Neuer Fall von Cancel Culture? TV-Schlagersendung „Immer wieder sonntags“ abgesetzt!
Veröffentlicht: 30. März 2026 Abgelegt unter: Allgemein, Boulevard, Feminismus, Kultur 2 KommentareDas Fernsehpublikum ist geschockt: „Immer wieder sonntags“, eine der beliebtesten Schlagersendungen mit Stefan Mross, wird abgesetzt! Das traurige Ende nach über 30 Jahren begründet der SWR mit finanziellen Gründen. Droht das gleiche Schicksal bald auch den Sendungen „Schlagerspaß mit Andy Borg“, „Die Feste mit Florian Silbereisen“ und der „Beatrice Egli Show“?
Ohne die Schlagersendungen der chronisch gut gelaunten Dauergrinser Andy Borg, Florian Silbereisen und Stefan Mross droht das Fernsehprogramm zu einer kulturellen Wüste zu verkommen. Kein „Atemlos durch die Nacht“, kein „Hulapalu“, kein „Frauen wollen immer nur das eine“ von Roland Kaiser und kein „Weine nicht, kleine Eva“ von den Flippers mehr – unvorstellbar! Angeblich sind erste Protestschreiben bei den Programmverantwortlichen eingegangen. So etwa von der IG Bau, Steine, Erden, deren Erkennungsmelodie „Marmor, Stein und Eisen bricht“ nicht mehr im Fernsehen zu hören sein wird. Die AfD soll reklamiert habe, dass im Anschluss an Dokumentationen über Hitler nicht mehr „Junge, komm bald wieder“ gespielt werden darf. Auch das in AfD-Kreisen gerne mitgegrölte „Biste braun, kriegste Fraun“ von Mickie Krause wird schmerzhaft fehlen.
Die Vermutung, dass Kulturstaatsminister Wolfram Weimar hier die Finger im Spiel hat, weist dieser natürlich zurück. Doch die gecancelten Schlagerstars wissen es besser: „Du hast mich tausendmal belogen“ (Andrea Berg) und „Warum hast du nicht nein gesagt?“ (Roland Kaiser). Wer sich in der deutschen Schlagerszene auskennt, ahnt, welche kulturelle Lücke entsteht, wenn beliebte Schlagersendungen gestrichen werden.
Kritiker*innen aus der radikalfeministischen Szene meinen zwar, in diesen Sendungen werde ein konservatives bis sexistisches Frauenbild propagiert und verweisen auf Liedtitel wie „Layla“ (schöner, jünger, geiler), „Bumsbar“ von Ikke Hüftgold oder „Zeig mir deine Möpse“ von Mickie Krause. Dabei sind diese und andere Ballermann-Titel („Saufen – morgens, mittags, abends“) aus dem sonntäglichen Betäubungsprogramm für Pflegeheimbewohner längst eliminiert – falsche Zielgruppe! Die ARD als verantwortliche Sendeanstalt und andere Mainstream-Medien wie ZDF, Phoenix und Deutschlandfunk werden sich die Frage gefallen lassen müssen, ob mit dieser Entscheidung nicht ein weiterer Schritt in Richtung linksgrüne Ausrichtung des Öffentlich-Rechtlichen Programms vollzogen wird. Mag sein, dass die lapidare Meinung in den Chefetagen dazu in Anlehnung an den beliebten Schlager der Kölner Musikgruppe „Die Höhner“ lautet: „Wenn nicht jetzt, wann dann?“. Dann bleibt uns nur mit Peter Wackel zu konstatieren: „Scheiß drauf! Mallorca ist nur einmal im Jahr“.
Frisch gedruckt: Frauen sind mitgemeint. Texte gegen den Zeitgeist
Veröffentlicht: 14. Juli 2025 Abgelegt unter: Allgemein, Boulevard, Gesellschaft, Kultur Hinterlasse einen KommentarHeute mal Werbung in eigener Sache. Das Schicksal des Bloggers/der Bloggerin gleicht dem von Printjournalisten: Die Texte, egal ob mühsam recherchiert und brillant formuliert oder lieblos und schlampig hingerotzt, werden bestenfalls am Tag ihres Erscheinens zur Kenntnis genommen. Danach gehen sie unter im Ozean der täglichen Informations- und Nachrichtenflut und fristen ihr vergessenes Dasein in digitalen Zeitungs- oder Blogarchiven.
