Nie wieder Krieg. Wann, wenn nicht jetzt?

Ostern, so will es die Bundesregierung, sollen wir weiterhin zu Hause bleiben. Wir halten uns daran. Ein Osterspaziergang (Vom Eise befreit, und so) ist natürlich erlaubt, aber kein Ostermarsch (hopp hopp hopp, Atomraketen stopp). Also Zeit zum Lesen. Der folgende Text ist längenmäßig zumutbar, inhaltlich herausfordernd und sprachlich passabel. Er wurde mit dem Blablameter (www.blablameter.de ) getestet und erreichte einen Bullshit-Index von 0,26. Das ist relativ gut. Es darf trotzdem Kritik geübt werden.  

Die Coronakrise treibt seltsame Blüten. Verschwörungstheoretiker schwadronieren von einer „Machtergreifung unter dem Deckmantel der Volksgesundheit“, sehen als Verursacher der Pandemie wahlweise 5G-Strahlung, Bill Gates, die Pharmaindustrie, die Strafe Gottes, eine biologische Waffe, die zionistisch-kapitalistische Wasweißich oder die Chinesen. Andere wiegeln ab und meinen, die ganze Geschichte sei doch bloß – in Anlehnung an Bruno Labbadia – „von den Medien hochsterilisiert“. Sterilisieren kann in diesen Zeiten ja nicht schaden. Und gegen das Virus nehme man wahlweise ein Sonnenbad, eine aufgeschnittene Zwiebel oder MMS – zu Risiken und Nebenwirkungen fragen Sie Ihren Bestatter.

Was aber hilft gegen die tiefe Verzweiflung über so viel in den sozialen Medien verbreiteten Schwachsinn außer Zynismus? Mein persönliches Rezept lautet: Mundschutz ja – Maulkorb nein. Warum nicht mal die Welt nach Corona ganz neu denken? Seid realistisch, verlangt das Unmögliche! Wann, wenn nicht jetzt, wo das öffentliche Leben weitgehend zum Stillstand gekommen ist, wäre ein guter Zeitpunkt, Pläne für eine bessere Zukunft nach Corona zu schmieden? Gehe zurück auf Los und versuch´s noch mal, aber besser? Nach dem Motto: „Alles könnte anders sein. Eine Gesellschaftsutopie für freie Menschen“ (Harald Welzer).

Hier meine unsortierten spontanen Vorschläge, wie wir leben könnten:

Nie wieder Krieg! Wann, wenn nicht jetzt, wäre ein guter Zeitpunkt, alle aktuellen Kriege und Gewaltkonflikte zu beenden (Syrien, Afghanistan, Libyen, Ukraine, Jemen, Mexico, etc.)? Da müsste man ja nicht einmal etwas tun, sondern nur etwas unterlassen. Verlierer wären die Warlords, die Kriegstreiber, die machthungrigen Despoten, die Waffenproduzenten, aber auf die können wir gerne verzichten. Zugegeben, so einfach ist das nicht. Manche Konflikte sind nicht mal eben so aufzulösen (Nahost). Schon einmal hat es einen günstigen Zeitpunkt für „Nie wieder Krieg“ gegeben, nämlich im Frühsommer 1945. Solche Gelegenheiten ergeben sich nicht oft in der Geschichte, also beim Schopf ergreifen!

Den Klimawandel stoppen: Wie das gehen kann, muss ich hier nicht erklären. Das Pariser Klimaschutzabkommen von 2015 war ein guter Ansatz. Jetzt muss gehandelt werden, global, national, lokal, jede/r im persönlichen Verhalten. Wer wissen will, wie es gehen kann, der/die lese das empfehlenswerte Buch von Rainer Grießhammer (siehe meinen vorherigen Blogbeitrag). Jonathan Franzen meint zwar, es sei eh zu spät („Wann hören wir auf, uns etwas vorzumachen“), hält aber klimaschonendes Verhalten dennoch nicht für sinnlos. Die „Fridays for Future“-Generation hat uns daran erinnert, dass es höchste Zeit ist, den Allerwertesten hochzukriegen.

