Umtausch ausgeschlossen. Was Adorno und ich über das Schenken denken
Veröffentlicht: 24. Dezember 2024 Abgelegt unter: Gesellschaft, Kultur, Wirtschaft | Tags: Adorno, Schenken Hinterlasse einen Kommentar„Wir schenken uns nichts“ – so lautet das jährlich wiederkehrende Versprechen im Angesicht des bevorstehenden Weihnachtsfestes und des damit einhergehenden „Was soll ich ihr/ihm schenken Drucks“, gerne begründet mit einer kapitalismuskritischen Schelte gegen den Konsumterror einer auf Umsatz und Profit orientierten Warenwelt. Warum es trotzdem schwer fällt, auf das Schenken ganz zu verzichten? Vielleicht weil „wirkliches Schenken … sein Glück in der Imagination des Glücks des Beschenkten“ hat? Das meint jedenfalls Theodor W. Adorno, der gerne Sätze mit „noch“ beginnt, wo eigentlich „selbst“ gemeint ist, und der überhaupt ein Meister der komplizierten Ausdrucksweise ist. Davon zeugen seine „Minima Moralia. Reflexionen aus dem beschädigten Leben“. Unter den 1951 bei Suhrkamp erschienenen 153 Aphorismen gibt es einen Text über das Schenken „Umtausch nicht gestattet“. Der ist 1944 im amerikanischen Exil geschrieben, aber durchaus aktuell, weshalb ich mir erlaube, ihn als Blogbeitrag zum Weihnachtsfest 2024 zu veröffentlichen.
Und ja, falls wir uns nicht mehr sehen: Allen treuen Leserinnen und Lesern meines Blog wünsche ich Frohe Weihnachten und ein friedvolles und gesundes neues Jahr 2025!

Hier nun Adorno:
„Die Menschen verlernen das Schenken. Der Verletzung des Tauschprinzips haftet etwas Widersinniges und Unglaubwürdiges an; da und dort mustern selbst Kinder mißtrauisch den Geber, als wäre das Geschenk nur ein Trick, um ihnen Bürsten oder Seife zu verkaufen. Dafür übt man charity, verwaltete Wohltätigkeit, die sichtbare Wundstellen der Gesellschaft planmäßig zuklebt. In ihrem organisierten Betrieb hat die menschliche Regung schon keinen Raum mehr, ja die Spende ist mit Demütigung durch Einteilen, gerechtes Abwägen, kurz durch die Behandlung des Beschenkten als Objekt notwendig verbunden. Noch das private Schenken ist auf eine soziale Funktion heruntergekommen, die man mit widerwilliger Vernunft, unter sorgfältiger Innehaltung des ausgesetzten Budgets, skeptischer Abschätzung des anderen und mit möglichst geringer Anstrengung ausführt. Wirkliches Schenken hatte sein Glück in der Imagination des Glücks des Beschenkten. Es heißt wählen, Zeit aufwenden, aus seinem Weg gehen, den anderen als Subjekt denken: das Gegenteil von Vergeßlichkeit. Eben dazu ist kaum einer mehr fähig. Günstigenfalls schenken sie, was sie sich selber wünschten, nur ein paar Nuancen schlechter. Der Verfall des Schenkens spiegelt sich in der peinlichen Erfindung der Geschenkartikel, die bereits darauf angelegt sind, daß man nicht weiß, was man schenken soll, weil man es eigentlich gar nicht will. Diese Waren sind beziehungslos wie ihre Käufer. Sie waren Ladenhüter schon am ersten Tag.
Ähnlich der Vorbehalt des Umtauschs, der dem Beschenkten bedeutet: hier hast du deinen Kram, fang damit an, was du willst, wenn dir’s nicht paßt, ist es mir einerlei, nimm dir etwas anderes dafür. Dabei stellt gegenüber der Verlegenheit der üblichen Geschenke ihre reine Fungibilität auch noch das Menschlichere dar, weil sie dem Beschenkten wenigstens erlaubt, sich selber etwas zu schenken, worin freilich zugleich der absolute Widerspruch zum Schenken gelegen ist. Gegenüber der größeren Fülle von Gütern, die selbst dem Armen erreichbar sind, könnte der Verfall des Schenkens gleichgültig, die Betrachtung darüber sentimental scheinen. Selbst wenn es jedoch im Überfluß überflüssig wäre – und das ist Lüge, privat so gut wie gesellschaftlich, denn es gibt keinen heute, für den Phantasie nicht genau das finden könnte, was ihn durch und durch beglückt –, so blieben des Schenkens jene bedürftig, die nicht mehr schenken. Ihnen verkümmern jene unersetzlichen Fähigkeiten, die nicht in der Isolierzelle der reinen Innerlichkeit, sondern nur in Fühlung mit der Wärme der Dinge gedeihen können. Kälte ergreift alles, was sie tun, das freundliche Wort, das ungesprochen, die Rücksicht, die ungeübt bleibt. Solche Kälte schlägt endlich zurück auf jene, von denen sie ausgeht. Alle nicht entstellte Beziehung, ja vielleicht das Versöhnende am organischen Leben selber, ist ein Schenken. Wer dazu durch die Logik der Konsequenz unfähig wird, macht sich zum Ding und erfriert.“
Aus Theodor W. Adornos: Minima Moralia. Reflexionen aus dem beschädigten Leben, 21. Aphorismus (1951)
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