Ukraine: Wenn der Krieg mehr wird als nur eine Nachricht
Veröffentlicht: 13. März 2022 Abgelegt unter: Allgemein, Flüchtlinge, Internationale Politik, Krieg, Pazifismus | Tags: Ukrainekrieg 3 KommentareEines vorweg: Dieser Beitrag ist unsachlich, impulsiv, emotional und unausgewogen. Ich habe mich in den letzten zwei Jahren auf diesem Blog zu vielen Themen geäußert, oftmals ironisch, sarkastisch, einfach nur vor mich hin blödelnd, und ich habe politische, gesellschaftliche und Alltagsereignisse gerne mit Hohn und Spott übergossen. Das geht in diesen Tagen nicht, und ich weiß heute nicht, ob und wann ich wieder zu dieser leichten Art der Kommentierung zurückkehren kann.
Schuld daran ist der Ukrainekrieg. Heute kamen die ersten 14 Kriegsflüchtlinge in dem kleinen Dorf an, in dem ich lebe: Drei Familien, sechs Erwachsene und acht Kinder und Jugendliche im Alter zwischen drei Monaten und 19 Jahren. Wir haben in unserem Dorf seit 2014 mit einer Gruppe von Ehrenamtlichen 47 Flüchtlinge aus Nigeria, Gambia, Afghanistan, Irak, Syrien, Somalia, Türkei, Kamerun, Iran kommen und gehen sehen und versucht, ihnen hier eine neue Heimat zu geben. Manche sind immer noch da, haben Arbeit und Wohnung gefunden, leben unter uns. Die – sehr gemischten – Erfahrungen in diesen acht Jahren habe ich in einer Dokumentation niedergeschrieben: „Neue Heimat für Geflüchtete. Ein Rückblick auf acht Jahre ehrenamtliche Flüchtlingsarbeit in Wittnau.“ Kann man, wenn man will, hier nachlesen.
Nun also Ukraine. Eigentlich habe ich gar nicht viel mit den Neuankömmlingen sprechen können, wegen der Sprachbarriere. Gut, es gab einen Dolmetscher, eine Frau konnte sogar recht gut Deutsch. Es ging auch hauptsächlich um praktische Dinge: Was fehlt noch in der Unterkunft, wo ist der nächste Supermarkt, wo bekommt man eine Simkarte fürs Smartphone. Trotzdem hat mich die Begegnung mit diesen Menschen emotional aufgewühlt. Sie waren von der langen Fahrt am Vortag von der ukrainisch-polnischen Grenze bis zu uns müde und erschöpft. Sie hatten alles verloren, alles zurücklassen müssen, teilweise auch die Ehemänner der Frauen und Väter der Kinder.
Es schnürt mir die Kehle zu, ich kann kaum die Tränen unterdrücken, während ich diese Zeilen schreibe. Dabei müsste ich doch durch meine jahrzehntelange Arbeit für die Caritas in den Not- und Katastrophengebieten der Welt abgehärtet sein. Warum geht mir das so nahe? Was tut man diesen Menschen an? Warum können wir das nicht verhindern? Ich bin Jahrgang 1948, habe den Krieg nicht mehr erlebt, nur die Erinnerung an kindliche Spiele in Trümmerlandschaften. Und die materiellen Entbehrungen in den Nachkriegsjahren. Von den Erzählungen meiner Mutter weiß ich, dass sie vor dem Bombenhagel der Alliierten von Trier nach Thüringen fliehen musste, mit meinem damals dreijährigen Bruder, und dass sie unfreundlich in Thüringen aufgenommen wurde. Dann, im Frühjahr 1945, die Flucht vor der näher rückenden russischen Front zu Fuß von Thüringen bis nach Trier, wo sie in eine zerbombte Stadt und zerstörte Wohnung zurückkam.
Wir hatten gehofft, gedichtet und gesungen: Nie wieder Krieg! Aber dann waren da Vietnam, Korea, der Balkan, Sudan, Jemen, Angola, Afghanistan, Syrien und noch viele andere Kriege …und jetzt eben Ukraine.
Was mich auch zornig macht ist das jetzt wieder hoffähig werdende, garstige Lied von der angeblichen Logik der militärischen Abschreckung, die alleine man für fähig hält, Frieden zu schaffen und Frieden zu bewahren.
I´m not convinced!!!
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Ich halte die Bilder im Fernsehen von den zerstörten Städten und den verzweifelten Kämpfern in der Ukraine kaum aus. Wenn ich morgen früh aufwache, sind diese Bilder sofort da und legen sich wie ein Alp auf die Brust. Wieso kann in diesem Krieg mit vermittlung so gar nichts erreicht werden? Spielen Menschen überhaupt keine Rolle? Ist das wirklich eine emotionale Attacke von Putin oder auf Jahre strategisch vorbereitet gewesen? Für die Leute ist es egal. Mir würde es helfen etwas zu verstehen, was bloß dahinter steckt. Wieso braucht es immer noch Territoriale Ausweitungen und macht über andere? Kann man sich denn nicht in Ruhe leben lassen? Ich bin immer noch ratlos und erschüttert.
Jürgen H.
eine schreckliche Vorstellung für mich wäre umschwenken zu müssen auf „Frieden schaffen mit (mehr) Waffen“ – mit allen Konsequenzen. Die Frage muss erlaubt sein, ob der Westen im Umgang mit Putin kreativ genug war bzw. ist, alle denkbaren, diplomatischen Mittel zu nutzen – ohne einzuknicken.
Hallo Jürgen,
vielen Dank für diesen aufgewühlten, gleichzeig aber auch aufwühlenden Beitrag! Ich hoffe, dass er von vielen Menschen gelesen und kommentiert wird.
Es fällt mir derzeit schwer, nicht zu resignieren.