Warum verzichten kein Verzicht sein muss

Dieser Blogbeitrag ist ein Plädoyer für den Verzicht. Dass darüber schon längst alles gesagt ist und Tausende vor mir dazu aufgerufen haben, ist kein Grund, darauf zu verzichten. Einige Gedanken zu dem Thema habe ich schon länger aufgeschrieben. Nun hat Bernd Ulrich diese Woche im Zeitmagazin (Nr. 31/2022 vom 27. Juli 2022) unter dem Titel „Verschärfte Welt“ ein Essay veröffentlicht und „über die schwierige Frage, wer man sein will in der ökologischen Krise“ geschrieben. Ulrich hätte als Überschrift auch wählen können „Über die Einsamkeit des Veganers“.  Ich kann die Lektüre sehr empfehlen. Man muss sich schon zwanzig Minuten Zeit dafür nehmen. Ich bin kein Veganer, aber mich hat der Artikel sehr nachdenklich gemacht und dazu angeregt, meine eigenen Überlegungen in einem Blogbeitrag zur Diskussion zu stellen. Man möge mir nachsehen, dass ich das nicht so brillant formulieren kann wie der Journalist Bernd Ulrich (er ist immerhin stellvertretender Chefredakteur der Zeit). Für Kommentare bin ich wie immer dankbar.

Viel ist in diesen Tagen vom Verzicht die Rede, freiwillig oder auch von oben verordnet. Die aktuelle krisenhafte Zuspitzung durch Inflation, Ukrainekrieg, Corona und Klimakrise zwingt uns – Gesellschaft, Politik und jede/n Einzelne/n -, darüber nachzudenken, wie wir mit der drohenden oder schon manifesten Verknappung von Gütern umgehen sollen, die bisher unseren (aufwendigen) Lebensstandard ermöglicht haben. Dabei ist die Verzichtsdebatte überhaupt nicht neu. Die wohl älteste und bekannteste Form des Verzichts ist das Fasten, also der zeitweise Verzicht auf Nahrung, als religiöses Ritual, als Therapie (Heilfasten), Diät oder politische Manifestation (Hungerstreik). Daneben verzichten Menschen aus unterschiedlichen Gründen auf den Konsum von Fleisch, aufs Autofahren, auf Genussmittel, auf Energieverschwendung, auf Flugreisen, auf einen vollen Kleiderschrank, auf einen ressourcenaufwendigen Lebensstil. Die Option zu verzichten setzt allerdings voraus, dass man materiell überhaupt in der Lage ist, sich all diese Dinge leisten zu können.

Der online-Duden erklärt uns die Bedeutung des Verbs „verzichten“ so: „den Anspruch auf etwas nicht [länger] geltend machen, aufgeben; auf [der Verwirklichung, Erfüllung von] etwas nicht länger bestehen.“ Was an dieser Definition irritiert: Es wird ein „Anspruch“ auf etwas vorausgesetzt, der durch den Verzicht aufgegeben wird. Habe ich einen Anspruch auf zwei oder drei Urlaubsreisen im Jahr, auf 60 Quadratmeter Wohnraum, auf unbeschränkten Zugang zu einem vielfältigen kulturellen Angebot, auf einen Parkplatz im öffentliche Verkehrsraum, auf kostenlose Kinderbetreuung, auf 180 km/h auf der Autobahn – um nur einige wenige als selbstverständlich erachtete Ansprüche zu nennen? Und wo bitte soll die Instanz sein, gegenüber der ich auf die „Verwirklichung oder Erfüllung“ meiner Wünsche und Bedürfnisse bestehen soll? Wobei wir annehmen dürfen, dass die Verfasser der Dudendefinition nicht an lebensnotwendige Bedürfnisse oder grundlegende Menschenrechte gedacht haben.

Die Kriegs- und Nachkriegsgeneration, die noch harte existentielle Not, Hunger und andere Entbehrungen erlebte, stirbt langsam aus. Meine eigenen unscharfen Kindheitserinnerungen (Geburtsjahrgang 1948) an ärmliche Lebensverhältnisse pflege ich im Freundeskreis, wenn die Rede auf Wohlstandsentwicklung und Überflussgesellschaft kommt, flapsig-verharmlosend mit dem Hinweis zu erwähnen: „Wir haben noch Klimmzüge am Brotkasten gemacht“. Ich habe als Kind und Jugendlicher keine einzige Urlaubsreise mit meinen Eltern gemacht. Das war einfach nicht drin. Als Entbehrung habe ich das damals nicht empfunden. Mit sechszehn bin ich mit Freunden nach Südtirol getrampt – das war die erste spannende Urlaubsreise.

