Warum verzichten kein Verzicht sein muss
Veröffentlicht: 3. August 2022 Abgelegt unter: Allgemein, Gesellschaft, Wirtschaft | Tags: Sozialstaat, Verzicht, Wohlstand 10 KommentareDieser Blogbeitrag ist ein Plädoyer für den Verzicht. Dass darüber schon längst alles gesagt ist und Tausende vor mir dazu aufgerufen haben, ist kein Grund, darauf zu verzichten. Einige Gedanken zu dem Thema habe ich schon länger aufgeschrieben. Nun hat Bernd Ulrich diese Woche im Zeitmagazin (Nr. 31/2022 vom 27. Juli 2022) unter dem Titel „Verschärfte Welt“ ein Essay veröffentlicht und „über die schwierige Frage, wer man sein will in der ökologischen Krise“ geschrieben. Ulrich hätte als Überschrift auch wählen können „Über die Einsamkeit des Veganers“. Ich kann die Lektüre sehr empfehlen. Man muss sich schon zwanzig Minuten Zeit dafür nehmen. Ich bin kein Veganer, aber mich hat der Artikel sehr nachdenklich gemacht und dazu angeregt, meine eigenen Überlegungen in einem Blogbeitrag zur Diskussion zu stellen. Man möge mir nachsehen, dass ich das nicht so brillant formulieren kann wie der Journalist Bernd Ulrich (er ist immerhin stellvertretender Chefredakteur der Zeit). Für Kommentare bin ich wie immer dankbar.
Viel ist in diesen Tagen vom Verzicht die Rede, freiwillig oder auch von oben verordnet. Die aktuelle krisenhafte Zuspitzung durch Inflation, Ukrainekrieg, Corona und Klimakrise zwingt uns – Gesellschaft, Politik und jede/n Einzelne/n -, darüber nachzudenken, wie wir mit der drohenden oder schon manifesten Verknappung von Gütern umgehen sollen, die bisher unseren (aufwendigen) Lebensstandard ermöglicht haben. Dabei ist die Verzichtsdebatte überhaupt nicht neu. Die wohl älteste und bekannteste Form des Verzichts ist das Fasten, also der zeitweise Verzicht auf Nahrung, als religiöses Ritual, als Therapie (Heilfasten), Diät oder politische Manifestation (Hungerstreik). Daneben verzichten Menschen aus unterschiedlichen Gründen auf den Konsum von Fleisch, aufs Autofahren, auf Genussmittel, auf Energieverschwendung, auf Flugreisen, auf einen vollen Kleiderschrank, auf einen ressourcenaufwendigen Lebensstil. Die Option zu verzichten setzt allerdings voraus, dass man materiell überhaupt in der Lage ist, sich all diese Dinge leisten zu können.

Der online-Duden erklärt uns die Bedeutung des Verbs „verzichten“ so: „den Anspruch auf etwas nicht [länger] geltend machen, aufgeben; auf [der Verwirklichung, Erfüllung von] etwas nicht länger bestehen.“ Was an dieser Definition irritiert: Es wird ein „Anspruch“ auf etwas vorausgesetzt, der durch den Verzicht aufgegeben wird. Habe ich einen Anspruch auf zwei oder drei Urlaubsreisen im Jahr, auf 60 Quadratmeter Wohnraum, auf unbeschränkten Zugang zu einem vielfältigen kulturellen Angebot, auf einen Parkplatz im öffentliche Verkehrsraum, auf kostenlose Kinderbetreuung, auf 180 km/h auf der Autobahn – um nur einige wenige als selbstverständlich erachtete Ansprüche zu nennen? Und wo bitte soll die Instanz sein, gegenüber der ich auf die „Verwirklichung oder Erfüllung“ meiner Wünsche und Bedürfnisse bestehen soll? Wobei wir annehmen dürfen, dass die Verfasser der Dudendefinition nicht an lebensnotwendige Bedürfnisse oder grundlegende Menschenrechte gedacht haben.