Als Autor bin ich allerdings der Meinung, dass zumindest ein kleiner Teil meiner in den letzten fünf Jahren veröffentlichten bonforzionösen Texte es verdient hat, in gedruckter Form verewigt zu werden und die Welt der Bücher zu bereichern. So ist nun ein kleines Taschenbuch entstanden: Frauen sind mitgemeint. Texte gegen den Zeitgeist. 112 Seiten, Softcover, 9,90 € plus Versandkosten (gedruckt im selfpublishing bei epubli Berlin. Finde mal in meinem Alter einen Verlag, wenn du nicht mindestens Ingeborg-Bachmann-Preisträger bist oder Weltranglistenerster im Tennis oder Vielschreiber trivialer Literatur…).

Den Waschzettel zum Buch gibt es hier – bitte gerne auch an Freunde und Bekannte weiterleiten!
Man kann mich also ab sofort kaufen. Nein, nicht im Buchhandel, sondern direkt bei mir bestellen. Einfach eine Mail an juergen.lieser@web.de und die Versandadresse nicht vergessen!
(Beim Postversand innerhalb Deutschlands muss ich zum Buchpreis noch 3,50 € für Porto und Verpackung berechnen)
Analoge Patientenakte: Wenn alte Männer über ihre Krankheiten schreiben
Veröffentlicht: 31. Dezember 2024 Abgelegt unter: Allgemein, Boulevard, Kultur | Tags: Axel Hacke, Elke Heidenreich 4 KommentareIm modernen Literaturbetrieb verliert man leicht den Überblick. So viele Bücher. Man kommt mit dem Lesen gar nicht nach. Wie gut, dass es die ZEIT gibt, die uns in einer Sonderausgabe Literatur wie gewohnt vor Weihnachten Orientierung im Dschungel der Neuerscheinungen gibt und die „100 besten Bücher des Jahres“ ans Herz legt. Auch der SPIEGEL tut es. Blöd nur, dass, wenn bei der Silvesterparty im bestens belesenen Freundeskreis über die neuesten Trends auf dem Büchermarkt gefachsimpelt (fachgesimpelt? gesimpelfacht?) wird, man errötend gestehen muss, nicht ein einziges der besten Bücher des Jahres gelesen zu haben, trotz fleißiger Lektüre über das Jahr hinweg. Nein, ich werde an dieser Stelle, obwohl es sich anböte, nicht meine persönliche Jahreslektüreliste offenlegen.
Wer sich Bestsellerautor/in nennen darf und alt genug ist, kann auch mit belanglosem Gelaber hohe Verkaufszahlen erreichen. Eine Marktlücke scheint gerade das Thema „Ich bin alt und was macht das mit mir“ zu sein. Alternde Autoren – Frauen sind mitgemeint – schreiben über den eigenen Körper und dessen Baustellen. Ich auch. Vor etwa drei Jahren entstand mein bisher unveröffentlichtes Essay „Über die Zumutungen des Alterns“. Elke Heidenreich, im Unterschied zu mir erfolgreiche Schriftstellerin, hat 2024 ihr neues Buch „Altern“ veröffentlicht. Soll angeblich das meistgelesene Buch des Jahres sein. Frau Heidenreich ist eine begnadete Erzählerin und hat zweifellos ihre Verdienste als Verfasserin von Büchern und Hörspielen, als Literaturkritikerin, Kabarettistin, usw. Aber nach der Lektüre von „Altern“, einem der großen Bucherfolge des Jahres 2024, war meine Reaktion: In der Zeit, die ich mit der Lektüre verbracht habe, hätte ich besser die Fenster geputzt. Man muss wirklich nicht jeden Schmonz lesen, der auf den Büchermarkt der Eitelkeiten gespült wird.
Moritz Aisslinger hat zwar kein Buch geschrieben, aber ein – lesenswertes, ja schon – Essay über seinen Bandscheibenvorfall, erschienen in der ZEIT am Wochenende, Nr. 49/2024. Axel Hacke, der von sich selbst sagt, „er habe in Laufe seines Lebens so viele Bücher geschrieben, dass er aufgehört hat, sie zu zählen“, hat nun ein weiteres Buch geschrieben, nämlich über seine Wehwehchen: Aua. Die Geschichte meines Körpers. Eine „analoge Patientenakte“, wie Berit Dießelkämper in seiner Buchbesprechung meint. Nix gegen Axel Hacke als Kolumnist. Unvergessen sein „Der weiße Neger Wumbaba“ – der Titel würde heute beim Sensitivity Reader des Verlags nicht mehr durchgehen. Das „Aua-Buch“ von Axel Hacke werde ich nicht auf meine „noch-zu-lesen-Liste“ setzen. Also, ähm, doch vielleicht, wenn ich es geschenkt kriege.
