Globale Krisen, regionale Kriege, nationale Katastrophen: Alles wird gut?
Veröffentlicht: 23. April 2024 Abgelegt unter: Allgemein, Gesellschaft, Katastrophen, Krieg | Tags: Dietrich Bonhoeffer, Hoffnung, Ingo Zamperoni, Karl Popper, Zuversicht 7 KommentareIn diesem Blogbeitrag geht es um die Zuversicht. Bevor wir aber diesem Thema – man könnte stattdessen auch sagen, der Hoffnung auf eine bessere Zukunft – unsere Aufmerksamkeit schenken, zunächst ein kleiner Ausschnitt aus den Nachrichten dieser Tage. Nicht repräsentativ, aber wem noch etwas Wichtiges fehlt, möge die Darstellung gerne vervollständigen. Auf Quellenangaben verzichte ich. Wer´s nicht glaubt, mag selber recherchieren.
Kriege, Krisen, Katastrophen: Richtet das Anthropozän den Globus zugrunde?
Die Erderwärmung nimmt weiter zu. Der Kampf gegen den Klimawandel scheint aussichtslos. Die Vermüllung der Meere mit Plastikverpackungen schreitet fort. Auch das All ist zunehmend durch Weltraumschrott belastet. Die Ausgaben für Rüstung und die Exporte von Rüstungsgütern waren 2023 so hoch wie noch nie. Kriege und gewaltsame Konflikte nehmen zu. Demokratische Gesellschaftssysteme geraten vermehrt unter Druck. In vielen Ländern etablieren sich nicht demokratisch legitimierte Unrechtsregime. Damit einher gehen Menschenrechtsverletzungen, Verfolgung politisch Andersdenkender, Unterdrückung von Minderheiten. Rechtsextreme Bewegungen sind weltweit auf dem Vormarsch und werden zunehmend salonfähig. Terroristische Gruppierungen überziehen ganze Regionen mit Gewalt, oft in Verbindung mit religiösem Fanatismus. Es sind weltweit wieder mehr Menschen von Hunger betroffen. Der humanitäre Flüchtlingsschutz, eine Errungenschaft der Völkergemeinschaft, wird mehr und mehr abgebaut. Die Länder des globalen Südens fühlen sich von den wohlhabenden Ländern des Nordens getäuscht. Globale Bemühungen um Frieden und Völkerverständigung, um einen Dialog der Kulturen und Religionen, um solidarische und gerechtere Welthandelsbeziehungen finden kaum noch statt.
Und wie steht´s mit der Wohlstandsinsel Deutschland?
Und was unser Land angeht, gäbe es auch viel zu beklagen: In deutschen Kitas und Schulen fehlen 300.000 Erzieher/innen und 160.000 Lehrkräfte. Wir beobachten eine Verrohung der politischen Debattenkultur. Eine allgemeine Politikverdrossenheit macht sich breit, Menschen, die sich politisch engagieren oder Hilfen leisten, werden bedroht und beschimpft. Rechtsextreme Bewegungen und Verschwörungsphantasien finden breite Zustimmung. Dabei scheint die größte Sorge der Deutschen einer geringeren Wirtschaftsleistung und einem damit einhergehenden Wohlstandsverlust zu gelten.
Zuversicht in finsteren Zeiten
Ist das jetzt apokalyptische Schwarzmalerei oder realistische Zustandsbeschreibung unserer Zivilisation? Ja, wir leben in finsteren Zeiten. Die Zukunftsaussichten sind auch alles andere als rosig, sagen die, die sich gerne in Untergangsszenarien suhlen. Es ist schwer, bei der Betrachtung des Zustands der Welt optimistisch zu bleiben. „Zuversicht ist wie ein Muskel – man muss sie schon ordentlich trainieren, um sie in sich zu spüren“ schreibt Thea Dorn in der ZEIT. Wie jetzt? Zuversicht trotz allerdüsterster Aussichten? Aber wer sagt eigentlich, dass der gegenwärtige Zustand der Welt Schlussfolgerungen auf die Zukunft erlaubt?
Ein Apfelbäumchen pflanzen
An dieser Stelle darf ein Hinweis auf das angeblich von Luther stammende Zitat vom Apfelbäumchen nicht fehlen: „Wenn ich wüsste, dass morgen die Welt unterginge, würde ich heute noch ein Apfelbäumchen pflanzen“. Darin kommt zum Ausdruck, womit sich die Philosophen aller Zeiten herumgeschlagen haben, nämlich mit der Frage, ob die Zukunft offen oder vorhersagbar ist – letzteres können nach Karl Popper nur falsche Propheten behaupten. Und was würde Kant, der vor 300 Jahren geboren wurde und immer noch für alles Mögliche herhalten muss, dazu sagen? Don´t worry, be happy? Weil ich es bis heute nicht geschafft habe, Kant zu lesen, geschweige denn zu verstehen, zitiere ich lieber einen zeitgenössischen Philosophen, der auch noch so ähnlich heißt wie ich und der sich für mein intellektuelles Niveau verständlich ausdrückt: Paul Liessmann. Er hat in einem Vortrag zum Thema: „Alles wird gut – Zur Dialektik der Hoffnung“ ein paar schlaue Sachen gesagt: „Auch wir beginnen deshalb mit einer alten Weisheit. Dum spiro spero – Solange ich atme, hoffe ich. Diese Sentenz gehört wahrscheinlich zu den meist zitierten Sätzen der Antike, sie wird gemeinhin Marcus Tullius Cicero zugeschrieben.“ Und weiter meint Liessmann: „Hoffen bedeutet, daran zu glauben, dass das Unwahrscheinliche gegen alle empirischen und vernünftigen Gründe dennoch eintreten könnte. Oder umgekehrt: Wie oft hoffen wir, dass Ereignisse, die allen Beobachtungen und Berechnungen nach wahrscheinlich eintreten werden, dann doch ausbleiben“.
