Impftermine buchen kann süchtig machen

Eine neue Sucht grassiert im Land: Wir buchen uns einen Impftermin. Online oder telefonisch, es ist ein bisschen wie Lotto spielen. Jemand aus meinem Bekanntenkreis hat nach neun Tagen und ungezählten Versuchen zu allen Tages- und Nachtzeiten einen Treffer erzielt. Andere, so hört man, haben sofort das große Los gezogen. Ich selbst bin erst seit zwei Tagen impfberechtigt, aber schon zeigen sich erste Anzeichen einer Sucht. Einen Impftermin buchen, das ist im Prinzip ganz einfach. Entweder die Telefonnummer 116117 anrufen oder über die Internetseite: www.impfterminservice.de. Beim Telefonanruf bekommt man, wenn es gelingt, die Ansage der Warteschleife zu durchbrechen und einen richtigen Menschen zu erreichen, die Auskunft, dass in den Impfzentren in 100 km Umkreis vom Wohnort aktuell keine freien Impftermine zur Verfügung stehen. Die online-Buchung kommt zum gleichen Ergebnis:

Wir probieren es also später erneut. Seit heute gibt es, und das ist offenbar neu, auf dem online-Portal einen „virtuellen Warteraum“:

„Wir bitten um etwas Geduld“ – wieviel aber ist „etwas“?, und „Sie müssen nichts weiter tun“. Jetzt mach das mal über mehrere Stunden, das Nichtstun, wenn Du nicht durch jahrelange Meditation darin geübt bist. Ich wurde auch erst beim dritten Versuch „automatisch weitergeleitet“. Im realen Wartezimmer beim Arzt könnte man wenigstens alle Zeitschriften lesen, die dort üblicherweise ausliegen. Du traust Dich auch nicht, für längere Zeit den Computer zu verlassen, denn es könnte ja sein, das just in dem Moment dein Impftermin angeboten wird, und wenn Du vom Klo zurück bist, ist er schon wieder vergeben.

Ich wurde dann aber tatsächlich irgendwann automatisch weitergeleitet und durfte angeben, ob ich auch wirklich zu den Impfberechtigten gehöre. Und dann diese hoffnungsvolle Meldung:

Ich habe dann meine Mailadresse und meine Mobilfunknummer eingegeben und schwuppdiwupp bekam ich eine 6-stellige PIN geschickt, die ich in die folgende Maske eingeben musste:

Leider erfolgte trotz korrekter Eingabe der PIN die Meldung „Technischer Fehler“. Gut, das kann ja mal passieren. Bei der Bahn heißt das „betriebsbedingte Störung“. Bevor ich das Programm bitten konnte, mir eine neue SMS mit neuer PIN zu schicken, war das Anfragelimit erreicht, was immer auch das bedeuten mag:

Ich probiere es weiter. Irgendwann, so sagt die Lebenserfahrung, wird es auch für mich einen Impftermin geben. Frau Merkel und Herr Spahn haben es versprochen.


Wir basteln uns eine Regierung

Bis zur Bundestagswahl im September ist es noch eine Weile hin. Dann werden, so ist zu erwarten, viele, vielleicht sogar alle Posten im Bundeskabinett neu besetzt. Man kann davon ausgehen, dass die Parteien, die jetzt im Bundestag sitzen, auch im neugewählten Parlament vertreten sein werden. Es wird auch neue Gesichter im Bundestag geben. 

Wer aufgrund des Wahlergebnisses die Regierung bilden darf, wissen wir noch nicht. Heute spielen wir mal „Wir basteln uns eine Bundesregierung“. Spielfiguren sind die aktuellen Bundestagsabgeordneten. Das macht Spaß! Einfach die bisherigen Kabinettsmitglieder rausschmeißen und durch eigene Wunschkandidaten ersetzen. Die komplette Mannschaft vom Platz stellen und austauschen! Versuch es doch auch selber mal! Ist ja nur ein Spiel.

Ich will die Wahl meines persönlichen Schattenkabinetts auch gerne kurz begründen. Bei meinen Vorschlägen für Neubesetzungen habe ich mich leiten lassen vom äußeren Erscheinungsbild (Frisur, Makeup, Garderobe, etc), Charisma (das ist das, was Olaf Scholz nicht hat), Talkshowpräsenz, Entertainmentfaktor, Bauchgefühl, Sitzfleisch im Bundestag, Genderproporz, Blabla-Kompetenz. Parteizugehörigkeit interessierte mich wenig, außer dass die AfD von mir keinen Posten kriegt. Nicht mal Saaldiener oder Türsteher im Reichstag!!!

