Amrum. Warum nicht mal einen Reiseblog?
Veröffentlicht: 21. Juni 2024 Abgelegt unter: Allgemein, Boulevard 2 KommentareLetztes Jahr haben meine Frau, der Hund und ich zum ersten Mal Urlaub auf Amrum gemacht. Das wollen wir dieses Jahr wiederholen. Bei der Urlaubsvorbereitung ist mir ein fast vergessener Text in die Hände gefallen, der beim letztjährigen Urlaub entstanden ist. Hier ist er:
Amrum. Urlaubseindrücke von einer besonderen Nordseeinsel
Wer auf die Frage „Wohin geht´s denn dieses Mal in den Urlaub?“ mit „Amrum“ antwortet, erntet eine Flut, einen veritablen Sturm, also quasi eine Sturmflut an Begeisterungsausbrüchen. Zu Amrum hat jede und jeder eine Meinung, und zwar immer die Gleiche. Niemand, der nicht schon mal da war, manche sogar mehrmals, und der oder die erzählen kann, wie wahnsinnig toll diese Insel ist. Selbst die, die noch nicht da waren, kennen jemand oder sogar mehrere, die schon da waren, oder sie kennen jemand, der jemand kennt, der schon mal da war, vielleicht sogar schon mehrmals da war, und wissen somit zuverlässig aus zweiter oder dritter Hand, wie unfassbar super diese Insel ist. „Die Perle der Nordsee mit traumhaftem Kniepsand“ – so die Eigenwerbung des Touristenbüros auf Amrum.
Und es stimmt ja irgendwie auch. Alles ist hier anders als anderswo, nicht so snobistisch wie auf Sylt, nicht so zugebaut wie auf Föhr, von Norderney oder Pellworm ganz zu schweigen. Amrum ist einfach besonders, amrumig eben: Die Luft, das Meer, die Kühe, die Dünen, die Fischbrötchen, die Heidelandschaft, der Leuchtturm, die puppenstubenähnlichen reetgedeckten Häuser in Nebel, das Gastronomieangebot, die Vogelwelt, der Kniepsand. Das alles und noch mehr kann man in zahllosen Reiseführern, Amrum-Kochbüchern, ja sogar Krimis nachlesen. Im Inselbuchladen Quedens gibt es eine ganze Wand mit Büchern von und über Amrum.
Ein Urlaub auf Amrum animiert zum Lesen. Wahrscheinlich, weil man auf dieser Insel sonst wenig Sinnvolles unternehmen kann, außer dem täglichen Weg zur Inselbäckerei, dem Rahmentrommelbau-Seminar mit Elisabeth und Sigi, einer Fahrt mit der Inselbahn (gähn) oder dem stundenlangen Rumhängen in einem der vielen Strandkörbe. Wer dem dadurch drohenden Dekubitus vorbeugen will, dem seien Strand- und Dünenwanderungen oder geführte Ausflüge ins Wattenmeer empfohlen. Für nölige Kinder bietet sich das Amrumer Abenteuerland an. Das kulturelle Angebot ist überschaubar: Gitte Haenning (live & hautnah), wahlweise auch mal Katja Ebstein oder der Kabarettist Florian Schröder. Nicht zu vergessen die Amrumer Blaskapelle. Das Inselkino heißt Lichtblick und ist auch einer. Pflichtprogramm für jeden Amrum-Touristen ist der Film „Luv & Lee Amrum. Der Film“ – der zumindest bringt für 90 Minuten Abwechslung in den ansonsten gleichförmigen Amrumurlaubsalltag.
Natürlich kann man alles lesen, was schon länger auf der „muss ich unbedingt noch lesen-Liste“ steht. Es bietet sich aber an, Insel- und Seefahrerliteratur zu schmökern. Dörte Hansens Roman „Zur See“ zum Beispiel, der, ohne dass die Autorin es explizit macht, offensichtlich auf Amrum spielt. Oder „Kruso“ von Lutz Seiler, auch ein Inselroman, der allerdings die damals noch zur DDR gehörende Insel Hiddensee mit dem real existierenden Ausflugslokal „Zum Klausner“ zur Kulisse hat. Wer es sich richtig geben will, der nehme sich das halbe Kilo „Moby Dick“, den Walfängerroman von Herman Melville vor –sollte man sowieso irgendwann mal gelesen haben. Warum also nicht auf Amrum, von wo im 17. Und 18. Jahrhundert Männer auf Walfangschiffen anheuerten, oftmals auch als Kapitäne im Walfang ihre Bestimmung fanden und wo heute Ferienhäuser „Walfänger“ heißen und Restaurants „Klabautermann“? Berühmt ist der Amrumer Seefahrer Hark Olufs, der zwei Jahre als Sklave in Algerien verbrachte, dann aber zum General aufstieg und 1736 wieder nach Amrum zurückkehrte.
Auch für schreibhungrige Menschen bietet ein Urlaub auf Amrum vielfältige Anreize. Literaten und Journalisten, die auf Amrum Urlaub machen, können offenbar nicht umhin, kurze oder lange Liebeserklärungen an die Insel zu Papier zu bringen. So schreibt Iris Radisch in der Wochenzeitung DIE ZEIT: „Dass ich dennoch immer wieder nach Amrum fahre, liegt nicht nur an der Kosten und Kerosin sparenden Anreise und an den unbestreitbaren Naturschönheiten der Insel – der Champagnerluft, den Möwen, dem endlosen weißen Sandstrand, den Kiefernwäldern, dem kühlen Wind, der Dünenlandschaft, den Wattvögeln, dem erstklassigen Wolkentheater –, sondern auch an der reizarmen Eintönigkeit, die dazu beiträgt, die Welt wie am ersten Schöpfungstag in ihren beruhigenden elementaren Urbestandteilen wahrzunehmen.“
Eine reizende und treffende Beschreibung der amrumschen Vorzüge des Nichtstuns und der Langeweile.
