Verkehrte Welt: ADAC für höhere Spritpreise

Die größte Religionsgemeinschaft Deutschlands hat 22 Millionen Mitgliedern, mehr als die katholische und evangelische Kirche zusammen. Die Rede ist vom ADAC. Deren oberster Chef Gerhard Hillebrand hat nun seinen Hut genommen, „nach einer Wutwelle und 60.000 gekündigten Mitgliedschaften“, wie die BILD schreibt. Hillebrand hatte in einem Interview für höhere Spritpreise plädiert „damit Autofahrer von Diesel und Benziner auf klimaschonende Alternativen wie das E-Auto umsteigen könnten“, so die BILD. Was, zum Teufel, hat den Mann dazu getrieben, etwas derart Vernünftiges zu sagen? Hillebrand hatte außerdem erklärt, die CO₂-Bepreisung sei das richtige Instrument, um die Klimaschutzziele zu erreichen. Stimmt eigentlich, oder? Jetzt müssen die deutschen Autofahrer – und das gilt auch für die Autofahrerinnen, die das Tanken lieber ihren Männern überlassen – 3 Cent pro Liter Benzin oder Diesel mehr zahlen. Drei Cent!!! Für BILD mal wieder eine ungeheuerliche Schröpfung der Autofahrer, die wahrscheinlich von den Grünen verschuldet ist.

Jetzt fehlt nur noch, dass die Unionsparteien nach ihren Ausflügen in Sachen Lifestyle-Teilzeit und bitteschön Zahnarzt selber bezahlen den Uralt-Slogan „freie Fahrt für freie Bürger“ wieder auspacken. Dann können die 60.000 aus Protest ausgetretenen ADAC-Mitglieder wieder eintreten und Gas geben. Und die BILD kann sich wieder auf ihre Kernkompetenzen konzentrieren, die da wären: „Der Staat belohnt leider die Faulen“, „Er onaniert gleich in der Drogerie“, „U-Bahn-Killer kam durch eine Sicherheitslücke ins Land“, „Igel macht Zebrastreifen zum Laufsteg“ und „Warum Männer regelmäßig Tomatenmark essen sollten“ (wegen Einfluss auf die Spermien, weswegen denn sonst).  


20. Januar: An Tagen wie diesen …

wünscht man sich Unendlichkeit, so der Songtext von den Toten Hosen. Meine Wünsche sind viel banaler: Gleich nach dem Aufstehen wieder ins Bett und die Decke über die Ohren ziehen.

Am 20. Januar drängen sich zwei historische Ereignisse ins Bewusstsein: Die Befreiung von Auschwitz und die Inauguration von Trump. Kann man zwischen beiden Ereignissen eine Verbindung herstellen? Am 20. Januar 1945 haben sowjetische Truppen das Vernichtungslager Auschwitz befreit und das Ende der Hitler-Diktatur eingeläutet. Ein Tag der Hoffnung und Befreiung also, nach der dunkelsten Phase der menschlichen Zivilisation.

Der 20. Januar 2025 ist kein Tag der Freude. Donald Trump wird Präsident einer der ältesten neuzeitlichen Demokratien. Der US-Präsident, der heute sein Amt antritt, ist demokratisch gewählt. Das allein schon nährt Zweifel, ob die Demokratie tatsächlich die beste aller Staatsformen ist. Hätte Trump die Wahl auch ohne sein Geld, seine Lügen, seine enorme Präsenz und Macht in den sozialen Medien, ohne Drohungen und Erpressungen in den Reihen der republikanischen Partei, ohne Unterstützung von Leuten wie Elon Musk oder Mark Zuckerberg gewonnen? Wohl kaum.

Man ist geneigt, dem amerikanischen Wahlvolk zu bescheinigen, gegen die eigenen Interessen gewählt zu haben: Vox Populi – vox Rindvieh? Schließlich ist Trump alles andere als ein Präsident der kleinen Leute, der Unterprivilegierten, der Ausgegrenzten, der Hilfebedürftigen. Bei seiner von arrogantem Getue und prolligen Gesten begleiteten Inauguration lässt er sich feiern mit einem Festbankett, wo die Reichen und Schönen der High Society Eintrittspreise bis zu einer Million Dollar bezahlen, um dem neuen Präsidenten ihre Aufwartung zu machen.    

