Betrachtungen zur Coronakrise
Veröffentlicht: 13. März 2020 Abgelegt unter: Allgemein | Tags: Coronavirus Ein KommentarHeute (13. März 2020) ist vielleicht der Tag, an dem die Coronakrise – nennen wir sie mal so – in ihrer vollen Wucht den Alltag und die Nachrichten beherrscht. Die Auswirkungen sind inzwischen in fast allen Lebensbereichen spürbar. Das öffentliche Leben kommt mehr und mehr zum Stillstand, ab nächste Woche werden in fast allen Bundesländern die Schulen geschlossen. Menschen schränken ihre privaten Kontakte ein und legen sich Notvorräte an Lebensmitteln zu. Ein Ende ist nicht abzusehen. Niemand weiß, wie die weitere Entwicklung sein wird und wie lange wir noch mit den jetzt schon wirksamen Einschränkungen leben müssen. Die Zahl der Infizierten und Toten steigt weiter an. Heute (13. März, 19 Uhr) meldet Deutschland 3.156 Infizierte und acht Tote (Aktuelle Zahlen Deutschland und weltweit gibt es hier oder hier.
Von einer „Naturkatastrophe in Zeitlupe“ ist die Rede, „Stresstest für die Bundesrepublik“ (Robert-Koch-Institut), usw. Ja, viele Auswirkungen sind schlimm, manche Beschränkungen treffen die Menschen hart. Kinder können ihre betagten Eltern im Pflegeheim nicht besuchen. Über 65jährige dürfen den ÖPNV nicht mehr benutzen, wie z.B. in der Schweiz. Grenzen werden geschlossen, Intensivstationen und Arztpraxen stehen vor dem Kollaps, die Wirtschaft erlebt drastische Umsatzeinbußen. Die Aktienkurse befinden sich auf rasanter Talfahrt. Die Verschwörungstheoretiker können eine neue Sau durch ihre Internetseiten treiben (Bill Gates steckt dahinter, und natürlich wieder die Pharmaindustrie).
Aber mal ernsthaft: Wenn Vieles zum Stillstand kommt, ergeben sich nicht auch plötzlich neue Chancen? Abstand nehmen von Gewohntem, Tempo rausnehmen, das Unvermeidbare akzeptieren. Eine zweiwöchige häusliche Quarantäne: endlich mal wieder Zeit zum Lesen! (Thematisch würde sich das Buch von Hartmut Rosa „Unverfügbarkeit“ anbieten). Bundesliga ohne Zuschauer, Spielbetrieb ganz abgesagt: na und? Keine Krawalle mehr, die Polizei kann Überstunden abbauen. Veranstaltung ausgefallen: bringt zusätzliche Zeit für Sinnvolles. Schule geschlossen: Kinder und Lehrer dürfen sich freuen. Eltern vielleicht weniger, es sei denn, sie können es genießen, mal wieder mehr Zeit mit ihren Kindern zu verbringen. Aktienkurse im Keller: dann wird der Aufschwung umso schöner werden. Die Liste ließe sich weiter fortsetzen. Will sagen: Vielleicht lernen wir gerade ganz neu, auf was man alles verzichten kann, ohne dass gleich die Welt untergeht.
Ich ahne den Widerspruch: Der alter Zausel, bei dem das „Best before“-Datum schon überschritten ist, hat gut reden. Er muss nicht morgens zur Arbeit, kriegt weiter seine Rente, kann es sich zuhause gemütlich machen und seine Gedanken über die schlimmste Krise seit – ja seit wann eigentlich? – unwidersprochen in den Äther pusten. Auf Kommentare zu diesem Beitrag bin ich gespannt.
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Kein Widerspruch, im Gegenteil! Ich lebe und arbeite seit einem halben Jahr in Kampala, Uganda und verfolge die Ausbreitung des Coronavirus auf allen verfügbaren Kanälen. Euronews, Deutsche Welle, BBC und CNN berichten praktisch über nichts anderes mehr.
Aus Italien werden Bilder übertragen, auf denen nur menschenleere Plätze zu sehen sind. Ich denke mir: Das müssen manipulierte Bilder sein!?
Aus Deutschland werden neben Pressekonferenzen mit Jens Spahn und dem smarten Prof. Drosten leere Klopapierregale gesendet und ich denke mir: Wieso fangen die Menschen jetzt an, ausgerechnet KLOPAPIER zu hamstern? Klopapier und Spaghetti??? Bilden diese beiden Produkte die Grundlage des Überlebens in Deutschland? Gibt es im Notfall in Deutschland kein Wasser mehr, um sich den Hxxxx zu säubern? Und was ist mit Kartoffeln und Reis?