Für die vielschreibende und durchaus erfolgreiche Autorin aus dem Südwesten Deutschlands gilt das mit dem Nichtstun nicht. Sie gönnt sich auch im Urlaub keine Pause vom geradezu manischen Schreibzwang. 25 Bücher, im Schnitt pro Jahr ein Buch. Und fast so viele Auszeichnungen. Kein Urlaub, ohne dass daraus nicht mindestens eine Publikation werden muss. Warum das im Falle von Amrum gleich so besitzergreifend ausfallen muss? Ja gut, es ist nett und süffig geschrieben und unangestrengt zu lesen. Easyreading eben. Steht nichts Falsches drin. Man kennt ihren gefälligen, aber auch belanglos dahinplätschernden Stil auf höherem Schreibwerkstattniveau aus anderen Werken.
Als die Insel noch nicht touristisch erschlossen war, herrschte große Armut. Wichtige Erwerbsquellen waren die Seefahrt und das „strunlupen“, die Strandräuberei und das Ausschlachten von havarierten Schiffen. Heute lebt Amrum vom Tourismus. Auf den Kopf jedes Inselbewohners fallen rund 350 Übernachtungsgäste im Jahr. Das härtet ab. Die andere Hälfte fällt auf die Köpfe der Inselbewohnerinnen – so viel Gerechtergeschlechtigkeit muss sein. Die Feriengäste logieren zumeist in Ferienwohnungen. Davon gibt es auf der Insel unzählige. Bei der Gestaltung der Wohnungen sind der Geschmacklosigkeit keine Grenzen gesetzt. Das ist allerdings kein amrumspezifisches Phänomen. Neben den praktischen und unverzichtbaren Dingen wie Tisch, Bett, Schrank, Sofa, Bad und einer hoffentlich gut ausgestatteten Küche – zwei Knoblauchpressen, aber keine Salatschleuder – glauben Ferienwohnungsbesitzer ihren Gästen den Aufenthalt ästhetisch zu verschönern, indem sie die Wohnung mit allerlei sinnlosem und hässlichem Nippes „schmücken“. Jeder Zentimeter, jede Ablagefläche, jede freie Wand muss herhalten für holzgeschnitzte, gehäkelte, gebatikte oder gemalte Möwen, Leuchttürme, Schiffe, „Smile“- und „Take me to the Beach“-Sprüche und ähnlichem Kokolores. Dabei ist der Blick aufs Wattenmeer, sofern man denn einen hat, so reizvoll, dass man keine zusätzlichen Reize aus der Kiste „nicht schön, aber geschmacklos“ braucht.
Das bevorzugte Verkehrsmittel auf Amrun ist das Rad. An jeder zweiten Ecke gibt es einen Fahrradverleih (Stephan´s Fahrradverleih). Dagegen ist nichts zu sagen (höchstens gegen die unausrottbare Apostrophitis). Mit dem Fahrrad hat man in zwei Stunden alle fünf Dörfer auf der Insel abgeklappert. Nach wenigen Tagen kennt man alle mit dem Rad erreichbaren Wege und Ziele. Um zum äußerten Punkt an der Nordspitze zu gelangen, muss man das Rad allerdings ungefähr zwei Kilometer vorher abstellen und die Umrundung der Nordspitze zu Fuß absolvieren. Der Wind weht unterschiedlich stark – mal von Süd nach Nord, mal umgekehrt. Wer also mit kräftigem Rückenwind die zehn Kilometer von Wittdün nach Norddorf nahezu ohne Kraftanstrengung geradelt ist, der wird auf dem Rückweg entweder fluchend gegen den Wind anstrampeln oder besser den östlich weitgehend durch den Wald führenden Weg wählen, weil der den Gegenwind etwas entschärft. Radfahren auf Amrum macht Spaß. Wäre da nicht jene Sorte von Feriengästen, die zwar offensichtlich den Spaß des Radfahrens neu entdecken, denen es aber an der nötigen Praxis im Umgang mit diesem Fortbewegungsmittel mangelt – um es mal ganz freundlich zu sagen („fahr doch rechts, du Dackel!“).
Jetzt haben wir noch gar nicht über das Wetter auf Amrum geredet. Und auch nicht über den Hang zu blauweißquergestreifter Bekleidung. Über die Nordseekrabben, die doch irgendwie an Maden erinnern. Aber vielleicht ist es ja nicht der letzte Urlaub auf Amrum, dieser „Perle der Nordsee mit traumhaftem Kniepsand“.
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Danke für die „etwas anderen“ Urlaubseindrücke. Wie wahr, wie wahr!
Meine Frau und ich haben 1977 unsere Flitterwochen auf Amrum verbracht. Es war Winter und die Anzahl der Touristen noch überschaubar.
Wir hatten unsere Katze mitgenommen und der Kater der Hausbesitzerin stand jeden Tag draußen vor dem Wohnzimmerfenster und beobachtete sie. Unser Kätzchen ignorierte ihn allerdings völlig. Seine Besitzerin kommentierte dies mit: „Armer Felix, das Hamburger Hippie-Mädchen ist wohl zu fein für dich. Aber mach dir nichts draus.“
Wir beabsichtigen übrigens, auch unsere „Goldene Hochzeit“ auf der Insel zu feiern. Allerdings mit einer Nachfolgerin unseres Hippie-Mädchens.
Das Bild ist traumhaft