Hier nun meine Liste der Ab- und Neuberufungen:

Bundeskanzler/in

Angela Merkel muss man nicht abberufen. Sie geht freiwillig. Ihre Bilanz ist gemischt, aber im Großen und Ganzen könnte man ihr wohlwollend bescheinigen: well done. Ihre größte Leistung: Wir schaffen das. Dass sie mit „wir“ uns, die ehrenamtlichen Flüchtlingshelferinnen und -helfer meinte, haben wir erst später begriffen.

Als Neubesetzung und Kontrastprogramm schlage ich Claudia Roth vor, weil sie mehr Abwechslung in den Kleiderschrank der Bundeskanzlerin bringen würde und weil sie es bisher nur bis zur Bundestagsvizepräsidenten geschafft hat. Einen Karrieresprung hätte sie verdient. Außerdem ist sie bevorzugte Hassfigur rechter Kreise. Mit ihren Erfahrungen als Dramaturgin am Theater und Managerin der Politrockband Ton Steine Scherben sollte sie in der Lage sein, eine Gurkentruppe (= Bundesregierung) zu führen. Ersatzweise könnte ich mir auch Annalena Baerbock als Regierungschefin vorstellen.  Obwohl der Habeck Robert ja auch ganz knuffig ist. Bock oder Beck, das könnte die Frage sein.

Finanzen

Olaf Scholz, der Stoiker unter den Ministern, Pokerface und Meister der verschachtelten Statements, „halbautomatische Wortstanzmaschine“ (Peter Dausend), sollte es nicht schwer haben, als Animator im Schlaflabor eine Anstellung zu finden. Immerhin, das kann man ihm zugute halten, leidet er nicht unter Gefühlsinkontinenz.

Mein Wunschkandidat für das Finanzministerium: Dietmar Bartsch.

Was ihn dafür prädestiniert? Er hat, glaube ich, keine Ahnung von Finanzen, hat Politische Ökonomie studiert. Was soll man sich denn darunter vorstellen? Sein Motto: „Leistung lohnt sich nicht in Deutschland“. Das wäre ja auch noch schöner.

Bundesministerium des Inneren, für Bau und Heimat

Horst Seehofer, stramm katholisch-konservativ (woran eine außereheliche Affäre mit Folgen nichts ändert), ausgestattet mit allumfassender Kompetenz, weshalb er schon mehrere Ministerien leiten durfte, bekannt durch seine Sehschwäche auf dem rechten Auge bei Polizei und Sicherheitsorganen und Freund kompromissloser Abschiebungen (amüsierte sich, dass zu seinem 69. Geburtstag 69 afghanische Flüchtlinge abgeschoben wurden krchh, krchh, krchh…), sollte nach Bayern entsorgt werden.

Und wer könnte Inneres, Bau und Heimat besser vertreten als Philipp Amthor!

Der Bengel ist zwar noch jung und unerfahren, aber auch stramm rechts und stets von Mami ordentlich gekleidet. Hat jemand was von „anfällig für Bestechung“ gesagt? Seit wann soll das ein Ausschlusskriterium für Ministerposten sein? Der Philipp Amthor will ja unbedingt noch was werden als Politiker. Da könnte er auf diesem Posten mal zeigen, was er drauf hat. 

Gesundheit

Jens Spahn, ach Gott, ja. „Bundesankündigungsminister“, Hassobjekt der Ärzte und Psychotherapeuten. Irgendwie kann er einem schon leidtun, muss ständig bei Interviews rumeiern und den Coronaschlamassel der Bundesregierung rechtfertigen. Wir entlassen ihn hiermit, er wird nicht auf Hartz-IV angewiesen sein, wäre aber auch kein Problem, denn „Hartz-IV bedeutet keine Armut“, so Spahn 2018.

Wer Gesundheitsminister werden muss, ist ja wohl glasklar:

„Fliegen“-Karl Lauterbach. Der Dauertalkshowgast bei ARD und ZDF weiß schwer Bescheid und ärgert seine Partei ständig mit nicht-parteikonformen Ideen. Seine Markenzeichen: Die sonor-nuschelige Sprechmelodie und die Fliege. Letztere lässt er mittlerweile im Schrank, um die Akzeptanz seiner öffentlichen Statements zu erhöhen. So geht Politik.

Verkehr und digitale Infrastruktur

Den Andi Scheuer müsste man ja eigentlich als Minister behalten, allein schon wegen der Folklore. Krass, was der Kerl alles verzapft hat: „Tempolimits sind gegen jeden Menschenverstand“ – bei diesem Spruch ist sein Resthirn wohl von einer Dieselwolke vernebelt worden. Als Minister ein low performer, aber genial beim fickfacken (bitte im Duden nachschlagen) in Sachen Mautdebakel vor dem Untersuchungsausschuss im Bundestag. Lieber Andreas Scheuer: We will miss you!