Verlage, die sich für meine Geschichte des Alterns interessieren, können sich bei mir gegen entsprechende Honorarangebote bewerben.
Ansonsten: Kommt gut ins Neue Jahr und lasst Euch nicht verbittern in dieser bitt´ren Zeit (Wolf Biermann).
Umtausch ausgeschlossen. Was Adorno und ich über das Schenken denken
Veröffentlicht: 24. Dezember 2024 Abgelegt unter: Gesellschaft, Kultur, Wirtschaft | Tags: Adorno, Schenken Hinterlasse einen Kommentar„Wir schenken uns nichts“ – so lautet das jährlich wiederkehrende Versprechen im Angesicht des bevorstehenden Weihnachtsfestes und des damit einhergehenden „Was soll ich ihr/ihm schenken Drucks“, gerne begründet mit einer kapitalismuskritischen Schelte gegen den Konsumterror einer auf Umsatz und Profit orientierten Warenwelt. Warum es trotzdem schwer fällt, auf das Schenken ganz zu verzichten? Vielleicht weil „wirkliches Schenken … sein Glück in der Imagination des Glücks des Beschenkten“ hat? Das meint jedenfalls Theodor W. Adorno, der gerne Sätze mit „noch“ beginnt, wo eigentlich „selbst“ gemeint ist, und der überhaupt ein Meister der komplizierten Ausdrucksweise ist. Davon zeugen seine „Minima Moralia. Reflexionen aus dem beschädigten Leben“. Unter den 1951 bei Suhrkamp erschienenen 153 Aphorismen gibt es einen Text über das Schenken „Umtausch nicht gestattet“. Der ist 1944 im amerikanischen Exil geschrieben, aber durchaus aktuell, weshalb ich mir erlaube, ihn als Blogbeitrag zum Weihnachtsfest 2024 zu veröffentlichen.
Und ja, falls wir uns nicht mehr sehen: Allen treuen Leserinnen und Lesern meines Blog wünsche ich Frohe Weihnachten und ein friedvolles und gesundes neues Jahr 2025!

Hier nun Adorno:
„Die Menschen verlernen das Schenken. Der Verletzung des Tauschprinzips haftet etwas Widersinniges und Unglaubwürdiges an; da und dort mustern selbst Kinder mißtrauisch den Geber, als wäre das Geschenk nur ein Trick, um ihnen Bürsten oder Seife zu verkaufen. Dafür übt man charity, verwaltete Wohltätigkeit, die sichtbare Wundstellen der Gesellschaft planmäßig zuklebt. In ihrem organisierten Betrieb hat die menschliche Regung schon keinen Raum mehr, ja die Spende ist mit Demütigung durch Einteilen, gerechtes Abwägen, kurz durch die Behandlung des Beschenkten als Objekt notwendig verbunden. Noch das private Schenken ist auf eine soziale Funktion heruntergekommen, die man mit widerwilliger Vernunft, unter sorgfältiger Innehaltung des ausgesetzten Budgets, skeptischer Abschätzung des anderen und mit möglichst geringer Anstrengung ausführt. Wirkliches Schenken hatte sein Glück in der Imagination des Glücks des Beschenkten. Es heißt wählen, Zeit aufwenden, aus seinem Weg gehen, den anderen als Subjekt denken: das Gegenteil von Vergeßlichkeit. Eben dazu ist kaum einer mehr fähig. Günstigenfalls schenken sie, was sie sich selber wünschten, nur ein paar Nuancen schlechter. Der Verfall des Schenkens spiegelt sich in der peinlichen Erfindung der Geschenkartikel, die bereits darauf angelegt sind, daß man nicht weiß, was man schenken soll, weil man es eigentlich gar nicht will. Diese Waren sind beziehungslos wie ihre Käufer. Sie waren Ladenhüter schon am ersten Tag.
