Persönliche Anmerkungen zum Tag des Fahrrads
Veröffentlicht: 3. Juni 2021 Abgelegt unter: Allgemein, Boulevard, Gesellschaft | Tags: Fahrradfahren, Internationaler Tag des Fahrrads 2 KommentareHeute ist der Internationale Tag des Fahrrads. Da passt es doch ganz gut, ein paar sehr persönliche Anmerkungen zum Thema Fahrradfahren zu machen. Ob ein solcher Tag die Menschheit entscheidend voranbringt, soll mal dahingestellt sein.

In meiner Nachkriegskindheit war es unüblich, Fahrradfahren zu lernen. Es gab ja auch viel zu wenig Fahrräder. Dafür diese Roller, die mit den ballondicken Reifen. Ich war etwa Acht, als ich einen solchen Roller bekam, mit Bremspedal hinten (die drei rechts auf dem Foto sind noch rollerlos, wie man am Gesichtsausdruck unschwer erkennt).
Heute blockieren die Kids, bevor sie sich ordentlich auf zwei Beinen aufrechthalten können, mit dem Laufrad die Gehwege im Schleudergang. Gleich danach kommt die Bobbycar-Phase, bei Freud war das noch die anale Phase. Nach anal kommt dann statt ödipal gleich digital. Eben „digital native“ – das erste Smartphone beim Eintritt in den Kindergarten, wegen der gestressten Eltern, die ihre Sprösslinge mit Google jederzeit orten wollen.
Aber wir wollten ja über das Fahrradfahren und dessen moralische Überlegenheit über die Fortbewegung mittels Verbrennung fossiler Rohstoffe sprechen. Einen wesentlichen Teil meines Lebens habe ich auf zwei Rädern verbracht. An der Kilometerleistung von radsporttreibenden Menschen kann ich mich nicht messen. Aber 120.000 km dürften es auch bei mir inzwischen sein. In den letzten Jahren habe ich so plus/minus 3.000 km im Jahr abgeradelt. Fast jeden Tag zum Einkaufen, zu Terminen oder einfach nur zum Vergnügen. Manches Mal auch ambitioniert, wie 2015 und 2018 von meinem Wohnort bei Freiburg über die Alpen, 600 Kilometer in fünf Tagen bis Meran. Aber genug der Angebereien. Beim Stilfser Joch war ich zwar irgendwann oben, aber dieser brutale Alpenpass hat mir meine Grenzen aufgezeigt.
Das Fahrrad als alltägliches Fortbewegungsmittel ist mir bis heute unverzichtbar. Ich habe eine Entwicklung vollzogen: Als Jugendlicher waren mir Sorge um Beleuchtung am Rad und Vorsicht gegenüber unvorsichtigen Autofahrern egal. Dagegen waren Coolness, freihändig bei roter Ampel die Kreuzung überqueren wichtig für die Persönlichkeitsentwicklung. Fahrradhelm? Stand damals nicht mal im Duden. Nicht immer verlief die Fortbewegung auf zwei Rädern ohne interruptive Komplikationen. Zwischen meinem ersten richtig schweren Fahrradunfall mit Fünfzehn inklusive spektakulärem Sturzflug in die Allee, Totalschaden am Rad und Freispruch vor einem Jugendrichter und dem vorläufig (?) letzten Crash liegen 57 Jahre. Nicht bei allen Stürzen kann ich Fremdverschulden reklamieren. Der schwerste, lebensgefährliche Abgang über den Lenker mit Kopf auf den Asphalt war allein meine Schuld und hätte schlimmer enden können. Noch heute bin ich einer geschickten Chirurgin dankbar, die mein zerstörtes Gesicht in drei nächtlichen Stunden zusammennähte. Nach drei Tagen Krankenhaus durfte ich zu Ostern wieder nach Hause. Just am Tag vor meinem letzten Geburtstag ist es wieder passiert: Eine unaufmerksame Autofahrerin in fortgeschrittenem Alter hat mich vom Rad in den Straßengraben katapultiert. Zugegeben, auch meine Aufmerksamkeit war schon mal besser. Mein Schutzengel hatte wie schon öfter in der Vergangenheit richtig viel zu tun.
