Fernsehen an Weihnachten: Für Flachbildschirme wie gemacht
Veröffentlicht: 26. Dezember 2021 Abgelegt unter: Allgemein, Boulevard, Gesellschaft | Tags: Fernsehen, Weihnachten Hinterlasse einen Kommentar„Den Fernseher, den ich eingetreten hab …“ singt Udo Lindenberg in seinem Song „Ich lieb dich überhaupt nicht mehr“. Gleiches würden wir heute auch gerne tun angesichts des weihnachtlichen Fernsehprogramms. Leider macht das Eintreten des unschuldigen Gerätes – Flachbildschirm! – nicht so viel Spaß wie bei den alten Röhrenkisten. Womit wir mal wieder bei früher wären und alles besser und so. Früher gab es nur Erstes und Zweites. Und am Nachmittag des Heiligabends „Wir warten aufs Christkind“ und abends „Sissi“. Zum Sendeschluss, das wissen noch die Älteren unter uns, um 24 Uhr zum Standbild die Nationalhymne.

Vielleicht muss das Fernsehprogramm deshalb so flach sein, damit es auf den Flachbildschirm passt? (Mit diesem Kalauer bewerben wir uns nicht für den Grimme-Preis). Heuer gibt es die volle Weihnachtsdröhnung auf allen Kanälen. Die süß-klebrige Zuckergusssoße, mit der uns das öffentlich-rechtliche ebenso wie das kommerzielle Privatfernsehen über die Festtage betäubt, dehnt die mediale Verblödung, die wir sonst vom Samstagabendprogramm kennen, auf volle drei Tage aus.
Wie wär´s mal mit einem Alternativprogramm an den Festtagen? Statt „Das Traumschiff“ mit Florian Silbereisen, dem Dauergrinser und Ex von Helene Fischer, könnte man „Seawatch 3 – Die Seenotretter“ bringen. Für die nötige Spannung sorgen Liveaufnahmen von 16 Flüchtlinge, die am Heiligabend vor der griechischen Küste ertrinken. Apropos Helene Fischer: Unser Vorschlag an ARD und ZDF, ein Gratiskonzert für die Flüchtlinge im Niemandsland zwischen Belarus und Polen anzubieten mit dem Fischer-Hit „Atemlos durch die Nacht“, soll angeblich daran gescheitert sein, dass sie in der RTL-Sendung „Bild – Ein Herz für Kinder“ auftreten musste.
Der Weihnachtsklassiker „Sissi – Schicksalsjahre einer Kaiserin“ könnte endlich mal abgelöst werden durch „Lukaschenko – Der Schlächter von Belarus“. Und statt „Die Zehn Gebote“ mit Charlton Heston böte sich an „Mit 99 Verordnungen durch die Krise“ mit Jens Spahn und Karl Lauterbach in den Hauptrollen.
Als Ersatz für „Royale Ehefrauen – Von der Bürde, ein Windsor zu sein“ könnte ich mir gut vorstellen: „König Salman – Wie zerstückelt man einen Journalisten“ oder „Kremlchef Wladi: Leichen pflastern seinen Weg“. Traditionell zum Weihnachtsprogramm gehören Carmen Nebel und Andy Borg mit einem strunzlangweiligen Programm, abgespielt vor einer Schar sedierter Senioren, die mit an Riesenpenise erinnernde Luftballons den Takt klatschen zu seichten Schlagern, geträllert von mäßig talentierten Schlagersternchen, die das Jahr über bei Möbelmarkteröffnungen singen dürfen. Warum nicht stattdessen mal die Arie „Im Bombenhagel von Aleppo“ aus der Oper „Syrien brennt“ aufführen? Oder den Chor der vertriebenen Rohingya mit dem Freddy-Quinn-Lied „Heimatlos sind viele auf der Welt“? Alternativen gäbe es also zuhauf. Doch die Programmmacher scheuen offenbar davor zurück, an Weihnachten den Deutschen ihre ohnehin miese Laune mit Geschichten aus dem richtigen Leben zu verderben. Ob die erhöhte Suizidrate über die Weihnachtstage möglicherweise auf das Fernsehprogramm zurückzuführen ist? Man will es nicht wirklich wissen.
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