Ähnlich der Vorbehalt des Umtauschs, der dem Beschenkten bedeutet: hier hast du deinen Kram, fang damit an, was du willst, wenn dir’s nicht paßt, ist es mir einerlei, nimm dir etwas anderes dafür. Dabei stellt gegenüber der Verlegenheit der üblichen Geschenke ihre reine Fungibilität auch noch das Menschlichere dar, weil sie dem Beschenkten wenigstens erlaubt, sich selber etwas zu schenken, worin freilich zugleich der absolute Widerspruch zum Schenken gelegen ist. Gegenüber der größeren Fülle von Gütern, die selbst dem Armen erreichbar sind, könnte der Verfall des Schenkens gleichgültig, die Betrachtung darüber sentimental scheinen. Selbst wenn es jedoch im Überfluß überflüssig wäre – und das ist Lüge, privat so gut wie gesellschaftlich, denn es gibt keinen heute, für den Phantasie nicht genau das finden könnte, was ihn durch und durch beglückt –, so blieben des Schenkens jene bedürftig, die nicht mehr schenken. Ihnen verkümmern jene unersetzlichen Fähigkeiten, die nicht in der Isolierzelle der reinen Innerlichkeit, sondern nur in Fühlung mit der Wärme der Dinge gedeihen können. Kälte ergreift alles, was sie tun, das freundliche Wort, das ungesprochen, die Rücksicht, die ungeübt bleibt. Solche Kälte schlägt endlich zurück auf jene, von denen sie ausgeht. Alle nicht entstellte Beziehung, ja vielleicht das Versöhnende am organischen Leben selber, ist ein Schenken. Wer dazu durch die Logik der Konsequenz unfähig wird, macht sich zum Ding und erfriert.“
Aus Theodor W. Adornos: Minima Moralia. Reflexionen aus dem beschädigten Leben, 21. Aphorismus (1951)
Waffenlieferungen, Bürgergeld, Atomkraft, Reichensteuer: Dafür oder dagegen? Ein Plädoyer gegen die Bekenntniseritis
Veröffentlicht: 28. Mai 2024 Abgelegt unter: Allgemein, Gesellschaft, Kultur, Wahlen | Tags: Krieg, Ukrainekrieg 3 KommentareDie Zeitenwende, die Zeitenwende …
Viel ist derzeit die Rede von der Zeitenwende und den schwierigen Zeiten, in denen wir leben. Klimawandel, Kriege, Wirtschaftskrise, Lieferengpässe bei Chips und Gummibärchen. Die Chinesen bedrohen unseren Wohlstand. Die AfD spioniert für China und hat einen Spitzenkandidaten für die Europawahl mit Maulkorb. Ein paar Vollidioten wünschen sich ein Kalifat für Deutschland. Die FDP findet das Lieferkettensorgfaltspflichtengesetz blöd. Die CDU möchte keine vierspurigen Radwege in Ouagadougou oder Chichicastenango mit deutschen Steuergeldern bauen. Die SPD will einen höheren Mindestlohn für die werktätige Bevölkerung und einen niedrigeren Höchstlohn für Konzernchefs. Die CSU will den Leberkäs in die bayerische Landesverfassung aufnehmen. Die Sicherheit Israels ist deutsche Staatsräson. Das alles und noch vieles mehr bewegt die Gemüter, erzeugt kollektive Schnappatmung und Empörungsrhetorik, frei zitiert nach Ludwig Uhland: „Da wallt dem Deutschen auf sein Blut“.
Das Recht auf freie Meinungsäußerung
„Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen“ – auch so´n Zitat. Von wem war das nochmal? Lothar Matthäus? Egal, jedenfalls sind wir aufgefordert, eine eigene Meinung zu haben und diese auch kundzutun. Unsere Verfassung gesteht jedem das Recht zu, seine Meinung, egal wie bescheuert sie sein mag, frei zu äußern und zu verbreiten (Art. 5 GG). Als vor 75 Jahren das Grundgesetz geschrieben wurde, gab es noch kein Instagram, Whatsapp, Tik Tok, Twitter, Facebook und Youtube. Sonst hätten sich die Mütter und Väter des Grundgesetzes angesichts des bullshits, der über die „sozialen“ Medien verbreitet wird, das mit der freien Meinungsäußerung vielleicht nochmal überlegt.
Nun gibt es also dieses Recht auf freie Meinungsäußerung, aber keine Pflicht dazu. Trotzdem – und damit wären wir wieder bei den schwierigen Zeiten, von denen anfangs die Rede war – gerät man ständig in Situationen, wo ein Bekenntnis von einem erwartet wird. Auf welcher Seite stehst du? Bist du für oder gegen Waffenlieferungen an die Ukraine? Soll die AfD verboten werden? Ist das Vorgehen Israels im Gaza ein Genozid? Sollen die Reichen stärker zur Kasse gebeten werden? War es falsch, die Atomkraftwerke abzuschalten? Soll Europa die Zuwanderung begrenzen? Soll Canabis legalisiert werden? Bist du auch der Meinung, dass es sich in Deutschland nicht mehr lohnt zu arbeiten (Bürgergeld)? Soll das Gendern in Kindergärten verboten werden?
