Nach Corona: Hoffnung auf eine bessere Normalität?
Veröffentlicht: 26. März 2020 Abgelegt unter: Allgemein, Gesellschaft | Tags: Corona 2 KommentareDer Höhepunkt der Krise ist noch nicht erreicht, die Kurve der Infizierten wird noch nicht flacher. Zudem zeigt sie ja nur die getesteten Infizierten, also die Spitze des Eisbergs. Experten sagen uns, dass die gemeldeten Zahlen mehrere Tage hinter der Realität hinterherhinken. Das einzig Erfreuliche ist, dass die Todesrate in Deutschland im Vergleich zu anderen Ländern nach wie vor sehr niedrig ist. Noch. Damit das so bleibt, halten wir uns an das „Wir bleiben zu Hause“. Das ist nicht nur behördliche Anweisung, sondern auch mediale Botschaft auf allen Kanälen. Wohnungslose sind in diesem Fall mal ausnahmsweise privilegiert.
Wir wollen unbedingt wissen, wann es vorbei ist. Mit der Ungewissheit, wie lange es noch dauert, können wir nur schwer umgehen. Welche Koinzidenz wäre es, wenn just an Ostern, wenn Christen die Auferstehung des Erlösers feiern, die erlösende Nachricht käme, dass es bergauf, also mit der Anzahl der Infizierten bergab geht? Donald Trump hat erklärt, er wolle die USA bis Ostern wieder öffnen. Ausgerechnet ihm will man nun wirklich nicht die Rolle des Erlösers zubilligen.
Soll man jetzt überhaupt schon über die Zeit nach Corona spekulieren, wenn die Zukunft ungewiss ist und eine Rückkehr zur Normalität nicht absehbar? Wie wird die Rückkehr zur Normalität sein, wenn es denn überhaupt eine Normalität nach Corona geben wird? Bernd Ulrich hofft in seinem kürzlichen Essay über das „heruntergebremste Land“ in der ZEIT (Nr. 13/2020) auf eine „neue Normalität“, die eine bessere sein könnte, wenn „all die systemrelevanten, zumeist unterbezahlten Menschen, die Kassiererinnen und die Pfleger, die Polizisten und die Erzieherinnen, sagen: Wir müssen reden, Leute, so was machen wir nicht noch mal mit, nicht für das bisschen Geld und nicht für so wenig Wertschätzung wie vorher.“
Wer wünschte nicht, dass Ulrich mit seiner Prognose recht hätte. Es ist ja nur eine Hoffnung, eine Utopie sogar. Wahrscheinlicher scheint mir, dass sich sehr schnell die alten Gewohnheiten, Rituale und Gesetzmäßigkeiten, die unser Zusammenleben bestimmen, wieder breitmachen werden. Es ist noch nicht lange her, da waren viele, die jetzt als Heldinnen und Helden des Alltags gefeiert werden, weil sie für das Funktionieren unseres Gemeinwesens sorgen, die Kassiererinnen im Supermarkt, die Busfahrer und Altenpfleger, die Polizisten und Feuerwehrleute, die Rettungssanitäter und Krankenpfleger, zunehmend Opfer von Beschimpfung und Beleidigung, Aggression und Gewalt – mal ganz abgesehen von der schlechten Bezahlung. Bespuckt zu werden – physisch oder mit Worten – gehörte schon zum Berufsrisiko. Dass viele an ihrem Arbeitsplatz jetzt aus ganz anderen Gründen mit einem „Spuckschutz“ ausgestattet sind, bietet sich für metaphorische Betrachtungen an.
Was wir jetzt lernen: Es gibt Menschen, die sind „systemrelevant“, und solche, die es nicht sind. Erstere müssen wir gut behandeln, damit sie nicht auch zuhause bleiben. Und für alle, die nicht systemrelevant sind – etwa Kulturschaffende, Wohnungslose, Hartz-4-Bezieher, Rentner, Unternehmensberater, Tätowierer, Immobilienmakler, Tanzschulenbetreiber, Youtuber – gilt die Devise: Hinten anstellen. Wer über Siebzig ist, kommt sowieso auf die Warteliste. Wenn die Intensivbetten knapp werden sollten, dann muss triagiert werden. Notfallmediziner kennen und fürchten das: Sie müssen aussortieren, weil nicht alle gleichzeitig behandelt werden können. Wer die besten Überlebenschancen hat, kommt zuerst dran. Wird man also bei begrenzter Behandlungskapazität konsequenterweise denen den Vorzug geben müssen, die systemrelevant sind? Hoffen wir, dass es vorbei ist, bevor es dazu kommt. Und dass die Normalität danach zumindest keine schlechtere als vorher sein wird.
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Das war auch ironisch gemeint – natürlich sind Wohnungslose gekniffen, wenn es heißt „zu Hause bleiben!“
Ich finde nicht, dass Wohnungslose jetzt privilegiert sind! Auch wenn ich weiß, was du damit sagen willst. Wie soll #stayhome funktionieren, wenn man kein Zuhause hat. Aber gerade die Schwächsten in unserer Gesellschaft leiden doch momentan am meisten. Wohnungslose, die tagsüber normalerweise Flaschen sammeln, musizieren oder vor dem Supermarkt sitzen, um ein paar Euros zu sammeln, haben es jetzt besonders schwer. So mussten zum Beispiel zum Teil auch die Tafeln zum Schutz der Kunden und Mitarbeitenden schließen. Umso wichtiger, dass wir dafür sorgen, dass die Einrichtungen der Obdachlosenhilfe weiter funktionieren, dass wir als „privilegierte“ Bürger*innen unsere uneingeschränkte Solidarität zeigen – mit denen, die der Corona-Krise schutzlos ausgeliefert sind.