Trump hat mehrfach unter Beweis gestellt, dass er die Demokratie verachtet und die geltende Rechtsordnung nach seinem Gutdünken zurechtbiegen will. Aus der Erfahrung seiner ersten Amtszeit und nach den Ankündigungen im Wahlkampf ist Schlimmes zu befürchten: Ein Regierungsstil, gekennzeichnet von rücksichtsloser Durchsetzung nationaler Interessen, von aggressiven Pöbeleien gegen Minderheiten und Migranten, von der Leugnung des Klimawandels, von Privilegien für die Reichen, von der Verachtung internationaler Institutionen und Verträge, von der Androhung militärischer Gewalt gegen Kanada, Grönland, Panama, von der Werbung für fettige McDonalds-Gerichte. In sein Kabinett beruft er einen Impfgegner zum Gesundheitsminister, einen unerfahrenen, wegen übermäßigem Alkoholkonsum und Gewalt gegen Frauen umstrittenen Fox-News-Moderator zum Verteidigungsminister, einen Klimawandel-Leugner als Energieminister …

Sind die demokratischen Institutionen in den USA stark genug, um die schlimmsten Auswüchse eines ungebildeten, narzisstischen Grobians in Grenzen zu halten? Das zumindest wäre notwendig, wenn der Glaube an die Demokratie als die beste aller Staatsformen nicht ganz verloren gehen sollte.  


Mein Hund, der Zeitgeist und ich (4)

Treue Leser/innen dieses Blogs wissen, dass ich Begegnungen mit dem Zeitgeist versuche aus dem Weg zu gehen. Weil aber unsere Hunde – dem Zeitgeist seiner und meiner – regelmäßig raus müssen, bleibt es nicht aus, dass wir uns über den Weg laufen. Und weil die Hunde sich mögen, können wir Hundebesitzer schlecht schweigend dabeistehen und den Hunden beim Spielen zuschauen. Man will ja nicht unhöflich sein und spricht miteinander.

Unverfänglich sind Themen, die sich um das Wetter oder um die Hunde drehen, wie etwa Frequenz und Konsistenz des Stuhlgangs oder die letzte Tierarztrechnung. So Hundesmalltalk halt. Aber neulich fing der Zeitgeist wieder damit an, mir ungefragt seine politischen Ansichten um die Ohren zu hauen – der Zeitgeist beruft sich gerne auf den gesunden Menschenverstand und auf das Internet als Quellen seiner Weisheiten. Ob ich nicht auch finde, dass das ganze Klimaschutzgedöns der Bundesregierung nichts bringt, weil wir ja nur 1,5 Prozent des weltweiten CO2-Ausstoßes produzieren, während die Chinesen, usw. Und dass die Regierung endlich die Migration in den Griff kriegen muss und Söder recht hat, dass wir eine Obergrenze brauchen. Und was das für ein Irrsinn sei, Steuergelder für Fahrradwege in Peru rauszuschmeißen. Und der Gipfel sei ja wohl die 1000-Euro-Arschhochprämie für Bürgergeldempfänger, die einen Job aufnehmen. Und dann die 1,5 Mrd. Euro, die der Staat zur Finanzierung des Deutschlandtickets reinbuttert.

Auf meinen dezenten Hinweis, dass das Dienstwagenprivileg den Staat 5,5 Mrd. im Jahr kostet, und dass das Deutschlandticket einer Studie zufolge zu weniger klimaschädlichen Emissionen im Verkehrssektor geführt hat, und dass der geschätzte Schaden durch die CumCum-Geschäfte zu Steuerverlusten von 28,5 Mrd. Euro  geführt hat, hat ihn nur noch wütender gemacht. Das sei typisch für die Grünen. Die, besonders der Habeck, hätten das Land an den Abgrund gewirtschaftet. Auf diesen Kokolores fiel mir kein Argument mehr ein, außer dem Zeitgeist vielleicht den eben aufgesammelten Hundekot ins Gesicht zu schmieren. Was ich natürlich nicht getan habe (aus Rücksicht auf das Schamempfinden meines Hundes), sondern unser Gespräch mit dem schönen Bonmot von Robert Habeck beendet habe: Ist halt so! Schönen Mittag noch!


