Henker, Banker, Sprachprofiler. Über alte und neue, ehrenwerte und aufgeblasene Berufsbezeichnungen

Welchen Beruf haben Sie? Die Frage begegnet einem im Alltag ständig, in Formularen, Anträgen, Meldezetteln. Oder auch beim Smalltalk. Was machen Sie beruflich? Für Uni-Professoren, Taxifahrer oder Frisöre und Frisörinnen (nicht Friseusen! Weil lt. Duden umgangssprachlich abwertend und leicht zu verwechseln mit Fritteusen) ist die Antwort leicht. Was aber sagt eine Prostituierte, ein Wunderheiler, ein/e Arbeitslose/r, ein Drogendealer – falls das als Berufsbezeichnung überhaupt durchgeht? Auch ist gar nicht immer klar, ob der erlernte Beruf oder die aktuelle Tätigkeit gemeint ist. Am Anfang meines Berufslebens konnte ich, gerade siebzehn geworden, antworten: Hilfssachbearbeiter. Das war die Tätigkeit, die mir nach Abschluss meiner dreijährigen Lehre beim Arbeitsamt zugewiesen worden war. Ich durfte Sachen bearbeiten, aber nur hilfsweise. Wir wollen hier nicht weiter in der Frage herumstochern, was „eine Sache bearbeiten“ so alles bedeuten kann. Wenige Monate später wurde ich zum Sachbearbeiter, also ohne „Hilfs“, befördert. Nach diesem irren Karrieresprung durfte ich dann ohne fremde Hilfe Schlechtwettergeld für Baufirmen berechnen – ohne Excel, alles per Hand in riesigen Tabellen. Oder Arbeitslosen, die sich nicht rechtzeitig bei ihrem Arbeitsvermittler gemeldet hatten, die Leistungen kürzen. Ich habe diesen „Beruf“ nur zwei Jahre ausgeübt, dann war´s genug mit Sachen bearbeiten. Heute müsste ich auf die Frage nach meinem Beruf „Rentner“ sagen, was noch schlimmer ist als Hilfssachbearbeiter, weil es suggeriert, dass meine Haupttätigkeit darin besteht, Rente zu beziehen. Das ist zwar nicht unangenehm, aber auch nicht direkt lebensinhaltfüllend.

Früher, also noch früher als früher, so richtig ganz viel früher, gab es nur die Berufe Jäger und Sammler. Diese waren ausnahmslos freiberuflich tätig, zahlten keine Umsatzsteuer und hatten keinen eigenen Internetauftritt. Und von wegen „m/w/d“ – Frauen mussten auf die Kinder aufpassen und auf das Feuer. Später kamen dann nach und nach weitere Berufe hinzu: Soldaten, Henker, Adelige, Bauern, Handwerker, Aderlasser, Gastwirte, Gaukler und Wegelagerer. Einige davon gibt es auch heute noch, sie heißen bloß anders: Banker, Keynote-Speaker oder Anne Will. Schaffner heißen auch nicht mehr Schaffner, sondern Zugbegleiter. Aus der Schreibkraft wurde die Officemanagerin. Der Henker heißt heute nicht mehr Henker, aber wie? Irgendjemand muss ja zwecks Vollzug der Todesstrafe die Spritze setzen oder beim Fallbeil auf den Knopf drücken. Also vielleicht „Fallmanager“?

Das Spektrum der Berufe und Berufsbezeichnungen ist heutzutage riesig. Mit der Frage „Na, mein Kleiner (wahlweise meine Kleine), was willst du denn mal werden?“, meist schon im Kindergarten gestellt, stürzt man die verwöhnten Blagen möglicherweise in eine frühkindliche Existenzkrise. Die heutige Generation kennt ja nicht mehr die diesbezüglich Orientierung und Halt gebende Sendung „Was bin ich? Heiteres Beruferaten mit Robert Lembke“ (Welches Schweinderl wollens denn?). Früher, und jetzt nicht mehr ganz so früher, konnten Jungs noch sagen „Lokomotivführer“ und für Mädels bot sich an „Hausfrau“ oder bestenfalls „Kosmetikerin“. So einfach liegen die Dinge aber heute nicht mehr. Die Auswahl unter den Berufen von A bis Z ist, wie gesagt, riesig: Astronaut, Automobilkauffrau, Blutspender, Bestsellerautor, Bratwurstsommelier, Dreisternekoch, Zahnspangenmechaniker/in (ich korrigiere: es muss „Zerspannungsmechaniker/in“ heißen, das kommt davon, wenn man nicht zerspannt ist), und, für alle, denen das Gehalt nicht ganz unwichtig ist, Profifußballer.

Manche Berufe sind, weil nicht mehr zeitgemäß, weggefallen, was allein schon der poesieschönen Bezeichnungen wegen schade ist, wie etwa Gaslaternenanzünder, Almosensammler, Schiffschaukelbremser, Abhörkommissar, Stromableser, Gemeindediener, Abtrittanbieter, Gabelstaplerfahrer. Den Gabelstaplerfahrer – eine Zeit lang mein Traumberuf – gibt es noch, auch die weibliche Variante, aber er oder sie wird bald überflüssig, wegen der Digitalisierung – autonomes Fahren und so. Auch irgendwie schade. Mit diesem wendigen, elektrisch betriebenen Fahrzeug zwischen meterhohen Regalen zentimetergenau rangieren und im Wahnsinnstempo vollbeladene Paletten von A nach B transportieren – hohe Kunst und tief beeindruckend. Das gibt es sicher inzwischen als cooles Videogame.

