Analoge Patientenakte: Wenn alte Männer über ihre Krankheiten schreiben
Veröffentlicht: 31. Dezember 2024 Abgelegt unter: Allgemein, Boulevard, Kultur | Tags: Axel Hacke, Elke Heidenreich 4 KommentareIm modernen Literaturbetrieb verliert man leicht den Überblick. So viele Bücher. Man kommt mit dem Lesen gar nicht nach. Wie gut, dass es die ZEIT gibt, die uns in einer Sonderausgabe Literatur wie gewohnt vor Weihnachten Orientierung im Dschungel der Neuerscheinungen gibt und die „100 besten Bücher des Jahres“ ans Herz legt. Auch der SPIEGEL tut es. Blöd nur, dass, wenn bei der Silvesterparty im bestens belesenen Freundeskreis über die neuesten Trends auf dem Büchermarkt gefachsimpelt (fachgesimpelt? gesimpelfacht?) wird, man errötend gestehen muss, nicht ein einziges der besten Bücher des Jahres gelesen zu haben, trotz fleißiger Lektüre über das Jahr hinweg. Nein, ich werde an dieser Stelle, obwohl es sich anböte, nicht meine persönliche Jahreslektüreliste offenlegen.
Wer sich Bestsellerautor/in nennen darf und alt genug ist, kann auch mit belanglosem Gelaber hohe Verkaufszahlen erreichen. Eine Marktlücke scheint gerade das Thema „Ich bin alt und was macht das mit mir“ zu sein. Alternde Autoren – Frauen sind mitgemeint – schreiben über den eigenen Körper und dessen Baustellen. Ich auch. Vor etwa drei Jahren entstand mein bisher unveröffentlichtes Essay „Über die Zumutungen des Alterns“. Elke Heidenreich, im Unterschied zu mir erfolgreiche Schriftstellerin, hat 2024 ihr neues Buch „Altern“ veröffentlicht. Soll angeblich das meistgelesene Buch des Jahres sein. Frau Heidenreich ist eine begnadete Erzählerin und hat zweifellos ihre Verdienste als Verfasserin von Büchern und Hörspielen, als Literaturkritikerin, Kabarettistin, usw. Aber nach der Lektüre von „Altern“, einem der großen Bucherfolge des Jahres 2024, war meine Reaktion: In der Zeit, die ich mit der Lektüre verbracht habe, hätte ich besser die Fenster geputzt. Man muss wirklich nicht jeden Schmonz lesen, der auf den Büchermarkt der Eitelkeiten gespült wird.
Moritz Aisslinger hat zwar kein Buch geschrieben, aber ein – lesenswertes, ja schon – Essay über seinen Bandscheibenvorfall, erschienen in der ZEIT am Wochenende, Nr. 49/2024. Axel Hacke, der von sich selbst sagt, „er habe in Laufe seines Lebens so viele Bücher geschrieben, dass er aufgehört hat, sie zu zählen“, hat nun ein weiteres Buch geschrieben, nämlich über seine Wehwehchen: Aua. Die Geschichte meines Körpers. Eine „analoge Patientenakte“, wie Berit Dießelkämper in seiner Buchbesprechung meint. Nix gegen Axel Hacke als Kolumnist. Unvergessen sein „Der weiße Neger Wumbaba“ – der Titel würde heute beim Sensitivity Reader des Verlags nicht mehr durchgehen. Das „Aua-Buch“ von Axel Hacke werde ich nicht auf meine „noch-zu-lesen-Liste“ setzen. Also, ähm, doch vielleicht, wenn ich es geschenkt kriege.
Verlage, die sich für meine Geschichte des Alterns interessieren, können sich bei mir gegen entsprechende Honorarangebote bewerben.
Ansonsten: Kommt gut ins Neue Jahr und lasst Euch nicht verbittern in dieser bitt´ren Zeit (Wolf Biermann).