Auch wenn es nach platter Stammtischparole klingt: Vieles von dem, was unseren heutigen Lebensstandard ausmacht, ist, auch wenn es uns nicht ständig bewusst ist, keineswegs selbstverständlich. Dass warmes Wasser aus der Leitung kommt, wenn wir es brauchen, dass wir im Winter nicht frieren müssen, dass ständig genug Strom da ist, dass wir ein breites Angebot an Lebensmitteln im Supermarkt vorfinden, dass wir zu jederzeit an fast jedem Ort dieser Welt Urlaub machen können (wenn die private Finanzlage es erlaubt), dass wir nahezu unbeschränkt mobil sein können, dass wir ein gut ausgebautes Bildungssystem haben, dass wir im Krankheitsfall auf beste medizinische Versorgung vertrauen dürfen – alles Selbstverständlichkeiten? Diese Beschreibung trifft allerdings nicht oder nur sehr eingeschränkt für arme Länder zu, und selbst manche Länder mit hoher Wirtschaftskraft garantieren ihren Bürgerinnen und Bürgern keineswegs eine umfassende und gleichberechtigte Gesundheitsversorgung (USA!). Und natürlich will diese positive Beschreibung nicht leugnen, dass es auch etliche Mängel und Defizite unserer Wirtschafts- und Lebensform zu beklagen gibt.

Die beschriebenen Dienst- und Versorgungsleistungen, das umfassende Warenangebot, die Wahlfreiheiten, die Bildungsmöglichkeiten usw. sind Ausdruck eines hochentwickelten Sozialstaates und eines Wohlstandsniveaus, das den meisten Menschen eine hohe Lebensqualität erlaubt. Was wir aber auch längst wissen: Die Kehrseite der Medaille, der Preis für die auf Wachstum ausgerichtete Wirtschaftsweise und die ressourcenintensive Lebensform ist die ökologische Verwüstung unseres Globus und die langfristige Zerstörung unserer Lebensgrundlagen. Darum ist die Frage „Warum verzichten?“ mehr als bloß ein Thema individueller Selbstverwirklichung oder bewusst gewählter asketischer Genügsamkeit, sondern von existentieller Bedeutung für zukünftige Generationen. Die Bewegung „Fridays for Future“ hat das mit ihrem Slogan „weil Ihr uns die Zukunft klaut“ auf den Punkt gebracht. Auch das Bundesverfassungsgericht hat der Bundesregierung bescheinigt, mit ihrer zögerlichen und unzureichenden Klimapolitik die Lebensgrundlagen zukünftiger Generationen zu gefährden.

Nun scheint es allerdings so, dass die Erkenntnisse der Wissenschaft über die Grenzen des Wachstums und über die schädlichen Auswirkungen unserer Wirtschafts- und Lebensweise auf das ökologische globale Gesamtgefüge nicht, wie es vernünftig wäre, persönliche Verhaltensänderungen zur Folge haben. Eine beliebte Entschuldigung lautet: Es ändert doch nichts, wenn ich kein Fleisch mehr esse, mein Auto verkaufe, nicht mehr in Urlaub fliege, während alle anderen (gerne werden hier die Amerikaner und die Chinesen genannt) es nicht ebenso machen! Will sagen: Mein eigener Beitrag zum Klimaschutz, selbst wenn ich ihn ernsthaft und konsequent lebe, bringt sowieso nichts.

Dem würde ich (zusammen mit vielen anderen) entgegenhalten: Selbst wenn du meinst, dass dein individueller Verzicht regional und erst recht global nichts bewirkt, dann tue dir einfach selbst etwas Gutes! Verzichten ist eben auch gesund, macht ein gutes moralisches Gefühl, bringt mehr Lebensqualität als man denkt! Der anfangs erwähnte Bernd Ulrich etwa berichtet, dass er seinen Verzicht auf tierische Produkte als beglückend erlebt hat. Wer sich jemals das Rauchen abgewöhnt hat, kennt dieses Gefühl. Bei Dingen, die uns selbst beschädigen, die krank machen (rauchen) oder dick (Fastfood), die süchtig machen (Alkohol, Zigaretten, Computerspiele) oder dumm (Ballermann, Trashfernsehen,), die unsere Beziehungen zerstören (Lieblosigkeit, Hass, Gewalt) gibt es ausreichend gute Gründe, darauf zu verzichten. Wenn es denn so leicht wäre und wenn da nicht die eigene Trägheit, die Sucht, die Unvernunft, die Ignoranz, die Lust am Untergang und an der Selbstzerstörung uns immer wieder einen Strich durch die Rechnung machen würden. Wer es trotzdem schafft, auf schlechte Essensgewohnheiten zu verzichten, auf das neue Smartphone, auf unnötige Plastikverpackungen, auf eine gesundheitsschädliche Sucht, auf überflüssige Autofahrten, wird mit dem Glücksgefühl belohnt, dass weniger eben mehr ist.

