Lass uns (mal wieder) übers Gendern reden

In diesem Beitrag geht es ums Gendern. Ja, doch, auch wenn´s nervt – es muss jetzt wieder mal sein. Als Mensch, der ständig Texte produziert, kommt man an dem Thema doch gar nicht vorbei. Und man lernt ja immer wieder Neues dazu, wenn man nicht total borniert ist.  Vor etwa einem halben Jahr, am 18. März, habe ich mich in einem Beitrag über genderfluide Sprache geäußert und meine Schwierigkeiten mit dem Stimmritzenverschlusslaut gebeichtet https://juergenlieser.blog/2021/03/18/uber-geschlechtsidentitaten-knacklaute-und-genderfluide-sprache/

Zur geschriebenen Sprache habe ich damals gemeint: „Ich bin mit dem generischen Maskulinum groß geworden und habe mir lange Zeit, um ehrlich zu sein, nichts dabei gedacht. Heute weiß ich, dass das ein sexistischer Sprachgebrauch ist und dass ich, wenn ich das benutze, ein chauvinistisches Schwein bin. Wäre ich eine Frau oder nonbinär, würde mir das herablassende „ihr seid ja mitgemeint“ vermutlich auch schon längst total auf den Sack gehen, bzw. auf die Eierstöcke. Inzwischen, das heißt eigentlich schon ziemlich lange, habe ich bei der Verwendung des generischen Maskulinums, egal ob geschrieben oder gesprochen, ein schlechtes Gewissen. Immerhin. Es passiert mir immer noch ständig, aber eher aus Faulheit und nicht aus Ignoranz. Beim Schreiben fällt mir das Gendern echt schwer, da bitte ich die feministische Sprachkritik schon mal um Generalabsolution.“  

Mehr Selbstgeißelung, Asche aufs Haupt und Unterwerfung unter den Zeitgeist kann man mir nun wirklich nicht abverlangen. Und immer noch bin ich auf der Suche nach der richtigen, nämlich gendersensiblen Sprache. In der linksliberalen (?) Wochenzeitung DIE ZEIT tobt seit Monaten ein Glaubenskrieg im Feuilleton und eine Kontroverse in der Rubrik Leserbriefe (wieso heißt die nicht längst Leser*innenbriefe?) um die gendergerechte Sprache. Zuletzt hatte Charlotte Parnack (ZEIT Nr. 38) Anstoß daran genommen, dass die Moderator*innen des öffentlich-rechtlichen ZDF in den Hauptnachrichten den Genderstern sprechen, und das auch noch bei bösen Menschen (Islamist*innen!). Einen veritablen Shitstorm hat Ze de Rock (ebenfalls in der ZEIT, Nr. 12) mit seiner herrlich-amüsant-schrägen Polemik „Von Innen, Unnen und Onnen“ ausgelöst und mit seinem Gegenvorschlag, „das“ als Artikel der Wahl einzuführen: „Das gute Bäcker begrüßt immer das Kunde“. Oder statt des generischen Maskulinums ein generisches Femininum: “Die gute Bäcker begrüßt immer die Kunde“. Oder noch radikaler sein Ultradeutsch forte: „Man nimmt das Stammwort ´back`, fügt ein -a hinzu, und man hat eine Frau: die Backa. Männliche Bäcker sind Backos, und alle zusammen sind Backis. Eine Busfahrerin wäre eine Bussa, ein Fahrer ein Busso und alle zusammen Bussis.“

Das ist zwar lustig, aber nicht alltagstauglich. Der Duden, Wächter und Hüter der deutschen Sprache, hilft nicht wirklich weiter. Im Gebrauch sind inzwischen verschiedene Versionen für eine gendersensible Schriftsprache: Genderstern, Binnen-I, Unterstrich, Doppelpunkt. Die ewig gestrigen Verfechter*innen des generischen Maskulinums finden nur noch in der AfD, in konservativen Kirchenkreisen oder bei CSU-Stammtischen Applaus, wenn den Grünen mal wieder Gender-Gaga angedichtet wird. Die bei Anreden inzwischen übliche Doppelnennung (liebe Schülerinnen, liebe Schüler) ist zumindest schon mal ein Schritt in die richtige Richtung, schließt aber diverse/nicht-binäre Menschen aus. Wie spricht man die an (hey du, hallo)? Die Schreibweise mit dem Genderstern (Lehrer*innen) will diese Lücke schließen und scheint sich mehr und mehr zu etablieren. Gesprochen wird das Sternchen mit dem Stimmritzenverschlusslaut (Glottischlag, Knacklaut). Von einer einheitlichen, allgemein verbindlichen Regelung kann aber keine Rede sein. Weder im öffentlich-rechtlichen Rundfunk und Fernsehen, noch in Büchern und Printmedien wird einheitlich und durchgehend gegendert, von Ausnahmen (TAZ) abgesehen.

Was also tun bzw. wie schreiben und sprechen? Wie heutzutage beinahe alle Zeitgenoss*innen bin auch ich hochsensibel und möchte durch meine Texte nur Menschen beleidigen, die es wirklich verdient haben. Was wäre eine wünschenswerte, akzeptable und praktikable gendersensible Sprache, die sowohl im Alltag als auch in amtlichen Kontexten taugt? Kann man sich durchgehend gegenderte Gesetzestexte vorstellen? Zwei lebensnahe Beispiele zum Abgewöhnen: In meiner Gemeinde, wo ich im Gemeinderat sitze, wurde neulich eine neue Feuerwehrsatzung verabschiedet. Dem lobenswerten Bemühen, auch bei der Feuerwehr eine gendersensible Sprache zu etablieren, sind dann solche Satzmonster geschuldet: „Zur ehrenamtlich tätigen Feuerwehrkommandatin oder zum ehrenamtlich tätigen Feuerwehrkommandanten und ihrer oder seiner Stellvertreterin oder ihr oder sein Stellvertreter kann nur gewählt werden, wer…“

Zweites Beispiel: Der in der Gemeinde neu gebildete Jugendrat hat sich eine Satzung gegeben, selbstverständlich konsequent durchgegendert. Die Jugendlichen waren nicht davon abzubringen, dass wenigstens bei „Mitglieder*innen“ der Genderspaß aufhört.

Mein Fazit: Ich habe seit März nicht wirklich etwas dazugelernt. Doch vielleicht dies: Sollte ich mal in die Verlegenheit kommen, ein Schreiben an die Bürgermeister und Bürgermeisterinnen unseres Sprengels zu adressieren, würde ich schon an der korrekten Anrede scheitern: „Sehr geehrte Bürger*innen*meister*innen“ – oder wie? Kann jemand helfen?