Schreib mal wieder

Von der Kunst, die richtige Anrede- und Grußformel in Briefen zu finden

Wie wär´s mal wieder mit Briefeschreiben? So richtig mit Stift und Papier, Umschlag drum, abgeschleckt, zugeklebt, Briefmarke drauf und ab geht die Post? „Schreib mal wieder“ – war vor Jahren mal ein Werbeslogan der Post, und heute findet man diesen Ratschlag unter den vielen Tipps gegen die Corona-Fatigue. Ja warum auch nicht. Aber wie war das noch mal?

Früher war nicht alles besser, aber es gab wenigstens genaue Vorgaben für die korrekte Anrede- und Grußformel im Brief, je nachdem, mit wem man es zu tun hatte und ob es sich um ein offizielles Schreiben oder einen persönlichen Brief handelte. Von Liebesbriefen mal ganz abgesehen. Heute, wo kaum noch Briefe geschrieben werden und Emails verbreitetes Kommunikationsmittel sind, nimmt man das mit der Anrede und der Grußformel lockerer. Trotzdem: Ich bin immer noch irritiert, wenn eine an mich gerichtete Mail einer wildfremden Person beginnt mit „Hallo“ oder „Guten Morgen“. Am Ende steht dann ein vertrauliches „Liebe Grüße“ oder gar nur „LG“. Ich bin dann versucht zu antworten: „Sehr geehrte Frau sowieso: Ich kann mich nicht erinnern, mit Ihnen schon mal die Schweine gehütet zu haben. Mit vorzüglicher Hochachtung“. Tue ich natürlich nicht, denn es würde mich entlarven als hoffnungslos antiquierten, aus der Zeit gefallenen, uncoolen Trottel. Als ich – vor gefühlten hundert Jahren – meine freudlosen Lehrjahre auf dem Amt verbrachte, wurde uns unter anderen lebensnützlichen Dingen auch die korrekte Anrede und Grußformel in behördlichen Briefen beigebracht. „Sehr geehrte Frau Schnickdohle, sehr geehrter Herr Rübenkopf“. War die Frau unverheiratet, musste man sogar „Sehr geehrtes Fräulein Süßholz“ schreiben. Noch in den neunziger Jahren erhielt ich einen empörten Brief an meinen damaligen Arbeitgeber auf den Tisch: „Betreff: Meine Anrede: Mich mit Frau zu betitteln (kein Druckfehler, J.L.) ist eine Lüge, da ich noch ledig bin…“ So war es lange, und damals gab es auch noch kein drittes Geschlecht – das macht die Sache heute sowieso extrem schwierig.

Man kann also bei der Anrede im Brief viel falsch machen. Zum Beispiel bei Angehörigen des Hochadels oder des Klerus. Das immer noch im Gebrauch befindliche, wenn auch leicht angestaubte „Hochwürden“ für einen Pfarrer gerät zunehmend aus der Mode und ist angesichts der Missbrauchsskandale wohl auch nicht in jedem Fall passend. Beim Oberhaupt der Katholiken geht „Hallo Papst“ und „Liebe Grüße“ natürlich nicht. Mit „Heiliger Vater“ ist man auf der sicheren Seite. Einen Kardinal redet man mit „Euer Eminenz“ oder „Herr Kardinal“ an, Bischöfe mit „Euer Exzellenz“. Botschafter sind übrigens auch Exzellenzen, selbst wenn sie ein kriminelles Terrorregime repräsentieren.

Anredungsmäßig richtig heikel wird es beim Hochadel. „Euer Hochwohlgeboren“ kann man heute nicht mehr bringen. Bei „Durchlaucht“ fragen sich Menschen, die nicht regelmäßig das Goldene Blatt lesen, welches Gemüse da wohl Pate gestanden hat? Und wer kennt noch die Abkürzung „S.K.H. = Seine Königliche Hoheit“? Auf diese Anrede für seinen Protektor Prinz Bernhard von Baden möchte der Bund Heimat und Volksleben auch heute, mehr als hundert Jahre nach der Abschaffung der Monarchie, nicht verzichten, und dem Prinz scheint es zu gefallen. „Darf ich es wagen, Eurer Majestät zu Allerhöchst-Deren Geburtsfeste mit untertänigstem Glückwunsche … mich zu nähern?“ – so Cosima v. Bülow 1865 in einem Brief an König Ludwig II. zu dessen 20. Geburtstag. Du meine Güte! Meine persönliche Erinnerung reicht nicht ganz so weit zurück, aber ich hatte noch Briefe in Händen, die mit Floskeln endeten wie: „Ihrer geschätzten Antwort untertänigst entgegensehend, verbleibe ich als Ihr ergebener Speichellecker“.

Das früher gängige „Hochachtungsvoll“ hat inzwischen dem weniger heuchlerischen „Mit freundlichen Grüßen“ Platz gemacht. Beim Umgang mit Freunden und Bekannten darf man auch schreiben: „Herzliche Grüße“, „Viele Grüße“ oder „Schöne Grüße“. „Liebe Grüße“ am Briefende geht eigentlich nur bei sehr vertrauten Personen – meine ich. Was man der/dem Allerliebsten am Ende entgegensülzen möchte, gehört nicht hierher. Und wem das alles zu kompliziert oder zu blöd ist, der oder die soll halt bei den lockeren Grußfloskeln „Hi, Hallo, Guten Morgen“ und „Liebe Grüße“ bleiben. Meinetwegen. Aber bitte in Konrad Dudens Namen wenigstens die Grundregeln der Grammatik und Rechtschreibung beachten und die Kommata nicht wie mit dem Salzstreuer gleichmäßig über den Text verteilen. Merke: „Wir essen jetzt Opa“ – Satzzeichen können Leben retten. „Was willst du schon wieder“ und „Was, willst du schon wieder“ macht halt eben einen feinen Unterschied.