Mancher Verzicht geht nicht von heute auf morgen: Statt zwei nur noch ein Auto oder besser gar keins mehr verlangt eine gravierende Änderung von Lebensgewohnheiten. Spart aber im Übrigen einen Haufen Geld, womit wir wieder beim Glücksgefühl wären. Von einer zu großen in eine kleinere Wohnung zu wechseln ist angesichts des angespannten Wohnungsmarktes nicht mal eben so zu bewerkstelligen. Immer mehr Menschen suchen nach gemeinschaftlichen Wohnprojekten, vor allem im Alter, wenn die Kinder aus dem Haus sind. Wer sich umschaut und offen ist für Änderungen, wird viele Modelle und Projekte finden, die ihm oder ihr den Verzicht erleichtern: Carsharing, Tauschringe, die Bohrmaschine oder die Heckenschere mit den Nachbarn teilen, usw.

Wer also den Verzicht ganz eigennützig für sich selbst als Bereicherung und Beglückung entdeckt, tut gleichzeitig der Gesellschaft und dem Klima einen Gefallen und entscheidet sich gegen „das Niederbrennen unserer Welt“ (Ulrich). Man würde sich wünschen, dass auch die Politik uns allen beherzter und mutiger mehr Verzicht abverlangt, wie es Bernd Ulrich im folgenden Zitat fordert: „Nehmen wir das Wort Verzicht: Jahrzehntelang – und ganz gewiss noch im Koalitionsvertrag der Ampel – war Verzicht der Gottseibeiuns aller ökologischen Politik; wer dabei erwischt wurde, den Menschen Verzicht abzuverlangen, wurde mit Wahlniederlage nicht unter fünf Prozentpunkten minus bestraft. Alle Veränderung – und davon musste es ja immer mehr geben, weil zu lange gewartet worden war – sollte ausschließlich in den Maschinen stattfinden oder in der Infrastruktur, aber gefälligst nicht im Alltag der Menschen. Was bestenfalls als legitim galt, das war so ein pädagogisches Ansäuseln der Verbraucherinnen und Verbraucher mittels Lebensmittelampeln, mit Schmackhaftmachen, mit Gewinnspielen, mit Prämien, kurzum: niederschwellige Angebote gegen das Niederbrennen unserer Welt.“


Buchkritik: Was Georg Cremer von Annalena Baerbock unterscheidet

Zwei neu erschienene Sachbücher, die auf den ersten Blick wenig Gemeinsames haben, möchte ich heute kommentieren: Georg Cremer: Sozial ist, was stark macht. Warum Deutschland eine Politik der Befähigung braucht und was sie leistet. Freiburg, 2021 (250 Seiten, Herder) und Annalena Baerbock: Jetzt. Wie wir unser Land erneuern. Berlin, 2021 (240 Seiten, Ullstein).

Über Baerbocks Buch ist bereits viel geschrieben, um nicht zu sagen, gelästert worden. Sie hat wörtliche Zitate aus anderen Quellen übernommen, ohne diese zu kennzeichnen und die Quellen zu nennen. Wie es scheint, ist an diesen Plagiatsvorwürfen mehr heiße Luft als sachlich begründete Kritik. Es handelt sich in Teilen um eine durchsichtige, scheinheilige Kampagne, die darauf abzielt, den Ruf der Kanzlerkandidatin der Grünen zu beschädigen. Schließlich ist das Buch keine wissenschaftliche Arbeit. Trotzdem: Es ist ungeschickt, es ist blöd, es ist völlig unnötig.

So sehr ich nun Annalena Baerbock gegen die üble Hetzerei in Schutz nehmen möchte, so schwer fällt es mir, ihr Buch gut zu finden. Was mich bei der Lektüre zunehmend irritierte: Irgendwie alles richtig, irgendwie alles plausibel, irgendwie alles wichtig, aber irgendwie auch alles bekannt und wenig originell. Mir kommt das Buch vor wie die Prosafassung des Wahlprogramms der Grünen. Der Drang, alle anstehenden Zukunftsfragen abzuhandeln, führt dazu, dass viele Forderungen sehr allgemein bleiben. Und da, wo die Autorin konkret wird, handelt es sich um längst bekannte Forderungen ihrer Partei. Die Passagen zum persönlichen Werdegang der Autorin, die Ratschläge der Oma, die Erfahrungen als erfolgreiche Sportlerin (Trampolin!) – alles ganz nett, aber mehr auch nicht. Eher wie plumpe Anbiederung habe ich die Passagen empfunden, in denen Baerbock ihre „Volksnähe“ selbstgefällig unter Beweis stellen will. Wen sie alles besucht hat, mit wem sie alles gesprochen hat – die Bewerbung um die Kanzlerschaft hat in diesem Teil des Buches Pate gestanden. Fazit: Eine schlampig zusammengezimmerte Publikation, die keine neuen Erkenntnisse bringt.