Nochmal zu meinen Entwicklungsphasen: Es gab da auch eine Zeit, in der ich mich im Rückblick der Sorte „Kampfradler“ zuordnen muss. Darauf bin ich keineswegs stolz. Ständig drauf aus, die depperten Autofahrern auf ihre Regelverstöße aufmerksam zu machen. Wenn dich einer beim Rechtsabbiegen schneidet, ist der Ruf „Arschloch“ eine angemessene Reaktion. Dies umso mehr, wenn das Auto dann auch noch in meiner Begriffswelt der Kategorie „Arschlochauto“ zuzuordnen war – was ich damit meine, kann ich auf Nachfrage gerne näher erläutern. Bei Frauen pflegte ich in Ermangelung der weiblichen Form dieser Beleidigung auf „Dumme Nuss“ zurückzugreifen. Gegen die Autotür treten oder aufs Dach klopfen kamen bei mir nur in extremen Ausnahmesituationen zum Einsatz. Bei den Lieferdiensten, die grundsätzlich die Fahrradwege zuparken, schwanken meine Gefühle zwischen Hass und Solidarität – letztere wegen der miserablen Arbeitsbedingungen der Lieferdienstmenschen.
Nur ein einziges Mal wurde mir in Freiburg ein Rad geklaut. Das verdient einen Eintrag ins Guinessbuch der Rekorde. Und nun, zum Schluss dieser sehr unausgewogenen, polemischen und angreifbaren Sicht eines Fahrradfahrers sei mir noch ein wenig Angeberei gegönnt: Ich fahre immer noch ohne Motor, nur mit eigener, wenn auch schwindender Muskelkraft. Die letzten vier Tage rund 400 km an der Donau, von Ulm bis Passau. Kein nennenswerter Anstieg, aber die ganze Strecke mit fucking Gegenwind. Heute rechtzeitig zum Tag des Fahrrads zurück, um diesen Blogbeitrag zu schreiben und die Beinmuskulatur zu lockern.
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Ich, lieber Jürgen, kann auch eine Heldentat beisteuern. Meine Kindheit verbrachte ich mit meiner Familie in Oberbränd im Hochschwarzwald. Katholisch und Ministrant. In jugendlichen Alter wollten mein Bruder und ich einmal den Papst besuchen. Doch wie kommt man – ganz ohne Geld (wir waren eine Kinderreihe Familie) – nach Rom? Natürlich mit dem Fahrrad. Wir packten also unsere Sachen auf den Gepäckträger und in die Seitentaschen. Ein kleines Zelt war auch dabei für die Übernachtungen. Wir radelten durch die Schweiz in die Alpen und immer höher, immer höher, bis wir oben auf dem Gotthard waren. Die letzten km mussten wir schieben. Damals hatten wir nur Drei-Gang-Schaltung. In unserem kleinen Zelt haben wir gut geschlafen. Und am nächsten Tag ging es runter nach Airolo. Sehe abenteuerlich, denn wir hatten ja nur die Rücktrittbremse. Doch wir hatten Pech. Am nächsten Abend, also wir wieder vor dem Zelt etwas auf dem Spiritus-Kocher kochen wollten, verbrühte mein Bruder seinen Fuß mit kochendem Waser. Der ganze Fuß war ohne Haut, und in der Nacht bekam der Arme Fieber. Wir gaben uns noch einen Tag, doch es wurde nicht besser. Uns wurde klar: der Hl. Vater muss noch ein bisschen warten bis er uns sehen konnte.- Und so war es dann auch: im darauffolgenden Jahr sind wir per Autostop nach Rom getrampt. – Urbi et orbi!!
So ähnlich geht bzw. ging es mir hier in Hamburg.