Die Kriegs- und Nachkriegsgeneration, die noch harte existentielle Not, Hunger und andere Entbehrungen erlebte, stirbt langsam aus. Meine eigenen unscharfen Kindheitserinnerungen (Geburtsjahrgang 1948) an ärmliche Lebensverhältnisse pflege ich im Freundeskreis, wenn die Rede auf Wohlstandsentwicklung und Überflussgesellschaft kommt, flapsig-verharmlosend mit dem Hinweis zu erwähnen: „Wir haben noch Klimmzüge am Brotkasten gemacht“. Ich habe als Kind und Jugendlicher keine einzige Urlaubsreise mit meinen Eltern gemacht. Das war einfach nicht drin. Als Entbehrung habe ich das damals nicht empfunden. Mit sechszehn bin ich mit Freunden nach Südtirol getrampt – das war die erste spannende Urlaubsreise.
Auch wenn es nach platter Stammtischparole klingt: Vieles von dem, was unseren heutigen Lebensstandard ausmacht, ist, auch wenn es uns nicht ständig bewusst ist, keineswegs selbstverständlich. Dass warmes Wasser aus der Leitung kommt, wenn wir es brauchen, dass wir im Winter nicht frieren müssen, dass ständig genug Strom da ist, dass wir ein breites Angebot an Lebensmitteln im Supermarkt vorfinden, dass wir zu jederzeit an fast jedem Ort dieser Welt Urlaub machen können (wenn die private Finanzlage es erlaubt), dass wir nahezu unbeschränkt mobil sein können, dass wir ein gut ausgebautes Bildungssystem haben, dass wir im Krankheitsfall auf beste medizinische Versorgung vertrauen dürfen – alles Selbstverständlichkeiten? Diese Beschreibung trifft allerdings nicht oder nur sehr eingeschränkt für arme Länder zu, und selbst manche Länder mit hoher Wirtschaftskraft garantieren ihren Bürgerinnen und Bürgern keineswegs eine umfassende und gleichberechtigte Gesundheitsversorgung (USA!). Und natürlich will diese positive Beschreibung nicht leugnen, dass es auch etliche Mängel und Defizite unserer Wirtschafts- und Lebensform zu beklagen gibt.
Die beschriebenen Dienst- und Versorgungsleistungen, das umfassende Warenangebot, die Wahlfreiheiten, die Bildungsmöglichkeiten usw. sind Ausdruck eines hochentwickelten Sozialstaates und eines Wohlstandsniveaus, das den meisten Menschen eine hohe Lebensqualität erlaubt. Was wir aber auch längst wissen: Die Kehrseite der Medaille, der Preis für die auf Wachstum ausgerichtete Wirtschaftsweise und die ressourcenintensive Lebensform ist die ökologische Verwüstung unseres Globus und die langfristige Zerstörung unserer Lebensgrundlagen. Darum ist die Frage „Warum verzichten?“ mehr als bloß ein Thema individueller Selbstverwirklichung oder bewusst gewählter asketischer Genügsamkeit, sondern von existentieller Bedeutung für zukünftige Generationen. Die Bewegung „Fridays for Future“ hat das mit ihrem Slogan „weil Ihr uns die Zukunft klaut“ auf den Punkt gebracht. Auch das Bundesverfassungsgericht hat der Bundesregierung bescheinigt, mit ihrer zögerlichen und unzureichenden Klimapolitik die Lebensgrundlagen zukünftiger Generationen zu gefährden.
Nun scheint es allerdings so, dass die Erkenntnisse der Wissenschaft über die Grenzen des Wachstums und über die schädlichen Auswirkungen unserer Wirtschafts- und Lebensweise auf das ökologische globale Gesamtgefüge nicht, wie es vernünftig wäre, persönliche Verhaltensänderungen zur Folge haben. Eine beliebte Entschuldigung lautet: Es ändert doch nichts, wenn ich kein Fleisch mehr esse, mein Auto verkaufe, nicht mehr in Urlaub fliege, während alle anderen (gerne werden hier die Amerikaner und die Chinesen genannt) es nicht ebenso machen! Will sagen: Mein eigener Beitrag zum Klimaschutz, selbst wenn ich ihn ernsthaft und konsequent lebe, bringt sowieso nichts.