Auf jeden Fall muss eine Frau auf diesen bisher ausschließlich Männern vorbehaltenen Posten. Meine Wahl: Dorothee Bär. Die war schon mal Staatssekretärin bei Alexander Dobrinth und ist jetzt Beauftragte der Bundesregierung für Digitalisierung. Irgendwas mit digital ist ja auf jeden Fall gut. Was sie wohl zum Tempolimit meint? Persönlich hoffe ich darauf, dass sie endlich ein Fahrverbot für Bobbycars in Innenstädten durchsetzt.

Auswärtiges Amt

Heiko Maas gibt trotz enggeschnittener Maßanzüge und lustigem Augenzwinkern nicht die beste Figur ab, wenn es darum geht, ausländische Despoten und Diktatoren in den Senkel zu stellen.

Zum neuen Außenminister wird von mir Jürgen Trittin ins Kabinett berufen. Der rhetorisch versierte, ehemals links-maoistische Aktivist und Mitglied des Kommunistischen Bundes könnte Leuten wie Putin und Xi Jinping gut Paroli bieten. Er war schon mal Umweltminister („Ökostalinist“) und hat sich einen Ruf als DJ Dosenpfand erworben. Diplomatie ist nicht so sein Ding, aber das ist bei Kotzbrocken wie Erdogan, Orban oder Lukaschenka auch fehl am Platz.

Wirtschaft und Energie

Peter Altmeier, Verhinderer einer klimafreundlichen Politik und Energiewende, Amigo der Wirtschaft und des fettreichen Essens, Dauerabonnent bei Anne Will, hat jetzt genug gelabert. Wir stellen ihn frei, damit er sich seinem eigentlichen Interesse, dem guten Essen und Trinken, widmen kann.

Peter Altmeier wird durch Renata Alt ersetzt. Damit sparen wir uns den Meier und müssen namensmäßig nicht so viel umlernen. Frauen haben eh mehr Energie für die Wende. Frau Alt ist in der FDP, hat aber trotzdem Ahnung von Finanzen.

Justiz und Verbraucherschutz

Christine Lambrecht hat zwar nichts Böses angestellt und keinen großen Mist gebaut, und dass sie aus Hessen kommt, dafür kann sie ja nichts…  

… aber ich würde den Posten gerne an Linda Teuteberg vergeben. Nicht nur, weil sie so aussieht, wie sie heißt, sondern weil sie Jura studiert hat und von FDP-Chef Lindner mit einem chauvinistischen Altherrenspruch geschasst wurde. Wie guter Verbraucherschutz aussieht, kann sie ja vielleicht noch lernen.

Arbeit und Soziales

Hubertus Heil, gegen den kann man eigentlich nichts haben, der kann meinetwegen bleiben. Falls er nicht mehr will, würde ich meinen ehemaligen Arbeitskollegen Peter Weiß aus Freiburg/Emmendingen vorschlagen.

Peter Weiß hat sich seit 1998 als Sozialpolitiker der CDU den Hintern im Bundestag plattgesessen. Als Minister müsste er halt noch lernen, weniger vernuschelte Ansprachen zu halten (siehe z.B.: https://peter-weiss.de/reden/ vom 2.7.2020). Die Fleischindustrie hätte von ihm nichts zu befürchten.

Verteidigung

Annegret Kramp-Karrenbauer, allein schon phonetisch eine Zumutung, man mag nicht wissen, wie sie bei Auslandsbesuchen angesprochen wird. In ihrer Heimat, dem Saarland, ist sie „es Annegret“. Hat(te) weder als CDU-Vorsitzende noch als Verteidigungsministerin ein glückliches Händchen. Muss sich mit rechtsradikalen Strömungen in der Truppe rumschlagen und hätte gern mehr Kohle für so Sachen wie bewaffnete Kampfdrohnen. Wegtreten.

Für das Verteidigungsministerium kommt für mich nur Tobias Pflüger in Frage. Kennt man nicht? Doch. Der Pfarrerssohn ist eine Galionsfigur antimilitaristischer Bewegungen in Deutschland. Er wäre ein Garant dafür, dass die Bundeswehr abgeschafft wird und das Verteidigungsministerium in Friedensministerium umgetauft werden kann. Tobias, Du schaffst das!

Kleiner Exkurs: Wenn es nach mir ginge, würde ich das Außenministerium, das Entwicklungsministerium und das Verteidigungsministerium zusammenlegen zu einem Ministerium für zivile Konfliktbewältigung, Friedensförderung und globale Fragen. Das spart Stellen und macht mehr Spaß als die Finanzierung einer Truppe, die eh nur dazu da ist, den Feind so lange aufzuhalten, bis richtige Soldaten kommen…

Bundeskanzleramt und besondere Aufgaben

Als Ersatz für Helge Braun, Chef des Kanzleramtes, fällt mir eigentlich nur Pu der Bär ein.