Das Minenfeld der political correctness
Habe den Mut, eine eigene Meinung zu haben. Das ist leicht dahergesagt. Denn die Meinung, sofern man eine hat, sollte klar, eindeutig und politisch korrekt sein. Und bitte kein „Ja, aber …“. Gut ist, wenn die Meinung auf einen Button von der Größe eines Fünfmarkstücks oder auf ein Demoschild passt (Atomkraft, nein danke! Konzerne enteignen! No Nazis! Menschenrechte statt rechte Menschen! Hass ist keine Meinung! Ausländer raus! No borders!). Parteien und Personen, die sich bei den bevorstehenden Kommunal- und Europawahlen um ein Mandat bewerben, teilen uns ihre jeweiligen Bekenntnisse plakativ mit: „Klima schützen statt Konzernprofite“, „Freiheit statt Sozialismus“ (Parole der CDU im Bundestagswahlkampf 1976), „Für Sicherheit und Ordnung!“ „Wohlstand für alle!“ „Sei kein Arschloch“. Im Internet kann man zur eigenen Meinungsbildung, welche Partei am besten zu einem passt, mithilfe eines Wahl-O-Maten Fragen beantworten wie „Die EU soll mehr Waffen für die Ukraine finanzieren“ – zur Auswahl stehen „stimme zu / neutral / stimme nicht“. Das ist zu schaffen, auch wenn man bei jeder zweiten Frage eigentlich sagen möchte „Stimme zu, aber unter bestimmten Voraussetzungen, und nur wenn …“.
Jenseits von simplen Parolen: Wieviel Meinungsvielfalt halten wir aus?
Kompliziert und heikel wird das Kundtun von Bekenntnissen, wenn es um den Diskurs in Politik, Wissenschaft und Medien geht. Braucht Israel unsere „uneingeschränkte Solidarität“ oder ist das Vorgehen in Gaza völkerrechtswidrig? Robert Habeck hat beide Meinungen vertreten. Bemerkenswert daran ist, dass CSU-Generalsekretär Martin Huber Habecks Kritik an Israel „unfassbar und beschämend“ (Schnappatmung!) findet. Was an diesem Beispiel deutlich wird: In der politischen Debatte um aktuelle Kriege und Konflikte oder auch um sozialpolitisch umstrittene Vorhaben (Bürgergeld!) sind differenzierende und abwägende Meinungen und Haltungen eher selten, ja sogar verpönt. Auf dem Campus von Universitäten, bei Vortragsveranstaltungen, im Kulturbereich, in Talkshows und an den Stammtischen treffen kontroverse Meinungen unversöhnlich aufeinander. Zum Vorgehen Israels im Gazakrieg, zu Waffenlieferungen an die Ukraine, um nur diese beiden Beispiele zu nennen, werden Andersdenkende und besonnen Argumentierende niedergeschrien, verhöhnt, im schlimmsten Falle gewaltsam attackiert. Der SPD-Bundestagsabgeordnete Rolf Mützenich wurde wegen eines kritischen Statements zum Ukrainekrieg im Bundestag mit Unverständnis, Hohn und Spott übergossen. Wer die militärische Unterstützung der Ukraine gegen die russischen Invasoren nicht uneingeschränkt befürwortet, hat es im politischen Diskurs schwer. Eine differenzierte und abwägende Argumentation, eine „Sowohl-als-auch-Position“ ist nicht opportun, erst gar nicht ein Hinweis auf die Historie des Konflikts. Weitreichende Luftabwehrraketen an die Ukraine, die auch russisches Territorium erreichen können: Bist du dafür oder dagegen? Einen unabhängigen Palästinenserstaat – dafür oder dagegen? Grundrecht auf Wohnung schaffen durch mehr staatliche Eingriffe in den Wohnungsmarkt – dafür oder dagegen?
Die Kunst, Recht zu behalten
Fazit: Dies ist kein Plädoyer für Meinungsbeliebigkeit oder für eine „Da halte ich mich lieber raus“-Entschuldigung, um sich keinen Widerspruch oder Ärger einzuhandeln. Es ist ein Plädoyer für einen kritischen Diskurs, der unterschiedliche Positionen zulässt. Ein Diskurs, der dem Zeitgeist geschuldete Überzeugungen hinterfragt. Ein Diskurs, der nicht von „der dem Menschen natürlichen Rechthaberei“ (1) dominiert ist, sondern von der Suche nach der Wahrheit. Und die passt in der Regel nicht auf ein Wahlplakat oder in ein flammendes Talkshow-Statement.