FDP auf dem Weg in die automobile Steinzeit

Die deutschen Autofahrer können aufatmen: Die FDP will Schluss machen mit der „grünen Anti-Auto-Politik der Bevormundung“. Sie fordert mehr Platz für den Autoverkehr, kostenloses Parken in Innenstädten, weniger Fahrradstraßen und weniger Fußgängerzonen. Jugendliche sollen schon mit 16 Autofahren dürfen. Motorsport soll statt Schwimmen Pflichtfach in der Grundschule werden. Auf Autobahnen soll die linke Spur nur noch von Besserverdienenden mit SUVs genutzt werden dürfen.

Leute, die Fahrradfahren oder zu Fuß gehen, tragen ja nichts zum wirtschaftlichen Aufschwung bei. Dazu passt die gleichzeitige Forderung nach einer Kürzung des Bürgergelds.

Meine Empfehlung an die FDP: Wie wäre es mit einer Umbenennung in „FDAP = Freie dieselvernebelte Autofahrerpartei“? Mindestens 20 Prozent der Wählerstimmen sind euch dann auf jeden Fall schon mal sicher.


Söder für mehr Klimaschutz. Oder: Wie viel Scheinheiligkeit verträgt die Politik?

Das Hochwasser steigt, es gibt schwere Schäden, sogar Tote. Die Innenstadt von Passau steht komplett unter Wasser. In vielen Kommunen in Bayern und Baden-Württemberg ist Land unter. Derweil verkündet der bayerische Ministerpräsident Söder: „Wir müssen den Klimaschutz voranbringen.“ Das wäre eigentlich eine totale Lachnummer, aber bei Hochwasserkatastrophen sollte man besser nicht lachen, wenn man gewählt werden will, der im Ahrtal gelacht habende Armin Laschet gemahnt uns dieses. Mehr Engagement für den Klimaschutz fordert auch Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier angesichts der aktuellen Überschwemmungen. Ok, der kann das fordern, er muss es ja nicht umsetzen. Fehlt nur noch, dass die FDP und ihr Verkehrtminister Wissing verstärkte Anstrengungen für den Klimaschutz fordern.

Gleichzeitig erfahren wir, dass der Klima-Expertenrat der Bundesregierung (!) davon ausgeht, dass das für 2030 gesteckte Klimaziel Deutschlands verfehlt wird. Damit widerspricht er den Prognosen von Wirtschaftsminister Habeck.

Immanuel Kant hätte an dieser Stelle gefragt: Was sollen wir tun? Ich sag´s Euch: Geht am Sonntag zur Wahl und wählt die Partei(en), die nicht nur hohle Phrasen dreschen, sondern wirklich etwas für den Klimaschutz tun. Welche Parteien das sind, müsst Ihr schon selber rausfinden. „Sapere aude“ – für Nichtlateiner: Lasst Euch nicht verarschen!


Weltklimakonferenz in Dubai: Zivilgesellschaft fordert Kurskorrektur

Derzeit findet die 28. Weltklimakonferenz COP (Conference of the Parties) in Dubai / Vereinigte Arabische Emirate (VAE) statt. Man kann an diesen Konferenzen vieles kritisieren: Alle Beschlüsse müssen einstimmig gefasst werden, am Ende steht also immer ein Minimalkonsens. Zudem handelt es sich um Absichtserklärungen, bei Nichteinhaltung drohen keine Sanktionen. Der CO2-Fussabdruck der Konferenz selbst ist bei 70.000 Teilnehmerinnen und Teilnehmern gewaltig. Die COP28 ist auch wegen des Gastlandes VAE umstritten: Ein Staat, der nicht gerade für seine demokratischen Freiheiten oder für ein klimafreundliches Wirtschaftsmodell bekannt ist. Ein Land, dessen exzessiver Reichtum auf dem Verkauf fossiler Energieträger wie Öl und Gas beruht. Die VAE haben mit 21,8 t pro Kopf (2021) einen der weltweit höchsten CO2-Emissionen. Der weltweite Durchschnitt liegt bei 4,69 Tonnen pro Kopf. Und schließlich die „Bock-zum-Gärtner“-Kritik: Offizieller Gastgeber und Präsident der Konferenz ist Sultan Ahmed Al-Dschaber, der Chef des staatlichen Ölkonzerns Adnoc. Dazu Greenpeace-Chef Martin Kaiser: „Das ist so, als ob das Umweltbundesamt vom Chef von VW geleitet würde“. Statt des VW-Chefs wäre mir da eher Donald Trump eingefallen. Oder Volker Wissing. Aber egal. Wenn die Konferenz Vorschläge entwickeln soll, wie der Anteil fossiler Energieträger reduziert werden kann, dann ist nicht zu erwarten, dass ausgerechnet der Gastgeber dabei die treibende Kraft ist. Claudia Kempfert, Klima-Expertin vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW), vermutet, dass der Sultan „alles verhindert wird, was eigentlich notwendig ist“.