Andererseits: Zu meinem Vorschlag, Claudia Roth zu Kanzlerin zu machen, würde Sarah Wagenknecht eine pikante Ergänzung im Kanzleramt sein. Ob die Beiden miteinander könnten?

Ernährung und Landwirtschaft

Julia Klöckler, die wir hier schon mal als „Die heilige Julia der Schlachthöfe“ gewürdigt haben (siehe Beitrag vom 27.05.2020 zum Tag des Hamburgers) und die immer aussieht wie gerade aus der Brigitte Woman entsprungen, hat genug genervt. Die ehemalige deutsche Weinkönigin, jetzt „Botschafterin des Bieres“, ehrenamtliche Pressesprecherin der Fa. Nestlé, Befürworterin des Pestizideinsatzes in der ökologischen Landwirtschaft und der betäubungslosen Kastration von politischen Gegnern (oder waren es Ferkel? egal) war zwar für den Deutschen Bauernverband die Idealbesetzung, aber sie muss jetzt gehen.

Als Ersatz käme für mich, wenn weiterhin das Schönheitsideal von Brigitte Woman maßgebend sein soll, Brigitte Noll in Frage. Falls aber Kompetenz eine Rolle spielen sollten, was für die Besetzung von Ministerposten ungewöhnlich wäre, würde ich Renate Künast vorschlagen. Die hatte den Job schon mal inne und weiß, wie man die Bauernlobby in Schach hält.

Familie, Senioren, Frauen und Jugend

Franziska Giffey, die Frau mit der Kleinemädchenstimme (sympathisch!) und dem Stress mit ihrer Doktorarbeit will sowieso in die Landespolitik zurück. Wir lassen sie ziehen.  

Wer aber kennt sich aus mit Familie, Senioren, Frauen und Jugend? Hier würde ich mal eine Ausnahme machen und aus der Männerfraktion AfD die Abgeordnete Beatrix von Strolch vorschlagen. Die Dame, mit vollem Namen Beatrix Amelie Ehrengard Eilika von Storch, geborene Herzogin von Oldenburg, könnte ihre reaktionären Positionen zur Familien- und Geschlechterpolitik austoben und gelegentlich wutentbrannt mit dem Fuß aufstampfen. Oder war das mit dem Fußaufstampfen die Alice Weidel?

Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung

Auch Gerd Müller will nicht mehr kandidieren. Er hat einen ordentlichen Job gemacht, hätte man von der CSU so nicht erwartet. Sein Vorgänger Dirk Niebel, der sich vor allem durch Vetternwirtschaft, Teppichschmuggel und rambomäßiges Auftreten hervorgetan hat, hat jetzt bei Rüstungskonzern Rheinmetall seine ihm angemessene Heimat gefunden.

2010 sah sich Niebel veranlasst, meine Kritik an der Afghanistan-Politik des Ministeriums in einem offenen Brief zurückzuweisen. Als Nachfolger in diesem unwichtigen Amt möchte ich deshalb in aller Bescheidenheit mich selbst vorschlagen. Da könnte ich endlich meine fortschrittlichen Ideen von einer besseren Entwicklungspolitik in die Tat umsetzen (z.B. alle Indianer werden mit Trigema-Unterwäsche ausgestattet). Meine Qualifikationen: Ehemaliger Schülerlotse, Mehrfachblutspender, Flipperkönig von Horchheim und Saxophonist im Wittnauer Blasorchester. Das sollte ja wohl reichen.  

Für die restlichen Ministerien: Umwelt, Naturschutz und Nukleare Sicherheit (Svenja Schulze) und Bildung und Forschung (Anja Karliczek) habe ich jetzt keine Personalvorschläge mehr. Ihr vielleicht?