(1): Arthur Schopenhauer: Eristische Dialektik. Oder: Die Kunst, Recht zu behalten.
Richtigstellung zur mutmaßlichen Beleidigung von Dieter Nuhr
Veröffentlicht: 28. Dezember 2023 Abgelegt unter: Allgemein, Boulevard, Gesellschaft, Kultur | Tags: Dieter Nuhr, Joschka Fischer Ein KommentarWer meinen Beitrag vom 26. Dezember „Nur bei Nuhr im Ersten: Penis eingefroren“ meint dahingehend interpretieren zu müssen, ich hätte Nuhr als Austrittsöffnung des Darmkanals (Anus) bezeichnet – um nicht die ordinäre Version dieser umgangssprachlichen Form der Beleidigung zu wählen, der oder die hat mich gründlich missverstanden. Eine derart koprogene Wortwahl würde auch gar nicht zu dem von mir bevorzugten elaborierten Code (lautsprachlich leicht zu verwechseln mit Kot) passen.
Die Kunst der gepflegten Beleidigung, im Gegensatz zur derben, dereinst durch Joschka Fischer im Bundestag salonfähig gemacht („Mit Verlaub, Herr Präsident, Sie sind ein Arschloch“, am18. Oktober 1984 an den Bundestagsvizepräsidenten Richard Stücklen gerichtet), besteht eben gerade nicht darin, die zu beleidigende Persönlichkeit auf einen einzigen Körperteil zu reduzieren.
Im Falle von Dieter Nuhr wäre übrigens, wenn schon Körperteil, ob seiner offensichtlichen Vorliebe für eingefrorene Penise, der Phallus statt des Anus die richtige Wahl gewesen. Genauer: Der Phallus impudicus, auch bekannt als Gemeiner Stinkmorchel.
Nur bei Nuhr im Ersten: Penis eingefroren
Veröffentlicht: 26. Dezember 2023 Abgelegt unter: Allgemein, Boulevard, Gesellschaft, Innenpolitik, Kultur | Tags: Dieter Nuhr Ein KommentarJetzt ist die Zeit der Jahresrückblicke. Das Jahr 2023 bietet dafür reichlich Stoff – leider wenig Erfreuliches, kaum Hoffnungsvolles. Stattdessen Kriege, extreme Gewaltexzesse, Naturkatastrophen. „Ob das nächste Jahr besser wird, ist ungewiss“ – schreibt Giovanni di Lorenzo, Chefredakteur der ZEIT in der jüngsten Ausgabe, denn „in Wirklichkeit droht uns 2024 politisch ein annus horribilis – mit Rekordgewinnen für die AfD und andere politische Bewegungen“. Für Nicht-Lateiner: Annus ist nichts Unanständiges. Anus, rein medizinisch betrachtet, auch nicht. Damit wäre der Übergang zu Dieter Nuhr hergestellt, der sich selbst als Komiker bezeichnet – manche nennen ihn auch einen Kabarettisten. Dieter Nuhr über Dieter Nuhr: „Dieter Nuhr ist einer der bekanntesten Satiriker Deutschlands, hat eine eigene Sendung in der ARD, füllt riesige Hallen mit seinen Bühnenshows, und seine Analysen der Gegenwart in den Medien bewegen die Menschen und die öffentliche Meinung.“
Am 22. Dezember durfte Nuhr seinen schon traditionellen Jahresrückblick, seine Analyse (mit Betonung auf anal) der Gegenwart in der ARD präsentieren. Ich habe nach wenigen Minuten, an der Stelle mit dem eingefrorenen Penis, angewidert abgeschaltet. Ein Freund meinte am nächsten Tag voller Begeisterung: Habt Ihr Dieter Nuhr gesehen? Super! Was hätte ich ihm sagen können, um meine Abneigung gegen Nuhr im Allgemeinen und seinen Jahresrückblick im Besonderen zu begründen? Also habe ich mir später die ganze Sendung in der Mediathek angeschaut, unter Schmerzen. Zum Setting: Die vollbesetzte Halle, wo die Sendung aufgezeichnet wurde, johlte bei jedem noch so billigen Gag und besonders laut bei platten populistischen Statements wie: „Es lohnt sich kaum noch, zu arbeiten; manche gehen noch arbeiten, weil sie glauben, mehr zu verdienen als die, die nicht arbeiten; Deutschland ist im Sinkflug und stürzt schneller ab als Prigoschin; Deutschland hat den Entwicklungsstand von Ruanda noch nicht erreicht; Robert Habeck steht im Keller und will die Heizung rausreißen“, usw.
