Über Geschlechtsidentitäten, Knacklaute und genderfluide Sprache
Veröffentlicht: 18. März 2021 Abgelegt unter: Allgemein, Boulevard, Gesellschaft | Tags: cancel culture, Gendergerechte Sprache, Geschlechtsidentität, Stimmritzenverschlusslaut 6 KommentareÜber dieses Thema zu schreiben heißt, mit verbundenen Augen durch ein Minenfeld laufen. Das kann eigentlich nur schief gehen. Warum ich es dennoch wage? Weil ich keinen Shitstorm befürchten muss wie mancher Promi (Wolfgang Thierse!) und auch kein Opfer von cancel culture werden kann, da ich schon lange keine Uniseminare mehr halte und meine kulturellen Aktivitäten nur im engsten Familien- und Freundeskreis zum Ausbruch kommen.
Geschlechtsidentität, so lehrt uns der feministische Poststrukturalismus, ist ein soziales Konstrukt. Aber mal ehrlich: Blickt irgendjemand noch wirklich durch? Ich gebe mir redlich Mühe, die ganzen Begriffe der LSBTTIQ*-Community nicht nur zu lernen, sondern auch zu verstehen. Inzwischen weiß ich, dass es außer lesbischen und schwulen auch noch bi+sexuelle, a_sexuelle, a_romantische, trans, nicht-binäre, inter*, polyamouröse und queere Menschen gibt – und das ist ja vermutlich noch längst nicht alles. Fast täglich kommen neue Identitäten hinzu. Die letzte Printausgabe des Brockhaus von 2006, einstmal Statussymbol des Bildungsbürgertums, ist diesbezüglich hoffnungslos veraltet. Aber es gibt ja zum Glück Wikipedia und das Queer-Lexikon oder das LSSBTIQ-Lexikon der Bundeszentrale für Politische Bildung. Da kann man sich schon mal fürs Erste informieren.

Ich bin ein cis-Mann und monoamurös. Ich bin weder trans* noch nonbinär oder genderqueer. Das schon mal als Entschuldigung vorweg. Und noch was: Falls Du, liebe/r Leser*in (alle trans* sind mitgemeint, aber vielleicht sollte ich sagen „liebe Person die liest“?) diesen Text jemand laut vorlesen solltest, bitte an den Stimmritzenverschlusslaut denken – Klaus Kleber muss das noch üben. Man hat mir bei meiner Geburt ein Geschlecht zugewiesen, etwas anderes wäre 1948 auch gar nicht vorstellbar gewesen. Meine Mutter war enttäuscht, weil sie unbedingt statt schon wieder einem Jungen ein Mädchen haben wollte. Ich habe ihr eine Zeitlang den Gefallen getan und Mädchenspielsachen bevorzugt, habe gehäkelt und gestickt, mich nicht mit Jungs geprügelt, und so weiter. Das war aber eine vorübergehende Phase. In der katholischen (!) Volksschule, die ich acht Jahre lang besuchte, wurden Mädchen und Buben strikt voneinander getrennt unterrichtet. Auch auf dem Schulhof wurden Begegnungen unterbunden, wahrscheinlich wegen der Sexualmoral. Man denkt ja als Zehnjähriger an nichts anderes.
„Lesbisch“ und „schwul“, das waren in meiner Kindheit und Jugend Schimpfwörter. Homosexualität war ein Straftatbestand (§ 175). In dem katholisch-konservativen Milieu, in dem ich sozialisiert wurde, war alles, was mit Sexualität zu tun hatte, irgendwie unmoralisch, und gleichgeschlechtliche Sexualität war ganz pfui.
Mein Rollenbild als Mann ist durch meine Erziehung und durch die gesellschaftlichen Verhältnisse der fünfziger und sechziger Jahre geprägt worden. Darüber habe ich früher nicht nachgedacht. Inzwischen hat sich das geändert. Eine Aussage wie „Ich helfe meiner Frau im Haushalt“ würde nicht mehr über meine Lippen kommen – zumal es auch gar nicht stimmt. Ich begegne Menschen mit einer diversen geschlechtlichen Identität aufgeschlossen. Allerdings, das muss ich gestehen, habe ich in meinem Alltag wenig bis gar keine Gelegenheit, das zu praktizieren. Offenbar treten in meiner Welt keine queeren Menschen auf. Zumindest nicht so, dass ich sie als queer erkennen kann.