Mein wunderbares Hörgerät. Ein Beitrag zum Welttag des Hörens

Ich habe ein Hörgerät (ja, nur eins, weil das rechte Ohr noch ohne auskommt). Ein Wunderwerk der Technik. Winzig klein, kaum drei Gramm schwer. Aber auch recht teuer. Würde man bei Hörgeräten wie bei Lebensmitteln den Kilopreis angeben, hätte bei mir eine knappe Million Euro stehen müssen. Aber das nur am Rande. So ein Hörgerät leistet Erstaunliches. In einem an den Gehörgang angepassten Stöpsel ist ein winziger Lautsprecher. Der ist mit einem dünnen Draht mit dem Computer verbunden, der hinter der Ohrmuschel getragen wird. Sieht man kaum. Und noch was: Es ist nicht nur ein Hörgerät, sondern auch ein Sprechgerät! Gut, der Wortschatz ist begrenzt und beschränkt sich auf Einwortsätze. Meines sagt zur Begrüßung, wenn ich es im linken Ohr befestige, immer „links“. Das hilft bei der Orientierung in der immer komplizierter werdenden Welt. Je nach äußeren Umständen kann ich das Hörgerät umschalten. Es sagt dann „Universal“, „Musik“ oder „Hörkomfort“. Der einzige Dreiwortsatz, den das Gerät fehlerfrei beherrscht, lautet „Batterie fast leer“ (Korrekt müsste es natürlich heißen: Die Batterie ist fast leer, stupid.) Der Satz wird dann mehrmals wiederholt – vermutlich, weil man Träger von Hörgeräten grundsätzlich für dement hält -, bis die Batterie tatsächlich leer ist und Schluss mit Hören und Sprechen. Nach dem Batteriewechsel sagt es wieder „links“. Leider habe ich die Frau, die in meinem Ohr spricht, noch nicht persönlich kennengelernt. Ich hätte ihr gerne meinen Dank ausgedrückt dafür, dass sie sich bei ihren Wortbeiträgen nur auf das absolut Notwendige beschränkt. Das macht so ein Hörgerät ausgesprochen sympathisch.

Aber es lauern auch Gefahren. Weil es so klein ist und die lockere Befestigung hinter dem Ohr nicht sehr verlässlich hält, kann es leicht verloren gehen. Zum Beispiel ins Klo fallen oder beim Abnehmen des Fahrradhelms oder Mundnasenschutzes irgendwie verheddern. Neulich fiel es in einem unachtsamen Moment auf den Boden. Der Hund fand Gefallen daran und konnte gerade noch rechtzeitig vom Verzehr abgehalten werden. Mein Hörakustiker kennt Kunden, die schon mehrmals Ersatzbeschaffungen für ihr Hörgerät brauchten, wegen dem Hund.

(An dieser Stelle würde jetzt Werbung für Hörgeräte kommen, aber dafür brauche ich noch ca. 5.000 Abonnenten auf meinem Blog. Ein Anfang ist gemacht …)


Leicht verderblich: Was Obst und Kleidung gemeinsam haben

Wenn es nach der Modebranche geht, dann sollten wir mindestens zweimal im Jahr unseren Kleiderschrank ausmisten und die neue Frühjahrs- oder Herbstkollektion kaufen. Würden wir diesem Konsumdiktat auch nur eingeschränkt folgen, dann würde das in einem Zeitraum von drei bis fünf Jahren zu einem kompletten Austausch unserer Garderobe führen – je nachdem, wie modebewusst und ausgabenfreudig mensch ist. Wer als Wohnungslose/r unter der Stadtbahnbrücke logiert, hat naturgemäß geringere Ansprüche an eine adrette Garderobe als der Versicherungsdirektor, die Nachrichtensprecherin, die/der Bankangestellte/r oder die Kosmetikerin. Bei vielen meiner Hemden, Pullover, Hosen ist die Mindesthaltbarkeit längst abgelaufen, aber ich trage sie immer noch gerne. Neulich habe ich einen dreißig Jahre alten Jogginganzug schweren Herzens in die Altkleidersammlung gegeben. Eigentlich war er noch brauchbar.

Bei Modeartikeln gibt es auch in normalen Zeiten eine Überproduktion – von zehn bis dreißig Prozent ist die Rede. Nicht verkaufte Ware wird entweder verramscht oder landet in der Müllverbrennungsanlage. Corona hat das Problem unverkaufter Kleidungsstücke nun drastisch verschärft. Wie die ZEIT (Nr. 8 vom 18.02.2021) berichtet, könnte mindestens eine halbe Milliarde Kleidungsstücke diesen Winter in Deutschland unverkauft bleiben. Für die stationären Modehändler ist das dramatisch. Viele werden die vorübergehende Schließung ihrer Läden nicht überleben. Die Hersteller, so berichtet die ZEIT, haben die Produktion aufgrund der aktuellen Situation deutlich gedrosselt, mit der Folge, dass hundertausende Textilarbeiterinnen in den Zulieferbetrieben in Bangladesch, Indien oder Pakistan arbeitslos werden.

