Freiheit! Ist die wichtig oder kann die weg?
Veröffentlicht: 16. Mai 2021 Abgelegt unter: Corona, Gesellschaft | Tags: Freiheit Ein KommentarKaum ein Begriff wird in diesen Tagen so strapaziert wie der der Freiheit. Corona macht´s möglich. Jetzt, wo vom Lockdown gelockert wird und die Einschränkungen der bürgerlichen Freiheitsrechte aufgehoben werden, wenn auch scheibchenweise, tönt allenthalben Jubel: Endlich wieder Biergarten! Nach Malle fliegen! Party machen!
Nichts gegen Biergärten, aber ist es das, wofür die französische Revolution gekämpft und was uns die Aufklärung versprochen hat? „Freiheit in meiner Sprache heißt Libertà!“ – so beginnt eines der schönsten Lieder der kürzlich verstorbenen Sängerin Milva. Bei Westernhagen heißt es: „Freiheit ist die einzige, die fehlt“. Jede/r meint offenbar etwas anderes, wenn von Freiheit die Rede ist.
Der Begriff Freiheit ist vielschichtig. Das Freiheitsverständnis der FDP, die für sich in Anspruch nimmt, als einzige politische Partei die wahren Freiheits- und Bürgerrechte zu vertreten, dabei aber in erster Linie an die Freiheit der Besserverdienenden denkt, muss man nicht unbedingt zum Maßstab nehmen. Andere wiederum reklamieren für sich individuelle Freiheitsrechte ohne Rücksicht auf die Belange des Gemeinwohls. „Freie Fahrt für freie Bürger“ war, glaube ich, mal ein von CDU und ADAC gemeinsam vertretener Slogan, um die ungebremste Raserei auf deutschen Straßen zu rechtfertigen. Freiheit eben.
Der Brockhaus (Hinweis für die Jugend: das ist so eine Art Wikipedia, nur gedruckt und in dicke Bücher gebunden) behandelt Freiheit als Schlüsselbegriff über mehrere Seiten und erläutert ihn unter philosophischen, neurowissenschaftlichen, politischen, rechtlichen und theologischen Aspekten. Das muss man nicht alles lesen oder verstehen, aber zwei Dimensionen von Freiheit seien hier erwähnt: Die negative Freiheit meint die Freiheit von Gewalt, politischer Unterdrückung, Hunger, Armut als äußere Faktoren, aber auch die Abwesenheit von inneren Blockaden wie z.B. Drogenabhängigkeit. Demgegenüber steht die positive Freiheit, also die Freiheit, autonom zwischen verschiedenen Handlungsoptionen entscheiden zu können (heimischer Biergarten oder Ballermann). Was so nicht im Brockhaus steht: Wer das Pech hat, unter Gewalt, Armut, politischer Verfolgung etc. zu leben, dessen Wahlmöglichkeiten im Sinne einer positiven Freiheit reduzieren sich auf den Kampf ums tägliche Überleben. Nix mit Biergarten, Malle, Party.
Eine zweite Dimension, die mir erwähnenswert erscheint, ist die Diskussion aus neurowissenschaftlicher Perspektive. Eine – wenn auch umstrittene – Theorie besagt, dass unsere Bewusstseinsleistungen und unsere Handlungen auf neuronalen Aktivitäten bestimmter Hirnareale beruhen, die von äußeren Reizen determiniert werden. Zu Ende gedacht bedeutet dies, dass wir keine freien Entscheidungen treffen (können), sondern alle Gefühle, Erfahrungen und Entscheidungen auf biochemischen datenprozessierten Algorithmen beruhen. Diese Auffassung von einem algorithmischen Determinismus des menschlichen Handelns vertritt übrigens der vielgelobte Yuval Harari in seinem Buch „Homo Deus: Eine Geschichte von Morgen“. Die logische und auch erschreckende Konsequenz aus einem solchen reduktionistischen Menschenbild, folgt man der Argumentation von Harari, ist der Verzicht auf die Demokratie: „Was hat es für einen Zweck, demokratische Wahlen abzuhalten, wenn Algorithmen wissen, wie jede Person abstimmen wird, und wenn sie auch die exakten neurologischen Ursachen dafür kennen, weshalb eine Person die Demokraten wählt und eine andere die Republikaner?“
In diesem Land wurde im Kontext der Corona-Pandemie bereits von der totalen Abschaffung der demokratischen Freiheiten und vom Schreckgespenst einer totalitären Diktatur schwadroniert, jedoch aus ganz anderen Motiven und Argumentationsmustern als denen von Harari. Eine kritische Sicht auf die von der Regierung verordneten Maßnahmen, die zur Eindämmung der Pandemie dienen sollten, ist angebracht. Nicht alles, was uns in den letzten 15 Monaten abverlangt wurde, hat sich als planvoll und wirksam im Hinblick auf die Pandemiebekämpfung erwiesen. Und für viele Menschen wie etwa Freiberufler, Gastronomen und Kulturschaffende hatten und haben die Einschränkungen eine Bedrohung ihrer wirtschaftlichen Existenz mit sich gebracht. Deren berechtigte Sorge um ihre Zukunft wurde von dem hysterischen Geschrei der Verschwörungsanhänger übertönt.
Was uns die Krise vielleicht ganz neu ins Bewusstsein gerufen hat: Wir leben in einer freiheitlichen demokratischen Gesellschaft. Das ist keine Selbstverständlichkeit. Und es ist längst nicht alles gut in diesem System. Die Demokratie ist stabil, aber nicht ungefährdet. Die Gefahr droht von rechts, von AfD, Neuen Rechten und gewaltbereiten Neonazis. Angriffe auf Pressevertreter, der Ausschluss von kritischen Medien aus Veranstaltungen der Rechten, die Ereignisse unter der Trump-Regierung in den USA, die Verfolgung kritischer Medien in der Türkei und anderswo zeigen, dass die Pressefreiheit bedroht ist. Auf der Rangliste von Reporter ohne Grenzen ist Deutschland bei der Pressefreiheit auf Platz 13 abgerutscht und damit nur noch mit zufriedenstellend bewertet. Auch um die Meinungsfreiheit war es schon mal besser bestellt: Eine übertriebene political correctness und rigorose cancel culture will unbequeme Meinungen zum Schweigen bringen. „Freiheit ist immer die Freiheit der Andersdenkenden“ – so Rosa Luxemburg 1918.
Schön und gut, wenn wir nun bald wieder unsere verbrieften bürgerlichen Freiheitsrechte uneingeschränkt wahrnehmen können. Was es wirklich bedeutet, in Unfreiheit zu leben, sehen wir in den alltäglichen Nachrichten aus Myanmar, Afghanistan, der Türkei, Belarus, Russland, Nordkorea, usw. Von Meinungsfreiheit, Gewissensfreiheit, Pressefreiheit, Glaubensfreiheit, die für uns so selbstverständlich sind, können Menschen in diesen Ländern nur träumen. Darüber sollten wir mal reden, gerne beim nächsten Hock im Biergarten, bei der „Querdenker“-Demo oder mit der Sitznachbarin / dem Sitznachbarn auf dem Flug nach Mallorca.
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Ein Hoch den Algorithmen, die uns hoffentlich den lästigen Job des Wählens abnehmen werden !