Und was die Sprache anbetrifft: Ich bin mit dem generischen Maskulinum groß geworden und habe mir lange Zeit, um ehrlich zu sein, nichts dabei gedacht. Heute weiß ich, dass das ein sexistischer Sprachgebrauch ist und dass ich, wenn ich das benutze, ein chauvinistisches Schwein bin. Wäre ich eine Frau oder nonbinär, würde mir das herablassende „ihr seid ja mitgemeint“ vermutlich auch schon längst total auf den Sack gehen, bzw. auf die Eierstöcke. Inzwischen, das heißt eigentlich schon ziemlich lange, habe ich bei der Verwendung des generischen Maskulinums, egal ob geschrieben oder gesprochen, ein schlechtes Gewissen. Immerhin. Es passiert mir immer noch ständig, aber eher aus Faulheit und nicht aus Ignoranz. Beim Schreiben fällt mir das Gendern echt schwer, da bitte ich die feministische Sprachkritik schon mal um Generalabsolution.
Selbst wenn man (uff, da isses schon wieder passiert) es schafft, gendergerecht zu schreiben und zu sprechen – letzteres ist ja noch viel schwieriger –, ist noch nicht geklärt, wie Menschen, die sich außerhalb der binären Geschlechterzuordnungen Mann und Frau verorten, sprachlich angemessen berücksichtigt werden. Wenn also Nachrichtensprecher*innen im Rundfunk und Fernsehen zunehmend den Stimmritzenverschlusslaut (oder auch Knacklaut oder Gottischlag) anwenden, wem ist damit denn wirklich gedient?
Ich werde jedenfalls nicht mehr lernen, den Stimmritzenverschlusslaut in meine Alltagssprache einzubauen. Das ist zwar gar nicht so schwer, aber irgendwie auch albern. Was sollte ich damit beweisen? Wenn ich insgeheim doch der Meinung wäre, dass Frauen blöder sind als Männer, was würde es dann ändern, wenn ich von Mitarbeiter (schluck) Innen redete?
Kommentaren, auch Hassmails, sehe ich mit Interesse entgegen.
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[…] In diesem Beitrag geht es ums Gendern. Ja, doch, auch wenn´s nervt – es muss jetzt wieder mal sein. Als Mensch, der ständig Texte produziert, kommt man an dem Thema doch gar nicht vorbei. Und man lernt ja immer wieder Neues dazu, wenn man nicht total borniert ist. Vor etwa einem halben Jahr, am 18. März, habe ich mich in einem Beitrag über genderfluide Sprache geäußert und meine Schwierigkeiten mit dem Stimmritzenverschlusslaut gebeichtet https://juergenlieser.wordpress.com/2021/03/18/uber-geschlechtsidentitaten-knacklaute-und-genderflui… […]
Liebe Kommentator*innen, danke für Eure Kommentare. Ich möchte niemand ein schlechtes Gewissen machen. Jede/r soll sprechen und schreiben, wie ihr/ihm der Schnabel gewachsen ist. Aber es schadet ja nichts, auch im fortgeschrittenen Lebensalter noch dazuzulernen und alte Gewohnheiten zu ändern. Ich möchte mich allerdings nicht dem rigorosen Diktat einer Sprachpolizei unterwerfen, die mir gleich Diskriminierung unterstellt, wenn ich das Gendersternchen oder andere Neuschöpfungen nicht immer und überall praktiziere.
Zitat: „Kommentaren, auch Hassmails, sehe ich mit Interesse entgegen.“
Einer Antwort des Blogbetreibers auf die hier bereits geschriebenen Kommentare sehe ich mit Interesse entgegen.
Ja, ich bin auch noch nicht wirklich überzeugt, möchte aber auch niemanden ausschließen.
Gendersternchen und Co. führen letztlich ad absurdum. Ob „sprachlich ausgeschlossenen Menschen“ dadurch zu mehr Gleichstellung verholfen wird, bezweifle ich.
Jetzt hast du mir ein schlechtes Gewissen gemacht. Ich überarbeite gerade ein Buch, achte dabei ganz viel auf Wortwahl und Wortwiederholungen – aber daran, ob ich „man“ geschrieben habe und ob meine Sprache gendergerecht ist, habe ich bisher noch nicht gedacht. Bei Romanen ist mir so etwas bisher auch noch nicht aufgefallen. Als Sprachwissenschaftlerin finde ich das generische Maskulinum schöner. Nur Studien, die zu dem Schluss kommen, dass es den bisher sprachlich ausgeschlossenen Menschen tatsächlich im Leben zu mehr Gleichstellung verhelfen würde, bringen mich langsam dazu, meine Wortwahl zu überdenken. Ich finde deinen Text übrigens sehr unterhaltsam geschrieben.
Liebe Grüße, Tala