Angesichts dieser Situation traut man sich kaum noch, die Frage zu stellen, ob es nicht ohnehin an der Zeit wäre, die Produktions- und Konsumbedingungen in der Textilindustrie grundsätzlich zu hinterfragen. Wer beim Kauf eines T-Shirts wissen will, unter welchen Bedingungen es produziert wurde und wieviel die Näherin in Bangladesch dafür bekommt, kann sich informieren. Das von Entwicklungsminister Müller angestrebte, kürzlich verabschiedete Lieferkettengesetz wurde von der Wirtschaft und von seinem Ministerkollegen Altmeier bis auf den letzten Blutstropfen blockiert und verwässert. Aber wir Verbraucher sollten nicht nur mit dem Finger auf die Wirtschaft und die Politik zeigen. Es ist wohlfeil, von Industrie und Handel nachhaltiges und ressourcenschonendes Wirtschaften einzufordern, wenn wir wenig getragene Kleidung aussortieren und im Altkleidercontainer entsorgen, damit wieder Platz im Kleiderschrank für den neuesten Modeschrei ist.


Die FIFA-Ethik und das Sommermärchen

Diese Meldung kam heute über die DTS Nachrichtenagentur: „Die Ethikkommission der FIFA hat entschieden, das Verfahren gegen Franz Beckenbauer, den Ex-DFB-Präsidenten Theo Zwanziger und den früheren DFB-Generalsekretär Horst R. Schmidt zum WM-Sommermärchen 2006 nicht weiter zu verfolgen. Das Verhalten der Akteure „kann aufgrund des Ablaufs der geltenden Verjährungsfrist für die Strafverfolgung gemäß Artikel 12 des FIFA-Ethikkodex (FCE) nicht strafrechtlich verfolgt werden“, teilte der Fußball-Weltverband am Donnerstagnachmittag mit. DFB-Präsident Firtz Keller hatte zuvor immer wieder um Aufklärung zu den Vorgängen rund um die WM-Vergabe aufgerufen.“

Armer „Firtz“ Keller: Jetzt hat dich die FIFA im Regen stehengelassen. Sollte es Dir doch noch gelingen, die Machenschaften der DFB-Akteure bei der Vergabe der Weltmeisterschaft 2006 aufzudecken, wird der FIFA-Ehrenkodex Dir wahrscheinlich den Titel „Nestbeschmutzer des Jahres“ verleihen. Dann komm halt nach Freiburg zurück, wir geben Dir Asyl, und Du darfst wieder Fritz heißen.  


Ein Gespenst geht um in Deutschland: Verbot von Einfamilienhäusern!

Die aktuelle Diskussion um den Bau von Einfamilienhäusern, ausgelöst durch eine Entscheidung in Hamburg-Nord, bei neuen Baugebieten keine Einfamilienhäuser mehr zuzulassen, zeigt vor allem eines: Es geht nicht um Sachargumente und Fakten, sondern um eine scheinheilige, Tatsachen verdrehende, ideologisch verbrämte Schlammschlacht aus rechten CDU-Kreisen gegen die „Verbotspolitik der Grünen“ und deren „grundsätzliche Abneigung gegenüber Eigentum“ – so der Vorsitzende des CDU-Wirtschaftsrats Hamburg, Hennecke Lütgerath. Der CDU-Landesvorsitzende aus Thüringen, Christian Hirte schwadroniert von der „grünen Verbotspartei mit dem Einfamilienhaus als Feindbild“. Andere reden vom „Traum linker Ideologen“. CSU-Landesgruppenchef Dobrinth glaubt einen „ideologischen Kampf von links-grün gegen das Eigentum“ ausmachen zu können. Was der Verband der Haus- und Grundbesitzer dazu meint, wollen wir erst gar nicht wissen.

Leute, haltet einfach mal kurz die Luft an, wischt Euch den Schaum vor dem Mund ab, dimmt Euren Wutpegel runter und schaltet Euer Hirn ein!

Über das Privateigentum an Grund und Boden, die damit in Zusammenhang stehenden Profitinteressen und die Sozialbindung des Eigentums, wie sie das Grundgesetz versteht, wäre noch viel zu sagen. Das möchte ich Menschen überlassen, die davon mehr verstehen als ich. Man muss sich dazu auch nicht durch die 1100 Seiten des Marx´schen Opus „Grundrisse der Kritik der politischen Ökonomie“ (Dietz Verlag Berlin 1974) quälen. Hier ein paar Tatsachen, die selbst ich verstanden habe:

  • Boden ist ein knappes, nicht vermehrbares Gut. Einfamilienhäuser verbrauchen mehr Fläche als Mehrfamilienhäuser. Es ist also grundsätzlich vernünftig, flächenschonend zu bauen und mehr Wohnraum auf begrenzt verfügbarem Bauland zu schaffen. Das entspricht auch dem Bedarf und der Nachfrage insbesondere von Familien nach bezahlbaren Wohnungen.
  • Über den Wohnungsbau entscheiden die Kommunen vor Ort. Auch auf dem Land führt die Knappheit an Bauland zu verstärktem Bau von Mehrfamilienhäusern.
  • Eigentum verpflichtet (Art. 14 GG). Enteignungen sind nach dem Grundgesetz möglich. Spekulation mit Bauland ist nicht im Interesse des Gemeinwohls. Dem einen Riegel vorzuschieben ist sozialpolitisch geboten.

