Wie viel(e) Auto(s) braucht der Mensch?

Ab heute können wir dank Tankrabatt (tank Dankrabatt?) wieder billiger Auto fahren, wovon vor allem die mit den großen Spritfressern profitieren. Vernünftig und klimaschützend ist das nicht. Selbst Ifo-Chef Fuest hält das für einen ziemlichen Quatsch und eine Umverteilung von unten nach oben. Das 9-Euro-Ticket für ÖPNV-Nutzer dürfte da schon eher einen ökologischen Effekt haben, wenn auch nur für kurze Zeit und wenn die Bahn es nicht wieder durch katastrophales Missmanagement verschifft.

Die von Scholz propagierte Zeitenwende ist derzeit vor allem für die Rüstungskonzerne lukrativ. Eine Zeitenwende bei Kauf und Nutzung des Automobils zeichnet sich jedenfalls nicht ab.  

Eigentlich sollte hier nur eine kurze Notiz stehen zu der Meldung, dass in Deutschland im Durchschnitt weniger SUVs genutzt werden als in anderen europäischen Ländern – siehe Graphik.

Hätte man nicht unbedingt erwartet. Nun können wir selbstzufrieden auf die bösen Schweizer, Belgier oder Norweger zeigen. Doch wir holen auf: Die Neuzulassungen von Sport Utility Vehicles (SUV) in Deutschland erreichten 2021 einen Anteil von 25,4 Prozent aller Neuzulassungen. 2019 waren es sogar noch mehr. Der Trend geht also weiter hin zum fetten, zwei Tonnen schweren „Muttipanzer“, mit dem die lieben Kleinen abgeschirmt von allen gefährlichen Umwelteinflüssen sicher in die Kita gebracht werden können.

Doch lassen wir mal die Polemik beiseite – sie soll später noch zu ihrem Recht kommen. Die SUVler haben auf diesem Blog schon in einem früheren Beitrag ihr Fett wegbekommen (13.08.21: „SUVler aller Länder, vereinigt euch!). Es gibt für die Nutzung eines SUVs durchaus nachvollziehbare und plausible Gründe. Die bequemere Einstiegshöhe, die von Senioren geschätzt wird, die größere Sicherheit, mehr Platz, mehr Fahrkomfort. Der Kauf eines Autos und die Wahl eines bestimmten Modells dürfte bei den meisten Menschen von rationalen Erwägungen geleitet sein, wie etwa Familiengröße, Art der Nutzung, Verbrauch, etc.

Umweltbelastungen durch Verkehr

Bis ins späte 19. Jahrhundert, vor der Erfindung des Automobils mit Verbrennungsmotor (1886), war das Reisen über größere Entfernungen mühsam, gefährlich und zeitaufwendig. Goethe brauchte 1786 mit der Postkutsche von München nach Venedig drei Wochen. Das Erkunden fremder Länder war ein Privileg der Aristokratie. Touristische Reisen gab es praktisch nicht. Heute ist das Auto als Mittel der schnellen Überwindung großer Entfernungen nicht mehr wegzudenken.

Leider haben die Vorteile, die wir aus der Nutzung des Automobils ziehen, einen hohen Preis. PKW-Verkehr ist in vielfacher Hinsicht schädlich. Er benötigt Fläche, verbraucht Energie, belastet Luft und Klima, Verkehrslärm kann krank machen. Für die Herstellung von Autos werden große Mengen an Rohstoffen und Energie benötigt. Autos stehen die meiste Zeit rum und belegen Platz im öffentlichen Raum. Das alles ist hinlänglich bekannt. Informationen über die schädlichen Auswirkungen des Autoverkehrs für Mensch und Umwelt gibt es zu genüge, z.B. auf der Seite des Umweltbundesamtes. Trotzdem können oder wollen wir – jedenfalls die meisten von uns – nicht auf das Auto verzichten. Es wäre besser, Bus und Bahn zu benutzen. Wo das nicht geht und ein Auto wirklich unverzichtbar ist, z.B. weil der Weg zur Arbeit mit dem ÖPNV unzumutbar lang ist, gäbe es Möglichkeiten, die schädlichen Auswirkungen des Autoverkehrs zu reduzieren: Fahrgemeinschaften bilden, kleinere Autos, unnötige Fahrten vermeiden, Carsharing nutzen, etc.

