Über Wohlstandsverlust, Dekadenz und wirkliche Armut
Veröffentlicht: 3. November 2022 Abgelegt unter: Boulevard, Gesellschaft, Wirtschaft | Tags: Europa-Park, Wohlstandsverlust 2 KommentareMan gönnt sich ja sonst nichts
Im Europapark Rust wird morgen ein neues „Erlebnisrestaurant“ mit dem bescheuerten Namen „Eatrenalin“ eröffnet. Es ist mit futuristischem Schnickschnack ausgestaltet und will alle Sinne seiner Kunden ansprechen. Die Gäste werden dort auf „Floating chairs“ in verschiedene Räume bewegt, mit Musik zugeballert und mit schwarzem Trüffel, Meeresfrüchten mit Plankton und Champagner abgefüllt. Das Ganze für einen Einstiegspreis von 195 Euro pro Person. Wem das zu billig ist, der oder die kann auch 445 oder 645 Euro für ein Abendessen mit Firlefanz hinblättern. Das Edelrestaurant liegt auf dem Areal eines zum Europa-Park gehörenden Luxushotels, wo man für eine Suite pro Nacht mehr als 1000 Euro zahlen muss. Die Nachfrage nach solchen Angeboten im „Hochpreissegment“ sei groß, so der Chef Thomas Mack. Der Bericht über diese Eröffnung ist der Badischen Zeitung eine halbe Seite im redaktionellen Teil wert, ohne auch nur einen Hauch von Kritik an dem dekadenten Mist zu äußern. Und als ob das noch nicht genug ist: In der gleichen Ausgabe vom 29. Oktober 2022 gibt es noch zwei Extraseiten über dieses herausragende gesellschaftliche Ereignis, vermutlich bezahlt von der Familie Mack, die den Europa-Park betreibt.
Das Gespenst vom Wohlstandsverlust
Womit wir beim Thema drohender Wohlstandsverlust wären, von dem in diesen Tagen viel die Rede ist. Nun ist Wohlstand ein dehnbarer Begriff. Ökonomen und Sozialwissenschaftler haben Kriterien dafür entwickelt und einen Wohlstandsindikator definiert. Meine selbstgestrickte, von jedem ökonomischen Sachverstand ungetrübte Definition lautet: Jemand hat mehr Geld, als er oder sie für ein gutes Leben braucht. Ein gutes Leben: Dazu gehören wohl unbestritten gesunde Ernährung, ausreichender Wohnraum, Energie zum Heizen und Kochen, Teilhabe am gesellschaftlichen Leben, Zugang zu Bildung, Gesundheitswesen, Kultur, usw. Aber da fängt es schon an, schwierig zu werden: Auto? Wenn ja, wie viele und wie groß? Wohnungsgröße? Wie viele Urlaubsreisen im Jahr? Wie oft in den Europa-Park Rust, wo die Tageskarte für eine Familie mit zwei Kindern über 200 Euro kostet? Man mag darüber streiten, ob ein Verzicht, sagen wir statt üblicher zwei nur noch ein jährlicher Besuch im Europa-Park, schon das Attribut Wohlstandsverlust verdient. Richtig ist jedenfalls, dass die Ansprüche an einen angemessenen Lebensstandard (= Wohlstand?) individuell sehr unterschiedlich sein dürften und dass sich diese Ansprüche seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges und dem wirtschaftlichen Aufstieg Deutschlands sehr ausgeweitet haben.
Die Wohlhabenden und die Nichtshabenden
So viel aber lässt sich über Wohlstand sagen: Nicht alle Menschen in Deutschland haben einen solchen. Sie, die Habenichtse, dürften den Verlust von etwas, was sie gar nicht besitzen, verschmerzen. Obwohl: Auch der Verlust kleiner, bescheidener Besitztümer, der warme Schlafsack eines Wohnungslosen etwa, oder der Verzicht auf noch so seltenen Luxuskonsum (ein Eis im Monat) kann schmerzen. Meine Oma in ihrer ärmlichen Zweizimmerwohnung hatte wertvolle Sammeltassen. Daran zu Lebzeiten verlustig zu gehen, hätte sie arg gegrämt. Heute stehen solche Tassen tausendfach und unverkäuflich auf Flohmärkten rum.
Es ist also eine vertrackte Sache mit dem Wohlstand. Wir könnten hier mal mit dem Märchen vom Hans im Glück argumentieren. Kann es sein, dass, je höher der individuelle Wohlstand, desto größer die Sorge um dessen Verlust oder jedenfalls Teilen davon ist? Oder dass einmal erworbene „Besitzstände“ als unverzichtbar verteidigt werden? Gibt es ein deutscheres Wort als das der „Besitzstandswahrung“? Ich wage die Behauptung, dass die meisten von uns – mich eingeschlossen – erhebliche Einschränkungen ihres gewohnten Lebensstandards vertragen könnten, ohne dass damit eine wirkliche Bedrohung ihrer Existenz oder gar ein Abrutschen in Armut verbunden wäre. Die Reichen werden, wie man hört, trotz Krieg, Inflation und Energiekrise offenbar immer reicher – siehe Nachfrage im Hochpreissegment. Die Armen werden trotz staatlicher Hilfen am Ende weniger zum Leben haben, und die „hart arbeitende Mitte der Gesellschaft“, um mal diese FDP-Floskel zu gebrauchen, sollte aufhören über Wohlstandsverlust zu lamentieren.
Den aktuellen Krisen könnte man am Ende ja auch etwas Positives abgewinnen: Bescheidener leben, weniger Wirtschaftswachstum, weniger Konsum, Ressourcen schonen, all das käme auch der geplagten Umwelt zugute.
Ende der Predigt.
