Meine Lektüreempfehlung: Palästina und die Palästinenser von Muriel Asseburg

Bei der Darstellung des israelisch-palästinensischen Konflikts in den bundesdeutschen Medien und in der wissenschaftlichen und politischen Debatte kommt die palästinensische Perspektive häufig zu kurz oder wird einseitig durch Klischees geprägt, wonach die Palästinenser entweder als „Terroristen, Ewiggestrige oder reine Opfer“ wahrgenommen werden, so die Autorin in der Einleitung zu ihrer Geschichte Palästinas und der Palästinenser, eine Geschichte, die geprägt ist „von Krieg, Konflikt, Vertreibung, Verlust und Exil sowie von einem bis heute unerfüllten Streben nach nationaler Selbstbestimmung“.

Asseburg beschreibt faktenreich und mit großer Detail- und Sachkenntnis die Geschichte des Konflikts, beginnend mit der Gründung des Staates Israel 1948 bis in die jüngste Gegenwart, und will dabei „die Palästinenserinnen und Palästinenser als Handelnde ihrer eigenen Geschichte sichtbar machen“ und den besonderen Beitrag der Frauen zu dieser Geschichte hervorheben. Es gelingt der Autorin, diesem Anspruch gerecht zu werden, ohne dabei kritiklos Partei für die handelnden Akteure auf der palästinensischen Seite zu ergreifen. Ihre Darstellung macht jedoch verständlich, wie sehr der palästinensische friedliche Widerstand als auch der gewaltsame Protest von der israelischen Besatzungs-, Siedlungs- und Flüchtlingspolitik und der diskriminierenden Behandlung der palästinensischen Bevölkerung provoziert wurde und wird. Eine Lösung ist nicht in Sicht; die am Schluss des Buches beschriebenen Zukunftsaussichten sind mehr als düster.     

Leider ist in Deutschland vor dem Hintergrund der Shoa jede Kritik an der Politik des Staates Israel schnell mit dem Vorwurf des Antisemitismus belegt. Ein Beispiel dafür ist die BDS-Kampagne (Boycott, Divestment, and Sanctions), die 2019 vom Deutschen Bundestag verurteilt wurde.  Asseburg zeigt in ihrem Buch auf (S. 231 ff.), dass eine Gleichsetzung von BDS mit Antisemitismus dem Anliegen der Kampagne nicht gerecht wird und auch von namhaften jüdischen und israelischen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern abgelehnt wird.

Mein Fazit: Asseburgs Buch ist ein wertvoller Beitrag zur Versachlichung der Diskussion um den palästinensisch-israelischen Konflikt.

(Muriel Asseburg: Palästina und die Palästinenser. Eine Geschichte von der Nakba bis zur Gegenwart. C.H. Beck. München 2021, 16,95 €)


Meine Lektüreempfehlung: Apeirogon von Colum McCann

Bücher mit 600 Seiten müssen für mich schon sehr gut sein, wenn ich sie nicht nach den ersten Kapiteln ermüdet weglegen soll. Colum McCann hat es mit seinem Roman „Apeirogon“ geschafft, mich bis zur letzten Seite bei Laune zu halten. Obwohl: Laune macht dieses Buch nicht. Es ist schwere Kost. Es handelt vom Konflikt Israel/Palästina. McCann erzählt die Geschichte von Bassam Aramin, Palästinenser, und Rami Elahan, Israeli. Diese beiden treibenden Kräfte, die sich dem gemeinsamen Kampf gegen den Hass verschworen haben, sind reale Personen, wie der Autor in seiner Vormerkung schreibt.

Erzählt wird die Geschichte ihrer Freundschaft aus traurigem Anlass: Beide haben ihre Töchter durch Gewalt verloren. Smadar Elahan, die Tochter von Rami, wurde im Alter von 13 Jahren Opfer eines Sprengstoffanschlags in Jerusalem. Abir Aramin, die Tochter von Bassam, wird durch das Gummigeschoss eines jungen israelischen Soldaten getötet, als sie zehn Jahre alt ist. Die Form dieses „Hybridromans“ ist ungewöhnlich und orientiert sich an Apeirogon (daher der Name) „eine zweidimensionale geometrische Form mit einer gegen unendlich gehenden Zahl von Seiten“ (so im Klappentext). Nun sind die Seiten nicht unendlich, und die Zahl der Kapitel scheint mit 1000 fast unendlich, aber viele Kapitel bestehen aus nur einem Satz, ein paar Zeilen. Von Kapitel 1 bis 500 wird aufwärts gezählt, dann wieder abwärts von 500 bis 1. Man könnte mit der Lektüre durchaus genau in der Mitte des Buches, also mit den beiden Kapiteln 500 anfangen, wo Rami und Bassam ihre jeweilige Geschichte erzählen. Aber egal, wo anfangen, unbedingt lesenswert!