Globale Krisen, regionale Kriege, nationale Katastrophen: Alles wird gut?

In diesem Blogbeitrag geht es um die Zuversicht. Bevor wir aber diesem Thema – man könnte stattdessen auch sagen, der Hoffnung auf eine bessere Zukunft – unsere Aufmerksamkeit schenken, zunächst ein kleiner Ausschnitt aus den Nachrichten dieser Tage. Nicht repräsentativ, aber wem noch etwas Wichtiges fehlt, möge die Darstellung gerne vervollständigen. Auf Quellenangaben verzichte ich. Wer´s nicht glaubt, mag selber recherchieren.

Kriege, Krisen, Katastrophen: Richtet das Anthropozän den Globus zugrunde?

Die Erderwärmung nimmt weiter zu. Der Kampf gegen den Klimawandel scheint aussichtslos. Die Vermüllung der Meere mit Plastikverpackungen schreitet fort. Auch das All ist zunehmend durch Weltraumschrott belastet. Die Ausgaben für Rüstung und die Exporte von Rüstungsgütern waren 2023 so hoch wie noch nie. Kriege und gewaltsame Konflikte nehmen zu. Demokratische Gesellschaftssysteme geraten vermehrt unter Druck. In vielen Ländern etablieren sich nicht demokratisch legitimierte Unrechtsregime. Damit einher gehen Menschenrechtsverletzungen, Verfolgung politisch Andersdenkender, Unterdrückung von Minderheiten. Rechtsextreme Bewegungen sind weltweit auf dem Vormarsch und werden zunehmend salonfähig. Terroristische Gruppierungen überziehen ganze Regionen mit Gewalt, oft in Verbindung mit religiösem Fanatismus. Es sind weltweit wieder mehr Menschen von Hunger betroffen. Der humanitäre Flüchtlingsschutz, eine Errungenschaft der Völkergemeinschaft, wird mehr und mehr abgebaut. Die Länder des globalen Südens fühlen sich von den wohlhabenden Ländern des Nordens getäuscht. Globale Bemühungen um Frieden und Völkerverständigung, um einen Dialog der Kulturen und Religionen, um solidarische und gerechtere Welthandelsbeziehungen finden kaum noch statt.

Und wie steht´s mit der Wohlstandsinsel Deutschland?

Und was unser Land angeht, gäbe es auch viel zu beklagen: In deutschen Kitas und Schulen fehlen 300.000 Erzieher/innen und 160.000 Lehrkräfte. Wir beobachten eine Verrohung der politischen Debattenkultur. Eine allgemeine Politikverdrossenheit macht sich breit, Menschen, die sich politisch engagieren oder Hilfen leisten, werden bedroht und beschimpft. Rechtsextreme Bewegungen und Verschwörungsphantasien finden breite Zustimmung. Dabei scheint die größte Sorge der Deutschen einer geringeren Wirtschaftsleistung und einem damit einhergehenden Wohlstandsverlust zu gelten.

Zuversicht in finsteren Zeiten

Ist das jetzt apokalyptische Schwarzmalerei oder realistische Zustandsbeschreibung unserer Zivilisation? Ja, wir leben in finsteren Zeiten. Die Zukunftsaussichten sind auch alles andere als rosig, sagen die, die sich gerne in Untergangsszenarien suhlen. Es ist schwer, bei der Betrachtung des Zustands der Welt optimistisch zu bleiben. „Zuversicht ist wie ein Muskel – man muss sie schon ordentlich trainieren, um sie in sich zu spüren“ schreibt Thea Dorn in der ZEIT. Wie jetzt? Zuversicht trotz allerdüsterster Aussichten? Aber wer sagt eigentlich, dass der gegenwärtige Zustand der Welt Schlussfolgerungen auf die Zukunft erlaubt?

Ein Apfelbäumchen pflanzen

An dieser Stelle darf ein Hinweis auf das angeblich von Luther stammende Zitat vom Apfelbäumchen nicht fehlen: „Wenn ich wüsste, dass morgen die Welt unterginge, würde ich heute noch ein Apfelbäumchen pflanzen“. Darin kommt zum Ausdruck, womit sich die Philosophen aller Zeiten herumgeschlagen haben, nämlich mit der Frage, ob die Zukunft offen oder vorhersagbar ist – letzteres können nach Karl Popper nur falsche Propheten behaupten.  Und was würde Kant, der vor 300 Jahren geboren wurde und immer noch für alles Mögliche herhalten muss, dazu sagen? Don´t worry, be happy? Weil ich es bis heute nicht geschafft habe, Kant zu lesen, geschweige denn zu verstehen, zitiere ich lieber einen zeitgenössischen Philosophen, der auch noch so ähnlich heißt wie ich und der sich für mein intellektuelles Niveau verständlich ausdrückt: Paul Liessmann. Er hat in einem Vortrag zum Thema: „Alles wird gut – Zur Dialektik der Hoffnung“ ein paar schlaue Sachen gesagt: „Auch wir beginnen deshalb mit einer alten Weisheit. Dum spiro spero – Solange ich atme, hoffe ich. Diese Sentenz gehört wahrscheinlich zu den meist zitierten Sätzen der Antike, sie wird gemeinhin Marcus Tullius Cicero zugeschrieben.“ Und weiter meint Liessmann: „Hoffen bedeutet, daran zu glauben, dass das Unwahrscheinliche gegen alle empirischen und vernünftigen Gründe dennoch eintreten könnte. Oder umgekehrt: Wie oft hoffen wir, dass Ereignisse, die allen Beobachtungen und Berechnungen nach wahrscheinlich eintreten werden, dann doch ausbleiben“. 