Man mag der Autorin zugutehalten, dass sie das alles gar nicht selbst geschrieben haben kann. Wie auch, bei dem Job als Parteivorsitzende, Kanzlerkandidatin und Wahlkämpferin. Aber warum überhaupt dieses Buch? Warum meinen erfolgreiche, prominente Politiker*innen, sich unbedingt auch noch als Autor*innen profilieren zu müssen? Si tacuisses …

Georg Cremer muss sich nicht mehr profilieren. Er war 17 Jahre Generalsekretär des Deutschen Caritasverbandes und hat sich in dieser Zeit einen ausgezeichneten Ruf als Experte für sozialpolitische Fragen, für Armutsforschung und für Stärken und Schwächen des Sozialstaates erworben. Im Klappentext seines jüngsten Buches „Sozial ist, was stark macht“ heißt es: „Der deutsche Sozialstaat ist gut ausgebaut, aber er leistet nicht genug gegen gesellschaftliche Spaltung. So wichtig Umverteilung ist, Geld allein kann Gerechtigkeit nicht erzwingen. Um teilhaben zu können, müssen alle Bürgerinnen und Bürger ihre Potentiale entfalten können. Eine Politik der Befähigung, wie sie Georg Cremer in diesem Buch vorstellt, fördert Selbstsorge und Autonomie, ohne die Fürsorge zu vernachlässigen. Sie stärkt zugleich die Leistungsfähigkeit des Sozialstaats. Und sie ermöglicht einen Mittelweg zwischen dem illusionären Wunsch nach völlig anderen Verhältnissen und der resignativen Kapitulation vor verfestigter sozialer Ungleichheit. Sozial ist, was Menschen schützt und sie zugleich stärkt.“

Der Befähigungsansatz, für den Cremer wirbt, geht zurück auf den indischen Philosophen Amartya Sen, dem Cremer ein ganzes Kapitel in seinem Buch widmet. Was bei Sen „Verwirklichungschancen“ heißt, nennt Cremer „Befähigungsgerechtigkeit“, die er für weit anspruchsvoller als Chancengerechtigkeit hält. „Gerechtigkeit ist kein Synonym für Gleichheit“, betont Cremer, und Einkommensunterschiede aufgrund von unterschiedlicher Leistung hält er für legitim.

Seine Kernthese lautet: Der deutsche Sozialstaat ist gut ausgebaut, ohne dass er damit die Defizite in Abrede stellt – wie zum Beispiel das „Präventionsdilemma“. Mit diesem Begriff beschreibt Cremer das Problem, dass viele Programme eher die Mittelschicht erreichen und nicht diejenigen, für die sie gedacht sind und die sie am dringendsten brauchen.

Breiten Raum räumt Cremer der Bildungspolitik ein (Kapitel 3, 4 und 5) und setzt sich kritisch mit Strukturfragen schulischer Bildung in Deutschland auseinander. Er weiß um den Zusammenhang zwischen sozialer Herkunft und Bildungschancen und hält ein zweigliedriges Schulsystem – Gemeinschaftsschule bis zur 9. Klasse für alle und Gymnasium – für die bessere Lösung, konstatiert aber, dass dies wohl politisch nicht durchsetzbar ist.

Cremer ist kein Freund „politisch folgenloser utopischer Gegenentwürfe“. Er wehrt sich gegen den Vorwurf, der von ihm vertretene Befähigungsansatz sei ein neoliberales Konzept und kritisiert die „Rituale folgenloser Empörung und pauschaler Sozialstaatskritik“ und die „große Erzählung des Sozialabbaus“ im Zusammenhang mit der Corona-Pandemie (so in einem Artikel in der FAZ am 15.03.2021: Ein Jahr Corona. Der Sozialstaat im Stresstest).

Auch Cremers Buch ist keine wissenschaftliche Publikation. Das macht es einerseits leicht lesbar. Anderseits sind zahlreiche Zitate und Quellen als solche gekennzeichnet, und das umfangreiche Literaturverzeichnis macht deutlich, dass der Autor viel Zeit und Sorgfalt darauf verwendet hat, seine Thesen zu begründen und mit Daten und Fakten zu untermauern. Auch darin unterscheidet sich sein Buch von Annalena Baerbocks Spiegel-Bestseller.