Wie gefährlich ist Künstliche Intelligenz (II)?
Veröffentlicht: 10. Juli 2024 | Autor: Jürgen Lieser | Abgelegt unter: Allgemein, Boulevard, Gesellschaft, Internet, Kultur, Wissenschaft | Tags: digitale Zwillinge, Metaversum, NFT | Hinterlasse einen KommentarIm ersten Teil meines Blogbeitrags über Künstliche Intelligenz (KI) ging es um die Chancen und Risiken der KI, wie sie unsere Gesellschaft verändert und wie sie von Militärs für das gezielte Töten von politischen Gegnern (targeted killing) genutzt wird. Heute möchte ich zwei weitere Aspekte der KI beleuchten: Wie verändern digitale Zwillinge (KI-Avatare) unsere sozialen Beziehungen, und was hat es mit dem Metaversum auf sich?
Ich bin kein Roboter. Oder vielleicht doch?
Oder, anders gefragt in Anlehnung an einen Buchtitel von Richard David Precht: Wer bin ich – und wenn ja, wie viele? Man kann nicht sicher sein, ob in der digitalen Welt nicht schon längst eine oder mehrere KI-Kopien vom eigenen Ich herumlaufen, digitale Zwillinge oder Avatare, wie die Dinger heißen. Es gibt sogar schon Software-Programme für die Erstellung von Avataren. In der harmlosen Variante kommen diese virtuellen Klone schon länger bei Computerspielen zum Einsatz. Mit originalgetreu geklonten Stimmen oder Gesichtern prominenter Persönlichkeiten lässt sich die öffentliche Meinungsbildung manipulieren. Über die digitalen Zwillinge hat Adrian Lobe in einem kürzlich erschienener Artikel (30.06.2024) in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung unter der Überschrift „So frei wie eine Billardkugel“ beängstigende Szenarien beschrieben und auf die ethische Problematik der „digitalen Verdoppelung“ hingewiesen.
Was sind digitale Zwillinge?
Digitale Zwillinge sind nahezu identische Nachbildungen von physischen Objekten, aber auch von real existierenden Personen, also nicht bloße Playmobilfiguren von prominenten Fußballern. Digital erzeugte Klone verfügen über das gleiche Aussehen, die gleiche Stimme, über identische Bewegungsmuster des Originals. Und noch mehr: Gleiche Präferenzen, gleiche Krankheiten, gleiche Charaktereigenschaften. Wozu das gut sein soll? Man kann zum Beispiel seinen digitalen Zwilling an einem Videomeeting teilnehmen lassen, wenn man selbst keine Zeit oder keine Lust dazu hat. Auch Heiratsschwindler können ihren Job stressfreier ausüben. Aber aufgepasst: Wer seinen digitalen Doppelgänger dazu nutzt, gleichzeitig mit mehreren PartnerInnen ein Techtelmechtel über eine Kuppelbörse anzufangen, könnte Ärger kriegen. Da wären wir wieder im richtigen Leben angekommen. Wer ungern feste Beziehungen eingeht und das Zusammenleben unter einem Dach in der Realität zu riskant findet, der kann seinen digitalen Zwilling mit dem digitalen Partner oder der digitalen Partnerin testweise zusammenleben lassen.
Ein Schelm, wer Böses dabei denkt?
Wenig überraschend ist, dass digitale Zwillinge für kommerzielle Interessen genutzt werden, wenn es zum Beispiel um Konsumpräferenzen geht. Oder, um eine positive Nutzungsmöglichkeit zu nennen, die Früherkennung von Krankheiten: Die Medizinforschung kann an einem digitalen Patienten Krankheiten simulieren und Therapien erproben. „Bevor die reale Person krank wird, können vorbeugende Maßnahmen wie eine präventive Operation ergriffen werden“, schreibt Lobe in seinem Beitrag. Ein Ziel der Untersuchungen an virtuellen Klonen ist, Verhalten und Entscheidungen vorherzusagen. Wenn es sich also um eine möglichst perfekte digitale Kopie des Originals handelt, ließe sich zum Beispiel eine Kauf- oder Wahlentscheidung antizipieren. Wer das konsequent weiterdenkt, muss zu der erschreckenden Erkenntnis kommen, dass individuelles Verhalten real existierender Personen vorhersagbar wird, was sich wiederum kommerzielle Unternehmen oder politische Gruppierungen für ihre Zwecke zunutze machen könnten. Lt. Lobe habe sich Amazon vor einigen Jahren ein vorausschauendes Logistiksystem („anticipatory shipping“) patentieren lassen, „bei dem Waren verschickt würden, noch bevor der Kunde auf den Bestellknopf gedrückt hat“.
Tod, wo ist dein Stachel?
Was passiert nach dem Tod des Individuums mit dem oder den digitalen Doppelgängern? Die haben ja keine mit dem Original verknüpfte Abschaltautomatik und geistern weiter in der Cloud herum und treiben da ihr Wesen oder Unwesen. Dass die trauernden Hinterbliebenen zumindest mit der digitalen Version ihres verstorbenen Familienmitglieds noch interagieren können, ist eine eher ungemütliche Vorstellung.
Das Metaversum: Kein richtiges Leben im falschen
Wem das reale Leben mit Kriegen, Krankheiten, Beziehungsstress, Leistungsdruck auf der Arbeit oder in der Schule zu anstrengend wird, dem bietet das Metaversum einen virtuellen, digitalen Raum als Ausweg. Für alle, die mit diesen Dingen bisher nichts oder wenig anfangen können: Im Metaversum können Menschen ihre eigene Welt gestalten. Sie können dort „leben, lernen, arbeiten und feiern“. Sie können sogar mit digitaler Währung in Form von NFTs (Non-Fungible Token) virtuelles Land oder Kunstwerke kaufen und damit spekulieren. In spielerischer Form tauchte das Metaversum 2003 als Plattform Second Life im Internet auf. Im Metaversum findet eine Verschmelzung von realer und virtueller Welt statt, das nennt sich dann „mixed realities“ oder „augmented realities“.
Ich mach mir die Welt, wie sie mir gefällt
Wann das alles genau angefangen hat? Vielleicht schon mit Aldous Huxleys „Schöne neue Welt“ von 1932? Oder mit Pippi Langstrumpf von Astrid Lindgren von 1944? Vielleicht aber auch erst 1992 in dem Science-Fiction-Roman „Snow Crash“ von Neal Stephenson, der angeblich zum ersten Mal die Begriffe Metaversum und Avatar benutzte? Und dass eine Plattform digitaler Sozialbeziehungen wie Facebook sich jetzt Meta nennt, ist eine konsequente Folge dieser Entwicklung.
Das Tolle ist: Ich kann im Metaverse in eine künstliche Welt entfliehen (Stichwort Eskapismus), kann mich den Mühen und Unwägbarkeiten des realen Lebens entziehen, muss nicht mehr einkaufen, putzen, waschen oder mich mit real existierenden Idioten rumärgern, ich kann einfach im Metaverse meine eigene Welt schaffen und alles was mich nervt, stresst oder sonstwie im realen Leben einfach nur anstrengt, ausblenden: Ich mach mir die Welt, wie sie mir gefällt! Ja ist das nicht mega bzw. meta?