Zuversicht als Grundhaltung
Wenn uns diese Grundhaltung der Zuversicht und der Hoffnung fehlt, wenn wir nicht mehr daran glauben, dass eine bessere Zukunft möglich ist, wozu dann noch Anstrengungen unternehmen, um das Klima zu schützen, den Frieden zu suchen, Ungerechtigkeiten zu bekämpfen, Notleidenden zu helfen? Wozu dann das Apfelbäumchen pflanzen? Die Kraft, für eine bessere Welt zu kämpfen, kann nur aufbringen, wer optimistisch in die Zukunft schaut. Dietrich Bonhoeffer hat das in einem Brief aus der Nazi-Haft so formuliert: „Optimismus ist in seinem Wesen keine Ansicht über die gegenwärtige Situation, sondern er ist eine Lebenskraft, eine Kraft der Hoffnung, wo andere resignieren, eine Kraft, den Kopf hochzuhalten, wenn alles fehlzuschlagen scheint, eine Kraft, Rückschläge zu ertragen, eine Kraft, die die Zukunft niemals dem Gegner lässt, sondern sie für sich in Anspruch nimmt“.
„Bleiben sie zuversichtlich“ – mit dieser Aufforderung an sein Publikum beendet der ARD-Tagesthemen-Moderator Ingo Zamperoni die abendliche Nachrichtensendung. Dem schließe ich mich gerne an:
Bleiben wir zuversichtlich!
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Danke für die Ermutigung – und für den Hinweis auf die Zeitschrift Abenteuer Philosophie. Ich habe gerade den newsletter der Zeitschrift „Philosophie magazin“ abonniert. Es gibt so viele lesenswerte Bücher und Zeitschriften. Leider ist die Lebenszeit begrenzt …
Danke, Jürgen, das brauchen wir, Menschen wie Du, die trotz allem, im Alltag weiterkämpfen für eine solidarische, friedliche und hoffnungsvolle Welt. Und hier auch noch ein Tipp: die Zeitschrift Abenteuer Philosophie, Kommen wir noch auf einen grünen Zweig? Philosophische Perspektiven. Hab zwar erst angefangen zu lesen, aber passt zum Thema.
Liebe Grüße aus Berlin
Danke für den Buchtipp – werde ich mir gleich besorgen. Rainer Grießhammer wohnt quasi in meiner Nachbarschaft
Danke für den Kommentar. Woher kommt bloß die Annahme, man könne seine „persönlichen und gesellschaftlichen Lebensbedingungen“ nicht beeinflussen? Meine Generation war beseelt von dem Wunsch, die Verhältnisse umzukrempeln, dem bürgerlichen Establishment (so nannten wir das) Feuer unter dem Hintern zu machen und für unsere Ideale einer friedlichen, solidarischen und gerechten Gesellschaft zu kämpfen?
Und warum meinen so viele jungen Leute dann, die AfD sei die bessere Wahl? Das ist schon schwer zu ertragen. Aber – wie gesagt: Bleiben wir zuversichtlich!
Weil der Titel gerade passt, ein Buchtipp: Rainer Grießhammer: Alles wird gut, nur anders. Geschichten aus dem Jahr 2037. Oekom, März 2024. Der Autor ist der langjährige Geschäftsführer des Öko-Instituts in Freiburg, vielen bekannt durch den Öko-Knigge aus den 80ern. Im Buch erzählt er aus der Perspektive des Jahres 2037 rückblickend, wie es zu einer einigermaßen erträglichen ökologischen und digitalen Zukunft kam.
Dazu passt die gerade veröffentlichte Trendstudie “Jugend in Deutschland 2024”, eine „tiefsitzende mentale Verunsicherung mit Verlust des Vertrauens in die Beeinflussbarkeit der persönlichen und gesellschaftlichen Lebensbedingungen“ ergeben hat. Zitat:
„Die großen finanziellen Sorgen der jungen Menschen in Deutschland aufgrund von Inflation (65%), teurem Wohnraum (54%) und Altersarmut (48%), aber auch die Spaltung der Gesellschaft (49%) oder die Zunahme von Flüchtlingsströmen (41%) führen zu hoher Unzufriedenheit der jungen Generation mit ihrer Lebenssituation und den politischen Verhältnissen. Das Potenzial für rechtspopulistische Einstellungen in der jungen Generation hat sich deutlich verstärkt“.
Mich wundert, dass das Thema „Altersarmut“ von 48% der jungen Menschen ebenfalls als Grund ihrer Sorgen genannt wird. In dem Alter hab‘ ich mir darüber keine Gedanken gemacht, es sogar als abseitige Zumutung empfunden, wenn mein Vater meinte „denk an deine Rente!“. Man könnte meinen, dass damals „die Rente noch sicher“ erschien, aber das war nicht der Grund, sondern die Idee, dass man sein ganzes Leben nach den Rentenerwartungen ausrichten solle – absurd!
unbedingt!
Liebe Grüsse Brig