Buchkritik: Was Georg Cremer von Annalena Baerbock unterscheidet

Zwei neu erschienene Sachbücher, die auf den ersten Blick wenig Gemeinsames haben, möchte ich heute kommentieren: Georg Cremer: Sozial ist, was stark macht. Warum Deutschland eine Politik der Befähigung braucht und was sie leistet. Freiburg, 2021 (250 Seiten, Herder) und Annalena Baerbock: Jetzt. Wie wir unser Land erneuern. Berlin, 2021 (240 Seiten, Ullstein).

Über Baerbocks Buch ist bereits viel geschrieben, um nicht zu sagen, gelästert worden. Sie hat wörtliche Zitate aus anderen Quellen übernommen, ohne diese zu kennzeichnen und die Quellen zu nennen. Wie es scheint, ist an diesen Plagiatsvorwürfen mehr heiße Luft als sachlich begründete Kritik. Es handelt sich in Teilen um eine durchsichtige, scheinheilige Kampagne, die darauf abzielt, den Ruf der Kanzlerkandidatin der Grünen zu beschädigen. Schließlich ist das Buch keine wissenschaftliche Arbeit. Trotzdem: Es ist ungeschickt, es ist blöd, es ist völlig unnötig.

So sehr ich nun Annalena Baerbock gegen die üble Hetzerei in Schutz nehmen möchte, so schwer fällt es mir, ihr Buch gut zu finden. Was mich bei der Lektüre zunehmend irritierte: Irgendwie alles richtig, irgendwie alles plausibel, irgendwie alles wichtig, aber irgendwie auch alles bekannt und wenig originell. Mir kommt das Buch vor wie die Prosafassung des Wahlprogramms der Grünen. Der Drang, alle anstehenden Zukunftsfragen abzuhandeln, führt dazu, dass viele Forderungen sehr allgemein bleiben. Und da, wo die Autorin konkret wird, handelt es sich um längst bekannte Forderungen ihrer Partei. Die Passagen zum persönlichen Werdegang der Autorin, die Ratschläge der Oma, die Erfahrungen als erfolgreiche Sportlerin (Trampolin!) – alles ganz nett, aber mehr auch nicht. Eher wie plumpe Anbiederung habe ich die Passagen empfunden, in denen Baerbock ihre „Volksnähe“ selbstgefällig unter Beweis stellen will. Wen sie alles besucht hat, mit wem sie alles gesprochen hat – die Bewerbung um die Kanzlerschaft hat in diesem Teil des Buches Pate gestanden. Fazit: Eine schlampig zusammengezimmerte Publikation, die keine neuen Erkenntnisse bringt.

Man mag der Autorin zugutehalten, dass sie das alles gar nicht selbst geschrieben haben kann. Wie auch, bei dem Job als Parteivorsitzende, Kanzlerkandidatin und Wahlkämpferin. Aber warum überhaupt dieses Buch? Warum meinen erfolgreiche, prominente Politiker*innen, sich unbedingt auch noch als Autor*innen profilieren zu müssen? Si tacuisses …

Georg Cremer muss sich nicht mehr profilieren. Er war 17 Jahre Generalsekretär des Deutschen Caritasverbandes und hat sich in dieser Zeit einen ausgezeichneten Ruf als Experte für sozialpolitische Fragen, für Armutsforschung und für Stärken und Schwächen des Sozialstaates erworben. Im Klappentext seines jüngsten Buches „Sozial ist, was stark macht“ heißt es: „Der deutsche Sozialstaat ist gut ausgebaut, aber er leistet nicht genug gegen gesellschaftliche Spaltung. So wichtig Umverteilung ist, Geld allein kann Gerechtigkeit nicht erzwingen. Um teilhaben zu können, müssen alle Bürgerinnen und Bürger ihre Potentiale entfalten können. Eine Politik der Befähigung, wie sie Georg Cremer in diesem Buch vorstellt, fördert Selbstsorge und Autonomie, ohne die Fürsorge zu vernachlässigen. Sie stärkt zugleich die Leistungsfähigkeit des Sozialstaats. Und sie ermöglicht einen Mittelweg zwischen dem illusionären Wunsch nach völlig anderen Verhältnissen und der resignativen Kapitulation vor verfestigter sozialer Ungleichheit. Sozial ist, was Menschen schützt und sie zugleich stärkt.“

Der Befähigungsansatz, für den Cremer wirbt, geht zurück auf den indischen Philosophen Amartya Sen, dem Cremer ein ganzes Kapitel in seinem Buch widmet. Was bei Sen „Verwirklichungschancen“ heißt, nennt Cremer „Befähigungsgerechtigkeit“, die er für weit anspruchsvoller als Chancengerechtigkeit hält. „Gerechtigkeit ist kein Synonym für Gleichheit“, betont Cremer, und Einkommensunterschiede aufgrund von unterschiedlicher Leistung hält er für legitim.

Seine Kernthese lautet: Der deutsche Sozialstaat ist gut ausgebaut, ohne dass er damit die Defizite in Abrede stellt – wie zum Beispiel das „Präventionsdilemma“. Mit diesem Begriff beschreibt Cremer das Problem, dass viele Programme eher die Mittelschicht erreichen und nicht diejenigen, für die sie gedacht sind und die sie am dringendsten brauchen.

Breiten Raum räumt Cremer der Bildungspolitik ein (Kapitel 3, 4 und 5) und setzt sich kritisch mit Strukturfragen schulischer Bildung in Deutschland auseinander. Er weiß um den Zusammenhang zwischen sozialer Herkunft und Bildungschancen und hält ein zweigliedriges Schulsystem – Gemeinschaftsschule bis zur 9. Klasse für alle und Gymnasium – für die bessere Lösung, konstatiert aber, dass dies wohl politisch nicht durchsetzbar ist.

Cremer ist kein Freund politisch folgenloser utopischer Gegenentwürfe“. Er wehrt sich gegen den Vorwurf, der von ihm vertretene Befähigungsansatz sei ein neoliberales Konzept und kritisiert die „Rituale folgenloser Empörung und pauschaler Sozialstaatskritik“ und die „große Erzählung des Sozialabbaus“ im Zusammenhang mit der Corona-Pandemie (so in einem Artikel in der FAZ am 15.03.2021: Ein Jahr Corona. Der Sozialstaat im Stresstest).

Auch Cremers Buch ist keine wissenschaftliche Publikation. Das macht es einerseits leicht lesbar. Anderseits sind zahlreiche Zitate und Quellen als solche gekennzeichnet, und das umfangreiche Literaturverzeichnis macht deutlich, dass der Autor viel Zeit und Sorgfalt darauf verwendet hat, seine Thesen zu begründen und mit Daten und Fakten zu untermauern. Auch darin unterscheidet sich sein Buch von Annalena Baerbocks Spiegel-Bestseller.  


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