„Ankomme Freitag, den 13.“ Telegramm war gestern
Veröffentlicht: 29. Dezember 2022 Abgelegt unter: Allgemein, Boulevard, Gesellschaft | Tags: Telefon, Telegramm Hinterlasse einen Kommentar„Denn bei der Post, geht’s nicht so schnell“ – heißt es in einem Song aus dem Vogelhändler. Das könnte auf die neuerdings nachlassende Zuverlässigkeit bei der Briefzustellung gemünzt sein, nicht aber auf das gute alte analoge Kommunikationsmittel Telegramm. Das war nämlich schnell. So schnell, dass die Welt am 12. April 1912 unmittelbar davon erfuhr, dass die Titanic soeben mit einem Eisberg kollidiert war. Die Nachricht, dass die Post nach 150 Jahren den Telegrammdienst abschafft – die nicht mehr genutzten Telefonzellen werden ja schon seit einiger Zeit bei eBay-Kleinanzeigen vertickt -, lässt nostalgische Erinnerungen wach werden. Die ganz Alten unter uns erinnern sich noch wie es war, als nicht jede/r Depp*in im Besitz eines Mobiltelefons war und nur wenige gut betuchte Haushalte bereits über einen eigenen Festnetzanschluss verfügten, was sofort beim Betreten des Hauses erkennbar war am unkaputtbaren Tischfernsprecher W 48 aus schwarzem Bakelit mit Wählscheibe, der auf einem gestickten Deckchen im Flur stand und der über nur einen (!) Klingelton in unveränderbarer Lautstärke verfügte. Leider war die meist verdrehte Schnur zu kurz, um mit dem Telefon im Nebenzimmer zu verschwinden und Heimlichkeiten mit der Freundin oder dem Nebenbuhler auszutauschen.

Der Niedergang der Fernsprechkultur setzte 1963 mit der Einführung des FeTap61 aus Plastik ein und mündete vorläufig im schnurlosen Senioren-Tastentelefon mit Anrufbeantworter, großen Tasten und Verstärker für extra lautes Hören. Leider kann man bei diesen modernen Apparaturen den Hörer nicht mehr, wenn mal wieder Microsoft beim Reparieren des Computers helfen wollte, wutentbrannt auf die Gabel knallen. Für Menschen ohne eigenes Telefon gab es früher öffentliche Fernsprechzellen mit einem Münzfernsprechgerät. Dort konnte man für 20 Pfennig ein Ortsgespräch von unbegrenzter Dauer („Fasse Dich kurz!“) führen, was allerdings wegen pentrantem Uringeruch, abgestandenem Zigarettenqualm und wütender Warteschlange vor der Zelle Durchhaltevermögen verlangte. Der telefonlose Mensch konnte dort sogar angerufen werden.
Nun gut, der Fortschritt lässt sich in der Regel nicht daran hindern, das zu tun, was ihm systemimmanent ist, nämlich fortzuschreiten. Deshalb können gegen die Abschaffung der analogen Kurznachricht Telegramm (nicht zu verwechseln mit dem Messenger-Dienst telegram) und der Telefonzellen keine grundsätzlichen Einwände geltend gemacht werden, es sei denn nostalgische. Mal ehrlich: Wann hast Du, wann haben Sie zuletzt ein Telegramm geschickt oder bekommen? Bei mir war es 1974, weil ein Telefonat aus Bolivien nach Deutschland ein halbes Vermögen gekostet hätte. Heute kosten die 160 Zeichen eines Telegramms 18 Euro – für eine Kurznachricht ganz schön viel. Aber irgendwie wird uns das gute alte Telegramm mit dem gelben Umschlag fehlen.