Also: Oma darf ihr klein Häuschen behalten. Die Debatte darüber, wie eine sozial orientierte Wohnungsbaupolitik aussehen soll, muss geführt werden, aber nicht ideologievergiftet, sondern mit Sachargumenten.


Der Computer brennt. Erinnerungen an die EDV-Steinzeit.

Wenn der PC, der Laptop oder das Smartphone wieder mal unverständliche Fehlermeldungen ausspucken und Sie, liebe/r User*innen nicht wissen, ob Sie gerade im Tabletmodus, Flugzeugmodus oder Deliriummodus sind, oder ob Ihnen gerade ein Windows Update den Homeoffice-Alltag zerhackt oder ob Ihnen vielleicht Netzwerkprobleme um die Ohren fliegen – einfach mal ein Nutellabrötchen schmieren und abwarten. In die Schreibtischkante beißen hilft eh nicht weiter. Über meinem PC-Arbeitsplatz hing lange Zeit eine Glosse, die vor genau 25 Jahren aus damals aktuellem Anlass geschrieben wurde (vor der Rechtschreibreform und gendergerechter Sprache!), und die ging so:

Mein EDV-Alltag. Aus dem Tagebuch eines Users.

Früher begann der Arbeitsalltag eines homo buerocraticus damit, daß er sich zunächst vom ordnungsgemäßen Zustand seines Arbeitsgerätes überzeugte: Bleistift gespitzt? Farbband in der (mechanischen!) Schreibmaschine noch brauchbar? Kohlepapier für Durchschläge ausreichend vorhanden? Das ist, wie die erwähnten Utensilien vermuten lassen, schon ganz schön lange her. Heute beginnt der Büroalltag mit dem „Einloggen“. EDV-erfahrene Leser und Leserinnen wissen, daß damit keine unzüchtige Handlung gemeint ist. Mitnichten. Mit „einloggen“ wird jener Zustand hergestellt, den meine Kollegin aus dem Markgräflerland als „der Computer brennt“ bezeichnet. Wer nun glaubt, daß, wenn der Computer brennt, sozusagen schon die schwierigsten Hürden des Tages gemeistert sind, der ist auf dem Holzweg. Der Einstieg in das digitale Büroleben geht selten ohne Umwege vonstatten, sondern ist begleitet von mysteriösen, parapsychologischen Phänomenen, die den Benutzer -pardon! – den User – in tiefe Bestürzung, Ratlosigkeit oder gar Verzweiflung zu versetzen vermögen.

Zum Beispiel gestern: Einloggen wie üblich. „You have mail!“ – das vermeldet mein PC-Bildschirm jeden Morgen als erstes. Und wie jeden Morgen weiß ich, daß es sich dabei um eine infame Lüge handelt, jedenfalls meistens. Wo ich doch so gerne Post bekomme. Ein unerklärlicher Programmfehler, sagen die Experten. Manche Tage bestehen aus einem einzigen unerklärlichen Programmfehler. So wie gestern. Kaum hatte ich mich durch die verschiedenen Menü-Punkte bis zu meinem Lieblingsprogramm, den Projektanwendungen, vorgearbeitet, da deuchte mir bereits weiteres Ungemach. Der Bildschirm präsentierte mir nämlich die folgende Fehlermeldung:

„Die Anwendung ist im Nachbearbeiten des Wertes, den sie selbst gesetzt hat, oder im Operator vom Typ DISPLAY gescheitert. Bitte die Anwendung auf diese Inkonsistenz überprüfen.“

Tja. Da helfen auch 13 Jahre Deutschunterricht einschließlich Kafka, Handke und schriftlicher Abiturprüfung nicht weiter. Da muß ein der Computersprache mächtiger Systembetreuer her. Der ist aber wie immer, wenn der Computer wirklich brennt, gerade unauffindbar, und ich bin bis auf weiteres zur Tatenlosigkeit verurteilt.

Früher war der schlimmste Büro-GAU ein verheddertes Farbband in der Schreibmaschine. Mit einer Mischung aus gesundem Menschenverstand, handwerklichem Geschick und einer entsprechend zurechtgebogenen Büroklammer konnte man das wieder in Ordnung bringen. Heute gibt es erstaunlicherweise immer noch Büroklammern, aber sie können nicht mehr zweckentfremdet werden, zum Beispiel, um eine Anwendung auf diese Inkonsistenz zu überprüfen. Eigentlich schade.