Kommt einem irgendwie bekannt vor, oder? War es Söder, Merz, das Leitkultur-Linnemännchen oder gar Björn Höcke? Jedenfalls bedient Nuhr die Plattitüden, Ressentiments und Stammtischweisheiten aus dem Zettelkasten konservativer und rechter Politikerkreise. Das kommt gut an, das Volk im Saal tobt, je platter und gleichzeitig falscher das rausgehauene Klischee ist. Richtig schlimm wird es, wenn Nuhr den Medien bescheinigt, beim Klimawandel zu eskalieren und sich über alarmierende Meldungen zum Klimawandel lustig macht, wenn er den UN-Generalsekretär António Guterres als Antisemiten diffamiert, Luisa Neubauer als ausgebildete Apokalyptikerin, von queeren Aktivisten labert und sich über Ricarda Lang und Kevin Kühnert lustig macht und Franziska Brantner beleidigt. Gut, der Satiriker, der Kabarettist darf das, er muss es sogar, und er darf zuspitzen. Nur macht Nuhr (dieses blöde Wortspiel sei mir verziehen) in Wirklichkeit kein Kabarett, sondern eine Art Politpredikt oder CSU-Parteitagsrede nach dem Motto: Jetzt hauen wir mal richtig feste auf die Grünen, die SPD, die Letzte Generation, die Feministinnen und wer oder was sich sonst noch alles für populistische Applausheischerei anbietet. Manchmal lacht er über seine eigenen Witze, die gar nicht so witzig sind, gelegentlich auch unter der Gürtellinie. Zum Beispiel die Sache mit dem eingefrorenen Penis: Das sei einem Skilangläufer im hohen Norden passiert, „für den kam die Erderwärmung zu spät“ (hahaha …). Und der habe dann vermutlich mit drei Stöcken das Rennen gewonnen (Brüller!). Der eingefrorene Penis kommt im Nuhr´schen Jahresrückblick noch zweimal vor, er scheint sich – Achtung Kalauer – daran entlangzuhangeln.
Nicht alles ist falsch, was Nuhr an gesellschaftlichen Missständen und Widersprüchen auf die Schippe nimmt. Und er grenzt sich – Respekt! – knallhart gegen die AfD ab. Damit ist die Abgrenzung nach rechts aber auch schon abgearbeitet. SPD, Linke und Grüne? Alle unfähig, blöd, infantil. Deren Schwächen und Fehler darf der Satiriker gerne genüsslich ausschlachten, und das tut Dieter Nuhr ausführlich und ziemlich unwitzig. Erstaunlich aber ist, dass in der ganzen Show – immerhin 60 Minuten lang – kein einziges Mal die CDU/CSU und deren durchaus kabarettistisch verwertbare Repräsentanten vorkommen. Und auch kein Wort über die FDP – die ist doch an der Regierung beteiligt? Und darf bei einem Jahresrückblick ein Hubert Aiwanger fehlen? Der hätte doch zumindest einen Ehrenplatz verdient gehabt? Fehlanzeige. Stattdessen dreimal ein gefrorener Penis.
Mehr Bahn für alle? Die neue Imagekampagne der Bahn verspricht Verbesserungen
Veröffentlicht: 17. September 2023 Abgelegt unter: Allgemein, Boulevard, Gesellschaft, Kultur | Tags: Heinrich Böll Ein KommentarDie Deutsche Bahn hat ein schlechtes Image. Verspätungen, Zugausfälle, Baustellen, komplizierte Tarife, usw. Jetzt soll alles besser werden. Mehr Zuverlässigkeit und mehr Pünktlichkeit. Das verspricht dieser TV-Spot:
Würde Heinrich Böll noch leben, hätte man ihn vielleicht für eine neue Imagekampagne der Bahn gewinnen können. Nach dem Ende einer Dienstfahrt gefragt, wie es war, hätte er sagen können, der Zug war pünktlich. Und das waren keineswegs die Ansichten eines Clowns. Nur auf dem Bahnhof von Zimpren gab es am Servicepoint eine Art fürsorgliche Belagerung, wegen der Entfernung von der Truppe des zuständigen Mitarbeiters. Seine Vertreterin am Tresen war eine junge Kollegin, aber der Engel schwieg und sagte kein einziges Wort. Für den Abend hätte sich Böll zum Billiard um halb zehn verabredet. Seine Frau würde sagen: Du fährst zu oft nach Heidelberg, und das nicht nur zur Weihnachtszeit. Worauf Böll geantwortet hätte: Die verlorene Ehre der Katharina Blum muss unbedingt wieder hergestellt werden! Und dazu muss ich pünktlich sein.