Ein Gedankenexperiment: Ganz ohne Auto – geht das überhaupt?

Auch wenn die Anzahl zugelassener PKW in Deutschland nach wie vor steigend ist – eine wachsende Zahl von Menschen hat kein Auto. Immer mehr Menschen, insbesondere der jüngeren Generation, entscheiden sich dafür, auf das eigene Auto zu verzichten. Dafür gibt es unterschiedliche Gründe: Sei es als bewusste Entscheidung dagegen, etwa aus ökologischen Gründen, sei es, weil sie sich ein Auto nicht leisten können, sei es, weil sie keinen Führerschein besitzen.

Was aber wäre, wenn wir durch äußere Umstände gezwungen würden, den privaten Autoverkehr komplett einzustellen? Wenn Benzin und Diesel stark rationiert werden müssten und nur noch notwendige Fahrten (Krankentransporte, Versorgung, etc.) erlaubt wären? Das ist angesichts der aktuellen Möglichkeit eines Ölembargos im Zusammenhang mit dem Ukrainekrieg ein realistisches Szenario. Es gab schon mal, während der Ölkrise in den Siebziger Jahren, einen autofreien Sonntag. Das wars aber auch schon. Zu Beginn der Corona-Krise kam der Flugverkehr nahezu vollständig zum Erliegen. Auch das wäre vorher wohl undenkbar erschienen. 

Es ist schwer vorstellbar, wie unser Leben aussehen würde, wenn nicht nur die individuelle Mobilität drastisch eingeschränkt würde, sondern auch die wirtschaftlichen Versorgungsstrukturen großflächig ausfallen würden. Wenn die Supermarktregale leer blieben, die online-Lieferdienste nicht mehr kämen, die Milch vom Bauernhof nicht mehr abgeholt würde, der Öltank für die Heizung leer bliebe. Reichen die lokal und regional produzierten Nahrungsmittel aus, um das Überleben zu sichern? Wenn plötzlich alle Haushalte einer Region bei den wenigen Bauernläden und Gemüsekisten-Lieferanten Schlange stehen? Glücklich, wer dann einen eigenen Garten hat und selbst Gemüse anbauen kann. Vielleicht müssten die Gartenbesitzer ihre Salatköpfe dann mit der Waffe gegen Eindringlinge verteidigen? Stoff genug für einen dystopischen Roman, an dem vermutlich schon viele AutorInnen basteln.

Angesichts dramatischer Konsequenzen für unsere auf funktionierende Versorgungsstrukturen (Lieferketten!) ausgerichtete Lebensweise würde das romantische Schwärmen von einer autofreien Gesellschaft schnell der Ernüchterung weichen.

Dennoch darf man fragen, wie viel Auto wir wirklich brauchen. Manche Menschen glauben sogar mehrere Autos zu brauchen. Wann ist die Nutzung des Autos unverzichtbar, wann sind Bequemlichkeit, Besuche bei Freunden und Verwandten, Ausflüge, Urlaubsreisen, schnell mal zum Supermarkt, Spaß am Fahren usw. ein Luxus, an den wir uns gewöhnt haben, auf den wir aber notfalls auch verzichten könnten?

Es ist schade, dass die Politik mit dem Tankrabatt das Autofahren prämiert und nicht den Verzicht darauf. Es gibt ja nicht nur den Tankrabatt, sondern wir hatten vor einigen Jahren die Abwrackprämie und jetzt aktuell die e-Auto-Förderung. Warum eigentlich keine 1000 Euro für den Kauf eines E-Bikes?