Dem würde ich (zusammen mit vielen anderen) entgegenhalten: Selbst wenn du meinst, dass dein individueller Verzicht regional und erst recht global nichts bewirkt, dann tue dir einfach selbst etwas Gutes! Verzichten ist eben auch gesund, macht ein gutes moralisches Gefühl, bringt mehr Lebensqualität als man denkt! Der anfangs erwähnte Bernd Ulrich etwa berichtet, dass er seinen Verzicht auf tierische Produkte als beglückend erlebt hat. Wer sich jemals das Rauchen abgewöhnt hat, kennt dieses Gefühl. Bei Dingen, die uns selbst beschädigen, die krank machen (rauchen) oder dick (Fastfood), die süchtig machen (Alkohol, Zigaretten, Computerspiele) oder dumm (Ballermann, Trashfernsehen,), die unsere Beziehungen zerstören (Lieblosigkeit, Hass, Gewalt) gibt es ausreichend gute Gründe, darauf zu verzichten. Wenn es denn so leicht wäre und wenn da nicht die eigene Trägheit, die Sucht, die Unvernunft, die Ignoranz, die Lust am Untergang und an der Selbstzerstörung uns immer wieder einen Strich durch die Rechnung machen würden. Wer es trotzdem schafft, auf schlechte Essensgewohnheiten zu verzichten, auf das neue Smartphone, auf unnötige Plastikverpackungen, auf eine gesundheitsschädliche Sucht, auf überflüssige Autofahrten, wird mit dem Glücksgefühl belohnt, dass weniger eben mehr ist.
Mancher Verzicht geht nicht von heute auf morgen: Statt zwei nur noch ein Auto oder besser gar keins mehr verlangt eine gravierende Änderung von Lebensgewohnheiten. Spart aber im Übrigen einen Haufen Geld, womit wir wieder beim Glücksgefühl wären. Von einer zu großen in eine kleinere Wohnung zu wechseln ist angesichts des angespannten Wohnungsmarktes nicht mal eben so zu bewerkstelligen. Immer mehr Menschen suchen nach gemeinschaftlichen Wohnprojekten, vor allem im Alter, wenn die Kinder aus dem Haus sind. Wer sich umschaut und offen ist für Änderungen, wird viele Modelle und Projekte finden, die ihm oder ihr den Verzicht erleichtern: Carsharing, Tauschringe, die Bohrmaschine oder die Heckenschere mit den Nachbarn teilen, usw.
Wer also den Verzicht ganz eigennützig für sich selbst als Bereicherung und Beglückung entdeckt, tut gleichzeitig der Gesellschaft und dem Klima einen Gefallen und entscheidet sich gegen „das Niederbrennen unserer Welt“ (Ulrich). Man würde sich wünschen, dass auch die Politik uns allen beherzter und mutiger mehr Verzicht abverlangt, wie es Bernd Ulrich im folgenden Zitat fordert: „Nehmen wir das Wort Verzicht: Jahrzehntelang – und ganz gewiss noch im Koalitionsvertrag der Ampel – war Verzicht der Gottseibeiuns aller ökologischen Politik; wer dabei erwischt wurde, den Menschen Verzicht abzuverlangen, wurde mit Wahlniederlage nicht unter fünf Prozentpunkten minus bestraft. Alle Veränderung – und davon musste es ja immer mehr geben, weil zu lange gewartet worden war – sollte ausschließlich in den Maschinen stattfinden oder in der Infrastruktur, aber gefälligst nicht im Alltag der Menschen. Was bestenfalls als legitim galt, das war so ein pädagogisches Ansäuseln der Verbraucherinnen und Verbraucher mittels Lebensmittelampeln, mit Schmackhaftmachen, mit Gewinnspielen, mit Prämien, kurzum: niederschwellige Angebote gegen das Niederbrennen unserer Welt.“
