Können wir Krieg? fragt die ARD. Echt jetzt?

Die ARD startete am Montag dieser Woche im besten Abendprogramm mit einer Doku über die Bundeswehr unter der Überschrift „Können wir Krieg“? Natürlich durfte da wieder die unsägliche FDP-Tante Marie-Agnes Strack-Zimmermann ihren Senf zu dem Thema abgeben. (Warum sagt eigentlich niemand im Vorspann, dass diese Dame auch wichtige Aufsichtsratsposten bei Rüstungsbetrieben hat? Egal.)

Damit war auch das Thema für die anschließende Talkshow „Hart aber fair“ gesetzt. Dort durfte zunächst ein im Kosovo und Afghanistan-Einsatz bewährter Bundeswehrveteran (Rüdiger Hesse) die Frage, ob die Bundeswehr Krieg kann, mit „Ja!!!!“ beantworten und die Bundeswehr als „geilen Arbeitgeber“ anpreisen. Der vierschrötige Mann, Gründer des Vereins „Combat Veteran e.V.“ (Motto: „Von Veteranen für Veteranen“) durfte über seinen Afghanistan-Einsatz erzählen: „Wir gehen da nicht auf Kindergeburtstag“ – ach so. Dass die Soldaten dort für einen fragwürdigen und am Ende gescheiterten Einsatz verheizt wurden – das hätte man in diesem Zusammenhang gerne erfahren. Ich selbst war mehrmals in Afghanistan, nicht im militärischen Einsatz, aber ich hätte erzählen können, was aus Sicht von humanitären Hilfsorganisationen dort nicht gut gelaufen ist, zum Beispiel die von der Bundesregierung gewünschte „zivil-militärische Zusammenarbeit“ mit der Bundeswehr.

In der anschließenden Talk-Runde berichtete eine Ukrainerin (Mariya Maksymtsiv) über ihren Bruder an der Front, mit dem sie im ständigen Kontakt steht. Außer ihr in der Runde: Ein Kriegsreporter der Bildzeitung (Paul Ronzheimer, der hatte natürlich den Bonus, dass keiner außer ihm selbst wirklich im Kriegsgebiet war), ein Bundestagsabgeordneter (Michael Roth, SPD, sich selbst bemitleidend, weil man ihn als „Kriegstreiber“ verunglimfe), eine Journalistin (Ulrike Winkelmann, Chefredakteurin der taz) und der Journalist, Buchautor und Friedensaktivist Franz Alt. Auf die Frage des Moderators: Können wir, kann die Bundeswehr Krieg? war die trockene Antwort von Alt, der wohl als Alibi-Pazifist eingeladen war: „Das Deutschland Krieg kann, hat die Welt auf furchtbare Weise im letzten Jahrhundert zweimal erlebt. Daraus wurde nach 1945 der Grundgesetzauftrag: nie wieder Krieg von deutschem Boden aus! Deshalb ist mir nicht ganz wohl bei der Frage, ob Deutschland Krieg können muss. Wichtiger wäre, dass wir Frieden können.“ Alt ist Mitunterzeichner eines von Peter Brandt initiierten Friedensappells und wurde dafür in der Talkrunde vom wutschäumenden Michael Roth scharf attackiert, weil der Appell den russischen Angriffskrieg nicht deutlich genug verurteile. Offenbar muss heute jeder, bevor er oder sie die Wörter „Verhandlungen“, „Frieden“ oder „Waffenstillstand“ in den Mund nimmt, hundertmal schreiben „Ich verurteile den russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine“. Der ukrainische Ex-Botschafter und jetzige Vizeaußenminister Andrij Melnyk dazu auf twitter: „Hallo Peter Brandt & Co., schert euch zum Teufel mit eurer senilen Idee, einen “schnellen Waffenstillstand” zu erreichen und “den Frieden nur mir Russland zu schaffen”. Die Ukrainer lehnen diesen Firlefanz ab. Punkt. Schönen Samstag noch“. Hat er sich da etwa am donaldtrumpschen Sprachniveau orientiert? Der aktuelle ukrainische Botschafter Oleksii Makeiev bezeichnete den Friedensappell als „puren Zynismus gegenüber den zahlreichen Opfern der russischen Aggression“. Vielleicht sollte man den Ukrainern außer Waffen auch etwas Hirn für bestimmte Politiker liefern?

Zurück zur ARD: Mich jedenfalls hat die Fragestellung „Können wir Krieg?“ irritiert. Die Frage müsste doch, wie Franz Alt richtig anmerkte, eher lauten: Können wir Frieden? Die Forderung nach „Frieden schaffen. Waffenstillstand und Gemeinsame Sicherheit jetzt!“ – so die Überschrift des von Peter Brandt initiierten Appells – ist eben keine „politische Romantik“ (Politikwissenschaftler Herfried Münkler), sondern ein Gebot der Vernunft. „Entscheidend ist es, die Eskalation des Krieges zu stoppen und einen Waffenstillstand zu erreichen“ und dafür ermutigt der Appell „den Bundeskanzler, zusammen mit Frankreich insbesondere Brasilien, China, Indien und Indonesien für eine Vermittlung zu gewinnen, um schnell einen Waffenstillstand zu erreichen. Das wäre ein notwendiger Schritt, um das Töten zu beenden und Friedensmöglichkeiten auszuloten“.

Ob es dafür eine realistische Perspektive gibt – Münkler bestreitet das -, wissen die Autoren des Appells nicht. Auch nicht, wie Waffenstillstand und Verhandlungen konkret erreicht werden könnten. Trotzdem muss man Menschen, deren Äußerungen von großer Sorge vor einer militärischen Eskalation geprägt sind, nicht so niederschreien. So klein die Erfolgsaussichten auch sein mögen – jeder Versuch, die Kriegshandlungen zu beenden, ist es wert.