Die tollkühnen Männer in ihren rasenden Kisten

Ab jetzt verlassen wir den sachlichen Diskurs und werden polemisch. Der Appell an die Vernunft, auf das Autofahren zu verzichten oder damit sparsam umzugehen, kleinere, sparsame Autos zu kaufen, usw. stößt allerdings bei einem nicht kleinen Teil unserer Gesellschaft auf wenig Gegenliebe. In den mit 200 km/h auf der Überholspur heranrauschenden SUVs und Sportwagen sitzen Fahrer, die sparsames Fahren und Geschwindigkeitsbeschränkungen für unmännlich halten. Die schlimmsten Exemplare sind die Poser, meist junge Männer mit PS-starken, getunten Luxus-Sportwagen („Balzhobel“), mit denen sie sich private Rennen liefern oder in den Einkaufsmeilen den Motor aufheulen lassen, um Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Das Auto als Protz- und Statussymbol mit Angeberausstattung und eingebautem Sound, der an das Röhren eines brünftigen Hirsches erinnert. Kaum anzunehmen, dass die intellektuelle Ausstattung der dazugehörigen Halter mit der PS-Zahl des Fahrzeugs Schritt hält. Gegen dieses Macho-Gehabe dürften Vernunftgründe wenig ausrichten. Warum aber Polizei und Ordnungsbehörden dagegen nicht mit der gleichen Strenge vorgehen wie gegen Fahrradfahrer ohne Licht, bleibt ein Rätsel.

Eine eigene Betrachtung wert wäre hier noch die Autowerbung im Fernsehen. Niemals im Stau, immer in schöner Landschaft unterwegs, schwerlos und frei von den Mühen des Alltags. Gerne auch in Verbindung mit schönen Frauen, die dem männlichen Käufer suggeriert: „Mit dem Auto kriegst Du jede rum“.

So handfest sexistisch wie in dieser Porsche-Werbung geht es heute nicht mehr, aber frauenfeindlich bleibt die Werbung trotzdem. Hallo BMW, Mercedes und Porsche: Für wie doof haltet ihr eigentlich die Frauen?

Wo waren wir stehengeblieben? Ach ja, die SUVs, der Tankrabatt und die Hormone des deutschen Autofahrers. Und dass wir weiter russisches Öl kaufen, womit der Krieg gegen die Ukraine finanziert wird, haben wir noch gar nicht erwähnt. Das wollen wir lieber gar nicht so genau wissen, wenn wir morgen zur Tanke fahren.     


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2 Comments on “Wie viel(e) Auto(s) braucht der Mensch?”

  1. Avatar von Fred Lang Fred Lang sagt:

    Lieber Jürgen,
    vielen Dank für deine Ausführungen. Ihr polemischer Anteil könnte meiner Meinung nach sogar noch höher sein. Ob das alles aber zu einem Umdenken führt, bezweifle ich sehr. Das Auto ist nach wie vor des Deutschen liebstes Kind und wird es bleiben.
    Hier noch eine Frage an die politisch Verantwortlichen: „Wann kommt endlich das Geschwindigkeitslimit auf Autobahnen?“
    @ Peter Raab
    Auf Grund meines Alters (84) und zunehmender Unsicherheit auf dem Sattel muss auch ich leider auf das Radfahren verzichten. Ein E-Bike kommt erst recht nicht mehr infrage.
    Genau wie Sie benutze ich das Auto nur noch, wenn es anders nicht geht. Ich wohne auf dem Land und da lässt sich seine Nutzung leider nicht immer vermeiden.

  2. Avatar von Peter Raab Peter Raab sagt:

    Lieber Jürgen, jetzt, wo ich 80 geworden bin, möchte ich einen weiteren Aspekt anfügen. Nachdem ich inzwischen schon mehrmals mit dem Fahrrad gestürzt bin, hat der Familienrat beschlossen, dass „der Alte!“ das Rad künftig stehen lässt. Und nur ÖPNV Ist für so einen alten Sack wie mich auch nicht so sexy. Darum erlaube ich mir also, dass ich gelegentlich in unser kleines Autole hüpfe und wo hin fahre, wo es sonst zu beschwerlich ist.
    Aber ansonsten stimme ich dem, was Du in Deinem Beitrag entwickelst, vollumfänglich zu.
    Servus – Peter .


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