Zuversicht als Grundhaltung

Wenn uns diese Grundhaltung der Zuversicht und der Hoffnung fehlt, wenn wir nicht mehr daran glauben, dass eine bessere Zukunft möglich ist, wozu dann noch Anstrengungen unternehmen, um das Klima zu schützen, den Frieden zu suchen, Ungerechtigkeiten zu bekämpfen, Notleidenden zu helfen? Wozu dann das Apfelbäumchen pflanzen? Die Kraft, für eine bessere Welt zu kämpfen, kann nur aufbringen, wer optimistisch in die Zukunft schaut. Dietrich Bonhoeffer hat das in einem Brief aus der Nazi-Haft so formuliert: „Optimismus ist in seinem Wesen keine Ansicht über die gegenwärtige Situation, sondern er ist eine Lebenskraft, eine Kraft der Hoffnung, wo andere resignieren, eine Kraft, den Kopf hochzuhalten, wenn alles fehlzuschlagen scheint, eine Kraft, Rückschläge zu ertragen, eine Kraft, die die Zukunft niemals dem Gegner lässt, sondern sie für sich in Anspruch nimmt“.

„Bleiben sie zuversichtlich“ – mit dieser Aufforderung an sein Publikum beendet der ARD-Tagesthemen-Moderator Ingo Zamperoni die abendliche Nachrichtensendung. Dem schließe ich mich gerne an:

Bleiben wir zuversichtlich!


Hoffnungen zum Jahreswechsel: Erwarten wir getrost, was kommen mag

Man muss sie nicht mögen, auch wenn sie zum offenbar unverzichtbaren Brauchtum und Ritual unserer Wohlstandsgesellschaft gehören: Die lauten, alkoholgeschwängerten Feiern zum Jahreswechsel mit Silvesterknallerei, die ausgelassenen Geselligkeiten im Familien- oder Freundeskreis, die immer gleichen glitzerbunten, mit gutgelaunten Stars und schönen Sternchen besetzten Fernsehgalas mit ihrem seichten Schlagergedudel und kitschtriefenden Kinderchören, die Massenpartys auf öffentlichen Straßen und Plätzen – letztere zunehmend begleitet von Gewaltexzessen, Angriffen auf Polizei und Ordnungskräfte, sexuellen Übergriffen und Sachbeschädigungen.

Geht es eigentlich auch anders? Wäre es nicht angebracht, gerade im Rückblick auf das vergangene Jahr und auf den Zustand dieser Welt mit noch mehr Kriegen und Gewaltkonflikten, mit weltweit wieder zunehmender Armut und steigenden Flüchtlingszahlen, mit ungebremstem Klimawandel und Zerstörung von Natur und Umwelt, mit steigenden Zustimmungswerten rechter Parteien – wäre es da nicht angebracht, innezuhalten, still zu werden und, zusammen mit Familie, engen Freunden, Nachbarn das neue Jahr mit einem nachdenklichen Text oder einem Lied zu begrüßen? Ja, das klingt nach Spaßbremse, meinetwegen. Natürlich darf man ausgelassen feiern, wenn einem danach zumute ist. Mir war dieses Jahr eher nicht danach zumute.  

Ein Lied, das sich wie kaum ein anderes eignet, auf stille und nachdenkliche Weise den Jahreswechsel zu begehen, ist „Von guten Mächten wunderbar geborgen“. Text und Melodie kann man unter diesem Link finden.

Der Text wurde von dem Widerstandskämpfer Dietrich Bonhoeffer in der Gestapohaft im Dezember 1944 verfasst, wenige Wochen vor seiner Hinrichtung durch die Nazis. Er ist Teil eines Briefes vom 19.12.1944 an seine Braut Maria von Wedemeyer[1]. Man kann aus den Zeilen schließen, dass Bonhoeffer sein Schicksal erahnte, als er dichtete: „Und reichst du uns den schweren Kelch den bittern, des Leids, gefüllt bis an den höchsten Rand…“ Trotz allem ist der Text von großem Vertrauen und Zuversicht in die Zukunft geprägt.

In diesem Sinne und „von guten Mächten wunderbar geborgen“, wünsche ich den Leserinnen und Lesern meines Blogs ein frohes Neues Jahr. Ich freue mich, wenn Sie meinem Blog weiterhin treu bleiben.


[1] Brautbriefe Zelle 92. Dietrich Bonhoeffer, Maria von Wedemeyer, 1943 – 1945. Hrsg. von Ruth-Alice von Bismarck und Ulrich Kabitz, C.H. Beck München 1995, S. 209