Wie dringend ein Kurswechsel ist, zeigen die jüngsten alarmierenden Zahlen des Zwischenstaatlichen Sachverständigenrats für Klimaänderungen (Intergouvernemental Panel on Climate Change, IPCC). Danach ist die globale Durchschnittstemperatur allein von 2011 bis 2020 bereits um 1,1 Grad Celsius gegenüber dem vorindustriellen Niveau gestiegen. 2023 wird wohl das bisher wärmste gemessene Jahr in der Geschichte werden. Inzwischen rechnen Klimaforscher damit, dass die globale Temperatur bis Ende dieses Jahrhunderts selbst dann um 2,5 bis 2,9 Grad Celsius im Vergleich zur vorindustriellen Zeit steigt, wenn die Staaten ihre jeweiligen Ziele zur Reduzierung ihrer Treibhausgasemissionen einhalten.

Die Bundesregierung bekommt für ihre halbherzige Klimapolitik weder von deutschen Gerichten noch von zivilgesellschaftlichen Organisationen ein gutes Zeugnis ausgestellt. Der Verband Entwicklungspolitik und Humanitäre Hilfe (VENRO) hat zusammen mit der Klimaallianz Deutschland anlässlich der COP28 Forderungen an die Bundesregierung formuliert: „Kurskorrektur für den Klimaschutz“. Darin fordern die Herausgeber die Bundesregierung auf, „sich aktiv für eine zügige Umsetzung und angemessene Finanzierung des Fonds für klimabedingte Schäden und Verluste einzusetzen. Ebenso muss die Bundesregierung darauf hinwirken, dass die Weltklimakonferenz einen gerechten Ausstieg aus fossilen Brennstoffen vereinbart. Um die 1,5-Grad-Grenze zu halten, ist eine Einigung über den Ausstieg aus allen fossilen Brennstoffen auf der diesjährigen Konferenz entscheidend.“

Nachtrag: Heute wird berichtet, der Sultan Al-Dschaber halte den Ausstieg aus den fossilen Energieträgern für unnötig. Quod erat demonstrandum.


Letzte Generation: Lasst uns Klartext reden!

Hallo Samuel, Tim und Lotta, Melanie, Leo, Hennig und die vielen, vielen anderen Engagierten der „Letzten Generation“: Ihr wollt Klartext reden. So steht es auf Eurer Website.

Ich bin auf Eurer Seite

Eines vorweg, damit wir uns nicht missverstehen: Ich bin auf Eurer Seite, was Eure Sorgen um den Zustand der Welt anbetrifft und die dramatische Entwicklung, die uns droht, wenn wir dem fossilen Wahnsinn, wie Ihr ihn nennt, nicht schnellstmöglich ein Ende setzen. Auf meinem Blog werdet Ihr genügend Beispiele dafür finden, wie sehr mich dieses Thema umtreibt. Ich habe letztes Jahr am 12. November für Euch Partei ergriffen, als man Euch mit der RAF verglich und wie Terroristen behandelte („Klimaproteste der Last Generation: Wer ist hier eigentlich kriminell?“ )

Das heißt allerdings nicht, dass ich nicht auch skeptisch bin. Ich werde nicht am Straßenrand stehen und Beifall klatschen, wenn Ihr eine Eurer Blockadeaktionen macht. Und ich muss sehr aufpassen, dass ich Euch nicht mit Häme und Spott überziehe und mich einfach nur über Euch lustig mache. Das habt Ihr nicht verdient.

