Hoffnungen zum Jahreswechsel: Erwarten wir getrost, was kommen mag

Man muss sie nicht mögen, auch wenn sie zum offenbar unverzichtbaren Brauchtum und Ritual unserer Wohlstandsgesellschaft gehören: Die lauten, alkoholgeschwängerten Feiern zum Jahreswechsel mit Silvesterknallerei, die ausgelassenen Geselligkeiten im Familien- oder Freundeskreis, die immer gleichen glitzerbunten, mit gutgelaunten Stars und schönen Sternchen besetzten Fernsehgalas mit ihrem seichten Schlagergedudel und kitschtriefenden Kinderchören, die Massenpartys auf öffentlichen Straßen und Plätzen – letztere zunehmend begleitet von Gewaltexzessen, Angriffen auf Polizei und Ordnungskräfte, sexuellen Übergriffen und Sachbeschädigungen.

Geht es eigentlich auch anders? Wäre es nicht angebracht, gerade im Rückblick auf das vergangene Jahr und auf den Zustand dieser Welt mit noch mehr Kriegen und Gewaltkonflikten, mit weltweit wieder zunehmender Armut und steigenden Flüchtlingszahlen, mit ungebremstem Klimawandel und Zerstörung von Natur und Umwelt, mit steigenden Zustimmungswerten rechter Parteien – wäre es da nicht angebracht, innezuhalten, still zu werden und, zusammen mit Familie, engen Freunden, Nachbarn das neue Jahr mit einem nachdenklichen Text oder einem Lied zu begrüßen? Ja, das klingt nach Spaßbremse, meinetwegen. Natürlich darf man ausgelassen feiern, wenn einem danach zumute ist. Mir war dieses Jahr eher nicht danach zumute.  

Ein Lied, das sich wie kaum ein anderes eignet, auf stille und nachdenkliche Weise den Jahreswechsel zu begehen, ist „Von guten Mächten wunderbar geborgen“. Text und Melodie kann man unter diesem Link finden.

Der Text wurde von dem Widerstandskämpfer Dietrich Bonhoeffer in der Gestapohaft im Dezember 1944 verfasst, wenige Wochen vor seiner Hinrichtung durch die Nazis. Er ist Teil eines Briefes vom 19.12.1944 an seine Braut Maria von Wedemeyer[1]. Man kann aus den Zeilen schließen, dass Bonhoeffer sein Schicksal erahnte, als er dichtete: „Und reichst du uns den schweren Kelch den bittern, des Leids, gefüllt bis an den höchsten Rand…“ Trotz allem ist der Text von großem Vertrauen und Zuversicht in die Zukunft geprägt.

In diesem Sinne und „von guten Mächten wunderbar geborgen“, wünsche ich den Leserinnen und Lesern meines Blogs ein frohes Neues Jahr. Ich freue mich, wenn Sie meinem Blog weiterhin treu bleiben.


[1] Brautbriefe Zelle 92. Dietrich Bonhoeffer, Maria von Wedemeyer, 1943 – 1945. Hrsg. von Ruth-Alice von Bismarck und Ulrich Kabitz, C.H. Beck München 1995, S. 209