Preisfrage: Wie viele Titel von Böll-Schriften sind in diesem Text enthalten? Für die richtige Antwort verlosen wir einen 5-Euro-Gutschein für den DB-Speisewagen, falls dieser nicht zufällig geschlossen ist!
„Nimm das schöne Händchen!“ Warum Linkshänder die besseren Menschen sind
Veröffentlicht: 13. August 2023 Abgelegt unter: Allgemein, Boulevard, Gesellschaft, Kultur, Wissenschaft | Tags: Sinistralität 2 KommentareDer heutige Internationale Linkshändertag (13. August) ist willkommener Anlass, auf die Diskriminierung der Linkshänder und Linkshänderinnen aufmerksam zu machen. Wer wie der Autor dieser Zeilen in den 1950er-Jahren heranwuchs und eingeschult wurde, weiß, wovon die Rede ist: Die erzwungene Umerziehung zum Schreiben mit der rechten Hand. „Nimm das schöne Händchen“ hieß es schon im Kindergarten, wenn das Kind zum Malstift griff, die linke Hand zur Begrüßung hinstreckte oder mit der linken Hand in der Nase bohrte. Bis heute streiten die Wissenschaftler über die Ursachen der „Sinistralität“ und die negativen Folgeerscheinungen der Umerziehung. Für die eigenen psychischen und kognitiven Störungen kann der Linkshänder, wenn schon keine schwere Kindheit, so doch immer die Umerziehung verantwortlich machen.
Heute darf jede/r schreiben, wie es ihm oder ihr gefällt. Seit den 1970er-Jahren wird nicht mehr umerzogen.

Aber mal im Ernst: Einem Linkshänder, etwa Barack Obama, beim Schreiben zuzuschauen, in gekrümmter Körperhaltung und gegen die Schreibrichtung, tut fast körperlich weh. „Nimm das schöne Händchen!“ möchte man rufen. Bei mir selbst war die Umerziehung nur teilweise erfolgreich: Schreiben mit rechts ja, aber Küchenarbeit, Schere benutzen, Schraubenzieher usw. sowie Mittelfinger zeigen lieber mit links. Boulespielen mit rechts geht gar nicht. Tischtennis auch nicht, was aber bei diesem Sport von Vorteil ist. Enge Kurven mit dem Fahrrad gehen leichter rechtsherum.
Die Linkshändigkeit kann also Vor- und Nachteile haben. Im Alltag werden Linkshänder eher benachteiligt oder regelrecht diskriminiert. Der Ziffernblock auf der Computertastatur, das Griffbrett der Gitarre, das Kartenfach am Geldautomaten: Die Bedienung technischer Geräte, das Spielen eines Musikinstruments, die Benutzung von Haushaltsgegenständen oder Werkzeugen gehen immer vom „Normalfall“ des Rechtshänders aus und machen dem Linkshänder das Leben schwer. Linksspielende Musiker haben es schwer, in professionellen Orchestern aufgenommen zu werden. Dass Kaffeetassen immer den Henkel auf der rechten Seite haben, hat die Wissenschaft allerdings schon längst als Verschwörungstheorie entlarvt.
Dass in bestimmten Kulturen (welche, wird hier nicht genannt, um dem Vorwurf der Islamfeindlichkeit nicht Vorschub zu leisten) die Linkshändigkeit stigmatisiert ist, hat, wie man uns erklärt, damit zu tun, dass man sich dort den Hintern mit der bloßen linken Hand abzuputzen pflegt (echt jetzt, Leute? Macht ihr das so? Ist ja eklig!). Die so eingesetzte linke Hand kann dann natürlich nicht zum Essen oder zum Händeschütteln benutzt werden. Und für rechtshändig sich den Hintern Abputzende soll das etwa nicht gelten? Über die unterschiedlichen Reinigungstechniken von Links- und Rechtshändern nach dem Stuhlgang sollen hier keine weiteren unappetitlichen Details erläutert werden.
Fest steht jedenfalls, und das konnte ich durch wissenschaftliche Untersuchungen an mir selbst bestätigt finden, dass Linkshänder intelligenter und kreativer sind als Rechtshänder. Auch meine persönliche Vorliebe für linke politische Richtungen ist unbedingt auf meine Linkshändigkeit zurückzuführen. Diesbezügliche Umerziehungsversuche aus dem Freundes- und Bekanntenkreis dauern bis in den Gegenwart an, bleiben allerdings ohne Erfolg.
Linkshänder aller Länder, vereinigt Euch!