Ihr seid (noch) nicht die letzte Generation

Ich schreibe Euch als jemand, der zur vorletzten, genaugenommen sogar zur vorvorletzten Generation gehört (ich bin 75 Jahre alt, meine Kinder sind Mitte vierzig, meine Enkel 21 und 15). Die meisten Aktivisten von Euch sind vermutlich so in den Zwanzigern – „Twens“ hieß das in meiner Jugendzeit. Es ist allerdings überhaupt noch nicht ausgemacht, ob Ihr wirklich die letzte Generation seid. Auch wenn sich die Lebensgrundlagen für die Mehrheit der Menschen auf diesem Globus dramatisch und rasant verschlechtern: Dass menschliche Überleben auf der Erde wird, so sieht es jedenfalls aus, eher langsam zu Ende gehen. Dass wir uns auf einen Abgrund zubewegen, diese düstere Prognose teile ich mit Euch. Friedrich Dürrenmatt hat in seiner Kurzgeschichte „Der Tunnel“ schon vor 70 Jahren so eine Katastrophenszenario beschrieben. Ich werde das Ende nicht mehr erleben, und Ihr vermutlich auch nicht.

Es ist noch nicht zu spät

Es ist fünf vor zwölf, aber noch nicht zu spät. Davon seid Ihr ja auch überzeugt. Und es ist unbestritten, dass das Zeitfenster, das uns bleibt, um die Katastrophe abzuwenden, nicht mehr groß ist. Die Verantwortlichen in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft wissen, was getan werden müsste. Die Erkenntnisse über den Klimawandel liegen auf dem Tisch, der IPCC hat in seinem jüngsten Bericht aufgezeigt, wo wir aktuell stehen.

Soziale Ungleichheit auch in der Apokalypse

Was wirklich schlimm ist: Die ersten Leidtragenden werden die Armen sein, die nicht die Mittel und Möglichkeiten haben, sich gegen die Klimaveränderungen zu schützen. Klimaanpassung und die Entwicklung von Resilienz muss man sich leisten können. Die Reichen und Mächtigen werden sich in ihre klimatisierten Trutzburgen zurückziehen und bis zum endgültigen Kollaps des Globus die Champagnerkorken knallen lassen. Ihre Bodyguards werden jeden mit Waffengewalt daran hindern, einzudringen. Weitere apokalyptische Szenarien überlasse ich Eurer und meiner Phantasie.

Liebe Klimaaktivisten, ab jetzt müsst Ihr tapfer sein. Ihr wolltet ja Klartext reden.

Ich habe mich ein bisschen auf Eurer Website umgesehen und mir Euren Vortrag angehört. 46 Minuten, puuh. Vieles davon ist redundant, Ihr argumentiert mit ständigen Wiederholungen, die Ihr Euch sparen könntet („Wir sind der Überlebenswille der Gesellschaft“, „Schon bald wird es zu spät sein und die Gesellschaft verschließt die Augen“, „keine Zeit mehr um kleine Maßnahmen zu machen“. Und dann, wenn es um konkrete Forderungen geht (auf die man in Euren Vorträgen lange warten muss) wollt Ihr Tempolimit 100 auf Autobahnen und ein bundesweites 9-Euro-Ticket. Echt jetzt? Mehr fällt Euch an konkreten Forderungen nicht ein?

Eure Erfolge messt Ihr an der medialen Aufmerksamkeit, an den Blockaden, an der Zahl der Festnahmen (Wir suchen Menschen, die bereit sind, sich festnehmen zu lassen …). Was ist denn für das Klima erreicht, wenn viele von Euch festgenommen werden?

