz. Prost!“

Soweit der Bloggerkollege Charles Canary. Seinen Ausführungen kann ich mich vollumfänglich anschließen. Er hat 21 Abonnenten; mehr noch als ich kann er daher sagen: Ich schreibe für mich. Und wer mit sechsstelligen Followerzahlen rumstrunzt, dem sollte das hier zu denken geben: „Die Berühmtheit mancher Zeitgenossen hängt mit der Blödheit der Bewunderer zusammen.“ Soll Heiner Geißler gesagt haben.