Vox populi, vox Rindvieh. Oder: Ist die Demokratie am Ende?

Die letzten europäischen Wahlen zeigen: Konservative und rechtsradikale Parteien und Bewegungen sind auf dem Vormarsch. Zuletzt die Wahlsiege der Fratelli d´Italia mit Georgia Meloni in Italien (mit Unterstützung von Mateo Salvini und Silvio Berlusconi) und der rechtspopulistischen Schwedendemokraten. Relativ knapp hat die ultrarechte Front National mit Marie Le Pen die Wahlen in Frankreich verloren, gegen einen Präsidenten, der alles andere als links ist. Polen und Ungarn werden schon lange rechts regiert. Auch Großbritannien hat mit Liz Truss eine verlässliche Nachfolgerin des konservativen Boris Johnson. Allen genannten Staatschef*innen gemeinsam ist, dass sie ihre Legitimation aus demokratischen Wahlen beziehen.

Das trifft auch für den türkischen Präsidenten und dauerbeleidigten Bosporos-Ayatollah Recep Erdoğan zu. Der „lupenreine Demokrat“ Putin lässt sich zwar auch seit 2000 regelmäßig wählen, zuletzt 2018 mit einem Ergebnis von 76,6 Prozent. Angesichts zahlreicher Wahlmanipulationen, Unterdrückung und Verfolgung der Opposition, Verbot kritischer Medien usw. ist die Aussagekraft des Wahlergebnisses doch sehr fraglich. Trotzdem darf auch in seinem Falle von einer hohen Zustimmung in der russischen Bevölkerung ausgegangen werden.

Morgen wird in Brasilien gewählt. Der Amtsinhaber und rechtsextreme Jair Bolsonaro tritt wieder an. Egal, wie die Wahl ausgeht, für Bolsonaro ist klar: Sollte er die Wahl verlieren, kann es sich nur um Wahlbetrug handeln. Nur Gott könne ihn, so Bolsonaro, aus dem Amt berufen. Außerdem brüstet er sich mit seiner sexuellen Potenz, seiner unverhohlenen Sympathie für die Militärdiktatur und dass es Frauen gibt, die es nicht wert sind, von ihm vergewaltigt zu werden. Kommt einem irgendwie bekannt vor. Unterstützung erhält Bolsonaro u.a. von der einflussreichen evangelikalen Sekte „Assembleia de Deus Vitória em Cristo“ und vom prominenten Fussballer Neymar. Man fragt sich, wie ein Mensch mit solchen Ansichten und Charaktereigenschaften Staatspräsident werden kann. Er kann, weil er gewählt wurde. Der Hinweis sei erlaubt, dass auch Adolf Hitler aufgrund einer demokratischen Wahl an die Macht kam.

Ist also das demokratische Prinzip, wonach die Mehrheit, die vox populi, entscheidet, wer über den Staat herrschen soll, richtig? Schon Platon hat vor 2400 Jahren diese Frage gestellt und gemeint, dass die Philosophen, also die gebildeten Menschen, die Besten, die die die Idee des Guten erkannt haben und demnach richtig handeln, den Staat regieren sollen. Die Mehrheit kann schließlich irren.

Wäre es daher nicht naheliegend, analog zum PKW-Führerschein einen „Staatslenker-  Führerschein“ einzuführen, eine Prüfung also, wer für die Führung eines Staates fachlich und charakterlich geeignet ist und wer nicht. Der Fragenkatalog dazu müsste noch entwickelt werden. Ideen dafür hätte ich schon.

Aber vielleicht warten wir mal ab, ob Bolsonaro morgen von Gott abberufen wird.


Über den Umgang mit Menschen III: Autokratische Herrscher

Nachdem wir in den bisherigen Beiträgen dieser Rubrik Verhaltensregeln für Außenminister*innen und Superreiche vorgeschlagen haben, soll es in der heutigen dritten Folge um die Spezies der „Tyrannen, Despoten und andere Idioten“ gehen, um es mal so unterkomplex zu sagen, also um die mit Macht ausgestatteten, aber nicht unbedingt dafür talentierten Menschen, die, so darf zur Freude der Genderforschung schon mal knallhart festgestellt werden, durchweg männlichen Geschlechts waren und sind (Caesar, Nikolaus II., Adolf, Somoza, Fidel Castro, Lukaschenko, Kim Jong-un, und viele mehr).

Schauen wir uns ein paar lebende Exemplare dieser Spezies näher an:

Recep Tayyip Erdoǧan: Auch wenn man kein türkisch kann, weiß man immer, worüber der Mann gerade spricht: Den Schutz des türkischen Volkes vor einer freien Presse, vor der LGBTQ-Community und anderen Terrororganisationen. Erdoǧan ist hochsensibel und irgendwie ständig durch irgendwen beleidigt. Man munkelt, dass er ein eigenes Ministerium für die Verfolgung von Präsidentenbeleidigungen eingerichtet hat. Für Erdoǧan lautet unsere Benimm-Empfehlung: Hallo Rettschi, mach dich locker! Lach doch mal in die Kamera! Das stünde dir besser als diese bräsig-dumpf-empörte Beleidigtenvisage, die Du immer bei Pressekonferenzen raushängen lässt. Und lass doch beim nächsten Staatsbesuch weibliche Delegationsmitglieder nicht wieder am Katzentisch sitzen! (Hinweis für den türkischen Geheimdienst MIT: Macht euch keine Hoffnung, ich habe nicht die Absicht, demnächst in die Türkei zu reisen …)