Ich weiß nicht, welche Adressaten Ihr bei Euren Beiträgen auf der Website vor Eurem geistigen Auge habt. Mich offenbar nicht. Es gibt ein paar Sachen, die in Eurer Selbstdarstellung extrem nerven. Dazu gehört diese moralische und oberlehrerhafte Attitüde „Was tut ihr?“ Ihr glaubt offenbar, dass alleine Ihr etwas tut. Am Anfang erklärt Ihr uns die Klimakatastrophe und legt uns nahe, uns damit emotional zu verbinden. „Was Ihr verstehen müsst, wir reden hier über….“ Wieso geht Ihr davon aus, dass Ihr uns (mir) das Ausmaß der Katastrophe erklären müsst?

Zu den Dingen, die nerven, gehören Eure Eitelkeit, Euer Hang zur Selbstglorifizierung und zum Märtyrertum (Ihr vergleicht Euch mit der Bürgerrechtsbewegung in den USA!), und Eure Humorlosigkeit. Ok, das Thema ist verdammt ernst. Über den Klimawandel selbst kann man kaum Witze machen. Über Euch aber schon. Ich vermisse eine gewisse Fröhlichkeit, Witz, Frechheit, lustige Provokation usw. in Euren Aktionen.

Also: Macht Euch einfach mal locker!


Neues Heizungsgesetz beschlossen. Aber wann kommt das Klimaanlagengesetz?

Nun ist es also beschlossen. Das Heizungsgesetz. Genauer: Das Gebäude-Energiegesetz (GEG). Horrorszenarien wurden im Vorfeld an die Wand gemalt. „Es ist ein Angriff auf das Eigentum der Menschen“, so tönte zum Beispiel der FDP-Abgeordnete Frank Schäffler. Ähnlichen Bullshit verbreiteten mit viel Schaum vor dem Mund neben der FDP die Bildzeitung, der Haus- und Grundbesitzerverband, die AfD, die Querdenker und, wen wunderts, Hubert Aiwanger. Thorsten Frei, Parlamentarischer Geschäftsführer der CDU/CSU, der sich offenbar jeden Morgen die Haare in der Friteuse wäscht, meinte, das Gesetz gehe „völlig an der Realität der Menschen vorbei.“

Und, haltet Euch fest, Leute: Der Mann hat recht. Unfreiwillig. Denn statt Heizungen, die mit Erneuerbaren Energien betrieben werden, sollten sich die Deutschen dringend um den Austausch ihrer Heizung durch eine Klimaanlage bemühen. Es wird nämlich immer wärmer. Jetzt, Ende September, wo die Menschen normalerweise ihre Heizung anschmeißen, haben wir immer noch Temperaturen um die 30 Grad. Der Monat September ist der wärmste seit Beginn der Messungen. Gerade haben Klimafachleute beim 13. Extremwetterkongress in Hamburg ein düsteres Bild für die Zukunft gezeichnet. „Die Chance sei verpasst, mit relativ wenig Aufwand das Klimasystem zu stabilisieren, hieß es am Mittwoch zum Auftakt der dreitägigen Tagung in einer Mitteilung. Der Klimawandel werde nun in großen Teilen ungebremst erfolgen. Nicht mehr abwendbare massive Veränderungen seien auf der Erde zu erwarten.“ (Badische Zeitung vom 28.09.2023). 2045 also, wenn es keine Heizungen mehr geben soll, die mit fossilen Brennstoffen betrieben werden, könnte es sein, dass wir gar keine Heizungen mehr brauchen. Eher Kühlgeräte.


Panne beim Regierungsflieger: Peinlich oder Ironie des Schicksals?

Ja, Außenministerin Annalena Baerbock musste ihren geplanten Besuch in der Pazifikregion wegen eines technischen Defektes am Regierungsflieger abbrechen. Nein, wir werden hier nicht in den Chor derer einstimmen, die jetzt Kübel von Häme und Spott über die Bundeswehr und ihr marodes Gerät und über die angeblich so peinliche Panne für die Bundesregierung ausschütten. Ohne ordnungsgemäß geschlossene Klappe kann die A340 der Bundeswehr nun mal nicht weiterfliegen. Eine geschlossene Klappe möchte man auch der unsäglichen FDP-Politikerin Strack Zimmermann wünschen, die den Vorfall „einfach nur peinlich“ fand.