Die Grenzen des Wachstums: Unsere Lebens- und Wirtschaftsweise ist nicht zukunftsfähig (Club of Rome). Stattdessen brauchen wir ein Konzept nachhaltiger Entwicklung. Was das heißt? Qualitatives statt quantitatives Wachstum, Nutzung alternativer Energien, Erhalt der natürlichen Umwelt, Produktion und Konsum umweltverträglich gestalten. Näheres siehe „Ziele für Nachhaltige Entwicklung“ der Vereinten Nationen.

Armut bekämpfen: Zugegeben auch keine kleine Aufgabe, wenn man globale Armutsbekämpfung meint. Trotzdem ist und bleibt der Kampf gegen die Armut ein Gebot der Humanität, weil alle Menschen das Recht auf ein Leben ohne Hunger, ohne Angst, ohne Verfolgung haben.

Eine humane Flüchtlingspolitik: Wenn eine Pfarrerin im öffentlich-rechtlichen Fernsehen (Wort zum Sonntag) sagt: „Mit Verlaub, ich könnte kotzen“, angesichts der europäischen Abschottungspolitik gegenüber Flüchtlingen, dann muss es wohl Ernst sein. Wir Europäer regen uns über die Mauer von Donald Trump auf, bauen aber selber Zäune und greifen zu Tränengas, um uns Flüchtlinge vom Hals zu halten. Seenotrettung: Fehlanzeige. Stattdessen Millionen für Frontex und die griechische Regierung, die das Asylrecht außer Kraft setzt. Jetzt (9. April) will Deutschland 50 minderjährige Geflüchtete aus den Elendslagern in Griechenland aufnehmen. Was wäre die Steigerung von kotzen?  

Fazit: Ich denke, das reicht für´s Erste. Gesellschaftliche Utopien gäbe es noch mehr. Nun ist das mit den Utopien so eine Sache. Selbst die Philosophen sind sich da nicht einig. Karl Popper hält nichts von utopischen Idealen und schlägt stattdessen vor, reale Probleme zu bekämpfen. Dagegen plädiert Adorno für eine grundsätzlich utopische Haltung: „Empfindsam bleiben ist eine gleichsam utopische Haltung, die Sinne für ein Glück geschärft zu halten, das nicht kommen wird, jedoch uns in Bereitschaft für es vor den ärgsten Verrohungen schützt“. Adornos Texte erreichen übrigens bei Blablameter bessere Werte, als man zu vermuten geneigt ist.

In diesem Sinne: Frohe Ostern!


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5 Comments on “Nie wieder Krieg. Wann, wenn nicht jetzt?”

  1. Avatar von Jürgen Haushalter Jürgen Haushalter sagt:

    Lieber Jürgen, Deine Worte sind treffend. Eine Wende ist längst überfällig, lauert doch schon eine weitere, gigantische Globalkrise um die Ecke.

  2. Avatar von Bernhard Huber Bernhard Huber sagt:

    Hallo Jürgen… war gerade auf deiner Seite und habe Deine Texte gelesen… das »Gesamtpaket«, wie man so schön sagt, gefällt mir und spricht mir aus dem Herzen… umsichtig und nicht coronafixiert, visionär ohne achtsamkeitsdreck und ironisch durchsetzt… ich finde das passt…

  3. Avatar von Andrea Bachstein Andrea Bachstein sagt:

    Wann wenn nicht jetzt?! – Habs sehr gerne gelesen. Mit Genuß, wenn ich das bei diesen aktuellen Themen so sagen darf! Andrea

  4. Avatar von ulinon ulinon sagt:

    Hallo Jürgen,
    gute Zeilen, ansprechend zu lesen… Euch ein aufbrechendes Osterfest…

  5. Avatar von Franziska Franziska sagt:

    Danke für diese erfrischenden, scharfsinnigen, bösen, erzürnten, nie aufgeben wollenden Zeilen.


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