Analoge Patientenakte: Wenn alte Männer über ihre Krankheiten schreiben

Im modernen Literaturbetrieb verliert man leicht den Überblick. So viele Bücher. Man kommt mit dem Lesen gar nicht nach. Wie gut, dass es die ZEIT gibt, die uns in einer Sonderausgabe Literatur wie gewohnt vor Weihnachten Orientierung im Dschungel der Neuerscheinungen gibt und die „100 besten Bücher des Jahres“ ans Herz legt. Auch der SPIEGEL tut es. Blöd nur, dass, wenn bei der Silvesterparty im bestens belesenen Freundeskreis über die neuesten Trends auf dem Büchermarkt gefachsimpelt (fachgesimpelt? gesimpelfacht?) wird, man errötend gestehen muss, nicht ein einziges der besten Bücher des Jahres gelesen zu haben, trotz fleißiger Lektüre über das Jahr hinweg. Nein, ich werde an dieser Stelle, obwohl es sich anböte, nicht meine persönliche Jahreslektüreliste offenlegen.  

Wer sich Bestsellerautor/in nennen darf und alt genug ist, kann auch mit belanglosem Gelaber hohe Verkaufszahlen erreichen. Eine Marktlücke scheint gerade das Thema „Ich bin alt und was macht das mit mir“ zu sein. Alternde Autoren – Frauen sind mitgemeint – schreiben über den eigenen Körper und dessen Baustellen. Ich auch. Vor etwa drei Jahren entstand mein bisher unveröffentlichtes Essay „Über die Zumutungen des Alterns“. Elke Heidenreich, im Unterschied zu mir erfolgreiche Schriftstellerin, hat 2024 ihr neues Buch „Altern“ veröffentlicht. Soll angeblich das meistgelesene Buch des Jahres sein. Frau Heidenreich ist eine begnadete Erzählerin und hat zweifellos ihre Verdienste als Verfasserin von Büchern und Hörspielen, als Literaturkritikerin, Kabarettistin, usw. Aber nach der Lektüre von „Altern“, einem der großen Bucherfolge des Jahres 2024, war meine Reaktion: In der Zeit, die ich mit der Lektüre verbracht habe, hätte ich besser die Fenster geputzt. Man muss wirklich nicht jeden Schmonz lesen, der auf den Büchermarkt der Eitelkeiten gespült wird.

Moritz Aisslinger hat zwar kein Buch geschrieben, aber ein – lesenswertes, ja schon – Essay über seinen Bandscheibenvorfall, erschienen in der ZEIT am Wochenende, Nr. 49/2024. Axel Hacke, der von sich selbst sagt, „er habe in Laufe seines Lebens so viele Bücher geschrieben, dass er aufgehört hat, sie zu zählen“, hat nun ein weiteres Buch geschrieben, nämlich über seine Wehwehchen: Aua. Die Geschichte meines Körpers. Eine „analoge Patientenakte“, wie Berit Dießelkämper in seiner Buchbesprechung meint. Nix gegen Axel Hacke als Kolumnist. Unvergessen sein „Der weiße Neger Wumbaba“ – der Titel würde heute beim Sensitivity Reader des Verlags nicht mehr durchgehen. Das „Aua-Buch“ von Axel Hacke werde ich nicht auf meine „noch-zu-lesen-Liste“ setzen. Also, ähm, doch vielleicht, wenn ich es geschenkt kriege.

Verlage, die sich für meine Geschichte des Alterns interessieren, können sich bei mir gegen entsprechende Honorarangebote bewerben.

Ansonsten: Kommt gut ins Neue Jahr und lasst Euch nicht verbittern in dieser bitt´ren Zeit (Wolf Biermann).


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4 Comments on “Analoge Patientenakte: Wenn alte Männer über ihre Krankheiten schreiben”

  1. Das kann ich erst sagen, wenn ich den von Dir erwähnten Bayard gelesen habe. Sollte ich das tun? Dann mußt Du mir das Buch einmal ausleihen. Noch besser: Du liest es selbst und sagst mir, ob es sich zu lesen lohnt!

  2. Avatar von Unbekannt Anonym sagt:

    Lieber Jürgen,

    dein Eintrag vom 31.12. habe ich erst jetzt gelesen. Hat mich daran erinnert, dass ich da ja im Regal ein Buch stehen habe, das ich leider immer noch nicht gelesen habe: Pierre Bayard, Wie man über Bücher spricht, die man nicht gelesen hat (Kunstmann, 2007). Auf dem Schutzumschlag wird der „französische Literaturpapst Bernard Pivot“ zitiert: „Das Buch schlechthin! Wunderbar, man muss in diesem Leben nur noch Bayard lesen. Sein Buch ersetzt alle anderen, alte, neue, zukünftige.“ Ist das jetzt eine Empfehlung für dich?

    Bernhard

  3. So so, Heidenreichs Buch über das Altern ist also das „meistgelesene Buch“ 2024! Ich hab das als Hörbuch nur an- aber nicht weitergelesen, denn es bringt nichts, wenn jemand alles nur locker plaudernd verharmlost, ohne irgend eine philosophische Tiefe reinzubringen! Quasi naturgemäß kommt auch nicht zur Sprache, dass das Altern einer erfolgreichen und gewiss gut situierten Person, die sich lebenslang selbst verwirklicht hat, anders aussieht als bei weniger begüterten Menschen, die weniger Glück und Erfolg hatten.

  4. Avatar von Unbekannt Anonym sagt:

    Sehr gern gelesen, danke für die Bereicherung meines Tages! Und alles Gute für 2025, lieber Jürgen!


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