Von hier aus wirkt es – Entschuldigung, ich will niemandem zu nahe treten! – fast ein bisschen lächerlich. In Uganda können sich viele Menschen gar kein Klopapier leisten, denn Papier muss aus Südafrika importiert werden und ist wesentlich teurer als in Deutschland. Spaghetti gehören hier, ebenso wie Brot, auf keinen Fall auf den täglichen Mittags- oder Abendessenteller. Lokal produzierte Spaghetti schmecken nicht, auch das lapprige Brot kann man höchstens getoastet essen. Spaghetti essen hier nur die sogenannten „Expats“, vor allem die „muzungus“, die Weißen. Und die kaufen sich, wo verfügbar, die teuren Italien-Importe.
Ich habe angefangen, den Wert von Papier zu schätzen und gehe äußerst sparsam und bewusst damit um. Das geht nicht nur mit Klopapier, sondern auch mit Zeitungspapier (ab und zu kaufe ich eine Zeitung, die ich dann versuche, über Tage hinweg gründlich zu lesen. Da wir hier seit mehr als 30 Jahren denselben Präsidenten haben, der auch die Medien kontrolliert, liest man in allen drei erhältlichen Zeitungen viel über Erfolge der Regierung, schön ins Bild gesetzt mit Präsident , Präsidentengattin und Ministern, man liest aber erstaunlicherweise auch oft von Korruptionsfällen, an denen oft die Regierungsentourage in großem Stil beteiligt ist. Von kleineren Bestechungsversuchen durch z.B. Polizisten auf der Straße oder Beamten in den Ämtern liest man komischerweise seltener. Fragt man nach, erfährt man, dass Bestechung hier zum Alltag gehört, kaum jemand traut sich, es anzuzeigen, obwohl es eine Antikorruptionsbehörde gibt und man dazu aufgefordert wird, Korruption anzuzeigen.
Zurück zum Coronavirus: Dieses Land wehrt sich tapfer gegen das Einschleusen des Virus und bisher gibt es noch keinen offiziell bestätigten Fall. Am Flughafen wurden Maßnahmen des Temperaturmessens ergriffen. Einreisende aus vielen Teilen der Welt, darunter, als eines der ersten Länder, auch aus Deutschland, müssen 2 Wochen in Quarantäne, die zu Hause oder im Hotel durchgeführt werden kann. Wie genau die Selbstisolation kontrolliert wird, bleibt unklar. Wer positive Coronasignale aufweist, kommt in eines der beiden dafür vorbereiteten Regierungskrankenhäuser, auf eigene Kosten…. Das ist sicher kein Spaß!! Es kommen immer weniger Touristen hier an, klar, denn wer eine Safari durch die Nationalparks geplant hat und dann 14 Tage im Hotel bleiben muss mit ungewissem Ausgang, tritt die Reise erst gar nicht an. Obwohl diese Maßnahmen das Land finanziell hart treffen, hat doch jeder mehr oder weniger Verständnis für das Vorgehen der Regierung. Denn wenn der Virus hier zuschlägt, wird es chaotisch. Armut, schlechte Hygiene, schlechte Gesundheitsversorgung… ich mag lieber nicht dran denken!
Meine lokalen Kollegen und ich sprechen zur Zeit viel über Hygiene, bitten alle Besucher, sich beim Hereinkommen die Hände zu desinfizieren, verzichten auf Handschlag und tätscheln uns nicht mehr gegenseitig im Gesicht :-)) Witz! Ich merke, es tut auch mal gut, sozial auf Abstand zu gehen. Man kann sich auch ohne Handschlag und Küsschen begrüßen und, wie hier üblich, nach mindestens 15 Minuten allgemeinen Austauschs von Nebensächlichkeiten und Fragen nach dem Befinden etc. kommt man dann vorsichtig zur Sache. Das Kommunikationsmuster hier entspricht im Übrigen so gar nicht meiner Art, ohne Umschweife und langes Vorgeplänkel die Dinge anzusprechen. Interkulturelles Lernen ist angesagt!
In Kampala herrscht eine gleichermaßen entspannte, unschuldige, ja passive Einstellung zum Virus wie auch zum Teil aggressive Stimmung (vor allem gegenüber Chinesen, und von denen gibt es in Stadt und Land sehr viele!)
Die meisten Menschen denken: Die Regierung wird’s schon richten.
Und wer’s nicht mit der Regierung hat, vertraut auf Gott oder Allah.
Tipp: Einfach mal durchatmen und überlegen, was man im Leben wirklich zum Leben braucht.