Statussymbol Visitenkarte: Unter CEO mach ich´s nicht
Veröffentlicht: 20. Januar 2023 Abgelegt unter: Allgemein, Boulevard, Gesellschaft | Tags: CEO, VisitenKarte 5 KommentareSeltene Erden werden immer wichtiger für unsere Wirtschaft. Seltene Berufe offenbar auch: Tatortreiniger, Silencer, Resonanztrainer, Keynote-Speaker – auf eine komplette Aufzählung wollen wir hier aus Platzgründen verzichten. Was ein Silencer ist? Ein Silencer, ein „Ruhigmacher“ also sorgt dafür, dass Leute, die vor einer Bar stehen und rauchen, nicht zu laut werden. Wie soll man das sonst anders abkürzen? Zur Aufrechterhaltung des sozialen Friedens in Innenstädten unerlässlich. Dieser Beruf kam erst mit dem Rauchverbot in Gaststätten auf den Markt. Wo wir beim Rauchen sind: Morgen kommt bei mir der (oder die?) Rauchmelderkontrollierer/in vorbei. Auch sowas Neues. Gab es früher nicht. Ob das eine sinnstiftende Tätigkeit ist, weiß ich nicht. Vielleicht frage ich morgen mal vorsichtig nach? Auch wie es um die Aufstiegschancen bestellt ist (Hauptrauchmelderkontrollierer/in, Oberrauchmelderkontrollierer/in?).
In einem früheren Blogbeitrag haben wir hier schon einmal über alte und neue, ehrenwerte und aufgeblasene Berufsbezeichnungen schwadroniert (Henker, Banker, Sprachprofiler, 22.10.2021). Das Thema ist aber unerschöpflich. Täglich kommen neue Berufe hinzu: Sprachpersönlichkeitstrainer, Top Executive Coach für excellente Reden, Hacker (nicht Holz, Computer!), Aufräum-Coach.
Auch wenn ich mich wiederhole: Früher war das alles überschaubarer. Müller, Schmied, Schneider, Bäcker, Matrose – die kommen schon in den Märchen vor und dienen heute noch vielen Menschen als Familienname. Auch Soldaten gabs schon immer, ebenso Bauern und Gastwirte (wer nichts wird, wird Wirt). Dann natürlich Könige, Prinzessinnen – obwohl das ja keine Berufe in eigentlichen Sinne sind.
Manche Menschen legen Wert darauf, dass ihre Position in der Hierarchie ihres Berufsfeldes zum Ausdruck kommt. Ein Kapitän wird sich vom einfachen Seefahrer/Matrosen abgrenzen wollen. Ein General wird sich nicht bloß als Soldat bezeichnen, obwohl er das ja ist. Die militärischen Rangbezeichnungen sind mir bis heute ein Rätsel, deshalb kam ich auch nicht als Nachfolger von Christine Lambrecht in Frage. Mein Vater, ein einfacher Mann, war von Beruf Kraftfahrer. Es gibt diesen Beruf auch in den Versionen Taxifahrer, Busfahrer, LKW-Fahrer, Gabelstaplerfahrer. Ein Taxifahrer fährt Taxi, ein Busfahrer Bus – mein Vater fuhr Kraft. Damit konnte ich schon im Kindergarten mächtig angeben. Loks, Flugzeuge, Schiffe oder Kräne hingegen werden nicht gefahren, sondern geführt (Lokführer, Kranführer) bzw. von Kapitänen gesteuert.
Warum ich dieses Thema wieder aufs Tapet bringe? Ich muss mir unbedingt wieder eine Visitenkarte zulegen. Früher hatte ich eine solche, mehrere sogar, je nach Anlass. Jetzt stehe ich vor der fast unlösbaren Frage, welche Berufsbezeichnung auf meine Karte gehört, ohne dass man mir allzu große Eitelkeit unterstellen kann. Dass „Rentner“ auf keinen Fall geht, habe ich schon in dem erwähnten Beitrag vom Oktober 21 begründet. Meine Wunschberufe „Schiffschaukelbremser“, „Gabelstaplerfahrer“ oder „Bratwurstsommelier“ kann ich guten Gewissens nicht angeben, weil ich diese Tätigkeiten nie ausgeübt habe. Vielleicht aber „Buchautor“, „Blogger“, Klimaaktivist“? Diese Bezeichnungen treffen alle irgendwie zu, aber sie würden meinen gesellschaftlichen Rang nicht ausreichend würdigen. Dann schon eher was mit Vorstand: ,„Haushaltsvorstand“, „Stiftungsvorstand“, „Fraktionsvorsitzender“ – irgendsowas Chefiges sollte es schon sein. Aber bei dem Wort „chefig“ denkt man gleich an die ehemalige ARD-Vorsitzende Patricia Schlesinger. Das will man dann auch wieder nicht.
Ich glaube, ich entscheide mich für CEO – Chief Executive Officer. Das ist gar nicht mal gelogen und klingt ausreichend bonzig und chefig. Weiteren Vorschlägen meiner zahlreichen Follower sehe ich gerne entgegen.
