Ich. Literat von Weltrang.
Veröffentlicht: 31. Oktober 2021 Abgelegt unter: Allgemein, Boulevard, Gesellschaft | Tags: Literatur, Roman 7 KommentareMit Bescheidenheit kommt man in der Welt nicht weiter. Man darf das, was man kann, nicht verstecken. Das sagte kürzlich der Ministerpräsident von Baden-Württemberg, Winfried Kretschmann. Leider kommt diese Erkenntnis für mich mehr als 50 Jahre zu spät. Dabei hätte ich es wissen können. Schon in der Bibel heißt es, man zündet „auch nicht ein Licht an und stülpe ein Gefäß darüber, sondern man stellt es auf den Leuchter, dann leuchtet es allen im Haus“ (Matthäus 5:14). Ich wage also heute mein Coming Out, lüfte den Scheffel, der über mein Licht gestülpt ist, und bekenne leicht errötend: Ich wäre gerne ein erfolgreicher Buchautor. Ein ob seiner Bescheidenheit geschätzter, aber sprachgewaltiger und hochintellektueller Autor, mit zahlreichen Literaturpreisen bedacht, vielen Interviewanfragen, Besprechungen im Feuilleton von ZEIT und Süddeutscher Zeitung, gern gesehener Gast in Talkrunden und auf der Frankfurter Buchmesse. Ich sehe mich schon nominiert für den Deutschen Buchpreis. Oder vielleicht doch gleich für den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels? Danach käme dann quasi schon der Literaturnobelpreis.
Mir ist schon klar, dass ich, um dieses hochgesteckte Ziel zu erreichen, mal mit dem Schreiben anfangen müsste. Und zwar nicht nur ein Buch, sondern mehrere. Mit nur einem Buch ist es in den wenigsten Fällen getan. Manche landen allerdings gleich mit dem Erstlingswerk einen Riesenerfolg. Ich muss also unbedingt mit dem ersten Buch anfangen. Viel Zeit bleibt mir nicht mehr. In meinem Freundes- und Bekanntenkreis gibt es kaum jemanden, der oder die kein Buch geschrieben hätte. Manche sogar mehrere. Wenn wir uns treffen, frage ich: Was macht Dein neues Buch? Wie weit bist Du? In jeder noch so belanglosen Gesprächsrunde im Fernsehen werden die Leute vorgestellt, indem man sagt, der Herr X oder die Frau Y hat dazu auch ein Buch geschrieben. Vermutlich werde ich deshalb nicht zu Talkshows im Fernsehen eingeladen. Meine Vorstellung in der Runde wäre peinlich. Unser heutiger Gast, Herr L., hat zu dem Thema, um das es heute geht, kein Buch geschrieben.
Es ist allerdings nicht so, als hätte ich noch gar kein Buch geschrieben. Doch, doch. Drei sogar. Zwei Sachbücher, eine Geschichte Boliviens, und als Herausgeber ein Handbuch über Humanitäre Hilfe. Und, nicht zu vergessen, noch ein bescheidenes Bändchen mit einer Mischung aus literarischen und sachbezogenen Texten aus meiner internationalen Tätigkeit für eine Hilfsorganisation. Aber das meine ich ja nicht. Ich meine nicht Sachbücher, sondern Belletristik. Schöne Literatur. Romane, Kurzgeschichten und so.
Ich habe schon viele Anläufe unternommen, um ein Buch zu schreiben, bin aber meistens schon am Titel und am ersten Satz gescheitert. Kafka hatte es da noch leichter mit seinem Gregor Samsa. Alle genialen Romananfänge sind schon vergeben. Heute, wo sich eine Jede und ein Jeder zur Schriftstellerei begabt fühlt, wird geschrieben, was das Zeug hält, auch wenn die Erstauflage eingestampft werden muss. Einen Verleger brauchst du dank Eigenverlag nicht mehr. Trotzdem bleibt die Frage, worüber, was soll ich schreiben? Es war ja alles schon mal da. Wie soll man eine neue Idee haben, wenn über alles und jedes und rauf und runter schon geschrieben wurde? Man will ja nicht rumlabern und kein triviales Zeug schreiben. Bernd Ulrich hat im Feuilleton der ZEIT (Nr. 43, 21. Oktober 2021) beklagt, dass sich Tausende von Romanen mit der deutschen Vergangenheit beschäftigen, Themen wie die 68er und die RAF noch gar nicht mitgerechnet, und meint, „die Sache sei ein bisschen auserzählt, wieso wird sie dann so oft wiedererzählt“? Die Suche nach einem Thema, nach einer noch nicht erzählten Erzählung gestaltet sich noch schwieriger als die nach einem genialen Anfang. Wenn Ulrich zufolge keine Themen der Vergangenheit mehr frei sind, wenn alles schon erzählt ist, dann vielleicht etwas aus der Gegenwart? Pandemie? Kindesmissbrauch? Neue Rechte? Benzinpreis? Oder vielleicht doch Science Fiction? Krimi? Eine Autobiografie? Satire? Immer, wenn ich eine Idee für ein Thema gefunden zu haben glaube, kommt mir jemand zuvor. Schon lange wollte über das Leben im Dorf schreiben, hatte schon viel Stoff dafür gesammelt, dann kam Juli Zeh mit Unterleuten. Meine geplante Kurzgeschichtensammlung „Schöner sterben. Ein Ratgeber für Lebensmüde, Todesmutige, Suizidanfänger, Sterbehelfer und Bestatter“ ist Stückwerk geblieben und wurde gerade von Harald Welzer mit seinem neu erschienenen Buch „Nachruf auf mich selbst“ plagiiert. Ich denke mir, etwas Dystopisches könnte erfolgreich sein: Weltuntergangsszenarien, Atomkrieg etwa, ein gigantischer Meteoriteneinschlag, Klimakrise. Aber selbst das gibt es schon als eigenes Genre – Climate Fiction.
Meine Schreibhemmung ist eigentlich gar keine. Ich schreibe durchaus viel und häufig. Das Problem ist die Länge. Ein Roman, da sitzt man ja ewig dran. Und man muss ja auch eine Idee haben, einen Plot. Ich bin mehr so für die kurzen Texte. Da halte ich es mit dem von mir hochgeschätzten Alfred Polgar. Kennen Sie nicht? Egal. Originalton Polgar: „Das Leben ist zu kurz für lange Literatur, zu flüchtig für verweilendes Schildern und Betrachten, zu psychopathisch für Psychologie, zu romanhaft für Romane, zu rasch verfallen der Gärung und Zersetzung, als dass es sich in langen und breiten Büchern lang und breit bewahren ließe“. Das hören Dostojewskij, Thomas Mann oder Frank Witzel natürlich nicht gerne. An anderer Stelle schreibt Polgar: „Meine armen Erzählungen bekamen es zu fühlen, dass zehn Seiten bedruckten Papiers, auf eine richtiggehende Waage gelegt (gleiche Stärke und gleicher Umfang des Papiers angenommen) entscheidend weniger wiegen als tausend.“ Diesbezüglich bin ich sehr produktiv. Kurze Texte habe ich in den letzten Jahren sehr viele geschrieben. Ein paar davon kann man auf diesem Blog nachlesen. Für eine Kurzgeschichte habe ich sogar mal einen Preis bekommen. Morgen fange ich an, mein erstes Buch zu schreiben: Der Tag, als Facebook ausfiel. Etwas Dystopisches eben. Der erste Satz: „Als Mark Zuckerberg eines Morgens aus unruhigen Träumen erwachte, konnte er seinen Facebook-Account nicht mehr öffnen.“
