Letzte Generation: Lasst uns Klartext reden!

Hallo Samuel, Tim und Lotta, Melanie, Leo, Hennig und die vielen, vielen anderen Engagierten der „Letzten Generation“: Ihr wollt Klartext reden. So steht es auf Eurer Website.

Ich bin auf Eurer Seite

Eines vorweg, damit wir uns nicht missverstehen: Ich bin auf Eurer Seite, was Eure Sorgen um den Zustand der Welt anbetrifft und die dramatische Entwicklung, die uns droht, wenn wir dem fossilen Wahnsinn, wie Ihr ihn nennt, nicht schnellstmöglich ein Ende setzen. Auf meinem Blog werdet Ihr genügend Beispiele dafür finden, wie sehr mich dieses Thema umtreibt. Ich habe letztes Jahr am 12. November für Euch Partei ergriffen, als man Euch mit der RAF verglich und wie Terroristen behandelte („Klimaproteste der Last Generation: Wer ist hier eigentlich kriminell?“ )

Das heißt allerdings nicht, dass ich nicht auch skeptisch bin. Ich werde nicht am Straßenrand stehen und Beifall klatschen, wenn Ihr eine Eurer Blockadeaktionen macht. Und ich muss sehr aufpassen, dass ich Euch nicht mit Häme und Spott überziehe und mich einfach nur über Euch lustig mache. Das habt Ihr nicht verdient.

Ihr seid (noch) nicht die letzte Generation

Ich schreibe Euch als jemand, der zur vorletzten, genaugenommen sogar zur vorvorletzten Generation gehört (ich bin 75 Jahre alt, meine Kinder sind Mitte vierzig, meine Enkel 21 und 15). Die meisten Aktivisten von Euch sind vermutlich so in den Zwanzigern – „Twens“ hieß das in meiner Jugendzeit. Es ist allerdings überhaupt noch nicht ausgemacht, ob Ihr wirklich die letzte Generation seid. Auch wenn sich die Lebensgrundlagen für die Mehrheit der Menschen auf diesem Globus dramatisch und rasant verschlechtern: Dass menschliche Überleben auf der Erde wird, so sieht es jedenfalls aus, eher langsam zu Ende gehen. Dass wir uns auf einen Abgrund zubewegen, diese düstere Prognose teile ich mit Euch. Friedrich Dürrenmatt hat in seiner Kurzgeschichte „Der Tunnel“ schon vor 70 Jahren so eine Katastrophenszenario beschrieben. Ich werde das Ende nicht mehr erleben, und Ihr vermutlich auch nicht.

Es ist noch nicht zu spät

Es ist fünf vor zwölf, aber noch nicht zu spät. Davon seid Ihr ja auch überzeugt. Und es ist unbestritten, dass das Zeitfenster, das uns bleibt, um die Katastrophe abzuwenden, nicht mehr groß ist. Die Verantwortlichen in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft wissen, was getan werden müsste. Die Erkenntnisse über den Klimawandel liegen auf dem Tisch, der IPCC hat in seinem jüngsten Bericht aufgezeigt, wo wir aktuell stehen.

Soziale Ungleichheit auch in der Apokalypse

Was wirklich schlimm ist: Die ersten Leidtragenden werden die Armen sein, die nicht die Mittel und Möglichkeiten haben, sich gegen die Klimaveränderungen zu schützen. Klimaanpassung und die Entwicklung von Resilienz muss man sich leisten können. Die Reichen und Mächtigen werden sich in ihre klimatisierten Trutzburgen zurückziehen und bis zum endgültigen Kollaps des Globus die Champagnerkorken knallen lassen. Ihre Bodyguards werden jeden mit Waffengewalt daran hindern, einzudringen. Weitere apokalyptische Szenarien überlasse ich Eurer und meiner Phantasie.

Liebe Klimaaktivisten, ab jetzt müsst Ihr tapfer sein. Ihr wolltet ja Klartext reden.

Ich habe mich ein bisschen auf Eurer Website umgesehen und mir Euren Vortrag angehört. 46 Minuten, puuh. Vieles davon ist redundant, Ihr argumentiert mit ständigen Wiederholungen, die Ihr Euch sparen könntet („Wir sind der Überlebenswille der Gesellschaft“, „Schon bald wird es zu spät sein und die Gesellschaft verschließt die Augen“, „keine Zeit mehr um kleine Maßnahmen zu machen“. Und dann, wenn es um konkrete Forderungen geht (auf die man in Euren Vorträgen lange warten muss) wollt Ihr Tempolimit 100 auf Autobahnen und ein bundesweites 9-Euro-Ticket. Echt jetzt? Mehr fällt Euch an konkreten Forderungen nicht ein?

Eure Erfolge messt Ihr an der medialen Aufmerksamkeit, an den Blockaden, an der Zahl der Festnahmen (Wir suchen Menschen, die bereit sind, sich festnehmen zu lassen …). Was ist denn für das Klima erreicht, wenn viele von Euch festgenommen werden?

Ich weiß nicht, welche Adressaten Ihr bei Euren Beiträgen auf der Website vor Eurem geistigen Auge habt. Mich offenbar nicht. Es gibt ein paar Sachen, die in Eurer Selbstdarstellung extrem nerven. Dazu gehört diese moralische und oberlehrerhafte Attitüde „Was tut ihr?“ Ihr glaubt offenbar, dass alleine Ihr etwas tut. Am Anfang erklärt Ihr uns die Klimakatastrophe und legt uns nahe, uns damit emotional zu verbinden. „Was Ihr verstehen müsst, wir reden hier über….“ Wieso geht Ihr davon aus, dass Ihr uns (mir) das Ausmaß der Katastrophe erklären müsst?

Zu den Dingen, die nerven, gehören Eure Eitelkeit, Euer Hang zur Selbstglorifizierung und zum Märtyrertum (Ihr vergleicht Euch mit der Bürgerrechtsbewegung in den USA!), und Eure Humorlosigkeit. Ok, das Thema ist verdammt ernst. Über den Klimawandel selbst kann man kaum Witze machen. Über Euch aber schon. Ich vermisse eine gewisse Fröhlichkeit, Witz, Frechheit, lustige Provokation usw. in Euren Aktionen.

Also: Macht Euch einfach mal locker!