Über den Umgang mit Menschen
Veröffentlicht: 11. Februar 2022 Abgelegt unter: Allgemein, Boulevard, Internationale Politik | Tags: Annalena Baerbock, Benimmcoach, Jean Asselborn, Papst Benedikt 2 KommentareVon den vielen neumodischen Berufsbezeichnungen ist „Benimmcoach“ der mich am interessantesten anmutende. Der Markt dafür scheint riesig. Seit Corona ist der Umgang mit Menschen noch komplizierter geworden. Coronaleugner müssen ständig ermahnt werden, nicht nur Maske zu tragen, sondern die Anstandsregeln einzuhalten. Was aber ist richtiges Benehmen? Orientierung und Hilfe dafür bietet der/die Benimmcoach*in. Coach ist schließlich kein geschützter Begriff. Jede/r kann sich den Titel ans Revers heften. Me too.
In dieser meiner neuen Profession des Benimmcoachs sollen hier in lockerer Reihenfolge und für unterschiedliche Anlässe und Zielgruppen Beiträge zum Thema „Benehmen, aber richtig“ erscheinen. Anleitungen also für richtiges Verhalten in heiklen Lebenssituationen. „Über den Umgang mit Menschen“ – so hat es Adolph Franz Friedrich Ludwig Freiherr Knigge in seiner 1788 erschienen Schrift betitelt.
Den Einwand, dass es schon tausende Youtube-Videos gibt, die sich diesem Thema widmen, entkräften wir durch den Hinweis, dass wir hier nicht so triviale Dinge behandeln wollen wie etwa die Einladung zu Weihnachten bei den Schwiegereltern, den Umgang mit Pöbeleien im Straßenverkehr, die passende Garderobe beim Staatsempfang, die richtige Form für Hassbotschaften im Netz oder den ordnungsgemäßen Vollzug des außerehelichen Geschlechtsverkehrs. Nein, wir wollen uns auf systemrelevante Zielgruppen und galaktische Herausforderungen fokussieren. Aus aktuellem Anlass deshalb heute zum Einstieg:
Lektion 1: Über den Umgang mit Menschen. Anleitung für Außenminister*innen
Man möchte in diesen Tagen nicht unbedingt in der Haut von Annalena Baerbock stecken. Alles schwierig, heikel, wenig erfreulich: Ukraine-Krise, Bundeswehreinsatz in Mali, Menschenrechte in China, Putscholympiade in Afrika, Push backs an Europas Außengrenzen, Russland schmeißt die Deutsche Welle raus, Kolumbien fordert Kulturgüter zurück, Myanmars Militär schießt auf Demonstranten, Raketentests in Nordkorea, Konflikt Israel-Palästina, Putin und Xi Jinping gründen eine Facebookgruppe „Regieren, bis der Arzt kommt“, Boris Johnson hat immer noch keinen neuen Friseur gefunden – nur eine kleine Auswahl an wenig erfreulichen Themen.
Was also kann man der Außenministerin empfehlen? Ganz wichtig: Immer für gleiche Augenhöhe sorgen. Als ehemaliger Trampolinspringerin dürfte das Frau Baerbock nicht schwerfallen. Weil aber bei Begegnungen mit aufgeblasenen Wichtigtuern à la Putin, Erdogan, Lukaschenko, Bolsonaro oder Friedrich Merz meistens kein Trampolin bereitsteht, empfehlen wir Frau Baerbock die Asselborn-Methode (Für Bild-Leser: Jean Asselborn, das ist der Außenminister des Großherzogtums Luxemburg, und zwar seit 18 Jahren). Als Vertreter eines winzigen Landes ist Asselborn bekannt für seine geschickt verklausulierten Beleidigungen politischer Vollpfosten.

Grobe Schmähkritik wie in diesem Cartoon von Peter Gaymann empfehlen wir nur im äußersten Notfall.
Zu den eher angenehmen Seiten des Jobs einer Außenministerin gehört das Einbestellen und Abwatschen von Botschaftern, zum Beispiel wegen Falschparkens oder Raserei in der Berliner Innenstadt. Für den Umgang mit Botschaftern aus autoritären Staaten lautet unsere Empfehlung: Freundlich ermahnen, nicht auf unbewaffnete Demonstranten zu schießen, mit der Ermordung von politischen Gegnern aufzuhören, zumindest nicht tagsüber im Tiergarten in Berlin und keine Dissidenten in der Botschaft zu zerstückeln.
Für den Fall unpassender Einladungen, zum Beispiel zur Eröffnung der Olympischen Winterspiele in Peking, empfiehlt es sich, Terminschwierigkeiten anzuführen, weil zum Beispiel schon eine Einladung von Boris Johnson zu einer Gartenparty in Downing Street angenommen wurde.
Wird die Außenministerin bedrängt, der Ukraine militärisch beizustehen, dann empfehlen wir einen Kunstgriff, der gerade vom emeritierten Papst Benedikt geschickt eingesetzt wurde: Zunächst irgendeinen Schwachsinn verzapfen – etwa warum die Bundesregierung keine Waffeln an die Ukraine liefert, auch nicht zu Selbstverteidigung, und dann eingestehen, dass es sich um einen Fehler bei der Redaktion handelte!
Wie die Außenministerin dann allerdings erklären soll, warum die Bundesregierung im Jahr 2020 Rüstungsexporte für mehr als eine Milliarde Euro an Länder genehmigte, die in die Konflikte im Jemen oder in Libyen verwickelt sind, dafür ist uns noch keine passende Benimmregel eingefallen. Kann ja noch werden.
In der nächsten Folgen lesen Sie: Benimmregeln für Superreiche