Wieso eigentlich? Zweimal musste der Weiterflug abgebrochen werden. Ja und? Eine eher groteske Ironie des Schicksals ist, dass ausgerechnet eine grüne Ministerin auf dem Weg nach dem südpazifischen Fidschi, das wegen des Klimawandels im Meer zu versinken droht, 160 Tonnen Kerosin ins Meer kippen muss. Wenn es also demnächst im Supermarkt preisgünstige Ölsardinen gibt, wissen wir warum.

Spaß beiseite: Was ist daran eigentlich so peinlich, wenn nicht alles wie geplant läuft? Ist es nicht vielmehr sympathisch, wenn ausgeklügelte Staatsbesuche, an deren Vorbereitung Ministerialbeamte und Botschaftsangehörige vor Ort monatelang gearbeitet haben, wegen einer dämlichen Klappe in sich zusammenfallen wie ein Kartenhaus? Unter anderem sollte bei dem Besuch von Missionaren geklaute indigene Kunst zurückgegeben werden. Das kann man sicher nachholen, ohne dafür eine Ministerin samt kompletter Regierungsdelegation und Journalistentross in einen schrottreifen Regierungsflieger zu setzen.

Allen, die jetzt die abgebrochene Reise voller Häme und Spott kommentieren, sei im übrigen die Lektüre von Hartmut Rosas 2020 erschienenen Buch „Unverfügbarkeit“ empfohlen.

Warum? Einfach mal lesen.


Gehen in Deutschland jetzt die Lichter aus? Schon eher das Hirn mancher Politiker

Gestern wurde den drei letzten Atomkraftwerken in Deutschland der Stecker gezogen. „Wenn das passiert, dann gehen die Lichter aus“ – so fabulieren AfD, FDP, CDU/CSU und mein Nachbar. Das kommt einem irgendwie bekannt vor. 1975 sprach Ministerpräsident und Hitlers Marinerichter Hans Filbinger („Was damals rechtens war, das kann heute nicht Unrecht sein“): „Wenn das AKW Wyhl nicht gebaut wird, gehen in Baden-Württemberg die Lichter aus“. Was damals Quatsch war, kann heute nur noch quätscher sein (frei nach Herbert Wehner). 1963, auch daran darf hier erinnert werden, sangen Gitte und Rex Guildo: „Gehn sie aus vom Stadtpark die Laternen …“. Das fanden sie romantisch und gar nicht beängstigend. Markus Söder aber tritt mit seinem Stellvertreter Hubert Aiwanger („ich bin eher nicht so übertrieben romantisch“) vor die Kameras und verkündigt, dass der Atomausstieg Sünde sei. Damit verlagert er geschickt die Debatte um die Atomenergie in den Bereich der Metaphysik. Was das wiederum ist, hat uns Martin Heidegger 1929 bei seiner Antrittsvorlesung an der Uni Freiburg erklärt. Von Atomenergie war da noch keine Rede. Aber wir schweifen ab. Es ist wohl kein Zufall, dass ein Vorgänger von Markus Söder, nämlich Franz-Josef Strauß, der erste Atomminister in Deutschland war.

„Kann denn Atomausstieg Sünde sein“ oder so ähnlich hat schon Zarah Leander vor vielen Jahren gesungen. Und selbst wenn: Söder als aufrechter Katholik sollte wissen, dass es die Beichte gibt, mit der die Sünden getilgt werden. Heute hören wir, dass Söder nicht nur eine Laufzeitverlängerung will, sondern die bayerischen AKW in Landesverantwortung weiterbetreiben will! Das wäre doch ein willkommener Anlass, das Land Bayern in die Unabhängigkeit zu entlassen und ihm den Anschluss an Österreich nahezulegen! Darüber würde sich auch der SC Freiburg freuen, der neulich gezeigt hat, wie man die Bayern hinauskickt.

PS: Apropos Laufzeitverlängerung: Ich bin beim Thema Verlängungen grundsätzlich misstrauisch. Ständig bietet man mir im Internet eine Verlängerung an. Nicht für Atomkraftwerke, aber für einen Teil meiner selbst. Auch in diesem Falle kann ich den Nutzen einer solchen Maßnahme nicht erkennen.