Wladimir Wladimirowitsch Putin: Auch bei ihm fragen wir uns: Warum schaut er immer so griesgrämig, so missmutig, so schlechtgelaunt? Hat man ihn zu früh abgestillt? In der Schule gemobbt? Musste er beim KGB in Ostberlin mit RAF-Terroristen Halma spielen, um an Nachrichten aus dem Westen zu gelangen? Hat er den Ukrainekrieg einfach nur wegen schlechter Laune losgetreten? Dabei gilt schlechte Laune doch eigentlich als Zeichen für hohe Intelligenz. Ja, ehrlich! Das kann ich nicht nur an mir selber beobachten, sondern das hat ein amerikanisch-kanadisches Forscherteam herausgefunden.

Vielleicht ist Putin ja auch deshalb so traurig, weil er ständig von einer Gruppe von halbdementen, unter ihren Orden fast zusammenbrechenden Arschgesichtern umgeben ist und sein einziger wirklicher Freund Gerhard Schröder nur noch selten zum gemeinsamen Angeln kommt? Oder weil bei seinen Auftritten in der Öffentlichkeit komisch gekleidete Figuren große goldene Flügeltüren aufreißen und dabei extreme Verrenkungen machen?  

Unsere Empfehlung für Wladi, damit er mal auf andere Gedanken kommt, lautet: Hör Dir einfach mal meine Spotify-Liste der Antikriegssongs an: Brothers in Arms, Blowing in the Wind, Es ist an der Zeit, Universal Soldier, Sag mir wo die Blumen sind, Le Deserteur, Nein meine Söhne geb ich nicht. Und der Knaller von Udo Lindenberg: Wozu sind Kriege da? Herr Präsident, erklär uns das mal!  

Hebatullah Achundsada: Wer einen so schönen Namen hat, der kann eigentlich kein schlechter Mensch sein. Und doch verbannt der Obertaliban Hebatullah Achundsada die afghanischen Frauen aus Schulen und Universitäten und verdonnert sie zum Tragen einer Burka in der Öffentlichkeit. Lieber Achundsada – oder soll ich lieber sagen: lieber Heba: Lass doch die Mädels ihre Schönheit zeigen, so wie Allah sie geschaffen hat! Und wenn deine männlichen Zeitgenossen ihre Hormone nicht im Zaum halten können, versuch´s mal mit Pornofilmchen bei Kabinettsitzungen: Das wird bestimmt ein Riesengaudi! Im britischen Unterhaus gibt es auch Abgeordnete, die während der Sitzungen Pornos schauen. Also seid mal nicht so verklemmt, liebe Taliban!

Kim Jong-un: Für sein Babygesicht kann der Mann nichts. Aber für seine Frisur schon. Ein Foto von ihm wurde von einem Londoner Friseur zum „Tag der schlechten Frisur“ ausgestellt (kam in Nordkorea nicht so gut an), und eine US-amerikanische Satirezeitschrift kürte ihm zum „Sexiest man alive“. Ob das stimmt, sollen meine geneigten Leserinnen entscheiden. Fest steht jedenfalls, dass der nordkoreanische Suppenkasper gerne mit Raketen spielt und seinen unliebsamen Bruder vergiften ließ. Gegen Corona empfahl er unlängst Ingwertee und Gurgeln mit Salzwasser.

Was kann man dem Mann raten, um sein ramponiertes Image aufzubessern? Vor allem mal den Friseur wechseln. Und nicht so viele fettige Sachen essen. Die Raketen in der Spielkiste lassen und lieber mal die Wiedervereinigung mit Südkorea voranbringen – damit könnte er Punkte gutmachen!   

Es wäre nun allerdings unangemessen, alle Angehörige dieser Spezies über einen Kamm zu scheren. Sie sind auf unterschiedliche Weise an die Macht gekommen, entweder durch pseudodemokratische Wahlen, und/oder unter Zuhilfenahme von Korruption, Einschüchterung und Lügen, manche auch mit brachialer Gewalt. Christen haben die Hoffnung, dass es für diese Menschen eine eigene Abteilung in der Hölle gibt, wo sie dann untereinander klären müssen, wer der Bestimmer ist. Das stelle ich mir lustig vor.

Allen Despoten, Tyrannen, Diktatoren und Autokraten – es gibt derer noch viele – schreiben wir ein Zitat von C.G. Jung ins Gästebuch: „Die Identifikation mit Amt und Titel hat etwas Verführerisches, weshalb viele Männer nichts anderes sind, als ihre von der Gesellschaft ihnen zugebilligte Würde. Es wäre vergeblich, hinter dieser Schale eine Persönlichkeit zu suchen, man fände bloß ein erbärmliches Menschlein. Darum eben ist das Amt … so verführerisch, stellt es doch eine billige Kompensation für persönliche Unzulänglichkeiten dar“ (C.G. Jung, Gesammelte Werke VII).