(Jürgen Lieser, März 1996)


Trump: Freispruch für das Unrecht

Mehr Evidenz, mehr klare Beweislage geht nicht: Ein Präsident, der gegen das eigene Volk handelt, der Steuern hinterzieht, unliebsame Parteigänger reihenweise feuert, die Justiz behindert, sich mit Bibel inszeniert, mit Putin und anderen Despoten den Schulterschluss sucht, den russischen Geheimdienst benutzt, um seine Konkurrentin bei den Präsidentschaftswahlen in Misskredit zu bringen, das jüngste Wahlergebnis leugnet, der ununterbrochen lügt und betrügt, Verschwörungsmythen propagiert, Corona verharmlost, gewaltbereite Neonazis lobt, zum Sturm auf das Kapital aufruft, Schweigegelder an Prostituierte zahlt– die Liste kann noch beliebig erweitert werden – wird im zweiten Impeachment-Verfahren von seinen republikanischen Speichelleckern und Arschkriechern, jedenfalls den meisten, im Senat als „nicht schuldig“ freigesprochen. So heute Abend geschehen: 57 gegen 43 Stimmen. Das reichte nicht für eine Verurteilung. Man möchte kotzen, und zwar im wagerechten Strahl.  


Endlich: Frisöre dürfen öffnen!

Heute mal wieder ein Beitrag in eigener Sache: Als jemand, der sich bisher weitgehend klaglos mit dem Corona-Lockdown abgefunden hat (Schlafschaf?), bekenne ich mich dazu, dass ich – wie wohl viele andere Betroffene – dem Öffnen der Frisörsalons in freudiger Erwartung entgegenfiebre! Leider erst am 1. März, also noch drei Wochen bis dahin.

Die Regierung hat es allerdings versäumt, eine Hotline und eine Rangfolge für die Buchung von Frisörterminen einzurichten. Es ist vermutlich leichter, vor dem Sommerferien einen Impftermin zu bekommen. Der Pressesprecher des Zentralverbands für körpernahe Dienstleistungen rät zu folgendem Vorgehen: 116117 wählen und statt eines Impftermins einen Frisörtermin verlangen. Ist ja egal, in welcher Warteschlange man gerade steckt …


Der tiefe Fall des Pater Weerenfried van Straaten: Schwere Vorwürfe gegen den „Speckpater“

Weerenfried van Straaten, der Pater aus Belgien, strammer Antikommunist und Gründer des Hilfswerks „Ostpriesterhilfe“, später umbenannt in „Kirche in Not“, wurde schon zu Lebzeiten in rechtskatholischen Kreisen wie ein Heiliger verehrt. Von deutscher Seite bemühte man sich um eine Seligsprechung des populären Paters, der auch unter dem Namen „Speckpater“ bekannt ist. Seit seinem Tod 2003 wurde jedes Jahr im Kölner Dom ein Gedenkgottesdienst zu seinen Ehren zelebriert, eine von Kardinal Meisner eingeführte Tradition. Doch nun wurde die für dieses Jahr geplante Zeremonie plötzlich abgesagt, angeblich wegen Corona. Der wahre Grund: Es gibt schwere Vorwürfe gegen den Pater. Darüber berichtet die ZEIT-Beilage „Christ & Welt“ in ihrer Ausgabe vom 11.02.2021 unter der Überschrift „Gut und Böse“.

Foto: Christ & Welt

Wie die Autoren schreiben, sind die Vorwürfe im Vatikan seit längerem bekannt, wurden aber unter Verschluss gehalten. 2010 habe Weihbischof Grothe nach einer Visitation beim Hilfswerk Kirche in Not in einem Brief an Kardinal Mauro Piacenza im Vatikan über seine Erkenntnisse zu Pater van Straaten folgendes geschrieben: »Es handelt sich um einen Versuch der sexuellen Vergewaltigung, um Maßlosigkeiten in der Lebensführung, um erhebliche Defizite in der Personalführung sowie um Anfälligkeiten für faschistoide Ideen.« In seiner Antwort hat der Kardinal aus Rom den deutschen Weihbischof um Vertraulichkeit und Geheimhaltung gebeten. Man wusste also in Rom Bescheid über die Verfehlungen des Paters.

Das Hilfswerk hat die Vorwürfe im Großen und Ganzen eingeräumt. Zu dem Artikel in „Christ & Welt“ wird ausführlich Stellung genommen: Erklärung des Internationalen Hilfswerkes Aid to the Church in Need (ACN) zum Artikel „Gut und Böse“ in der ZEIT-Beilage „Christ&Welt“ am 10.02.2021