Macht Blödsinn Sinn?

Darf man in diesen ernsten Zeiten über den Sinn von Blödsinn sinnieren? Man darf. Diese Glosse ist kürzlich erschienen in der aktuellen Ausgabe des „Jung Journal. Forum für Analytische Psychologie und Lebenskultur“ (Heft 47, April 2022, Jahrgang 25).

Mal abgesehen davon, dass es „hat“ heißen müsste – etwas hat Sinn oder es hat keinen –, aber hier soll es nicht um semantische Pedanterie gehen, sondern um die erkenntnistheoretische Frage: Wie viel Blödsinn verträgt die Wirklichkeit? Kann sinnfreier Blödsinn, also blödeln um des Blödelns willen, sinnstiftend sein?

Im Unterschied zum gepflegten Blödsinn, dessen Sinn sich phänomenologisch erst durch das recht gewählte Maß an intendierter Blödheit entfaltet, zeichnet sich der Unsinn dadurch aus, dass der Urheber oder die Urheberin desselben uns diesen als sinnhafte Wahrheit glauben machen will (Hinweis an alle Plagiatsjäger: Dieser letzte Satz ist original vom Autor dieses Textes, nicht von Heidegger oder Adorno). Entpuppt sich doch manches, was uns als Sinn (oder wahr) verkauft wird, am Ende als Unsinn, vulgo: Bullshit. Beispiele gefällig? „Die meisten unserer Importe kommen aus dem Ausland“ (George W. Bush). „Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten“ (Walter Ulbricht). „Der beste Präsident, den Gott je erschaffen hat“ (Donald Trump). „Das Problem der Tretminen lässt sich nur Schritt für Schritt lösen“ (Helmut Kohl).

Apropos Tretminen: Freunde des kultivierten Blödsinns und der gepflegten Beleidigung wissen ein Lied davon zu singen, wie schnell eine unbedacht gewählte Formulierung einen Shitstorm (die deutsche Übersetzung klingt irgendwie ordinärer) auslösen kann, mit anschließender verbaler Hinrichtung des Übeltäters. Ganz schnell passiert das bei Blödeleien über Minderheiten wie zum Beispiel N*, Z*, J*, Schw*, F*, B* usw.

Man soll zwar nicht dauernd wieder von Hitler anfangen – so eine verbreitete Meinung in der Nachkriegszeit –, aber wir machen jetzt mal eine Ausnahme: Hätte Hitler nicht Hitler, sondern Kräuter geheißen, dann hätte die Weltgeschichte vermutlich einen anderen Verlauf genommen. Mit „Heil Kräuter“ als Gruß kann man keine Volksmassen zum totalen Krieg mobilisieren. Das hat Karl Valentin richtig erkannt. Von ihm – nicht von Hitler – stammt auch der Spruch: „Nieder mit dem Verstand – es lebe der Blödsinn!“ Die akademische Variante dieser bahnbrechenden philosophischen Erkenntnis verdanken wir Paul Watzlawick.

Der hat unsere Sicht auf die Welt ziemlich auf den Kopf gestellt, indem er behauptete, das Gegenteil von schlecht sei nicht notwendigerweise gut, sondern könne noch schlechter sein. Von wegen alles wird gut. Ob Watzlawick auf diese Erkenntnis vor, während oder nach seiner Ausbildung am C. G.-Jung-Institut in Zürich gekommen ist? Wolfgang Pauli, Physiker und Freund von C. G. Jung, bekannt für seine genialen Gedanken als Wissenschaftler, für sein wildes Leben und seine krassen Sprüche, soll gesagt haben: „Das ist nicht nur nicht richtig, es ist nicht einmal richtig falsch.“ Dem sprachgewaltigen Karl Kraus wird der Spruch zugerechnet: „Es gibt Sachen, die sind so falsch, dass nicht einmal das Gegenteil richtig ist.“ Womit wir wieder bei der Interpretation der Wirklichkeit angelangt wären und dabei, wie sehr uns der Verstand in die Irre führen kann.

Watzlawick hat mit seiner „Anleitung zum Unglücklichsein“ gegen die Flut der unsäglichen „Simplify your life“-Lebensratgeber angeschrieben, die Selbstverwirklichung, Glück und Erfolg versprechen. Statt Selbstoptimierung zu versprechen, hat Watzlawick Tipps gegeben, wie man seinen Alltag noch unerträglicher gestalten kann. Warum das Sinn macht bzw. hat? „Vom Unsinn des Sinns oder vom Sinn des Unsinns“ – lautet der Titel einer kleinen Schrift, in der Watzlawick seinen „Radikalen Konstruktivismus“ begründet und an eindrücklichen Beispielen erklärt, warum es keine objektiv existierende Wirklichkeit gibt: Wir glauben, der Name, den wir den Dingen geben, sei identisch mit dem Ding. Der Schizophrene, so Watzlawick, isst die Speisekarte, weil darauf köstliche Speisen stehen, beschwert sich anschließend über den schlechten Geschmack und nimmt schließlich an, dass man ihn vergiften will. – Warum einem an dieser Stelle die Querdenkerszene einfällt? Alles radikale Konstruktivisten oder einfach nur ein bisschen durchgeknallt?

Lassen sich aus dem Gesagten Schlussfolgerungen für die therapeutische Praxis – von der der Autor dieser Zeilen wenig Ahnung hat – ziehen? Vielleicht diese: Was mein Patient oder meine Patientin mir da gerade erzählt, macht überhaupt keinen Sinn, und hat auch keinen. „Der wahre Sinn offenbart sich nur dann, wenn wir ihn nicht mehr suchen“ (Watzlawick). Bleibt am Ende also die karlvalentinsche Version von Kants Kritik der reinen Vernunft: „Nieder mit dem Verstand – es lebe der Blödsinn!“ Zumal der menschliche Verstand ja demnächst durch die Algorithmen der Künstlichen Intelligenz abgelöst wird, und uns der Blödsinn hoffentlich noch eine Weile als konkurrenzlose Spielwiese erhalten bleibt.