Von den Akademikern und Künstlern haben wir jetzt noch gar nicht gesprochen. Viele, sogar die meisten meiner Bekannten und Freunde haben einen akademischen Abschluss: Arzt, Apothekerin, Jurist, Pädagogin, Theologin, Volkswirt, mindestens ein Diplom in irgendwas. Jede Menge Doktortitel, auch Habilitierte. Bei vielen waren schon die Eltern und Großeltern Akademiker, Pfarrer, Musiker. Meine Eltern dagegen hatten einfache Berufe: Der Vater Kraftfahrer ohne Ausbildung, die Mutter Näherin ohne Lehrabschluss. Meine Vorfahren waren fast ausnahmslos Ackerer, einer der ältesten Berufe der Menschheitsgeschichte. Heute würde man Landwirt oder Kleinbauer sagen. Erst bei meinen Großeltern gibt es, wie die jeweiligen Heiratsurkunden belegen, andere als landwirtschaftliche Berufe wie Schreiner, Näherin, Lagerarbeiter. Ein Ururgroßvater väterlicherseits war Schiffer. Überhaupt scheint die Schifferei ein Betätigungsfeld meiner Vorfahren gewesen zu sein. Sie lebten an der Mosel und Schiffer bedeutete, dass man Lastkähne über den Leinpfad flussaufwärts zog, wahrscheinlich mit Pferden? Also auch nicht unbedingt eine nobelpreisverdächtige Tätigkeit, hätte es den Preis damals schon gegeben. Ganz genau weiß ich aber nicht, was meine Schiffervorfahren damals getrieben bzw. gezogen haben.

Bei manchen aufgeblasenen Berufsbezeichnungen können wir, wenn wir ehrlich sind, uns nicht so recht vorstellen, was der oder die Inhaber/in tut: Experte für kreatives Mindset? Sprachprofiler? Achtsamkeitscoach? Improvement-Manager?? Was dagegen ein Persönlichkeitstrainer oder ein Benimmcoach tut, verstehen wir schon eher, wenngleich deren Angebot so überflüssig wie zwecklos ist wie der bereits erwähnte Bratwurstsommelier (den habe ich mir ausgedacht, aber vielleicht gibt es ihn wirklich, falls ja, bitte bei mir melden, denn Bratwürste können geschmacklich sehr unterschiedlich ausfallen!).      

Jetzt nochmal zurück zum Anfang und was Persönliches zu diesem Thema. Was war ich nicht schon alles:  Schülerlotse, Blutspender, Entwicklungshelfer, Betriebsrat, Bäckereigehilfe, Flipperkönig, Buchautor, Gemeinderat, Blogger, Klimaaktivist. Wenn ich meinen Lebenslauf aufhübschen müsste für eine Kandidatur zum Ersten Vorsitzenden des Goldfischzuchtvereins Brunsbüttelkoog, würden mir noch viele systemrelevanten Funktionen, Posten und Aktivitäten einfallen. Wenn ich aber gefragt werde, was mein Beruf ist (oder war), wird es schwierig: Gemeint ist ja nicht die Ausbildung, sondern die Tätigkeit. Eine kurze, treffende Bezeichnung für das, was ich die meiste Zeit meines Lebens beruflich gemacht habe, gibt es gar nicht: Bei einer Hilfsorganisation in der internationalen Entwicklungs- und Katastrophenhilfe arbeiten, wie nennt man das denn? Improvement-Manager könnte sogar passen. Oder doch Experte für Armutsbekämpfung, Katastrophenhilfe und kreatives Mindset? Für kreative Vorschläge, mit oder ohne Mindset, bin ich offen.  


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3 Comments on “Henker, Banker, Sprachprofiler. Über alte und neue, ehrenwerte und aufgeblasene Berufsbezeichnungen”

  1. […] schon einmal über alte und neue, ehrenwerte und aufgeblasene Berufsbezeichnungen schwadroniert (Henker, Banker, Sprachprofiler, 22.10.2021). Das Thema ist aber unerschöpflich. Täglich kommen neue Berufe hinzu: […]

  2. Avatar von Fred Lang Fred Lang sagt:

    Mein Vorschlag: Allrounder 😁

  3. Avatar von Heidrun Martin Heidrun Martin sagt:

    Herrlicher Schmunzel-Einstieg ins Wochenende, Jürgen! 🙂
    Ich hatte hier in Tunis bei der Beantragung von Aufenthalts- und Arbeitserlaubnis auch mit der Frage nach der „Profession“ zu kämpfen und wusste auch nicht, was ich dort angeben sollte.
    Représentante, Directrice, Chef d’Administration, ja Chef de projet???
    Am Ende habe ich mich für den immer und überall anzuwendenden Beruf der „Consultante de Projet“ entschieden. Berater und Beraterinnen haben schließlich weltweit einen exzellenten Ruf und inhaltlich kann man alle möglichen Tätigkeiten und Aufgaben in dieser Berufsbezeichnung unterbringen! Besser geht es meiner Meinung nach nur noch mit dem Begriff Experte/Expertin, aber so vermessen wollte ich dann bei den tunesischen Behörden doch nicht auftreten.


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