Wozu sind Kriege da?
Veröffentlicht: 11. Juli 2022 Abgelegt unter: Gesellschaft, Internationale Politik, Krieg | Tags: Carl von Clausewitz, Humanitäre Hilfe, Humanitäres Völkerrecht, IPPNV, Putin, Udo Lindenberg Ein Kommentar… nuschelte einst Udo Lindenberg unter Mitwirkung von Kindern in seinem gleichnamigen Song. Vielleicht meinte er auch eher „warum“ und nicht „wozu“, also aus welchen Gründen werden Kriege geführt. Aber wir lassen bei Udo Nachsicht walten wegen dieser semantischen Unschärfe. Er kann ja auch nicht wirklich singen und trotzdem mag ich seine Lieder.
Die Frage nach dem warum und wozu, also nach Ursachen und Motiven von Kriegen, ist gar nicht so schwer zu beantworten. Schon in biblischen Zeiten ging es bei Kriegen um Weideland (GEN 13,7), um Rohstoffe (GEN 14,10) oder einfach nur um Machtinteressen, sprich Streit unter Brüdern (GEN 13,7). Das ist heute gar nicht so viel anders. Die IPPNV, eine Vereinigung von Internationalen ÄrztInnen für die Verhütung des Atomkrieges, meint zu den Ursachen von Kriegen – die Wissenschaft spricht eher von Gewaltkonflikten -: „Die Ursachen von Gewaltkonflikten sind vielfältig und setzen häufig bei strukturellen und globalen Missständen an, die es zu beheben gilt. Dazu zählt die mangelnde gesundheitliche Versorgung weiter Teile der Weltbevölkerung. Die Klimakatastrophe verstärkt Konfliktfaktoren wie Nahrungsunsicherheit, Armut und Naturkatastrophen. Eine ungerechte, armutsschaffende Weltwirtschaftsordnung, von der Deutschland mit profitiert, trägt ebenfalls zu Gewaltkonflikten bei.“ Da sind schon einige richtige Gründe aufgezählt, aber keiner davon trifft auf den Ukrainekrieg zu. Es muss demnach noch andere Gründe geben. Der immer wieder gern zitierte Carl von Clausewitz meinte lapidar: „Der Krieg ist … ein Akt der Gewalt, um den Gegner zur Erfüllung unseres Willens zu zwingen … Der Krieg geht immer von einem politischem Zustande aus und wird nur durch ein politisches Motiv hervorgerufen. Er ist also ein politischer Akt … Der Krieg ist eine bloße Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln.“ Das hätte auch Udo Lindenberg wissen können, wenn er mal ein gutes Buch gelesen hätte, anstatt jede Nacht durchzuzechen. Zum Beispiel das Kapitel 12 im „Handbuch Humanitäre Hilfe“. Dort steht, dass die Anwendung von Gewalt gegen die territoriale Unversehrtheit und politische Unabhängigkeit eines Staates lt. Charta der Vereinten Nationen, Art. 2 (4) verboten ist. Verboten! Menschen tun allerdings manchmal Dinge, die verboten sind. Kommt es dennoch zum Krieg, dann gilt das humanitäre Völkerrecht, d.h. die Krieg führenden Parteien müssen sich an Regeln halten, zum Beispiel keine zivilen Ziele bombardieren oder Kriegsgefangene schlecht behandeln. Das kommt uns schon vertrauter vor, wenn wir die Nachrichten aus der Ukraine hören.
Die lindenbergsche Frage „Wozu sind Kriege da“ zielt auf den Zweck derselben. Hier böte sich nun eine ausführliche Beschreibung möglicher Motive aus philosophischer, wirtschaftlicher, (macht-)politischer, imperialistischer oder einfach nur größenwahnsinniger (Napoleon, Hitler) Sicht an. Das wollen wir den Experten überlassen, die davon eine Ahnung haben (Herfried Münkler, Johannes Varwick, Sascha Lobo, Juli Zeh und so Leute).
Bei Putin sucht man gerne nach Gründen psychoanalytischer Natur. Zu früh abgestillt? Toxische Männlichkeit? Wäre er kein Staatslenker, würde er vielleicht, statt Krieg zu führen, seine Frau schlagen (hat er eine?), Katzenbabys ertränken oder Obdachlose anzünden. Das vermutete Anna Mayr kürzlich in der ZEIT, allerdings bezogen auf Gegner des bedingungslosen Grundeinkommens, wobei die wiederum nicht in einen Topf mit Kriegstreibern geworfen werden sollten. Immanuel Kant (oder war es Jesus?) hätte dazu gesagt: Was du nicht willst, das man dir tu, das füg auch keinem anderen zu. Eigentlich doch ganz einfach.
Zur Ehrenrettung von Udo Lindenberg muss hier noch abschließend angemerkt werden, dass er voll total blickt, wozu Kriege da sind, nämlich: „Oder geht′s da auch um Geld? Viel Geld für die wenigen Bonzen, die Panzer und Raketen bauen, und dann Gold und Brillanten kaufen, für ihre eleganten Frauen. Oder geht’s da nebenbei auch um so religiösen Twist, dass man sich nicht einig wird, welcher Gott nun der wahre ist?“
Auch hier wieder leichte semantische Unsicherheiten, religiöser „Twist“ und so, aber egal, die Botschaft ist klar: Twist oder Zwist, Krieg ist blöd.
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….weil grad in meiner alten Heimat ein kleiner Pattweg nach ihm benannt wurde,
kommen mir da noch die Gedanken vom großen Hannes Wader in den Sinn:
„Wie weit reicht die Geduld der Völker?
Wie lange darf man ungestört
gewaltsam nehmen und vergeuden,
was der ganzen Welt gehört?
Alle, die hier zusammen kamen
wollen, weil wir uns einig sind
dass niemand mehr in unserem Namen
je wieder einen Krieg beginnt
Wer weiß vielleicht setzt eines Tages
in einem kleinen fernen Land
ein kleiner Krieg, ein winziger Funke
wieder die ganze Welt in Brand.“
Habe diese Zeilen immer sehr gemocht, wirken aber jetzt doch einerseits sehr treffend und andererseits doch auch sehr aus der Zeit gefallen, wenn man sie im Jahr 2022 wieder liest…