Deutscher Buchpreis: Mehr Selbstinszenierung war nie

Der Schweizer Autor Kim de l´Horizon wurde gestern für seinen Debutroman „Blutbuch“ mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichnet. Er kann also offenbar gut schreiben. Mein Interesse, das Buch zu lesen, ist allerdings enden wollend. Warum? Weil der preisgekrönte Autor, außer gut schreiben, noch etwas mindestens genauso gut oder besser kann: Sich selbst gekonnt in Szene setzen. Dazu gehört das Bekenntnis, eine nicht-binäre Person zu sein, unterstrichen durch sein schrilles Outfit und die politisch gemeinte Botschaft bei der Preisverleihung: Ich schneide mir die Haare ab, weil ich ja so solidarisch mit den unterdrückten Frauen im Iran bin. Er sei eben ein Gesamtkunstwerk, so die Kommentare zu dieser Performance.

Nennt mich meinetwegen einen reaktionären, intoleranten, kunstbanausigen, rückwärtsgewandten alten Sack: Mich widert diese haraldglööcklereske  Selbstinszenierung an. Tut mir echt leid für die anderen auf der Shortlist Nominierten, die sicher auch gut schreiben können, vielleicht besser als der Preisträger, aber leider nicht genderfluid sind und keinen Rasierapparat zur Preisverleihung dabei hatten.   


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7 Comments on “Deutscher Buchpreis: Mehr Selbstinszenierung war nie”

  1. Danke für die Kommentierung. Dass Kim de l´Horizon gut schreiben kann, hat ihm ja die Jury bestätigt. Ich werde das Buch sicher noch lesen (wenn man Stapel neben dem Bett kleiner geworden ist) und versuchen, mir ein eigenes Urteil zu bilden und das ganze Drumherum auszublenden.
    Leider wird der Autor u.a. aus rechten Kreisen beschimpft, davor möchte ich ihn dann doch lieber in Schutz nehmen.

  2. Avatar von Käthe Käthe sagt:

    Inzwischen habe ich das Buch gelesen, um nicht nur über die Performance nachzudenken. Und ich finde es absolut lohnend. Es geht um Risse in Familien, wenn die Kinder studieren, die Eltern es aber nicht durften, um Traumata, die über Generationen weitergegeben werden, um Kinder, die ihre Eltern emotional nähren sollen und vieles mehr. Natürlich ist auch das Leben als nonbinäre Person ein zentrales Thema. Einzig die sexuellen Passagen waren mir zu drastisch und viel zu viel,aber da kann man ja großzügig weiterblättern.
    Insofern finde ich auch,dass die Preisverleihung etwas Exaltiertes hatte, aber das Buch ist aus meiner Sicht wirklich verdient ausgezeichnet worden.

  3. Avatar von achim achim sagt:

    Schade, man kann hier nichts hochladen, oder? Sonst gäbe es hier den SZ-Artikel von Nele Pollatschek zum Thema: „Auch in diesem Artikel ging es mehr um de l‘Horizon als um die Frauen in Iran, auch dieser Artikel bekommt und vergibt Aufmerksamkeit wegen de l‘Horizons Selbstinszenierung.“ Sehr lesenswert!

  4. Avatar von WiFra WiFra sagt:

    Der Autor hat mit seinem Auftritt genau das Gegenteil erreicht, was er wohl beabsichtigte. Alle Welt beschäftigt sich mit seiner Performance und seiner Person, aber niemand mit dem Buch, für das er den Preis bekommen hat.

  5. Avatar von Unbekannt Anonym sagt:

    Lieber Jürgen,
    ich freue mich immer wieder darüber, wie pointiert und stilsicher Du die vielen Themen in deiner ganz eigenen Art und Weise kommentierst – weiter so!!

  6. Avatar von H. Martin H. Martin sagt:

    Lieber Jürgen: Du bist ein „reaktionärer, intoleranter, kunstbanausiger, rückwärtsgewandter alter Sack“ ! :))
    Ehrlich gesagt, als ich die Inszenierung im TV gesehen habe, dachte ich auch: Huch, was ist denn jetzt bloß los? Bin ich zu lange schon weg aus Deutschland und habe ich da einen Trend verpasst?? Ich war und bin sprachlos. Zum literarischen Niveau kann ich nichts sagen, weil ich das Buch nicht kenne.

  7. Avatar von achim achim sagt:

    Ich glaub, das nennt sich Marketing/Werbung. Das Buch „kann eine Literaturredaktion jetzt nur noch vorsätzlich ignorieren.“ Das schrieb „Der Spiegel“ zur Rasierklingen-Lesung von Rainald Goetz beim Klagenfurter Bachmann-Preis. Trifft für mich 19 Jahre später immer noch den Punkt.


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